Einleitung (Part 25)

(Liebe LeserInnen, 

ein PDF lässt noch auf sich warten. Part 25 kämpft sich aber trotzdem durch meine lausige Netzverbindung. Wenigstens das. PDF liefere ich nach, sobald wie möglich. 

Viel Spass beim Lesen.

Jan Tälling)

Bankea

Es war später und später geworden. Johsz wurde gesprächiger und Quas schweigsamer. Beinahe im selben Verhältnis, beinahe im selben Mass . Burkim wich aufgrund der Höflichkeit noch allen Fragen aus, aber bei all der Zeit, die vergangen war, war schließlich auch der Höflichkeit genüge getan, und Burkim rang mehr und mehr um Antworten. Papenka sah ihn schon viel zu lange erwartungsvoll an

Koerma hatte sich zurück gelehnt und schien einfach nur satt und erschöpft. Doch der gute Johsz arbeitete sich an Lob- und Trinksprüchen. Obwohl ihm niemand wirklich zuhörte, blieb er tapfer dabei, dass Essen zu loben, das Wasser zu preisen und ihnen immerfort zu huldigen. Er wirkte wie trunken. Doch Burkim hatte sehr wohl darauf geachtet, nur rauscharme Speisen zu reichen. Konnte man doch noch nichts über die Wirkung sagen, die sich vielleicht einstellte. Und so wenig, wie die Gäste einschätzbar waren, so wenig lag Burkim daran, alles gleich beim ersten Gastmahl auszutesten.

Quas dagegen bekam ein finsteres, enttäuschtes Antlitz. Es schien als ob er am meisten unter der Situation litt, und das bereitete auch Burkim Sorge. Sie alle waren ihm so sehr fremd, dass er in keinem Fall und keiner Mimik  zu deuten wusste, was er da sah. Nur Koerma, die von ihrer Müdigkeit übermannt wurde entsprach in ihren Reaktionen dem, was Burkim als nur zu verständlich empfand. Er sah sie an, und vielleicht gerade wegen ihrer offensichtlichen Mißgestaltung empfand er so etwas wie Zuneigung für sie.

Sie musste leicht wie eine Feder sein, und die  offensichtliche Knochigkeit, die sie unter ihren Lumpen verbarg, schrie gerade zu nach Nahrung. Ihr Körper schien Regelmäßigkeit nicht gewohnt. Das würde sich auf Bankea nun ändern.

Papenka stand auf, und ging auf ihn zu. Und wie immer, wenn er sie in voller Größe vor sich sah, bewunderte er sie, überfiel in ein unbändiges Verlangen sie zu sich, an sich zu ziehen, sie zu umarmen, überall zu berühren und ganz woanders mit ihr zu sein.

Sie setzte sich neben ihn, schwieg kurz, aber stupste ihn an. Er blickte zu ihr, wieder weg und suchte einen Anfang und Halt.

Es war in der Zwischenzeit Abend geworden und nur ihre eigenen Laternen und Lampen erhellten die Szenerie. Johsz wirkte trotz seiner Redseligkeit, genauso wie Quas trotz seines Schweigens müde und eigentlich schon etwas abwesend und erschöpft. Und Koerma schlief im Grunde schon. Es war vielleicht an der Zeit den Gästen ihr Nachtlager zu zeigen, doch wirklich mehr gab es nicht mehr zu tun. Und so genoss Burkim die Anwesenheit von Papenka, die sich neben ihm niedergelassen hatte.

Er glaubte ihre Aura, ihr Wesen, ihre Nähe zu spüren, und Papenka war in diesem Moment alle Heimat, die er hatte. Mein Vater war nicht der Mann, der Heimat sofort mit anderen Menschen verband. Zumeist war Heimat jener Ort, an dem er sich zusammenrollen konnte, an dem er schlief, an dem ihm keine Gefahr drohte, an dem er weiterarbeiten durfte, wann immer er wollte.

Und dennoch, war all dieses im Moment soviel mehr wert, dass er sein Herz gegen eine unbekannte Befangenheit kämpfte.

Dies war der Moment, in dem er Papenkas Stimme hörte. „Du musst mir alles sagen. “

Er nickte ernst.  „Stimmt. Sollte ich. “

„Solltest du. Auf jeden Fall.“

Sie legte eine Hand in seinen Nacken, er genoss die Kühle, die von ihr ausging und erzählte ihr alles.

Er erzählte ihr von Soy, der Absturzstelle, der ersten Begegnung mit Johsz, Quas und Koerma, sowie von den Kopien, und der Einsamkeit, die sie nun empfinden mussten.

Sie hörte ihm schweigend zu, blickte mit ihm auf die drei Gäste und versuche zu verstehen, was all dieses für die bedeuten konnte.

Als er geendet hatte, sagten beide kein Wort, aber sie kraulte ihn sanft, und das genügte, denn er wusste, sie dachte nach.

Johsz hatte sich auf den Rücken gelegt, und Quas nutze seinen Bauch als Kissen. Beide richteten ihre Blicke auf das Blätterdach. Wohl weniger, um darin etwas zu entdecken, als vielmehr die Ruhe zu genießen, die dieser Ausblick ausströmte. Johsz Hand lag in Quas Haar, und seine Finger kräuselten und spielten mit einigen Locken. Burkim bemerkte es und schmunzelte, relativierte es doch vieles von dem, was heute geschah und schuf einen Frieden, den er gerne annahm. Papenkas Hand erhöhte den Druck in seinem Nacken. Er nickte kurz.

Sie hatten es beide bemerkt.

Das Schiff der Mission

Bestürzt umrundeten die vier Silberlinge ihren Sänger und plapperten aufgeregt durcheinander.

„Unglaublich! “

„Was hat er dir getan, Jeelbee?“

„Geht’s dir gut? Kannst du stehen? “

Jeelbee wirkte als sei ein Felsen auf ihn gefallen und er danach in die heißeste Glut gestürzt.  Ein großer Teil seines Haupthaares war verbrannt, und was nicht verbrannt war hatte sich gekräuselt und seine künstliche silberne Farbe verloren. Seine Augen waren glasig und fixierten einen weit entfernten Punkt. Jeelbee wirkte mehr als nur angeschlagen. Er  schien schlicht nicht mehr ganz da zu sein. Und all die Rufe klangen, als müssten sie einen dichten Nebel zerteilen, um ihn zu erreichen.

Er wusste überhaupt nicht was gerade geschehen war. Daher versuchte er mühevoll Dinge zu greifen und begreifen. Seine Hände tasteten zur Seite, nach vorne und unten, aber er konnte nichts sehen, außer einem Schleier, der sehr undurchsichtig schien. Noch nie hatte er sich so halbiert gefühlt. Es wirkte alles so,  als hätte die Hälfte seines Ichs beschlossen in einem wilden Traum zurück zu bleiben. Und die andere Hälfte bewegte sich bleischwer durch einen Sumpf.  Er erinnerte sich an eine böse Vogelfratze, die ihm grausig nahe war, doch ansonsten gab es eine ganze Menge Hitze, gleißenden Licht und das übliche eben, was einem Angst und Bange machen konnte.

Als ob er auf einer Reise gewesen wäre, die jede Route, die er bisher in seinem Leben gemacht hat, noch mal ganz intensiv und vollkommen wirr wiederholt hätte. Er glaubte,  er müsste sein Innerstes nach außen spucken, und könnte erst dann aufhören, wenn er komplett umgestülpt wäre.

War ihm schlecht! Er hatte noch nie davon gehört, dass jemanden jemals so übel war. Und es gab so manches schlimmes Kraut, dass er geraucht hatte.

Verbranntes Haar stank unglaublich. Nicht das es jemals gut gerochen hatte, in dieser Zelle. Sie teilten sich diese Zelle wahrscheinlich noch mit einer Unmenge anderer Lebewesen. Es konnte ja durchaus auch Planeten geben, deren Bewohner der Unsichtbarkeit frönten, oder gerade mal die Größe von Insekten hatten, oder das Antlitz der Kakerlaken. Es war möglich, dass diese eine Zelle an Überbevölkerung litt, dass hier der Bakterienherd war, die Amöben ihre Evolution planten, genetische Experimente in den Kachelritzen stattfanden, und nicht sie alle die Eingesperrten, sondern die gelagerte Nahrung waren. Und das Obenko kein Arzt, sondern Metzger war. Und das man mit ihnen so umging, wie man mit Fleischlieferanten eben umging. Ein bisschen sanft, um das Fleisch nicht ungeniessbar zu machen, und ein bisschen entschlossen, um sie dann doch in ihre Schranken zu weisen.

Aber all diese Gedanken überfielen sie schon stetig in ihren Wachträumen, in den paranoiden Momenten und in den Augenblicken, wenn sie sich gegenseitig auf die Nerven gingen, weil sie begannen auf dem Tisch zu trommeln und an die Wände zu schlagen.

Auch die restlichen Silberlinge kämpften nun mit einem Würgereiz. Außerdem sah Jeelbee wirklich, wirklich ziemlich zerstört aus.

Jeelbee war ihr Sänger, im Grunde also eine charismatische Persönlichkeit, die für den Zusammenhalt der Gruppe eine ganze Menge bedeutete.  Jeelbee hatte die schnellen Bewegungen, dass gewinnende Lächeln und eine ganze Menge verrückter Ahnungen von dem Geschäft, dem sie nachgingen. Er hatte das richtige Näschen für die Drogen und die richtigen Freunde.

Auf der Mondkolonie war es wie überall: All die Frauen, die in der verminderten Schwerkraft herum tanzten, und Dinge schwenkten, von denen sie bisher noch nicht mal wussten, dass die beweglich sind, sahen immer nur Jeelbee.

Mulbee, der Rüsselmann, für den ja auch einiges sprach, verschwand immer ein wenig im Hintergrund. Vollkommen ungewollt, wie Jeelbee jedes mal versicherte, denn er gönnte dem guten Mulbee jeden nur denkbaren Erfolg. Mulbee gehörte zu denen, die einen solchen Erfolg verdient gehabt hätten. Nicht nur weil er der Komponist von fast allen Stücken war, sondern weil es auch er war, der mit am härtesten für den Erfolg der Gruppe gekämpft und gearbeitet hatte.

Er war wahrscheinlich der begabteste Plakatierer ihre Welt.  Ein unermüdlicher Handwerker des Leims und Grossdruckes.

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Einleitung (Part 25)

Einleitung (Part 24)

(Liebe LeserInnen, guten Morgen.

Ich starte den Tag mal mit einem neuen Teil (24). Eine neue Version des PDFs mit allen Teilen war geplant, liegt vor, aber irgendwie steckt momentan der Wurm drin, und mein Provider mag nicht so, wie ich es gerne hätte. Schade. Ich schiebe es, versprochen, sobald wie möglich nach. Und entschuldige mich vorerst. Teil 23 – 24 gibt es daher – bis das Internet wieder fliesst – erstmal nur als Blogbeitrag. Das Update erfolgt so schnell wie möglich.

Teil 1-22 gibt es noch hier: Ach, Bankea Version 1.04

Viel Spaß und einen schönen Tag.

Jan Tälling)

„Oh, ich habe eine Erektion!“ Dachte Shinquasz noch, als ihn irgendjemand in das Boot hievte.

„Wie schön“, fuhr es ihm noch durch den Kopf, und er überlegte, ob er es dem Piloten noch erzählen sollte.

Er liess es lieber.

Morkans Palast. Shinquasz Räumlichkeiten.

Er war zu aufgeregt. Die Schwerkraft hatte ihn wieder, aber er sprang trotzdem durch das Zimmer. Jubilierte trotz der Lasten, die wieder auf seinen Schultern lagen und umtanzte seinen Tisch, während die neblige Kugel ein klein wenig wackelte und seine Aufregung teilte.

„Es war wie früher, mein Butterhörnchen. Auf die alte Art, verstehst du? Auf die verfickte, alte Art. Wer hätte das gedacht.“

„Herr Shinquasz!“

„Meine Krallen, wie Kohle. Ich habe ihm heiß und jung das Hirn durchwühlt, dass es nur so eine Freude war. Ich war ganz nah dran. Scheisse, war ich nahe dran, mein Cremetörtchen. Es war wie früher, weißt du noch?  Es war so schön. Zum dahinschmelzen schön, wieder drin zu sein, so leicht, so einfach, die Hände brennend, die Gerüche ganz ungefiltert. Gut, der hatte noch nie richtigen Sex, und alles was er gegessen hat, war mehr als seltsam und irgendwie auch ekelhaft, aber ich war drin. Ich war drin. Ich war selbst drin. Ich war ganz tief drin. So richtig tief drin. Unglaublich, wo ich war. Unglaublich.“

Er übte ein paar Ausfallschritte nach links, stöhnte leicht, aber machte noch ein paar nach rechts, dann wieder links, noch ein bisschen rechts, und so weiter.

„Herr Shinquasz, das freut mich für sie. Ich kann mir richtig vorstellen, wie ihnen das gefallen hat. Sie müssen sich wirklich gefreut haben.“

„Ja, und weißt du was, mein kleiner süßer Plunder? Ich hatte eine Erektion. Ich hatte eine Erektion. Du weisst nicht, wie ich mich danach gesehnt hatte. Ich hatte mich so danach gesehnt. Man fühlt sich ja halbiert. Allem entrissen. Tot auf dieser Welt. Ich hatte eine Erektion. Und ich habe an dich gedacht, mein puderbestäubtes Käsestückchen. Ich hatte an dich gedacht. Und wie ich an dich gedacht habe. An deine Reinheit, deine Pfirsiche, deine Lust, deine Zunge, deinen Atem, oh, ich habe nur an dich gedacht.“

Er hörte ein leises Schlucken, und schmunzelte.

„Wirklich, Herr Shinquasz?“

„Absolut, meine Honigmaus. Nur an dich. Ich hätte dich küssen können, mich an dir reiben, vergehen und fressen können. Ich hätte dich gebissen, und dich an mich gerissen. Kein Halten, keine Schwerkraft, keine Begrenzung. Ich hätte dich im Raum jubeln lassen und deine Innereien liebkost.“

„Oh, erzählen sie mehr, Herr Shinquasz, sie sind ein solcher Poet. Wie gerne würde ich mich jetzt von ihnen nehmen lassen. Ihre Erektion. Ist sie noch da?“.

„Erinnern sie mich nicht daran, meine reife Feige. Kaum war ich wieder an Bord, war ich wieder gealtert und vergreist. Geschlechtslosigkeit gehört mit zu diesem verfickten Job. Du hast keine Ahnung, wie ich deine weissen, weichen Rundungen vermisse. Wie ich es vermisse, wenn sie unter meinen Krallen so schamhaft erröten.“

„Oh, mehr von meinen Rundungen, Herr Shinquasz, sie gehören ihnen. Nur ihnen.“

„Das will ich meinen.“ Shinquasz lehnte sich weltmännisch an den Tisch, und überlegte sich, ob er ein bisschen in seinen Archiven wühlen sollte, um seine Erinnerung aufzufrischen. Aber im Augenblick reichte das alles aus. „Mein liebes Lecker-Kätzchen, hier ist Schlimmes im Gange. Ich spüre es in jeder einzelnen Feder. Ganz was verfickt Schlimmes. Ich glaube, Morkan flieht.“

„Nein, Herr Shinquasz!“

„Doch, mein Sahne-Häubchen, mein kleiner Butterstollen, du verführerische Gelee-Königin, ich glaube, das geht hier alles in die Binsen, und dann sind wir nur noch Dummstaub im All. So schlimm sich das anhört, es schreit nach Revolution, und Blut und Volksbegehren.“

„Oh, Herr Shinquasz, und sie mittendrin. Das ist mutig.“

„Das ist ungeheuerlich mutig, mein sämiges Süppchen, dabei würde ich lieber von dir naschen, und dort meinen Löffel versenken. Aber ich habe noch nicht genug erfahren. Diese schwachsinnigen Musiker konnten mir nicht weiterhelfen.“

„Das sie sich dort hin gewagt haben, Herr Shinquasz.“

„Ja, ein verdammter, einziger Seuchenherd, mein Zuckerhühnchen, und dieser Obenko war ein spuckender Narr, fett wie ein dicker Zuchtfisch und vollkommen neben sich. Man sollte solchen Eiferern einfach nicht trauen. Altruismus mag ja in der Theorie ein hehres Ziel sein, aber Wesen wie dieser Obenko sind nur wahnsinnig, und bilden sich dabei noch ein, sie tun das für andere.“

„Wie recht sie haben, Herr Shinquasz. Ich wünschte, ich wäre bei ihnen, und könnte ihnen Beistand leisten.“

„Oh, ich würde mich an dich betten, und deinen Nektar trinken, meine Kleine Marzipanhummel. Nicht mehr lange. Nicht mehr lange, dann werde ich wieder in deinen Armen liegen.“

„Ich hoffe darauf, Herr Shinquasz, ich hoffe darauf, und wünsche mir nichts sehnlicher.“

„Und ich erst. Und ich erst“.

 

Einleitung (Part 24)

Einleitung (Part 23)

(Liebe LeserInnen, 

Teil 23 gibt es noch als Nachschlag in die Nacht, weil ich mit der heutigen Ausbeute etwas unzufrieden war. Ein neues PDF habe ich allerdings noch nicht fertig, daher möchte ich immer noch auf Teil 1- 22 in der Version 1.04 verweisen: Ach, Bankea Version 1.04 . Ich bin auch noch nicht ganz zufrieden mit dem dreiundzwanzigsten Teil. Kann sein, dass der noch mal gerundet wird, bevor er im nächsten PDF landet. Aus Dokumentationsgründen schmeisse ich ihn schon mal hier rein.

Wünsche euch eine gute Nacht.

Jan Tälling)

Auf dem Schiff der Mission.

Shinquasz wirkte für einen Augenblick verzweifelt, fing sich dann aber gleich wieder.
„Lassen wir das mal so stehen. Wer weiß, wozu es gut ist. Können wir, verdammt noch mal weiter machen? Und zwar genau da, an dem Punkt, an dem ihr alles verloren hattet?“
Der Rüsselmann trat vor, nickte stumm mit dem Kopf. „Obwohl ich noch Fragen zu dem Archiv gehabt hätte…“
Obenko schnappte nach Luft, Shinquasz winkte ab, und nickte auffordernd mit dem Kopf. „Gemach, gemach.“
„Gut“. Der Rüsselmann sammelte sich. Seine Nase flatterte ein wenig vor Aufregung, doch er hatte sich bewundernswert im Griff. „Es lief alles glatt. Wir waren sehr erfolgreich. Es war ziemlich viel Leben in den Kolonien, und sie tanzten auf den Tischen, wenn sie uns hörten. Jeelbee sang virtuos wie immer, geradezu genial. Das hätten auch die Blätter geschrieben, wenn sie am nächsten Tag noch erschienen wären. Aber den gab es ja nicht.“
Shinquasz deutete die Reihe durch. „Jeelbee bist du? Du? Du?“
Reinstes Silber trat neben den Rüsselmann und verbeugte sich. Wie bei allen, schlackerte die Kleidung an ihm rum, als müsste er erst noch reinwachsen, trotzdem war seine Verbeugung formvollendet, und Shinquasz konnte so etwas erkennen, aber es überraschte ihn, solche Umgangsformen von Primitiven zu erfahren. Hier stimmte nicht viel. Das beunruhigte ihn ein wenig. Obenko war eine Katastrophe, die Burschen waren jedoch nicht weniger schlimm. Und er versprach sich, dass er ihnen demnächst die Krallen in die Schläfen hauen würde, um sie auszusaugen wie eine reife Süssfrucht. Es machte ihn alles verrückt, und sein linker Fuss begann schon selbständig und von ganz alleine einen wilden Takt zu schlagen. Alles nicht gut. All das war nicht gut.
„Am nächsten Tag gab es keine Blätter. Eigentlich gab es gar nichts mehr. Das Firmament war schwarz und unsere Welt war einfach verschwunden. Wir waren ja das erste Mal im All und dachten daher, wir wären auf der dunklen Seite des Mondes.“
„Wir hatten mal ein Lied darüber gemacht…“ warf Jeelbee ein. Shinquasz fand es vorwitzig und verzog das Gesicht. Wand sich wieder dem Rüsselmann zu.
„Aber das war es nicht. Es war nichts mehr da. Und wir trudelten durchs All.“
„Ihr trudelte durchs All? Ihr ward auf einem Mond.“
„Ja, aber, der hatte ja keine Umlaufbahn mehr. Das war übel.“
„Inwiefern?“
„Mir war übel. Der Boden, es war wie Erdbeben und ein kompletter Verlust der Schwerkraft und dann wieder voll der Druck. Da kannst du nicht schlafen. Aber das ging sowieso nicht lange….“
„Moment, moment, das geht mir zu schnell. Das verstehe ich, verdammt noch mal, nicht. Wer soll das auch verstehen. Ihr redet wirr. Oder du, oder ihr alle. Ihr hattet einen Auftritt, und dann war eure Welt weg, das Firmament schwarz? Keine Explosion, kein Blitz, keine Supernova, keine Löcher, keine Erscheinungen, keine Raumschiffe?“
„Nein.“
„Das ist doch Scheisse.“ Shinquasz durcheilte den Raum, rannte zu den Musikern und trat den Rüsselmann gegen das Schienbein und schrie ihn an. „Ich will deinen Kopf, verdammt, du Schrumpfhirn. Das kann doch alles nicht sein.“
„Doch“, eilte Jeelbee dem Rüsselmann zur Hilfe, und hielt Shinquasz am Kragen zurück.
„Wieso denkt eigentlich jeder, er kann mich am Kragen greifen? Ich kratze dir die Augen aus deinem Winzkopf, du Heulboje, lass mich los, verdammt noch mal. Das kann doch nicht sein. So durchgeknallt könnt ihr gar nicht sein. Eine Welt verschwindet nicht so einfach, ein Firmament geht nicht einfach so hops, da gibt es Dinge, die zurückbleiben…“
„Ja, so wie bei uns.“
„Was? Was? Was?“
„Dr. Obenko, dieser Wutzwerg ist definitiv zuviel für mich. Ich halte den nicht aus. Können sie ihn rausschaffen?“ Unreinstes Silber trat nun auch vor. Shinquasz zuckte zusammen, drehte sich um und blickte in die schwarze Schnauze von Dr. Obenko, der langsam in die Knie ging. Sich Shinquasz näherte.
Der Bibliothekar zwinkerte mit einem Auge, drückte das andere zu und hielt dem Arzt ganz langsam – aber wirklich ganz langsam – eine Kralle vor das Gesicht.
„Noch einmal, für den, der es immer noch nicht verstehen will. Ich habe bisher noch nichts gemacht. Ich bin im Auftrag Morkans hier, und normalerweise gehe ich anders vor, und das wird mich nicht davon abhalten, mir meine Vorgehensweise noch einmal richtig zu überlegen. Aber, und ich sage das jetzt langsam und deutlich, aber, wenn mich nun irgendjemand dabei stört, meinen Auftrag auszuführen, dann lasse ich die Horden Morkans dieses Totenschiff zerlegen, doch vorher, jetzt, in diesem Moment, zeichne ich dir ein Lächeln ins Gesicht, das endlich jeder versteht, Schlabberschnauze.“
„Du solltest dich davor hüten, Versprechungen zu machen, die du nicht einhalten kannst, Herr Shinquasz.“
„Ach, verdammt!“ schimpfte Shinquasz, nahm Anlauf und sprang in die Höhe. Göttliche Schwerkraft, wunderbare Leichtigkeit. Für einen kurzen, verrückten Moment, übermannte ihn die Jugend, und noch während er den Augen Jeelbees viel zu nahe war, rammte er ihm die Krallen in die Kopfhaut, und rief noch etwas, von „Dann halt in der guten, alten Art!“.
Dann rollten seine Sicht nach hinten, gaben das Weiß frei, und seine Krallen begannen zu glühen, wie Brennstäbe, die echt zu heiß wurden.
Im Nebel hörte er Schreie und natürlich Obenko fluchen, der das konnte, als hätte er nie etwas anderes getan, aber es war zu spät. Er saß auf den Schultern Jeelbees, als wäre er mit ihm verwachsen. Und Jeelbee rührte sich sowieso nicht mehr.
In Windeseile durcheilte er Jeelbees langweilige Jugend voll schwitziger Hände, schlechter Feiern und mieser Musik. Er hastete durch die Eintönigkeit von unerfüllten Trieben, dummen Partnerinnen und schlechtem Sex. Es wirbelte ihn durch einfältiges Essen und ganz schlimme Urlaube, und er begann diesen Planeten schon zu hassen, als, er wupp, von der Bildfläche verschwand. Jeelbees Erinnerungen waren weich wie edler Pudding und fade wie ungewürzte Grütze. Da war nichts fassbares, auf das er bauen konnte, und die Ahnung, dass dem All mit diesem Planeten nichts verloren ging, bewahrheitete sich, aber das Rätsel blieb ungelöst. Der Abend des letzten Auftrittes auf dem dritten Mond war ein verficktes Mysterium. Sie hatten sich wirklich die Seele aus dem Leib gespielt, und Handarbeit war Handarbeit. Da gab es nichts daran zu rütteln. Als sie jedoch trunken und begeistert irgendwelchen blinden Koloniefrauen das Firmament zeigen wollten, da gab es keines mehr. Obwohl ,schon aufgrund der Lichtverhältnisse, der dritte Mond mehr dafür geeignet war, als jener Ort von dem sie kamen.
So frustrierend das war, so verwirrend war der Absturz der Schwerkraft, die große irritierende Fliehkraft, die Krümelisierung des Mondes…das war genau das, was Jeelbee in Erinnerung blieb. Der Mond hatte sich verkrümelt. Er löste sich unter seinen Füßen auf. Verwandelte sich in Partikel, in Zucker und Schnee, in Sandsturm und Nebel, und dann waren sie hier. In einem Raum, der einer Zelle glich. An dessen Wände jemand geleckt haben musste, und dessen Boden einem viel zu engen Miniaturgolfplatz glich. Der Tisch wirkte wie gefunden, und der Stift darauf schien großes Glück. Die Schreie, die sie hörten, hatten eine nie geahnte Frequenz, und das Essen musste auf seine Genießbarkeit jedes mal aufs neue untersucht werden. Und das Tier, das ein Arzt sein sollte, spuckte sie an. Das wohl aber nicht mit Absicht.
Shinquasz zog seine Krallen wieder raus. Und atmete durch. Er hätte sich beinahe vollgepinkelt, so großartig war das Gefühl des Sprunges. Er war lange genug weggetreten, um nicht zu merken, wie Obenko an ihm zerrte, und die anderen Musiker – kraftlose Gesellen, nebenbei – versucht hatten ihm zu helfen.
Die alte Tour war x-mal befriedigender, als diese Dinge, die sie heute mit den Geräten machten. Aber es war eine alte Kunst, und nicht gerne gesehen, teils wegen den Verbrennungen, teils weil es wohl wirklich übel aussah für Aussenstehende. Shinquasz war fix und fertig. Vollkommen erledigt. Er taumelte herum wie betrunken, und lallte größtmöglichen Unsinn. Hätte ihn Obenko nicht die Kehle zugedrückt, dann wäre er wohl gestürzt. Aber es war sowieso, wie immer, alles egal.
„Das war alles, was sie mir bieten konnten, Schlabberschnauze?“ lallte er Obenko an, und versuchte davon zu torkeln.
„Du verdammtes Flattervieh, ich schmeisse dich in den Verwerter!“ Spuckte ihn Obenko an.
„Ja,ja..“murmelte der Bibliothekar nur erschöpft.

Einleitung (Part 23)

Einleitung (Part 22)

(Liebe LeserInnen, arg viel wird es heute nicht. Falls ich heute noch etwas schreibe, schiebe ich es nach, doch bis dahin bleibt ein kurzer Teil 22 die einzige Aktualisierung, die ich heute zustande bringe. Für alle, die gerade erst zugeschaltet haben, die sowieso nicht gerne in Blogs lesen und heute noch etwas anderes vorhaben, aber gerne ihren E-Reader bestücken mögen:

Teil 1-22 als PDF: Ach, Bankea Version 1.04

Auf weiche 90 Seiten angewachsen, und ich hoffe lesbar. Und das mit Spaß und Freude.

Jan Tälling)

 

Das Schiff der Mission.

 

„Sollte ich euch kennen?“

„Oh, wir sind bekannt, ohne Zweifel !“

„Das heißt?“ Shinquasz trat vor Obenko, suchte eine Sitzmöglichkeit, fand abermals nur einen Eimer, drehte ihn abermals um und sah die fünf Silberlinge auffordernd an.

„Na los, erzählt, lasst euch nicht länger bitten.“

„Nun es mag sein, dass du noch nie von uns gehört hast. Ich meine, hier ….“

„Ich stamme nicht von hier. Ich bin zum ersten Mal auf diesem Schiff. Mal abgesehen von diesem“ er deutete auf Obenko „Arzt, seid ihr die Ersten mit denen ich bisher reden durfte. Und nein, ich habe noch nie von euch oder eurer Welt gehört.“

Es bereitete Shinquasz mehr als nur Mühe alle Flüche zu unterdrücken, aber die Situation war neu und dieses war das einzige Schiff, das ihn an Bord gelassen hatte. Und tatsächlich wußte er bis zu diesem Zeitpunkt noch gar nichts. Wenn das alles war, was er bekam, dann, schwor er sich, musste er sie auspressen wie überreife Früchte.

„Man kennt uns. Unser Name bürgt für Qualität, Unterhaltung und ungezwungene Freude …“

„Ich bin mir sicher,  dass sich das genauso verhält. “

„Ja, wir wurden für ein Konzert auf dem dritten Mond gebucht. Es war uns eine große Ehre. Es kam wirklich nicht sehr oft vor, dass eine Musikgruppe diese Ehre zuteil wurde. Das machte uns sehr stolz. “

„Ehre. Ich verstehe.“ Shinquasz stöhnte lautlos, rückte ein wenig auf dem Eimer hin und her und machte ein interessiertes Gesicht.“Erzählt einfach weiter. Ist interessant.“

Der Rüsselmann war irritiert, doch fuhr fort. Augenscheinlich wusste er aber nicht so recht, was er von dieser Situation hatten sollte. Die vier schweigsamen Silberlinge sahen in ihm wohl ihren Sprecher, so dass alle Verantwortung nun auf seinen Schultern lastete.

“ Der dritte Mond war unsere größte Kolonie. Und seit einigen Zeit waren die Reisen dorthin auch finanzierbar. Bis zu diesem Zeitpunkt sprengte ein Trip gerne mal den Haushalt eines kleinen Staates. Und das konnte dauerhaft in niemandes Interesse liegen. Unsere kleine Konzertreise sollte das ändern. Wir sollten damit eine neue Infrastruktur eröffnen und ihre Chancen aufweisen.“

„Gut auswendig gelernt „murmelte Shinquasz.

„Unsere Aufgabe war es also den Kolonien neue Hoffnung zu geben. Nach einem Besuch des dritten Mondes sollte ein Besuch des zweiten und ersten folgen. Unsere Reise war gut organisiert und von langer Hand geplant.“

„Sehen bei euch alle so aus wie ihr ?“

„Oh, du meinst die Haare ?“

„Ja“ Shinquasz nickte.

‚Oh nein, das ist nur unser Erkennungszeichen. Leitet sich vom Namen ab. Die fünf Silberlinge. Du verstehst?“

Shinquasz verstand. „Ich verstehe.“

„Wir machen Unterhaltungsmusik, nichts hochtrabendes. Sehr bodenständig. Mehr so zur musikalischen und moralischen Unterstützung der Kolonien. Man kennt uns dort. Die Leute dort tanzen zu unserer Musik.“

„Nein?“

„Doch, doch, das funktioniert gut. Die fünf Silberlinge sind schon ein Name und Garant für stimmungsvolle und zünftige Feiern. “

„Nein?“

Es trat Stille ein.

Der Rüsselmann sah Shinquasz zweifelnd an. Dieser zuckte mit den Schultern und stand auf.

„Ich will ehrlich sein. Es interessiert mich einen Scheissdreck, wie gut oder wie schlecht ihr seid. Der ganze Blödsinn, den ihr mir gerade erzählt, bringt mich kein bisschen weiter und frisst nur meine verfickte Zeit. Eure Dreckswelt ist unter gegangen, und das wahrscheinlich zu Recht. Da ist wohl auch nichts mehr dran zu machen.

Was wir tun können, um was es mir geht, ist: Was ist überhaupt passiert, verflucht nochmal? Wir kamt ihr auf dieses Schiff?“

Obenko blickte ihn erschrocken an, aber Shinquasz bekam das sowieso nur aus den Augenwinkeln mit. Was sollte es ihm genau jetzt stören?

„Ich glaube sie gehen jetzt besser, Herr Shinquasz. “ hörte er den Arzt sagen.

„Nein, verdammt. Das glaube ich nicht. Diese Wesen haben das Schlimmste durchgemacht, das ich mir vorstellen kann und ihr Lösungsvorschlag ist sie in der Steinzeit zu behalten, damit sie keinen Schock bekommen. Welcher Schock könnte den nach ihrer Meinung eintreten, sie verdammter Quacksalber?  “

Auch die fünf Silberlinge sahen ihn verwirrt an. Ihre Augen, die immerhin eine beachtliche Größe hatten, weiteten sich und sie wechselten ihre Blicke in einer hektischen Frequenz zwischen sich und dem Bibliothekar.

„Was für eine Bibliothek haben sie eigentlich? “ fragte schließlich das unreinste Silber.

Shinquasz senkte den Kopf und wollte gar nicht mehr aufsehen. Ganz langsam zog er die Worte in die Länge.

„Ich habe keine Bibliothek! “

„Du bist ein Bibliothekar! “

„Ja, und jetzt? Falsche Übersetzung. Missverständnis. Lasst mich raten. Ihr seid gerade mal bis auf euren dämlichen Mond gekommen?  Ihr lest wahrscheinlich noch aus Pergamentrollen. Richtig geraten? “

„Nicht wirklich. Bücher! “

„In Leder gebunden? “

„Jepp!“

„Ihr seid nicht soweit vom Pergament weg. Schon klar, oder?  Totes Tier und so. “

Der Musiker starrte ihn an. Bar jedes Verständnisses.

Shinquasz winkte ab:“Was ich sagen will. Das ist nicht mein Thema. Ich verleihe nichts. Ich gebe nichts her. Ich habe nichts schöngeistiges für dich. Das interessiert mich alles nicht. Ich bin das, was du einen Archivar nennen würdest. “

Die Gesichter der Musiker hellten sich auf.

„Ah, ein Archiv! „

Einleitung (Part 22)

Einleitung (Part 21)

(Liebe LeserInnen, für die Einsteiger, Querleser, Sammler und diejenigen, die es einfach mal downloaden wollen: Alle Teile von 1-21 als PDF: Ach, Bankea Version1.03

Auftretende Fehler wie vergessene Wörter, durchgewürfelte Zeiten, einer phantasievollen Groß- und Kleinschreibung, nerdige, unverständliche Schachtelsätze und sonstigem Unsinn, dürft ihr mir umgehend zurückschicken, mit Beschwerde, mit Kritik, mit allem und scharf.

Ich freue mich und wünsche euch viel Spaß. Jetzt und hier und in Zukunft.

Und vor allem mit Teil 21.

Jan Tälling)

Das Schiff der Mission

Sie kamen immer tiefer in das Schiff hinein, und Shinquasz bekam das Gefühl er versinke immer mehr in Ungemach, Sumpf und Eiter. Zwar ging das alles erstaunlich leichtfüssig vonstatten, aber der Dreck, der auf den Gittern unter ihm, an den Türen neben ihm, haftete, hatte eine ansehnliche Schwere und Zeit hinter sich. Die Lichter klimmten nur, um der Unwirklichkeit mehr Raum zu geben, aber auch um den Konturen mehr Leben zu schaffen. Dachte Shinquasz, der nicht nur wegen der leichten Schwerkraft dieses Mal seine Krallen absichtlich nicht über den Boden schliff.

Er hatte das Gefühl, er laufe endlos, und er befürchtete innerlich, der tumbe Pilot, der ihn hierher brachte, würde unruhig werden und das Weite suchen. Oder irgend etwas anderes. Das ganze Schiff schien nur ein einziger Fluchtschacht zu sein, dem sie entlang eilten. Onbenko immer voraus, immer nach vorne strebend, immer wuchtig in Statur und Erscheinung, immer derjenige, der das Meer der Flüchtlinge teilte. Und sie standen und schliefen und sassen überall. Sie wirkten angespült, desorientiert, und von unheimlichen Krankheiten befallen. Aber vielleicht waren sie selbst die Krankheit. So musste wirklich die Hölle aussehen, dachte Shinquasz. Keines dieser Gesichter, keine Form, keine Physiognomie kam ihm irgendwie bekannt vor, hatten seine Archive jemals hergegeben. Diese Menge an Unbekanntem war erschreckend. Faszinierend zugleich. Aber vor allem erschreckend. Nie hätte er gedacht, das es Schiffe gab, denen eine solche Artenvielfalt bekannt war, ihm aber unbekannt.

„Wie konnte die Mission das geheim halten?“ sagte er mehr für sich, als für Obenko. Aber eben laut.

Dieser stieß nur ein triumphierendes „Ha!“ aus und sie strebten weiter.

Weiter und weiter. Tiefer und tiefer. Immer, wenn er dachte, er hätte diesen ganzen verdammten Frachter schon dreimal der Länge nach durchschritten, dann ging es hinter dem nächsten rostigen Tor noch weiter. Ihm wurde immer unklarer, was das bringen sollte, all diese Seelen an einen anderen Ort zu führen? Wollte sie irgendwo die Überbevölkerung vorantreiben? Was sollte aus diesen ahnungslosen Gesellen werden, die noch mit dem Faustkeil rumspielten und es für eine großartige Erfindung hielten.

Es musste wirklich das Ende des Schiffes gewesen sein, als sie anhielten und durch eine Tür schritten, hinter der, man möchte geradezu gelangweilt sagen, fünf Männer sassen, die auf einem Tisch mit einfachen Mitteln ein Spiel spielten, das Shinquasz ebenfalls nicht kannte. Aber die Zeit des Wunderns war schon vorbei. Und dieses Detail war ihm dann auch egal. Sie hatten sehr kleine Köpfe. Gemessen an dem, was Shinquasz kannte, und vor allem im Verhältnis zu ihrem Körper. Da kann nicht viel drin sein, fuhr es Shinquasz sogleich durch den Seinen. Aber er wußte natürlich selbst, dass die Größe des Kopfes seltsamerweise nie eine Aussage war über die Leistungen des betreffenden Wesens. Seltsamerweise.

Die Barbaren hatten gigantische Köpfe, die wahrscheinlich herrlich leere, aufgeräumte Zimmer waren. Die fünf Männer sassen und lagen alle um dieses Spiel herum, und schauten natürlich gerade interessiert zur Tür, schienen aber im Einzelnen und Besonderen unterschiedliche Meinungen zum Verlauf des Spieles zu haben. Und Shinquasz war sich sicher, hätten sie dieses Zimmer wieder verlassen, so hätten sich alle wieder mit einem großen „Hallo!“ dem Fortgang dieser Beschäftigung zugewandt.

Obenko blieb mit provozierender Gelassenheit mitten in der Tür stehen, so dass Shinquasz Mühe hatte, seinen kleinen Körper an ihm vorbei zu schieben.

Die Männer sahen aus, als hätten sie sich in bunte Tücher gewickelt und diese mit Gürtel und Seilen an ihren Körper befestigt. Wenn das, das war, was sie trugen, als sie begannen durchs All zu reisen, dann wussten sie zum einen nichts von Bequemlichkeit und zum anderen nichts von Stil. Das Handwerk der Weberei mag bei ihnen wohl schon erfunden sein, jedoch gab es wohl keine Schneider, die daraus etwas ansehnliches machen konnten. Natürlich wirkten Flüchtlinge immer so, als ob sie eine freiwillige Askese betreiben, und man ging davon aus, dass der Verzicht von Tand und billiger Unterhaltung unweigerlich zur Weisheit führen musste, aber so ganz sicher war sich Shinquasz bei diesen Dingen nie gewesen. Daher befolgte er auch nicht einmal den Ratschlag der Askese. Apropos Askese, fiel ihm auf, diese Schwerkraft müsste seiner Potenz zuträglich sein.

Dass Obenko so lange schwieg war ihm unangenehm. Er hätte die Situation gerne gelöst, doch es lag in diesem Fall nicht an ihm, das Gespräch zu beginnen. Zum Einen verbat ihm das die Höflichkeit, zum Anderen hoffte er inständig darauf, dass Obenko in der Lage war das notwendige Vertrauen zu schaffen. Und er wollte sich daher bewusst zurückhalten.

Obenko selbst rang nach Worten. Die Situation missfiel ihm immer noch. Und so war er auch zu keiner Freundlichkeit bereit. Auch wenn man ihm Freundlichkeiten sowieso nicht ansah, denn das was er als Lächeln empfand, legten seine Gegenüber in der Regel maximal als Erstaunen aus, so war ihm durchaus bewusst, wie sehr das Ansinnen von Shinquasz von ihm abhängig war. Wie beschreibt man einen Bibliothekaren, ohne dass man danach Lust hatte ihn einfach an die Wand zu feuern?

Erst wenn man die fünf Männer länger betrachtete, erkannte man ihre Unterschiede. Sie alle trugen dünnes Haar und hatten wohl sehr viel Wert darauf gelegt, ähnlich auszusehen. Doch die Farbe ihrer Haare machte sie unterscheidbar. Shinquasz fragte sich, ob Metall auf ihrer Welt einen so hohen Stellenwert hatte. Denn alle färbten wohl ihre Haare  in den Tönen eines sehr verbreiteten Metalls. Ganz offensichtlich stellten sie  in den Schattierungen die Reinheit oder Unreinheit des Metalls dar. Je nachdem, wie man es betrachtete. Ihre Nasenformen waren ebenfalls sehr different. Als Schnabelträger waren ihm Nasen normalerweise einerlei, und hatte man eine gesehen, dann kannte man alle, aber im Fall der Musiker war es auffallend, dass einer und wirklich nur ein Einziger, einen nicht unpraktischen Rüssel hatte. Die Natur hatte schon ein Händchen für lustige Sachen.

„Das ist ein Bibliothekar. Sein Name ist Herr Shinquasz. Er wollte euch gerne kennenlernen. Oder besser, ich dachte, ich stelle ihn euch vor.“

Obenko rang um Worte. Shinquasz konnte fühlen, wie er sie in den Raum hinein modellierte. Es fiel ihm wirklich sichtlich schwer.

„Kann er uns den verstehen?“ fragte einer, der in der Reinheitsskala recht weit oben stand, aber es war nicht der Rüsselmann.

„Er hat so ein Ding. Also, so ein Ding hinter dem Ohr. Also, geht schon. Er kann euch verstehen. Keine Sorge.“

„Und er hat eine Bibliothek?“ fragte ein anderer. Und sein Gesicht war ein einziges Fragezeichen, und sein Haar von der Farbe des unreinsten Silbers.

„Ja. Nein. Er soll euch das bitte selber erklären, ihr bekommt sonst falsche Vorstellungen, und das macht es nicht einfacher. Es ist sowieso schon nicht einfach. Herr Shinquasz, wenn ich sie bitten dürfte.“

„Hallo zusammen.“ gab sich Shinquasz leutselig. „Wie kann euch nennen? Wie nennt ihr euch? Ihr seid Musiker? Ihr habt bestimmt einen gemeinsamen Namen?“

„Wir sind die fünf Silberlinge.“

Dieses Mal war es der Rüsselmann.

Einleitung (Part 21)

Einleitung (Part 20)

(Liebe LeserInnen, 

ich muss gestehen, dass ich nach jedem Hochladen eines PDFs oder eines Textes erschrecke und Fehler entdecke. Ich kann meine Beiträge x-mal durchlesen, und ich werde wieder und wieder Fehler entdecken. Die Lesbarkeit der bisherigen PDFs hatte ihr Manko in dem Fehlen einiger Absätze. Somit war ein Ortswechsel nicht sofort erkennbar. Eine Szene schloss an die andere bündig an. Keine optischen Begrenzungen, keine Erklärungen halfen beim Lesefluss und unterbrachen diesen. Hatte ich nicht daran gedacht, habe ich bisher nicht berücksichtigt. War mal richtig ärgerlich.

Zu Beginn einer Szene wird nun immer der Ort genannt, an dem sie stattfindet. Im PDF ist dieses schon durchgehend so. Die vergangenen Blogbeiträge werden nicht entsprechend geändert, die zukünftigen werden das berücksichtigen.

Part 17 war außerdem nicht vollständig. Irgendeine Synchronisation zwischen JotterPad X und Scrivener liess wohl die nötige Sorgfalt vermissen. Ich gehe davon aus, dass es an mir lag. Im PDF ist nun die vollständige Version.

Mein netter Provider ärgert mich heute etwas. Ich gehe nicht davon aus, dass es Absicht ist, aber tatsächlich ist mein Download mies und mein Upload quasi nicht vorhanden. Daher wird sich der Upload des PDFs etwas verzögern. – Update 18:00 :Ach, Bankea Version 1.02

Für all diejenigen, die es trotz allen Widrigkeiten geschafft haben, sich bis hierher durchzukämpfen, wenigstens mal Teil 20.

Jan Tälling)

Bankea.
„Wir sind also nicht echt ? Kopien ? Wo sind die Originale, Fellknäuel ?“
Koerma stand vor Soy, streichelte ihm über den Kopf und sah ihn sanft an.
„Dort wo ihr nicht seid!“ rief Soy aufgebracht aus und Burkim wünschte sich sofort nichts sehnlicher, als das er so etwas bitte lassen könnte. Die Schreie eines Kelloms in seinem Kopf waren von solch spitzer Intensität, dass er das Gefühl hatte, heiße Nadel brachen sich ihren Weg in sein Hirn. Er verzog das Gesicht unter Schmerzen.
„Nein,“ schimpfte Soy weiter ,, Hier läuft etwas falsch. Bitte streichelt uns nicht. Keiner von uns mag das. Keiner. Und denkt bitte nicht darüber nach, ob ihr mich mitnehmen könnt. Ihr habt nämlich keine Heimat, keine Zukunft und kein Leben. Ob ihr hier oder in einem Schiff verottet , dass macht für die, die euch geschickt haben, keinen Unterschied. Und denke nicht wieder daran, mich zu streicheln. Vergiss das. Einfach. Ich bin Soy. Ich bin wild. Ich rede mit dir, weil ich das will. Und , ja, Burkim, ich werde laut sein. Wir werden laut sein. Wir. Soy. Jetzt. Vielleicht in Zukunft. Für immer. Ach.“ Abrupt versank er wieder in Schweigen.
„Moment, du kannst das nicht wissen. Du weißt nicht, wo wir herkommen!“ Johsz kam näher, sprang von der Platte ab, ging vor Soy in die Kniee und stupste ihn in die fIauschige Brust.
„Du weißt nichts, oder? “
,,Mit jedem Moment mehr,“ entgegnete Soy entschlossen.
„Wer gab uns den Auftrag?“
„Morkan.“
„Wer ist Morkan?“
„Das weiß ich nicht, aber du fürchtest ihn . Mehr als du zugeben willst. Und du weißt, dass ich recht habe. Du bist nur eine Kopie. Du musst wissen, du tust gut daran, dich zu fürchten. Du. Ihr. Alle. Johsz. Quas. Und Koerma.
Es ist gut, dass ihr mich versteht. Aber glaubt nicht, dass ihr eine Chance habt. Nicht gegen uns, aber schon gar nicht gegen die Eurigen. Sprich es aus, was da denkst, Johsz . Tue es. Mache es. Jetzt. Johsz.“
Johsz senkte den Kopf und sah zu Boden. Seine Finger spielten mit den Kreisen, die Koerma gezeichnet hatte.
„Was?“ fragte Koerma.
Johsz schüttelte missmutig den Kopf. „Was weißt du über Replikantenforschung ? Das Sozialverhalten und die Probleme, die entstehen können? Vor allem und eigentlich ausschließlich im psychologischen Bereich? Die Belastungen, die das Bewusstsein aushalten muss, und vor allem die Untersuchungen hinsichtlich der erhöhten Suizidtendenzen bei Replikanten? “
Er sah sie für einen kurzen Moment an und fuhr fort:“ Man verblödet wirklich auf diesen Schwärmern, aber wir hätten darauf kommen müssen. Wir hätten vielleicht weniger rauchen sollen, oder ein Blick weit über den Hintern von Quas werfen können. Es hätte uns auffallen müssen. Wieso wir? Wieso hier draußen? Wir waren nie die Besten, aber die Käuflichsten und es macht Sinn, dass uns die Originale verkauft haben. Im Dienste der Wissenschaft.
Aber ein Schwärmer ist nichts als ein fliegendes Toilettenhaus. Nicht viel mehr als eine fette Drohne. Ich konnte dir ausgiebig Zeit widmen, Koerma. Deine Untiefen und meine Männlichkeit erforschen. Von Quas will ich gar nicht reden. Und so sehr euer Liebreiz meinem Geschmack entspricht, und so sehr ich nichts davon vergessen mag, und vieles vermissen werde – wir haben nicht eine einzige wissenschaftliche Aufgabe auf dem Schiff erledigt. Obwohl wir genau das sind. Wissenschaftler. Aber es gab nichts zu tun. Und genau wie dieser verdammte Schwärmer waren wir nur billiges Material.
Wir waren nie die Besten. Aber unsere Gene quasi akzentfrei, und unsere Gesundheit so omnipotent , das es sicherlich für die komplette Palastmannschaft die reine Freude war, wenn Quas sich an mir probierte, während ich dir den Himmel bescherte “
Koerma wandte sich ab und sah in den Wald.
“ Aber jetzt stelle dir Morkan vor, der dieses Bild sah. Auf allen Schirmen, allen Monitoren,von allen Replikaten. Von überallher.
Das wir hier etwas finden, war unwahrscheinlich. Doch Morkan selbst betreute diese Mission, als gäbe es nichts Wichtigeres für ihn. Aber wenn es nichts wichtigeres für ihn gab – warum dann dieser Drecksschwärmer ? Warum wir? Und warum liess er es zu, das wir uns durch das Stellungsbuch eines Hurenhauses durcharbeiteten ? Warum nicht ein großes, schnelles Forschungsschiff ? In dem die Luft sauber ist, und mich reinliche Labore von Quass Hinten ablenken konnten. Hätten können. Ach, verflucht. Wir sind Verbrauchsmaterial. Und wir sind gescheitert. Unser Verlust ist der Mission nicht abträglich, denn jetzt gehe ich davon aus, dass es dort draußen eine Unmenge Schwärmer gibt. Die Frage, die wir uns als nächstes stellen müssen, wird schwieriger zu beantworten sein. Und das macht mir auch Sorge. Warum sind wir hier?“
Johsz schwieg kurz, stand wieder auf, sah nacheinander Koerma und Quas an, und senkte dann wieder den Kopf.
„Euch ist klar, was das bedeutet? Deswegen sprach ich am Anfang davon, ob du vertraut bist mit der Replikantenforschung, Koerma. Psychologisch gesehen können wir damit nicht weiterleben. Wir werden das abstreiten, jetzt. Und vielleicht in Zukunft. Wir können uns vielleicht auf Plattheiten zurückziehen, aber der Mangel an Individualität ist eine Erkenntnis, die schon seit Jahren als der große Fehlschlag in dieser Wissenschaft diskutiert wird. Dieses ist der falsche Ort, um das im Einzelnen zu diskutieren, aber es gab gute Gründe für Morkan, warum die Strategie, die er nutzte, nur so funktionieren konnte.
Ich weiß nicht, wieso diese Felltatze das erkannt hat. Ist mir nicht ganz klar. Wir selbst kamen nicht darauf. Aber bei uns war es sicherlich Eitelkeit. Wie so oft. Wir waren zu stolz. Eine Mission für uns. Und wir hatten uns wohl zu gut abgelenkt. Aber nun, nun müssen wir uns eingestehen, dass wir unsere Handlungen nicht unter Kontrolle haben, dass das, was in unserem Namen passierte und passieren wird, nicht von uns ausgeführt wird. Wo immer unser Name ausgesprochen wird, werden wir nicht wissen, ob wir an einer Gedächtnislücke leiden, oder ob es einer von tausend Kopien im Irgendwo war. Ich glaube, es gibt nichts schlimmeres. Alles, was wir sind, ist darauf aufgebaut, dass wir einzigartig sind.
Es fällt einem wie Schuppen vor die Augen. Unser Bewusstsein klammert sich so verzweifelt an den Individualismus, dass wir nie mehr zurückkehren dürfen. Die Originale wären dagegen, Morkan wäre dagegen, jeder Replikant wäre dagegen. Wir waren geschaffen, um hier oder anderswo zu verglühen.“
„Das muss hart sein.“ Burkim sah ihn an. „Ich verstehe nicht mal die Hälfte von dem, was du da sagst. Aber so wie ich Soy verstanden habt, solltet ihr nicht auf Hilfe hoffen.“
Quas sah aus, als wäre er den Tränen nahe. Er hatte die Waffen eingesteckt, war von der Platte gesprungen und ging langsam zum Raumschiff zurück. Er stieg auf die Außenfläche, und beugte sich zur Öffnung hinab. Er schien etwas zu murmeln.Aber sie verstanden ihn nicht.
„Quas?“ rief Koerma.
„Wir sollten alles schnappen, was wir tragen können. Jedes wichtige Teil, unsere Aufzeichnungen und unseren Proviant, und hier verschwinden. So schnell wie möglich.“
„Du glaubst ihm?“
„Es ergibt Sinn, Koerma, „Es ergibt soviel Sinn. Und Johsz hat recht. Wir hätten schon soviel früher darauf kommen können. Es lag vor uns wie ein offenes Buch. Wir müssen das Schiff vernichten. Wir müssen es restlos zerstören. Das Beste wäre, es wäre niemals auffindbar, niemals feststellbar, ob wir noch drin saßen, oder fliehen konnten. Ob wir hier oder im All verglüht wären.“
„Ich gehe davon aus, dass die Koordinaten übermittelt sind.“ sagte Koerma ruhig.
„Ja,“Quas nickte mit dem Kopf.“Ja, genau davon gehe ich auch aus. Jetzt können wir nur hoffen, dass Morkan kein Interesse an einem Wald in den Randzonen hat. Waren wir verblendet.“
„Wir waren dumm..“flüsterte Johsz.
„Dumm ist kein Ausdruck dafür. Wir haben kein Leben. Wir hätten nie eines haben sollen.“
Burkim verschränkte zwei seiner Arme. „Ich wäre froh, ihr würdet wieder gehen.“
Koerma sah ihn belustigt an. „Glaube mir, edler Wilder, das würden wir gerne tun. Aber momentan gibt es für uns kaum Möglichkeiten, die Situation zu ändern.“
„Ihr werdet die Meinen erschrecken.“
„Das wirst du schon selber tun, wenn du mit diesem Fellknäuel als Kamerad ankommst. Keine Chance. Wir brauchen dich. Wir kennen dieses hübsche Biotop nicht. Wir brauchen deine Führung.“
„Ihr habt nur zwei Arme…“
„..aber andere Waffen. Bitte keine Vorurteile! Bring uns zu deinem Dorf.“
„Ich werde nicht in dein Dorf gehen, Burkim“ warf Soy ein.
„Nicht anders erwartet.“
„Wir werden euer Schiff verschwinden lassen, Quas. Ihr könnt es nicht verbrennen. Es darf keine weiteren Spuren geben, der Wald muss sich wieder schliessen und von seinen Verwundungen genesen. Sonst wäre es weithin sichtbar. Doch was der Wald in sich aufnimmt, das gibt er nicht wieder her. Wenn sich Soy darum kümmert, dann taucht es nie wieder auf. Das Problem sind die fremden Metalle und die Geräte, die ihr nicht abschalten konntet. Wir werden dafür Sorge tragen, dass der Wald sich auch das nimmt.“
Quas sah ihn von der Außenhülle erstaunt an. „Ihr?“
„Ich. Wir. Soy. Kelloms. Nimm dir was du tragen kannst. Nehmt euch alle, was ihr tragen könnt. Hilf ihnen, Burkim, und dann verschwindet. Zieht von dannen.“

Bankea. Papenkas Siedlung.

All diese Dinge berührten mein Leben nicht besonders. Ich und Karee, wir waren zu sehr mit uns selbst und dem Erkunden unserer kleinen Welt beschäftigt, um auch nur ansatzweise mit zu bekommen, was sich um uns tat. Geschweige den, was sich Galaxien von uns entfernt entwickelte. Papenka versorgte uns mit einem widerlichen Brei aus Kellomfleisch und durchsichtigen Wurzeln, wir tollten im Innenhof herum, und die Blätter tanzten wunderschön im Licht der blauen Sonne, wenn wir zur Ruhe kamen und hinauf sahen.
Es war so unglaublich unbeschwert, dass ich heute alles dafür aufgeben würde, genau dort wieder zu sein. Wir krabbelten, brabbelten, sabberten und spuckten wie es uns beliebte, wussten mit dem was gestern war und morgen kommen sollte nicht viel anzufangen, und der Moment konnte von uns so gigantisch sein, dass wir versuchten unsere Augen so weit aufzureissen wie es nur ging.
Mein Haarwuchs war damals spärlich und unterscheidet sich gar nicht so sehr von der Frisur, die ich heute trage. Allerdings war ich überall sonst, unterhalb meines Hauptes, komplett haarlos, sowie alle unsere Kinder. Wir waren stille Kinder, denn Lautstärke half uns nicht. Papenka hatte soviel Dinge zu tun, hätten wir geschrieen, getrampelt und versucht in bestimmten Zeiten auf uns aufmerksam zu machen, dann wären uns wahrscheinlich die Lungen geplatzt. Papenka widmete uns all ihre Aufmerksamkeit, doch zog sich immer mal wieder zurück, um die Rollen vor sich auszubreiten, die Bücher in dem Kellomleder aufzuschlagen, und alles auf einem Teppich um sich zu legen.
Sie sass dann mit einer dampfenden Tasse Tee in einem der Räume, die dem Hof angeschlossen waren, und wurde zu einer Skulptur, durch deren Haar die Sonne schien und in deren Umfeld, die Ruhe in Gefangenschaft geriet und verharrte. Papenka konnte ungestüm und laut sein. Ihr Lachen war viel zu oft so befreit, dass es weithin schallte. Ihr Starrsinn war die beste Kombination dazu. Und die Mischung machte es, die so manchen Mann einfach vertrieb. Aber wenn sie mit ihrem grünen Haar da saß, und einfach nur las, und dieses mit höchster Konzentration tat, dann war sie wahrscheinlich die schönste Frau, die die Nördlichen hervorgebracht hatten.
Da Papenka in jenen Tagen mein persönlicher Himmel, meine Ruhe und mein Schutz war, gab es in diesen jungen Jahren sowieso keine andere Frau, die ihr das Wasser reichen konnte, aber alles in allem konnte ich auch viele Jahre später meinen Vater verstehen, den es immer wieder zu ihr hinzog.
Als Vater mit den Neuankömmlingen in die Ansiedlung kam, lagen Karee und ich wahrscheinlich auf dem Rücken oder dem Bauch und spuckten uns oder alles, was zwischen uns war, einfach mal so an. Wir gluckerten sicherlich und rülpsten um die Wette und taten wahrscheinlich genau das, was uns einfiel. Das war nicht sonderlich viel. Oder wenn man es von einer anderen Seite betrachtete, wahrscheinlich schon sehr viel.
Wie alles, was in diesen Tagen passierte, und was ich euch heute erzählen kann, so war auch dieser Einzug in unsere Welt, eher etwas, dass ich später erzählt bekam. Was mir Bücher, Tagebücher berichteten, oder befreundete Bibliothekare zur Verfügung stellten. Ja, es gab nicht nur Shinquasz in jenen Tagen. Doch davon später mehr.
Papenka war nicht sehr zurückhaltend. Sie genoss den Respekt ihrer Nachbarn, der Nördlichen, der Südlichen, der Westlichen und so weiter, doch sie ging ihren eigenen Weg. Ihren Respekt musste man sich mit irgend etwas erarbeiten. Ich hatte es da einfacher, ich gehörte zu ihrer Familie, und dafür werde ich ihr ewig dankbar sein, aber ansonsten waren es ein schweres Unterfangen ihren Respekt zu erlangen. Ich fand, sie war eine einfache, herzensgute Frau, die einem ihre Seele wie ein Buch vorlegte, und Einblick gewährte, wo ich schon Schlösser anbringe. Doch dieses machte es ihr nicht unbedingt einfacher.
Mein Vater, Burkim, der Sohn Fenkarls, ein einfacher Tischler, wie es unzählige in ihrem Umfeld gab, hatte ihren Respekt, ihre Hochachtung. Auch wenn er das gerne bezweifelte und meinte, er musste gegen ihren Kopf und ihre Fähigkeiten ankämpfen. Auch wenn sie ihn spöttisch von oben herab ansah, und belustigt seine Größe zur Kenntnis nahm. Trotzdem war es für sie keine Frage, dass Wesen, die er mit in das Dorf brachte, sein Vertrauen genossen. Und folglich ihre Gastfreundschaft.
Es sind die elementaren Dinge, die uns zusammenhalten und uns die Befähigung geben, zu kommunizieren. Es sind die einfachen Handreichungen, die Bünde schaffen, und die Familie erweitern. Wesen mit zwei Armen entsprachen nicht unserem Gefühl von Schönheit. Ihr Gestank schreckte uns eher ab, und auch wenn es nicht die Fähigkeiten von Soy waren, die zum Einsatz kamen, so beunruhigte auch Papenka etwas an der Art wie sie kamen, sprachen und sie begrüßten.
„Sie haben etwas von unruhigen Welpen“ sagte sie zu Burkim, als er vom gemeinsamen Mahl aufstand und an ihr vorbei und die Küche treten wollte. Sie trug einen Überwurf, nichts festes, nichts edles, aber auch nichts raues. Schlicht, um die Gäste nicht zu erschrecken, bescheiden, um ihnen zu zeigen, dass ihnen Ehrerbietung entgegen gebracht wurde.
„Wie meinst du das?“ fragte Burkim.
„ Sie sind geschwätzig, unerfahren, aber zu alt, um sich so zu benehmen. Sie gleichen unseren Kindern, und scheinen doch gebildet. Vielleicht ist das ihre Art.“
Burkim ging an ihr vorbei und dachte nach. Es gab eine vorzügliche Mahlzeit aus Kellomfleisch. Also der denkbar ungünstigste Zeitpunkt, um sie mit Soy zu konfrontieren. Das passte in diesem Augenblick nicht wirklich zusammen und ergab auch keinen Sinn. Trotzdem hätte er ihr gerne gesagt, wen sie hier vor sich hat. Und warum sie diese Wesen vor sich hat. Er schätzte Papenkas Klugheit, egal welche Flüche er dieser Eigenschaft schon gewidmet hatte. Er mochte ihre Belesenheit, und er liebte die Tatsache, dass sie vor nichts und niemanden Angst hatte. Die Kombination machte sie faszinierend, anziehend und unbeschreiblich begehrenswert.
Sie saßen alle gemeinsam im Hof, und über ihnen tanzten die Schmetterlinge, dem Blätterdach entgegen. Die Replikanten wirkten erschöpft, sahen misstrauisch auf die Speisen, aber griffen gerne zu. Burkim brachte einen neuen Krug Wasser. Und versuchte dabei abzuschätzen, ob sie wussten was sie da assen. Wohl kaum.
Sie hatten ihre Platten nicht mehr benutzt, seit sie sich von der Absturzstelle fortbewegt hatten. Wie einen Fächer schoben sie die Platten in sich zusammen und verstauten sie in ihren Taschen.
„Kleine Wunder, was?“ hatte Johsz gelacht. Aber ein Großteil der anfänglichen Sicherheit, mit der sie sich begegnet waren, war nun gewichen. Und alle wirkten erschöpft.
Burkim nickte nur, und beobachtete noch, wie Soy im Gehölz verschwand.
Sie kamen schneller zur Ansiedlung zurück, als er für den Weg zur Absturzstelle gebraucht hatte, aber das mochte an Soy gelegen haben, und die Replikanten waren erstaunlich gut zu Fuß. Ihre beiden Arme waren augenscheinlich wirklich eine Behinderung, aber sie konnten es geschickt ausgleichen, und hielten mit ihm mit.
Für meinen Vater, wie für mein Volk überhaupt, waren lange Fußmärsche noch etwas vollkommen normales. Die Zahl der Wege waren stark begrenzt, und so hieb man sich mit dem Knochenmesser Pfade durch den Wald, die sich praktisch hinter einem wieder schlossen. Eine Verlässlichkeit darauf, dass man jemals wieder denselben Weg gehen konnte, gab es nicht.
Wie man sich damals orientierte, weiß ich nicht mehr. Ich konnte es. Es war eine Sicherheit, aber ich habe diese Sicherheit mit dem Verschwinden des Waldes verloren. So was kommt nicht wieder.
Koerma schien am aufmerksamsten. Vielleicht auch am wissenschaftlichsten zu arbeiten. Sie eilte ihm hinterher, stellte ihm Fragen, bohrte, hielt ihm Blätter vor das Gesicht und machte ihn auf die eine oder andere Veränderung des Wuchses aufmerksam.
Wenn er jetzt darüber nachdachte, dann war es tatsächlich so, als ob etwas sehr Junges neben ihm herlief.
Je näher sie dem Dorf kamen, umso stiller wurde Burkim. Er dachte darüber nach, wie er sie präsentieren sollte. Sie sahen nicht vertrauenserweckend aus. Ihr Geruch war nicht nur fremd, er war abstoßend. Sie sprachen ihre Sprache, aber ihre Kleidung entsprach nicht den Gepflogenheiten, und die Abwesenheit der vier Arme war nicht zu verschleiern. Trotz dieses offensichtlichen Missbildung wirkten sie gefährlich. Und verstossen. Er wusste nicht, ob verstossen, das richtige Wort war. Aber sie wirkten heimatlos. Als gäbe es kein Volk, kein Dorf, keine Familie, die sich in den letzten Mondwechsel um sie gekümmert hatte.
Joshz und Quas sprachen nicht viel. Sie schienen in Gedanken versunken. Und ob es gute waren, das hätte nur Soy beurteilen können, der spurlos verschwunden war. Quas war der Schweigsamere, aber sicherlich handlungsbereitere. Burkim hatte für sich beschlossen, ihn im Auge zu behalten. Er hatte wirklich nicht viel von ihren Problemen verstanden. Das Meiste davon interessierte ihn auch nicht. War es doch gerade mal dazu geeignet verwirrender Ballast zu sein. Aber der Verlust von allem, ahnte Burkim, konnte nicht spurlos an ihnen vorüber gehen. Und es war fraglich, ob es sie zu etwas Besserem machte.
Koerma blickte auf, als er das Wasser abstellte, und wollte etwas sagen, doch er winkte ab. Es war Papenka, die erstaunlich lange die Spielregeln der Gastfreundschaft einhielt und einfach nur dabei saß und ihnen beim Essen zusah. Es war ihr anzusehen, dass es sie nach einer Erklärung dürstetet. Ihr Augen verfolgten aufmerksam alles, und Burkim ahnte, wie viel sie schon kombinierte, und wo noch Fragen auftauchten. Er hatte ihr von dem Schiff erzählt, folglich konnte die Ankunft irgendwelcher Fremden nur damit in Zusammenhang stehen.
Burkim lehnte sich zurück, lächelte und wußte bereits, dass sie bei Soy landen würden, bevor der Abend vorbei sein würde. Er liess das kalte Wasser die Kehle runter rinnen und hoffte genug Abstand zum Essen zu finden, um ihr von der Intelligenz der Kelloms zu erzählen.

Das Schiff der Mission
„Gut, also, ich muss sie jetzt trotzdem sehen.“
„Du wirst sie nicht mal verstehen, Herr Shinquasz,“ entgegnete Obenko mit rollenden Augen.
„Siehst du das hinter meinem Ohr.?“
„Das nennt man Ohr? Ja, ich sehe es. Alles klar, ich verstehe. Es ist nicht meine Aufgabe einen Technologietransfer zu machen.“
„Einen was?“
Obenko stand auf und wollte den Raum verlassen.
Shinquasz kickte blitzschnell den Eimer beiseite und eilte ihm hinterher.
„Was soll das heißen, verdammt?“ rief er Obenko im Rennen hinterher.
„Das soll heissen, dass diese Wesen noch nichts wissen von deinem Ding hinter dem Ohr. Sie kennen auch keine Bibliothekare.“
„Gut!“
„Nein, nicht gut. Es ist meine Aufgabe ihre Entwicklung nicht zu gefährden. Nicht sie voranzutreiben.“
„Sie sind auf einem Schiff, Obenko! Ich glaube nicht, dass das zu ihren normalen, verfickten Lebensumständen gehört. Was sind sie für dich? Wilde Tiere, die einem besonderen Schutz bedürfen? Es sind intelligente Wesen! Ich sage es noch mal: Ihr habt eingegriffen, ihr habt ihr Leben verändert, jetzt übernehmt, verdammt noch mal, Verantwortung. Ihr macht euch mitschuldig, Obenko.“
„Ich hätte nie gedacht, dass mir einer von euch Bibliothekaren mal etwas von Verantwortung erzählt. Konnte mir nicht vorstellen, dass euch das Wort wirklich etwas sagt. Muss sich komisch anfühlen, wenn es aus deinem Schnabel kommt.“
Shinquasz blieb stehen und brüllte heiser: „Verdammte Scheisse, was soll dieses Gerenne? Warum arbeitest du Morkan in die Arme? Warum seid ihr in der Lage in irgendwelchen brennenden Trümmern rum zu stapfen und diese Seelen zu retten, und warum behindert ihr mich dann, wenn ich helfen will?“
Auch Obenko blieb stehen, und sein massiger Körper beugte sich zu Shinquasz hinunter. Wieder schüttelte er verärgert den Kopf, und weißer Schaum zerteilte sich im Raum. Fast war es, als ob die Tropfen in der niedrigen Schwerelosigkeit schweben würden.
„Kein Bibliothekar will oder wollte uns jemals helfen. Was ihr macht, dass hat mit Hilfe nichts zu tun. Würdet ihr helfen wollen, dann würdest du dort draußen mit uns in den Trümmern suchen. Aber du, du fetter Vogel, sitzt inmitten eines Knotens, an dem man uns das letzte Hemd auszieht und du willst meine Hilfe. Nicht ich deine. Vergiss das nicht. Und ich weiß nicht, was du vorhast, weswegen du mir hinter rennst, an meinen Rockzipfeln hängst und jammerst. Keine Ahnung. Es scheint mir nichts gutes zu sein. Wirklich nicht. Aber ich könnte mir etwas vorstellen. Und das ist deine einzige Möglichkeit, also benimm dich, du Krähe,und schaffe Vertrauen.“
„Was…?“
„Ich verstehe es selber noch nicht ganz. Ich habe hier einige Musiker.“
„Musiker?“
„Durch die Wiederholung meiner Worte kommen sie leichter in dein Hirn? Gut! Musiker! Sie waren auf einer Konzertreise, als ihr Planet zerstört wurde. Ich meine, wir fanden sie nicht auf ihrem Planeten.“
„Moment, ich dachte, die können nicht ins All? Ich dachte, das sind alles primitive Völker? Welche, die noch mit dem Stein in die Wand ritzen?“
„Das ist das Gute, das ihr nichts wisst von den Randzonen. Das ist deren Glück. Daran werde ich nichts ändern. Glaubt einfach weiter daran, und betrachtet die Jungs bitte als Ausnahme.“
„Musiker!“
„Du sagst es, Bibliothekar. Und zwar recht begabte. Allerdings nicht meine Richtung. Sie hatten einen Mond besiedelt, der unablässig um ihre Murmel kreiselte. Und noch einige andere Brocken in ihrer Nähe. Nichts spektakuläres. Enormer Aufwand mit hohen Verlusten. Wirtschaftlich der totale Quatsch, aber das Volk jubelte und auf dem Planeten war echt was los wegen einer Landung auf einem giftigen Stein. Das ging wohl schon einige Zeit so. So verbreiteten sie sich ein bisschen, und das sah recht hoffnungsvoll aus. Und sie selbst fanden auch, dass sie es wirklich weit gebracht hatten. Sie wollten das, logisch, normalisieren. Also schickten sie Musiker und ähnliche Kulturschaffenden in die kleinen Kolonien, die sich gebildet hatten. Sie fanden das sehr fortschrittlich. Ich übrigens auch.“
„Das heißt, sie reisten schon?“
„Was man so reisen nennt, wenn man mit einem Schiff fliegt, das hinten total wegbrennt, nur damit man auf einen Mond kommt. Fliegt ein Haufen Schrott in der Gegend rum. Wirklich ärgerlich.“
Obenko hielt kurz innen und dachte nach.
„Das Volk hat es wirklich böse erwischt. Quasi sind nur noch diese Musiker bei uns. Ich weiß nicht, ob sich noch mehr da draußen finden. Ich kenne nur die Fünf. Wir hatten nicht die Zeit uns mit ihnen wirklich zu befassen, aber ich gehe davon aus, dass sie neue Ziele suchen, oder wenigstens bereit sind, was neues kennen zu lernen. So ein Bibliothekar wie du, das wäre nicht das schlechteste.“
„Nur fünf von einer Rasse? Können sie sich noch fortpflanzen?“
„Alles dran. Sie werden noch ihre Freuden haben. Aber es sind scheinbar nur Männchen. Keine Ahnung, ob das ein Problem ist.“
„Führe mich zu ihnen.“
„Ungern.“
„Mache es einfach!“

 

Einleitung (Part 20)

Einleitung (Part 19)

(Liebe LeserInnen,

die Parts 1-18 gibt es zum Download als PDF unter diesem Link: Ach, Bankea Version 1.01

Es handelt sich dabei, um die noch nicht bereinigte und nicht erweiterte Fassung, die sich auch im hier im Blog findet. In Zukunft kann es allerdings sein, dass die PDF-Version umfangreicher als die Skizzen wird, die ich hier im Blog hinterlassen habe. Soll heißen: Es reizt mich schon ein wenig, einige Szenen, die noch sehr holzschnittartig sind,  auszubauen und ihnen mehr Farbe zu verleihen. Grundsätzlich wird das aktuell noch nicht wirklich etwas am Handlungsverlauf ändern, soll mir aber mehr Freiheit verschaffen Fehler zu korrigieren.

Konkret wird das heißen, dass die Beiträge – bis auf grammatikalische Fehler, Rechtschreibkorrekturen und andere Kleinigkeiten – hier im Blog unverändert bleiben, und damit jederzeit ermöglichen die Ursprungsfassung zu lesen, während im PDF sukzessiv immer wieder editiert werden wird. Daher dann auch die aufsteigende Versionsnummer. Ich hoffe, ich komme euch damit entgegen, und es bleibt trotzdem noch transparent und nachvollziehbar.

Viel Spaß damit.

Jan Tälling)

„Ihr Gefiederten denkt, dass das ganze System von euch abhängig ist.“ Der bullige Arzt eilte voraus. Shinquasz hatte Mühe ihm zu folgen. Zwar war die Schwerkraft auf Normmaß gedrosselt, aber nun stolperte er beinahe über seine eigenen Füße.

Der Arzt drehte sich um und seine Lefzen bebten vor Aufregung. Er fixierte Shinquasz mit seinen kleinen Augen und knurrte ihn an. „ Wir alle wissen, womit du dein Geld verdienst, Herr Shinquasz, und du verdienst nicht schlecht. Aber  die Erinnerung eines jeden Wesens ist keine Handelsware und gehört schon gar nicht dir.“

„Hören Sie..“ Shinquasz zog an der Uniform des Arztes und versuchte ihn zu stoppen, bevor er wieder weiter eilte.“Hören Sie, ich habe keine Ahnung, woher sie irgendetwas über meinen Ruf wissen.  Aber gut, er mag schlecht sein, aber ohne mich wäre auch ihr Berufsstand noch irgendwo in einer Ära in der man Steine zerrieb.“

„War vielleicht nicht das Schlechteste. Herr Shinquasz, drei Schiffe hatten mit gutem Grund deinen Besuch abgelehnt. Wir gehören einer Mission an, die Gelder aus allen Systemen sammelt. Das heißt, wir müssen uns gut stellen. Aber das heißt nicht, das ich dich mögen muss.“ Er fuhr sich mit der Hand über die Schnauze und verteilte den Speichel unregelmäßig in seinem Fell. Shinquasz wandt sich ab. Er drehte die Augen, und blickte kurz zu dem Piloten, der grinsend in der Ecke stand und einen Fuß auf seinen Helm stellte. Verachtung, wohin das Auge auch schaute. Ohne ihn würden sie alle in den Bäumen hängen und Früchte kauen. Barbaren und Fellträger, eine Sorte.

„Ich bin hier auf Befehl Morkans…“

Der Arzt wendete sich abrupt ihm zu, packte ihm am Mantelkragen und zog ihn gefährlich nahe an seine gelben Zähne, die umrahmt wurden, von dem platten, schwarzen Gehänge, in dem irgendwo seine Mundwinkel und Nasenlöcher waren.

„Niemand ist hier auf Befehl Morkans. Einen Morkan gibt es hier nicht. Selbst die Zöllner, dieses feige Pack, wagen sich nicht auf dieses Schiff.  Du bist der Erste aus diesem System, der auch nur einen Fuß hier rein setzt. Und ich bin mir über deine Motive noch nicht so ganz im Klaren. Das hier, dieses ganze Schiff, stinkt nach Tod, es ist die Hölle und kein Vergnügungsdampfer. Wer hier drauf ist, der verschliesst vielleicht auch für immer seine Augen an diesem Ort. Mir ist das bewusst. Aber weißt du das auch, Herr Shinquasz?“

„Auf meinem Planeten jagt man so was wie dich.“ Murmelte der Bibliothekar leise.

„Das habe ich gehört. Denn wisse, meine Ohren hören besser und mehr, und meine Nase riecht deinen Schweiß und deine Angst, Vogel. Mit so was wie dir gehen wir fischen, also lassen wir das, und seien froh, dass wir nicht daheim sind.“

Der Arzt zog einen alten, fleckigen Stuhl heran und setzte sich. Es roch nach Desinfektionsmitteln, Eiter und aus irgendeiner Ecke kam ein undefinierbarer Rauch. Der Raum hatte keine Aussenfenster, nur ein paar verkratzte Monitore zeigten das All und einige Blickwinkel an, die unnötigerweise auch noch zu schlecht ausgeleuchtet waren.

Es sah aus wie eine durchschnittliche Folterkammer aus Morkans Keller. Der Arzt trommelte mit seinen Fingern auf einer Art Schreibtisch herum, auf dem sich Ränder und Spuren unterschiedlicher Flüssigkeiten zeigten, die ganz verschiedene Farbschattierungen hatten. Als hätte ein irrer Maler etwas vollkommen neues ausprobiert und wäre vor der Vollendung explodiert.

Die Finger des Arztes wirkten, als hätte er sich einen hautengen Fellhandschuh übergezogen, aber vermutlich sah er überall so aus. Shinquasz wunderte sich. Während der Arzt relativ viel über ihn wusste, konnte er sich nicht erinnern ein ähnliches Wesen mit diesen Fähigkeiten schon mal irgendwo gesehen zu haben. Das Alles wirkte so absurd neu, dass es ihn staunen machte.

Es war angenehm stehen zu können, ohne beständig das Gefühl zu haben, man müsste sich platt auf den Boden pressen. Also blieb er stehen, wendet sich ein bißchen um, kratzte hier und da etwas auf, aber wagte es nicht, das Gespräch in dieser Weise fortzuführen.

„Erzähle, warum du da bist, Herr Shinquasz. Auf. Meine Zeit ist knapp. Patienten warten. Patienten verrecken.“ forderte ihn der Arzt auf und schlabberte ein bisschen mit seinem Maul herum, als wollte er all das noch ein klein wenig unterstreichen.

„Ich will einfach nur wissen, was hier ,verfickt noch mal, los ist. Wer sie sind. Wo sie herkommen. Wo die alle herkommen. Und warum ich nichts davon wissen soll.“

Der große Kopf des Arztes schüttelte sich und Shinquasz vermutete, dass es sich wohl um ein Lachen oder eine andere Art der Belustigung handeln sollte. „Du sollst nichts davon wissen, Herr Shinquasz, damit es nicht in die Archive kommt. Und in die Archive kommt es nicht, weil keiner davon wissen soll. Und das ist alles. Es ist nicht ungewöhnlich, dass meine Mission ihre Schiffe in den Ruhephasen durch die Knoten führen muss. Das ist nicht nur an diesem Knoten so. Das sind wir gewohnt. Mich wundert, dass du Schlaukopf das nicht weißt. Du scheinst zum ersten Mal verstanden zu haben, welche Funktionen die Ruhephasen haben.“

„Dieses ist nicht die erste Ruhephase, die ich wach verbracht habe. Aber noch nie…“

„..noch nie hast du solch eine Menge an Seelenverkäufern gesehen, nicht wahr? Tja , das ist ungewöhnlich. Vielleicht sind wir die Boten des Untergangs. Wir wissen es selbst nicht. Was wir hier haben  – was ich hier habe – was hier täglich unter meinen Händen verblutet, und deinen Nachtschlaf stört, das sind die Überlebenden, die wir zwischen den Trümmern ihrer glühenden Welten finden. Primitive Völker, würdet ihr sie nennen. Kein Futter für Bibliothekare wie dich. Du findest nichts in ihren Hirnen, was du nicht irgendwo schon hast. Aber darum geht es nicht. Darum geht es sicherlich auch denen nicht, die dafür verantwortlich sind,  dass der leere Raum stellenweise mit schwebenden Körpern durchsetzt ist.

Dieses, all diese Wesen, die ich tagtäglich sehe, sind Völker und Rassen mit Potential. Sie hätten die nächsten Stufen mit einer Geschwindigkeit durchschritten, die den Dummen Angst machen würde. Vielleicht bekommen solche Vögel wie ihr Angst. Oder die Piraten. Wir wissen es nicht. Irgendjemand da draußen hat aber so sehr Angst, dass er beginnt uns wiederum Angst zu machen.“

„Ich verstehe nicht..“

„Wundert mich. Ernsthaft. Was hast du gemacht während der Palast so hübsch vor sich hin rotiert ist? Gedichte verfasst und Philosophische Abhandlungen gelesen? Du bist ein Bibliothekar. Ich bin nur Arzt. Obenko Kapun. Du wolltest meinen Namen wissen. Er umfasst noch einige andere Silben, die du nicht verstehen würdest, die dich aber trotzdem zum Spotten anregen könnten. Daher muss das reichen.

Meine Mission stammt aus einem anderen System. Wahrscheinlich habt ihr es schon mal überfallen oder zu mindestens versucht. Wir sind ganz froh, dass ihr hier den Knoten bewacht, und übertriebene Zölle kassiert. Ist eine friedliche Zeit. Hier. Woanders nicht.“

Shinquasz sah einen Eimer, drehte ihn um und setzte sich drauf. „Erzähle, Obenko.“

„Wir verstehen uns als Pazifisten. Wir mischen uns nicht ein, und werden daher in Ruhe gelassen. Ich weiß nicht, ob uns das dauerhaft gegen solche wie Morkan hilft, aber die letzte Zeit geniessen wir geradezu. Vor allem seit der Angriffe.“

„Welche Angriffe?“

„Es ist unmöglich sehr viel heraus zu bekommen. Diese Völker haben sehr große Ehrfurcht vor der Technik, die ihnen begegnet, vor allem, weil ihnen solche Dinge wie Schrift und eine einheitliche Sprache noch sehr fern sind. Sie habe also Mühe Dinge zu beschreiben, die ihnen wie ein Wunder vorkommen. Du solltest nicht so sehr darauf bauen, dass du von ihnen etwas erfährst.“

„Ich könnte die Bilder sehen…“

„Nur mit ihrer Genehmigung!“

„Die wissen doch gar nicht, was so eine Drecksgenehmigung ist!“

„Wir sind nicht auf einem Sklavenplaneten Morkans. Das sind freie Völker. Ich führe sie nicht in die Gefangenschaft, Bibliothekar. Ich rette sie. Sie sind tabu. Du verstehst? Tabu!“

„Ohje, das darf nicht wahr sein. Eine ganze Flotte, Schiffe über Schiffe, angefüllt mit Wesen, die etwas gesehen haben, was sie nicht beschreiben können und nicht verstehen. Aber das uns und überhaupt alle retten könnte. Und ich treffe auf einen beschissenen Arzt mit moralischen Skrupeln. Welcher verfluchten Religion gehörst du den an?“

„Du bist auf meinem Schiff, und das sind meine Regeln!“

„Ich bin immer auf irgendjemandens Drecksschiff und muss seine verfickten Regeln befolgen. Und? Rettet das irgendein verdammtes Wesen? Können wir damit etwas verhindern? Ich will wissen, was da draußen los ist. Woher die alle kommen und was der Grund für all diesen Mist ist. Und mit deinem Verhalten mordest du weitere Völker. Du rettest niemand, du verdammst alle dazu, dass das ewig so weiter geht. Du weisst nicht was du tust, Arschloch, und die Verantwortung für dein Tun kannst du sowieso nicht tragen. Ich will alles wissen, und dann will ich sie sehen. Selbst wenn sie solche verdammten Schlabberköpfe wie du sind.“

Obenko seufzte und lehnte sich zurück an die Wand. Er wirkte als wollte er ein kurzes Nickerchen einlegen, aber tatsächlich holte er aus.

„Die Randzonen, das weißt du, Shinquasz, gelten als unerforschtes Gebiet. Die Mission geht dorthin, aber ansonsten liegen sie zu weit weg. Keine Sprungmarken, keine Knoten. Das Interesse ist nicht sonderlich groß, Reisen dorthin zu machen, denn es dauert einfach zu lange. Und wer weiß schon, ob es sich lohnt.“

„Morkan sendet Schwärmer aus.“

„Zynisch gesagt, würde ich meinen, ist das sehr effektiv. Aber wir heißen das nicht gut. Und keiner weiß, was da draußen los ist. Wahrscheinlich ist das gut so.

Es gab einige Welten mit den Niederlassungen der Mission. Wir verhalten uns dabei sehr ruhig. Sehr zurückhaltenden. Passen uns an. Beobachten nur. Und wir sind nur auf den Nähesten der Welten. Was dahinter liegt ist noch schwarz und unbekannt. Wir kommen jede Generation weiter raus, aber eine Generation ist eine Menge Zeit.“

„Nicht in deinem Leben, oder?“

„Du wirst älter, Bibliothekar, aber niemals klüger, nicht wahr? Es ist ein Elend, wie wenig Zeit vonnöten ist, dein Niveau als Bodensatz zu betrachten. Doch darum geht es nicht, das weißt du.Tatsächlich ist es da draußen, als würde man einen Teppich vom Ende des Raumes aufrollen und wir sind der Dreck, der am Schluss weggekehrt werden soll.“

„Es kommt etwas Großes?“

„Von überall her.“

„Wie sieht es aus?“

„Es ist entweder zu groß oder zu klein es auszumachen, und die Welten, die zu nahe dran waren, sind nun zerbröselt und Feinstaub auf dem Weg zu denen, die wir retten wollen. Wir wissen es nicht.“

Shinquasz stützte seinen Kopf in seine Krallen. „Warum fliegt ihr in den Ruhephasen?“

„Weil wir der Tod in eurem Vergnügungspark sind!“

Einleitung (Part 19)