Einleitung (Part 1)

Vielleicht bin ich der Letzte, der euch das erzählen kann. Seht mich an, ich bin alt. Schaut hier – meine Zähne. Purer Quatsch hier von Zähnen zu reden. Vollkommener Unsinn. Das sind Stummel.

“ Du hast vier Arme?“
„Schon immer. Nur den Rückenpanzer, den habe ich verloren“. Ich nippe am Wein. Und lüge. Rot und schwer ist er, trocken wie die Wüste und voll unzähliger Einnerungen. Ein Wein, wie sie ihn hier nicht hinbekommen. Würzig. Als ob er mit dem Schweiß derer, die ihn gepflückt haben, getränkt wäre. Mit ihrem Blut und den Ergüssen ihrer verdammten Seelen.

Bankea war nie ein Ort für gute Weine. Hier fehlt die Geduld. Die Muse, etwas für eine kurze Freude einem langen Prozeß zu unterwerfen. Wein kann ein Kunstwerk sein. Er braucht Erde, die Sonnen und versierte Könner ihres Fachs. Winzer und ihre Erntehelfer.

Die Lüge. Das ist wahrscheinlich mein größter Fehler. Die Lüge begleitet mich, haftet an mir wie Pech-ich werde sie nicht los -und kann nun sagen, sie gehört zu mir. Ich lüge. Geht einfach davon aus.

Als mein Vater mich fragte, ob ich in seine Fußstapfen treten will, sagte ich „Ja“, doch ich hatte es nicht vor.
Als mich Morkan in seine Dienste nahm, log ich soviel, dass mir die Wahrheit fremd wurde wie eine alternde Geliebte. Ich hätte ihm alles erzählt was er hören wollte. Ich war der Meister der Lüge. Ich log im Schlaf oder wenn ich geweckt wurde und unter Folter.
Nichts konnte mich davon abhalten. Ich log, wann immer ich es nötig fand.

Und: Ich sterbe nicht. Das geht schon ewig so. Ich sterbe einfach nicht. Ich verfalle. Spüre den Grad meiner Verwesung. So kann man das vielleicht nennen. Wenn man denn will. Meine Haut stirbt. Sie schält sich. Sie fällt in Schuppen herab. Ich lasse sie ölen und salben. Für kurze Zeit rieche ich gut und wandle wie ein glänzender Braten unter dem Volk. Dann bilden sich Risse, Kerben und tiefe Krater. Sie wird rauh, schmerzt und juckt. Komme ich länger nicht dazu die Dienste des Personals in Anspruch zu nehmen, dann bricht sie auf und offenbart Quellen einer unschicklichen Feuchtigkeit, die ich zu verbergen suche.

Das geht schneller, wenn ich ich mich den blauen Sonnen aussetze. Dann wandelt sich die wächserne, durchsichtige Farbe meiner Haut mit ihrer geäderten Marmorierung in ein fleischiges Rot. Es ist mir peinlich.

Ich kenne niemanden, der so alt ist wie ich. Es erscheint mir ungehörig. Aber dennoch erfüllt es mich mit Stolz. Ich scheine dem Tod ein Schnippchen geschlagen zu haben. Nicht der Vergänglichkeit, jedoch dem Tod. Warum auch immer. Sterben, sterben tue ich also nicht. Wie immer das so kommt, ich weiß es nicht. Oder aber – nicht mehr. Vieles fällt mir erst dann wieder ein, wenn man mir die richtigen Fragen stellt. Ich denke viel über Tod nach. Auch über Sex. Also Sex und Tod. Gleichermaßen.

Ich wüßte, ehrlich gesagt, nicht , über was ich sonst noch nachdenke sollte.

„Hattest du nicht mal sechs Arme.“
Ich stöhne ,“Ja, hatte ich. Das war, als ich ein Monster war.“
„Und?“
„Und was?“
„Was ist passiert?“
„Lange Geschichte…..“

Ich sehe sie an. Und während ich ihr Gesicht betrachte wird mein Blick trübe.
Manchmal sagen sie ich hätte schöne Augen. Aber ich bezahle sie dafür. Das muss also nicht stimmen. Tatsächlich glaube ich ihnen gar nichts. Meine Augen wässern. Es macht also keinen Sinn. Ich bemerke, wie so oft, dass ich sie ja auch nicht kenne. Die Welt erlaubt sich einen Spaß. Den Spaß mich immer und immer wieder mit etwas Neuem zu überraschen. Als sei es schädlich für mich Vertrautes zu genießen.

„Wer bist du? “ frage ich sie mit ehrlichem Staunen. Vieles macht mich müde, das meiste langweilt mich, doch die Schönheiten der Frauen, sie können mir immer noch den Atem rauben. Und dann klingt meine Stimme zerbrechlicher als ich es beabsichtigt hatte.

„Egal. “ Sie schüttelt den Kopf. Das lange schwarze Haar wirbelt kurz auf. Ich betrachte es mit dem Wissen meines Alters und beneide sie um die Fülle und den Glanz. Es ist ein Irrtum zu denken, dass irgendetwas davon auf einen abzustrahlen vermag, aber ich gebe mich diesem Gedanken gerne hin.
Ich könnte losheuIen oder ihr die Kehle durchschneiden. Und es geschähe aus demselben Grund.

Und sie hat recht. Ich bin ein sentimentaler, alter Narr. Mich interessieren keine Namen. Was soll das auch? Morgen habe ich sie, und all das hier, mal wieder vergessen. So geht mir das immer.
Neuer Tag, neues Glück, neues Gesicht. Ich bin nicht wirklich unglücklich darüber.

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