Einleitung (Part 2)

Alle denken, es ginge mir nur um den Sex. Aber dem ist nicht so. Natürlich ist es nicht so. Und natürlich wehre ich mich gegen diese Aussage. Denn manchmal weine ich, wenn ich ihrer nackten Jugend gewahr werde.

Und ich werde nicht zugeben, um wen es hier geht.

Es hindert mich daran sie zu berühren. Ich schelte mich einen sentimentalen Idioten, aber ich gestehe auch es zu geniessen. Eine vertrackte, verfahrene Situation ist das.
Dann murmle ich etwas von altersbedingter Impotenz und gehe ab. Wie von einer Bühne, die nicht auf mich gewartet hat.

„Wie kamst du hierher? “
„Morkan hat mich geschickt. “
„Wie soll das gehen? Morkan ist tot. “ Einst hatte ich eine glockenhelle Singstimme. Ihre Kraft war bekannt und unwiderstehlich. Mein Gesang trug mich über die Wälder. Mein Vater war Tischler. Er musste die Bäume zu sich herunter holen. Sie fällen, um mit seinem Werkstoff in Kontakt zu bleiben. Mein Gesang erhob sich – und mich – über ihre Wipfel.

Nchts mehr davon ist vorhanden. Nicht mal mehr ein Gerücht, eine Legende oder eine Erzählung der Alten. Nur noch Vergangenheit. Schmerzliche. All die Schönheit ist gewichen.Was übrig blieb ist brüchig und ohne Harmonie, Ich schwanke schon beim Sprechen in der Tonlage. Ich empfinde meine Stimme als hoch wie das Winseln eines geschlagenen Tieres. Es bereitet mir körperliche Schmerzen. Und das, obwohl mir natürlich bewußt ist wie verfälscht ich mich wahrnehme. Doch ich weiß ja, was von mir gegangen ist. Verschwunden. Einfach so. Sich verflüchtigt hat.

Ich kann ganz schön bräsig sein.

„Du weißt doch, dass er nicht tot ist. Er ist ein Gott. “
„Ich weiß, dass er kein Gott ist. Das weiß ich. Kein Gott. Du solltest dir das merken. “ Ich seufze. Es ist einer von diesen nassen, schmatzenden Seufzen. Tatsächlich gleicht es dem Ersticken eines Fisches. Widerlich. Wie der Geschmack in meinem Mund.

Der Wein allein kann den Geschmack vertreiben, aber seine Schwere spült auch meine Gedanken mit sich fort. Und was bin ich ohne meinen Intellekt und Witz?
Ein nackter alter Mann, dessen äußere Hülle in Hauch eines Windes schuppig zerfällt.
Sie tauschen morgens die Laken aus, wenn ich auf dem Balkon frühstücke. Sie tun es heimlich. Gutes Personal. Namenlos. Aber ergeben. Sie wechseln die Bettwäsche nicht wegen Jungferblut oder ähnlichen Flecken. All das würde mich ja irgendwie noch mit Stolz erfüllen.
„Und danach leben“ fahre ich fort, weiß aber wie sinnlos das ist. Ich glaube jedes Wort zu betonen, um der Botschaft einen Weg durch die Ignoranz zu schlagen. Aber all die Mühe ….. es lohnt sich wirklich nicht.

Wäre ich paranoid, dann würde ich davon ausgehen, dass er mich gerade beobachtet. Und das macht er sicherlich. Warum auch nicht? Selbst ich würde das tun. An seiner Stelle sowieso. Gab es jemals ein Wesen, das mehr Feinde und weniger Freunde hatte?

Wenn man jung ist, dann denkt man, dass sechs Arme ein großes Glück bedeuten. Ich war überheblich und stolz. Mein Gang war breit und ausschweifend. Ich schritt daher als gäbe es nichts was mich aufhalten könnte.
Ich war überzeugt, dass dieses der Wahrheit entsprach. Wer sollte mich aufhaIten?

Ich hatte Geschmack, mehr als ausreichend Bildung genossen, mein Rückenpanzer strahlte in dem Licht der blauen Sonnen wie Quellwasser, mein Teint war klar und unverbraucht. Ich war eine Schönheit. Und was konnten sechs Arme alles machen? Meine Fingerfertigkeiten beherrschten Körper wie Musikinstrumente. Ich bin mir sicher, ich erschien nicht in wenigen Träumen als die unerreichbare Begehrlichkeit. Sechs Arme-nicht nur diese Welt stand mir offen.

Heute schlenkere ich die verbliebenen 4 Arme wie Windmühlenflügel um mich, und verfluche sie. Mein Gang ist ungelenk und staksig. Wahrlich, zwei Arme würden problemlos ausreichen. Weniger sollten es allerdings nicht sein.

Es gab gigantische Wälder. Der Geruch von Harz lag über der ganzen Welt und haftete in unserer Kleidung, als würden wir ihn aus dünsten. Mein Vater war ein Tischler. Er war nicht der Beste, den er hatte keine Disziplin und war dem Rausch nicht abgeneigt. Wie auch ich heute , liebte er Körper neben sich. In allen Varianten. Er zahIte dafür oder nahm sie sich. Wie ich heute , war er eine wollüstige, alter Mann. Er war nicht nett. Nicht reich. Nicht gepflegt. Seine Hände waren narbig. Hornhaut überzog seine Handinnenflächen, und eine dicke Schichte Haare bedeckte Ihre Oberseite. Oft verklebt vom Holzleim.

Er stutzte seine Fingernägel so weit wie möglich, doch wurde die schwarzen Ränder nicht los.
Was er nicht los wurde, das trug er, als würde es ihn krönen. Er trug ein bewundernswertes Selbstbewußtsein zur Schau.
Er war unglaublich begabt. Wäre er nicht einer faulen Effektivität verfallen, dann hätte ihn seine Begabung viele Türen geöffnet. Aber es gab fast soviele Schreiner wie Bäume. Und es gab unendlich viele Bäume. Die Kelloms schissen und spuckten die Samen aus, dass es nur so eine Freude war. Sie ernährten sich damals fast ausschließlich von Zapfen und Früchten.

Mein Vater war von einer gefährlichen Schlauheit geschlagen. Ich sage das nicht, weil er mein Vater war. Denn tatsächlich machte er nicht allzu viel daraus. Er zeugte Kinder, als wolle er einen eigenen kleinen Staat gründen und tat das mit einer brachialen Offenheit, die mich heute noch fasziniert.

Der Wald wuchs wie ein Parasit. Er bedrängte uns, denn wir waren wenige. Wir waren zu dumm für Schiffe, zu bIöd dafür eine Vorstellung vom Raum zu haben und zu naiv, um an etwas anderes als Götter zu glauben. Und ich trug noch Windeln, als mein Vater -auf der Höhe seiner Leistungsfähigkeit- wie besessen Brüder und Schwestern für mich zeugte.

Am Tag, an dem mein Vater das erste Schiff am Himmel sah, warf er sich in die Tannennadeln, wurde von Ameisen bedeckt und glaubte an sein Ende.
So wie er da lag, hätten ein übergroßes Kellom sein können. Haarig, vom Wald bedeckt, schwerlich als intelligentes Lebewesen zu erkennen.
Das Schiff hatte ihn überhaupt nicht bemerkt. Zwischen den wogenden Tannen war er nicht zu sehen, und es gab keinen Grund den Waldboden zu scannen. Sie wollten schließlich nicht landen. Das war ja nur die Vorhut. Drohnen. Roboter. Verwahrloste Wissenschaftler, die Inzucht betrieben. Und eine Selbstschutzanlage, die man als agressiv bezeichnen konnte.

Vom heutigen Standpunkt aus betrachtet war es alles andere als ein stolzes, beeindruckendes Schiff. Es war ein Schwärmer. Eine kleine, billige Schachtel, deren Verlust bedeutungslos war. Schwärmer waren bekannt für ihre lausigen Luftgeneratoren, die eine miserable Umwälzung und Reinigung betrieben , so wie für den sich ständig wiederholenden Ausfall der künstlichen Schwerkraft. Kurz ausgedrückt: Schwärmer waren stinkende Büchsen, in denen einem alles entgegenflog. Wer darauf Dienst tat, verabschiedete sich nach einiger Monaten von jeder Moral und ließ sich entnervt gehen, um der konstanten Verwahrlosung entgegen zu schweben.

Mein Vater lag unter den Ameisen, atmete vorsichtig und wartete darauf, dass das sirrende Geräusch wieder abnahm und schließlich vollständig verschwand. Mehr den je war er sich seiner Verletzlichkeit bewußt. Der Wald war schon beeindruckend. Das Schiff war beindruckender.

Je näher es kam, umso mehr wogen die Bäume in seinem Rhythmus, verloren sie ihre Blätter und Nadeln in einem fremden Takt. Provozierend sank der Metallbauch bis auf die Wipfel hinab. Feist glänzend, als enthielt er ein Versprechen. Oder eine Drohung.

Mein Vater konnte mit einem Auge die Schäden an der Außenhülle erkennen. Korrosion färbte sie in alle Farben des Regenbogens, kraftvolle Dellen drohten sie ein zu reißen und an manchen Stellen platzten Blasen auf, die von grosser Hitze herrühren mochten. Ein Schwarm unkoordinierter Lichter umflirrte dieses Schiff wie Schmetterlinge, die es schützen wollten. Bunt und aufgeregt, gleich einer Wolke stießen sie hinab und hinauf, zur Seite und in die Weite. Mein Vater hatte noch nie etwas von Drohnen gehört. Diese lebendige Wolke sah alles andere als bedrohlich aus. Tatsächlich wirkte sie wie ein Wunder, von dem er zukünftig erzählen wollte. Er war ein wacher Geist. Faul zwar, aber in der Lage Dinge zu seinem Vorteil zu nutzen.

Er betrachtete seine hiesige Zeit als begrenzt, doch er hatte sich vorgenommen, sie zu nutzen. Was ihm hier in diesen Wäldern geschah, das musste einen Sinn ergeben, der ihm zu gute kam.

Morkans Vorhut bestand aus einer Millionen Schwärmer. Wenn man wusste was für ein elender Trümmerhaufen so eine Galaxie ist, dann ergab das durchaus Sinn. Die Angelegenheit wurde durch die Replikationsverfahren relativ günstig. Morkan hatte nicht die Absicht, die Schwärmer und ihre Besatzungen jemals zusammen zu führen und zu vernetzen. Die Probleme, die dabei auftreten konnten, waren ihm bekannt, daher ließ er jedes Schiff in dem Glauben es sei auf einer einsamen Mission an den Rand der Galaxie. Nur in Kontakt zu Morkan selbst.
Die Bibliothekare, nicht die Replikatoren hatten diese Bedingungen aufgestellt. Sie begründeten das mit dem zunehmenden suizidialen Tendenzen der Klone, wenn sie sich selbst gewahr wurden. Das würde den erarbeiteten Datenbestand für die Bibliothekare eventuell vor der vorgesehenen Ernte in Gefahr bringen. Morkan war es ziemlich schnuppe, ob sich die Besatzung der Schwärmer umbrachte. Jedoch brachte ihn die Möglichkeit, dass dieses vor der Erledigung ihrer Aufgabe geschah zum Einlenken.

Er stand also Tausend Dimensionen, schwarze Löcher und Planetenanhäufungen von meinem Vater entfernt in einer erstaunlich barbarisch ausgestatteten Halle und lauschte vollkommen berauscht dem millionenfachen Gemurmel seiner verwahrlosten Wissenschaftler.

Im Falle von Bankea vernahm er die monotone Aufzählung diverser Baumarten. Eine endlose Abfolge, die in einer ewigen Litanei beständig das Worte „grün“ enthielt. Es muss ihn an etwas wie seine Jugend erinnert haben und erlangte seine Aufmerksamkeit.
Bankea war ein grüner Planet. Ein Dschungel, der sich über die komplette Landfläche erstreckte. Wahrscheinlich hatte diese Mörderbande noch nichts grüneres in ihrem ganzen Leben gesehen.
Eine unheimliche Zufriedenheit zeichnete sich in Morkans Gesicht ab. Er grunzte, stemmte die Pranken in die Hüften und lachte ein tonloses, aber vollkommen verdorbenes Lachen. Glück, das geradezu zum Glucksen heraus forderte. Die, die ihn umgaben, wußten das zu deuten. Wir, die wir ins Zentrum seiner Interessen gerieten, wußten von alldem nichts. Ich, weil ich mich noch nicht allzu weit von meinen Windeln entfernen durfte. Mein Vater ahnte nicht, weil er gerade die Erde und die Tannennadeln aus seinem Wams klopfte, als das Schiff sich mit einem hochtönigen Kreischen entfernte.

Mein Vater sah in den Himmel, suchte ihn ab und schüttelte mißmutig den Kopf. Das, was er gerade gesehen hatte, mochten ja durchaus Götter gewesen sein, aber seine Ehrfurcht hielt sich in Grenzen. Wir hatten sechs Arme, eine unbändige Lust an der Vermehrung, und daher war es für uns mehr als nur logisch, das sich irgendwo eine ganze Horde an Gottheiten tummelt. Mit all ihren Bastarden, Halblingen und Zwischenwesen. Wir wußten von ihren Fehden, ihren Bemühungen uns auf ihre Seiten zu ziehen und den Umständen unter denen sie unter uns zu wandeln pflegten. Götter waren weit davon entfernt unfehlbar zu sein. Sie waren einfach nur Götter, und in bestimmten Momenten fluchten wir über sie, so wie es mein Vater gerade tat.
„Verdammtes Pack“, stieß er aus, besah sich das verdreckte Kellomfell, das er unter sich geworfen hatte und schlug es verärgert aus. Er hatte sich in den Staub geworfen für eine Nebenlinie, für eine Bande von Habenichtsen, die nicht mal in der Lage waren, das bißchen Besitz, das ihnen anvertraut wurde respektvoll und pfleglich zu behandeln.

Mein Vater agierte wie ein Mann ohne Ehre, manchmal auch wie ein Mann ohne Verstand und manchmal war das dasselbe. Aber er hatte den größten Respekt vor Handwerkskunst. Er wußte wieviel Politur und Schliff vonnöten war um eine so große Fläche, wie jene, die das Schiff umgab, derart glänzen zu lassen.
Das man dieses so präsentierte, so verkommen und nachlässig, setzte eine Geisteshaltung voraus, die er nicht nachvollziehen konnte. Das waren nicht seine Götter.
Mein Vater fühlte sich verpflichtet jedem davon zu erzählen. Er war eine sprudelnde Quelle der Unbedarftheit. Es zog ihn geradezu magisch zurück an seine geliebten Orte mit Wein, Weib und Gesang. Er wollte ausruhen und in den kräftigen Armen einer vielgliedrigen Frau darüber sinnieren.

Wäre Papenka nicht eine meiner Mütter gewesen, ihre Erscheinung wäre mit dem Wort „unheimlich“ nicht ausreichend beschrieben. Papenka war größer als mein Vater, was aber für die Frauen aus dem Norden Bankeas keine große Kunst war. Die Frauen aus dem Norden lassen mich auch heute noch nach Luft schnappen, so gewaltig, bescheiden und arbeitsam sind sie.
Papenka trug die giftgrünen Haare ihrer Vorfahren. Und ihr weißhäutiger Körper vermittelte eine Unschuld, die nicht mal erahnen ließ, dass sie Kelloms barfuß jagte.
Wenn ihr danach war.
Sie tat vieles, was anderen unverständlich war.
Wenn ihr danach war.
Sie verabscheute Kleidung. Heute würde ich jede Frau verehren, die mir so begegnen würde . Damals ist es mir nicht mal aufgefallen. Ich war ja selbst die meiste Zeit nackt und mit Dingen beschäftigt, die mir nun erst das Alter wieder näher bringt.

Mein Vater liebte ihre Wärme. Ich die schnalzenden Laute, die ihre Zunge machte. Sie hatte die gelben Augen der Bachschlangen, und das hinreissendste Lachen, das man sich vorstellen konnte. Die Liebe meines Vaters zu ihr war so rein und ehrlich wie die Strahlen der Sonne, und er war bereit den Boden zu küssen, den ihre Füße berührten.

Von all meinen Müttern war Papenka die Kraftvollste und Geschmeidigste. Sie war die Unbeherrschteste und Iauteste Mutter, die ich hatte.
Sie war die freiste Person, die ich kannte, aber ihr Gang glich dem einer Gefangenen, die sich nicht brechen lassen wollte.

Mein Vater konnte beschützen, saufen, raufen. Zu Papenka kam er, wenn er von all dem genug hatte.

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