Einleitung (Part 3)

Die blauen Sonnen zerfaserten die Schatten, als mein Vater bei Papenka eintraf. Sie hatten die Mitte des Tages überschritten, sich gekreuzt und bestrahlten Bankea nun wieder von zwei Seiten. Die Intensität nahm damit ab, versprach uns die herannahende Kühle ihres gemeinsamen Untergangs und verlangsamte so unser Tun.

Unsere kleine Siedlung schmiegte sich gleiche einer Schlingpflanze an den alten Baumbestand, dessen Geäst uns wie Schirme überdachte. Die Blätter filterten das Licht, gaben allem eine angenehme, beruhigende Färbung und verbargen uns vor den Dingen, die wir erst nach unserem Tod sehen wollten.

Mein kleines Volk hatte die alten Bäume traditionell gesegnet, bevor wir in ihre Mitte zogen. Sie durften nicht gefällt werden, waren tabu und ihre Äste ragten durch unsere Küchen, Tempel und Versammlungsräume.

Neben all der Kühle, die sie uns spendeten, genossen wir das Vertrauen, das sie ausstrahlten. Die Gewissheit, dass sie einst der Unterschlupf für die Väter unserer Väter waren, und für die Kinder unserer Kinder sein werden. Neben den Lebenszyklen unserer Götter stellten sie die einzige Vorstellung von Unsterblichkeit dar, die wir hatten.

Die Harmonie, die diese Beschreibung auslösen könnte, könnte einen falschen Eindruck hinterlassen. Bankea war ein Dschungel, aber wir keine Wilden.

Mein Vater bettete seinen Kopf auf Papenkas Bauch, und beobachtete, wie das Licht Spuren in den Hof zu legen suchte. Papenka lebte hier alleine, scheuchte mich über Treppen und Gänge und brachte mir bei die Muster der Teppiche bei ihrer Verlegung zu beachten. Es gehörte zur Gewohnheit des Nordens, die festgestampft Erde eines großen Hofes täglich mit Teppichen auszulegen.
Es gab gute Gründe darauf zu verzichten . Selbst mit sechs Armen war das rituelle abendliche Ausklopfen eher Mühsal und Plage. Doch in jenem Alter war ich davon noch verschont und verknäulte mich stattdessen unermüdlich mit meinen Geschwistern in einer Ecke des Hofes.

Papenkas Bauch war Labsal und Himmel. Sie bettet mich gerne auf das unablässig gluckernde Weich, auf dem ich so schnell einschlief, dass ich vergass wo ich war.

Ich sah meinen Vater, beneidete ihn und verknotete meinen japsenden Bruder noch stärker mit mir.

Meines Vaters Stimme enthielt den Wald und seine tiefe Dunkelheit. Eine kaum wahrnehmbare Vibration begleitete sie, die über die Haut des Anderen streichen konnte, wie die Haare auf seinem Handrücken. Es war, als gäbe es in ihm einen Zauber, den er nicht beherrschte, der aber mit ihm war. Wie ein Tier, das ihn begleitete, ihm aber nicht gehorchen wollte.
Kleine Schweißtropfen rollten von seiner Stirn. Sie benetzten den Bereich um ihren Nabel, und gedankenverloren ließ sie ihre Finger ein feuchte Spur daraus zu ihren Rippen zeichnen.

Ich biss meinem Bruder ins Ohr, damit er aufschrie.

Mein Vater beschrieb die Größe des Schiffes, und suchte nach Worten, um auch die flirrender Lichter zu beschreiben. Wie alle Frauen, so war auch Papenka belesener als die meisten Männer. Sie hortete Seiten und Schriftrollen, wo immer sie nur konnte. Leporellos und Karten, Bücher und Banderolen fanden sich an der unmöglichsten Orten.
Selbst dort, wo sie die gehäuteten Kelloms aufzuhängen pflegte.
Sie las mit fettigen Fingern , mit wirrem Haar, auch wenn sie uns säugte, jedoch nie wenn mein Vater anwesend war.

So war es nur natürlich, wie mein Vater nach Worten rang, die das Gesehene schildern konnten. Er vervielfachen mit ausgebreiteten Armen die Größe des Hofes. Aber nutze auch die Farben der Teppiche um das Schillern der Außenhülle zu beschreiben, und griff nach einer polierten Muschel um ihren Glanz zu vergleichen. Er kippte die gefertigten Speisen, die sich darin fanden einfach beiseite, lockte mit einer Hand uns Kinder davon zu nehmen und fuhr unbeirrt fort.

Mein Bruder war ein tumbes Kind. Sein ganzes Leben sollte sich daran nichts ändern. Im Gegenteil. Wir haben nie herausbekommen wer sein Vater war. So sehr wir uns darum bemühten einen blonden Mann mit hervorstehenden Zähnen und übergroßen Ohren auszumachen.

Die Kinder meines Vaters trugen das Blau der Abendsonnen in den Farben des Rückenpanzers. Bei Karee war es eher das Grün des wild wachsenden Flussfarns. Er war Zeit seines Lebens mit einer liebenswerten Dummheit ausgestattet, die nicht nur meine Jugend versüßte, sondern auch zu einem meiner treuesten Diener werden liess.

Karee hatte die weiße Haut Papenkas, aber mit seinem blonden Haar glich er immer einer Leinwand, die nach Bearbeitung schrie. Sein warmer, keuchender Atem an meinem Ohr war mir vertraut, wie seine klebrigen Hände, die hilflos versuchten mich davon abzuhalten ihn nieder zu ringen. Er hatte ein heiseres, kehliges Lachen, mit dem er alles begleitete, was ihm Freude machte. Egal ob es unsere Kämpfe waren oder die Süßigkeiten, die uns mein Vater nun anbot.

Mein Vater schenkte Karee nicht sehr viel Beachtung. Er war nicht sein Kind, und da er schon Schwierigkeiten hatte die Zahl der eigenen Kinder zu überschauen wollte er sich nicht mit weiterem Nachwuchs belasten.

„Der Schatten, den es auf mich warf, war riesengroß. Der Himmel war dunkel, die Sonnen verfinstert. Ich dachte sie suchen mich….“
„Warum sollten sie dich suchen? Sie kennen dich wahrscheinlich gar nicht. “ Eine von Papenkas Hände krallte sich in den struppigen Kopf meines Vaters und schüttelte ihn belustigt.
“ Weiß ich es ? “ Er rollte mit den Augen und verzog die Mundwinkel.“ Ich führe kein gottgefälliges Leben. “
“ Nicht einmal die Götter führen ein gottgefälliges Leben, du Sünder!“ lachte sie. Sie erbebte kurz unter ihre Freude, so dass ihre Haut wie Milch in einem Topf in kleinen Wellen alles Weiche und Sanfte ihres Wesens offenbarte. Der Schalk blitzte in ihren Augen als sie sich aufrichtete, und der Kopf meines Vaters in ihrer Schoss glitt
„Hey!“ Grunzte er.
„Hey.“ Sie stand schmunzelnd auf.

Mein Vater starrte an die Decke und wir auf seine Füße. Karee, der nie viel sprach, sprach noch viel weniger im Beisein meines Vaters. Seine Augen weiteten sich, sein Mund stand offen und seine klebrigen Hände suchte er hinter seinem Schild zu verstecken.

„Es werden mehr kommen. “
„Denkst du“ hörten wir Papenka aus der Küche. Karee eilte zu ihr.
Mein Vater richtete sich auf und wurde mir gewahr.
„Nein, ich bin mir sicher. Das war ein Kundschafter. Eine Vorhut. Wer soetwas fertigt, der hat nicht nur eins davon. “
Er strich mir über den Kopf, erhob sich und kratzte sich am nackten Bauch. Er schwankte ein wenig. Aber alle großen Wesen schwanken beim aufstehen. Nur Frauen und Kelloms können Aufspringen. Die schiere Masse hinderte ihn daran. Es hatte etwa beruhigendes.
„Ich werde morgen noch mal dorthin gehen. “
Sie sagte dazu nichts. Wahrscheinlich gab sie Karee gerade etwas zu essen.

Als mein Vater am frühen Morgen aufstand, hing der Bodennebel noch über den Lichtungen und glitzernder Tau benetzte die Farne und das Gras. Das Rascheln verriet die Kelloms, die noch unterwegs waren, aber er bekam sie nicht zu Gesicht. Er glaubte ihre Augen im Gebüsch zu erblicken, aber auch für ihn war das eher unwahrscheinlich.

Die Feuchtigkeit zog in seine Schuhe, doch er achtete nicht darauf, denn während er die morgendliche Stille genoß, schweiften seine Gedanken nochmal zurück zu Papenka, legten sich nochmal in ihre warmen Arme, fühlten ihren Griff an seinem Po, und vergruben sein Gesicht abermals in ihre grünen Haare.

Der Weg meines Vaters führte an dem Lauf eines Baches vorbei, der den Kelloms als Tränke diente. Ihre Reinlichkeit zwang die Kelloms dazu ihre Ausscheidungen zu vergraben. Daher war es für ungeübte Augen selten möglich entsprechende Plätze zu finden.

Trotz ihrer Beliebtheit konnte die Kellomjagd den Bestand nicht ernsthaft bedrohen. Die meisten Jäger wußten schlicht nicht wie man Kelloms aufspüren konnte. Aber das machte schliesslich den Reiz aus. Der Kot der Kelloms enthielt eine Vielzahl Samen und Wurzeln, die sie teilweise über Tage und Wochen in ihren Mägen trugen.
Gebiete in denen sich Kelloms aufhielten unterschieden sich in ihrer Vegetation gravierend von dem umgebenden Wald. Seltene Blumen befanden sich ebenso darin wie Bäume deren Ursprung hier nicht sein konnte.

Kelloms legten kleine Inseln in den Wäldern an, die die Pflanzenwelt eines anderen Kontinents offenbarten. Als ob ein höherer Plan dafür verantwortlich war, ergab die Zusammenstellung oft ein Bild, das in sich geschlossen schien. Die Nördlichen, das Volk, dem Papenka angehörte, nannte sie daher auch „die kleinen Gärtner“. Nichtsdestotrotz jagten sie sie.

Aber im Norden, wo sich die Bevölkerung durch grüne Haare und einer blassen Haut auszeichnete, gab es andere Legenden und Erklärungen für Bankea. Mir gefiel vor allem die Sage von dem Riesen, in dessen Haare wir rumwuselten und so ein Volk der Läuse darstellten. Unser ganzes Leben fand nur im Schlaf des Riesen statt. Wir lebten auf seiner Kopfhaut, sein Schweiss waren unsere Flüsse, und seine Unruhe unsere Erdbeben. Wachte er auf, dann war alles vorbei.

Die Kelloms hatten dem Bachlauf ein Blütenmeer beschert in dem faustgroße Schmetterlinge betört tanzten. Mein Vater liebte den Duft dieser wilden Gärten, bedeuteten sie doch auch, dass er weit genug von Dörfern und Städten, ja, Besiedlungen jeder Art entfernt war. Die Unart Kellomgärten zu plündern und ihre Blumen mit in die Häuser zu nehmen hatte die scheuen Gesellen an entlegenere Stellen vertrieben.

Gelbe, fettblättrige Blüten zehrten von dem Wasserlauf und wogen bedächtig ihre Knospen im kühlen Wind. Der Glanz ihrer Blütenblätter liess sie essbar und fleischig wirken. Doch mein Vater hielt sich fern. Bissspuren der Kelloms hätten ihn ein wenig beruhigt, aber das Blattwerk wirkte unberührt. Nichts schien diese Pflanze beim Wachstum und der Ausbreitung gestört zu haben. Im Gegenteil, eine ungute Ruhe flöste ihm alles andere als Vertrauen ein.

Er ging weiter. Sein Ziel war nicht jene Stelle, an der er sich in den Staub geworfen hatte, sondern eine Anhöhe unweit davon. Sie war hoch genug um dem Wind die Kraft zu geben ihre Bäume dauerhaft zu biegen oder gar zu brechen. Stürme hatten einen stärkeren Bewuchs zurückgedrängt und verhindert. Daher trat ihm nur kleinwüchsiges Gestrüpp in den Weg.
Auf der Anhöhe angekommen, sah er sich um. Die Wipfel der Bäume lag vor ihm wie ein grünes, tiefes Meer. Unergründlich in seiner Weite, undurchdringlich in der Tiefe. Vereinzelte Vögel kreisten am Himmel, doch nichts wies auf die Bewohner am Boden hin.

Alles schien friedlich, fast unberührt. Ein gigantisches Versteck, wenn man es aus einem anderen Winkel betrachtet, dachte mein Vater und ging in die Kniee. Er spähte in die Ferne. Sie hatten ihn weder gesucht noch gefunden. Im Grunde also alles Zufall.

Wäre er an ihn Stelle gewesen, so hätte ihn diese grüne Eintönigkeit dazu verführt nach Abwechslung zu suchen. Ansiedlungen.
Unterbrechungen der Eintönigkeit.
Ansiedlungen.

Er leckte sich die Lippen, bleckte die Zähne und zog gedankenverloren , aber hörbar die Luft ein. Sie würden wiederkommen.
Er betrachtete die Welt selten aus dieser Höhe.Es veränderte für einen kurzen Moment alles. Ihn.den Blick und die Ahnung, von all dem, was gerade passierte.

Ansiedlungen.
Er würde Ansiedlungen suchen. Behausungen. Intelligentes Leben.
Konkurrenten.

Verdammtes Pack.
Sie hätten auch einfach landen können.
Sie hatten es nicht getan. Grund genug ihnen zu mißtrauen.
Er drehte sich um, stand auf und ging zu der anderen Seite. Sah in die andere Richtung suchte nichts und dachte nach. Es war die Richtung aus der er gekommen war.
Er konnte Papenkas Dorf nicht sehen. Das verhinderte das Blätterdach, aber er ahnte wo es war und in gerader Linie, vielleicht eine halbe Tagesreise davon entfernt kräuselte sich feiner, schwarzer Rauch wie eine filigrane, skizzenhafte Zeichnung gen Himmel.Seine Augen wurden zu Schlitze und verengten sich mehr und mehr.

Er roch nichts. Aber das mochte am Wind liegen. Eine leichte, unmerkliche Brise. Nicht genug, um die Blätter zu bewegen, aber genug um diesen feinen Rauch zu verbergen. Eine feine Zeichnung, die wie ein Band in die Wolken Kroch und sich darüber auflöste. Mein Vater atmete laut. Der Rauch trug die Farbe brennenden Öls, doch soweit er brennendes Öl Kannte, verging es in den Flammen unbeherrschter, brachte Dreck und Schwärze mit sich, die alles überdeckte. Es war die Farbe des Öls die sich in den Himmel schrieb und vor die Wolken legte. Er hätte es ohne diesen Kontrast sicherlich nicht bemerkt.

Die Abwesenheit von weißem Rauch, hohen Flammen und die enge Konzentration auf einen Fleck deutete auf eine kontrollierte Feuerstelle, aber er verstand es nicht. Er wagte sich nicht zu rühren. Ohne die Anhöhe hätte er es nicht gesehen. Ohne ihr würde er es nicht sehen.

„Sie sind abgestürzt.“ Sagte eine Stimme.
In seinem Kopf.

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