Einleitung (Part 4)

Gut war an Morkan eigentlich gar nichts. Wollte man aber etwas finden, das er zu seinem Vorteil nutzen konnte, dann war es seine Unerschütterlichkeit. Die Nachrichten, die um ihn herum surrten, ignorierte er ab jetzt einfach, und umkreiste mit grossen Schritten den dargestellten Planeten.

„Nur Wald?“
„Zum größten Teil. Ein Viertel ist ein Meer, das in zwei Teile zerfällt. Es scheint durch eine instabile Landzunge getrennt, daher gehen wir davon aus, das diese Unterteilung sich ändern kann. Nicht aber der Anteil. Setzt sich ja auch aus dem Süsswasser…“
„Leben?“
„Wir gehen davon aus. Verschiedene Evolutionsstufen in allen Bereichen, die…“
„Höhere Lebensformen? Intelligenz? “
„Hm. “
„Was heißt hm.? Du bist ein Bibliothekar. “
„Es ist ein verficktes Datenchaos. Der Schwärmer ist abgestürzt und die Replikanten hatten wohl in den letzten Atemzügen die Poesie für sich entdeckt“
„Das heisst? Erkläre mir das. Ich will verflucht nochmal alles wissen, was du weisst, aber mich nicht mit dir aufhalten.“
Der Bibliothekar pfiff lautstark durch die Ränder seines Schnabels. Seine Knopfaugen, eingebettet in eine Höhle aus wulstigen Falten und Federn, blitzten Morkan wütend an.
„So läuft das nicht. Ich kann mit dem übermittelten Müll nichts anfangen. Sie haben ein Wortspiel aus den Inventarlisten angefertigt, und das Ganze verrührt mit dem obszönen Quatsch, den sie seit Jahren in dieser Büchse getrieben haben. Allein das Sichten dieses Materials trieb mir die Schamröte ins Gesicht. Und ich bin ein Bibliothekar, verdammt.“
Er bebte, und spürte wie sich seine eigenen Krallen in sein Fleisch bohrten.
„Das“ keifte er Morkan heiser an. Hielt innen und deutete erregt auf das Abbild Bankeas. „Das ist Forensik! Und zwar von so hoher Güte, dass es fast den Wert dieses Komposthaufens übersteigt.“
„Dieser Komposthaufen könnte unsere Zukunft sein. “
„Wer eine Zukunft sucht sollte nicht die billigsten, verhurten Replikanten dazu nutzen, sondern moralisch integere Wissenschaftler, die wenigstens ansatzweise einen Kodex befolgen, wie man ihn auf da missionierten Welten findet. Das war genetischer Müll, eine Krankheit, die mit ihren Ausscheidungen unsere Bibliothek zerstören kann. Nein, dafür habe ich kein Verständnis. “
„Bibliothekar, dich rettet nur deine Funktion.“
„Ich bin auch, Scheisse noch mal, nur deswegen hier. Also lass es mich auch richtig machen. Und raube mir nicht die Zeit und Kraft mit dem Quatsch deiner minderbemittelten Klone. Das ist das alles nicht wert. Und dieser grüne Schiss im All hat wahrscheinlich nicht mal Bodenschätze. Geschweige den Wilde, die du zur Ausbeutung nutzen könntest. Vergiss die Murmel und suche dir Königreiche, wie es sich für Morkan gehört.“
„Du sagst Morkan was sich für Morkan gehört?“
„Wer sollte es sonst tun?“
„Es gibt mehr Bibliothekare als alle Planeten in den bekannten Systemen.“
„Und ich bin genau deswegen hier. Du wüsstest das nicht. Es ist zum Kotzen, aber ich bin der Schlüssel zu all den Bibliotheken. “
Morkan drehte sich um und stapfte hinaus.
„Halt den Schnabel, Bibliothekar!“
„Nein, den ohne mich kannst du auch das anschauen, was in deiner Toilette zurückbleibt und du erfährst dabei genauso viel wie beim Anblick der Daten, die dir deine Klone heranschaffen.“
„Halte den Schnabel, Bibliothekar. “
„Du würdest in deiner eigenen Soße verrecken.“
„Halte den Schnabel. Ich warne dich.“
„Pfffff“

Morkan stapfte durch die Hallen, wischte Diener beiseite, trat Mägde in den Rücken und gab einem seiner Offiziere, der gerade vorbei lief, eine schallende Ohrfeige. Er stieß Flüche hervor. Er hieb sich auf die Brust. Und warf schliesslich dem taumelnden Mann ein paar Münzen zu.
„Nimm! Friss! Stirb!“ Heischte er ihn. Mehr zu sich selbst. Als zu irgendjemandem anderem. Es war unglaublich. Er schüttelte wütend den Kopf.

Der Bibliothekar lehnte sich schwer atmend gegen den Pult, glotzete das schwebende Bankea an und warf seinen kahlen Kopf zurück. Das würde nicht mehr lange gut gehen. Es ging um sein verficktes Leben. Die ganze Kacke begann viel zu sehr hoch zu kochen. Dieser Misthaufen war das nicht wert. Nichts von alledem.
Seine Krallen klammerte sich an die Kante und er beugte sich ganz langsam vor. Diese Kugel sah aus wie etwas, das Käfer aus ihrer eigenen Scheisse rollen.
Und er wusste nichts. Gar nichts. Diese Krüppelbäume konnten alles mögliche unter sich bergen. Man könnte noch tausend Schwärmer dorthin senden. Aber nein, das ging ja nicht. Diese Drecksklone, dieses degenerierte Pack, durften sich ja nicht begegnen.
Er ließ den Kopf sinken. Starrte auf die Platte. Wie sollte er so arbeiten?

Morkans Schlafzimmer war eine gepolsterte Hölle aus schreienden Farben, die in ihrem Widerspruch dem Auge keine Ruhe gönnen wollten. Es waren Webereien, die blinde Kinder unter Drogen erzeugen mochten, und daher schien es einem Wunder zu gleichen, als er den schlafenden Körper entdeckte. Halb entblößt hatte sich Goms unter dem Knäuel drei kontrastierender Decken verkrochen. Nur sein Rücken, der die Farbe einer sonnenbeschienen Wüste offenbarte, lag makellos und unverdeckt frei. Morkans Augen strichen den kleinen Erhebungen, die die Knochen seines Rückgrates bildeten, entlang, verharrten an jener Stelle die den Übergang zu den muskulöse Backen bildeten und eine verirrte Oase wilder Häarchen zeigte.
Morkans Blicke zogen seine Pranken nach sich, und mit wissender Bestimmtheit schob er die Decke zurück, betrachte was er sah, die Haare, die sich aufzurichten begannen, das Weiß vormals bedeckter Stellen und mit einer ungewohnten Vorsicht senkte er sein Haupt, ging in die Kniee und strich mit seiner Zungenspitze über die Spitze der Haare bis in Wärme der salzige Haut.
Er würde ihn in die Polster treiben, unter die Kissen schieben und ihm den Rücken zerkratzen, bis er ihn wieder in sich spürte. Er würde seinen Schweiss trinken, in seine Fäuste beißen und die rauhe Hornhaut seiner Füsse auf der Brust spüren. Er würde ihn lieben und schreien lassen, bis er nicht mehr wüsste, ob es das eigene Blut oder Goms Schläge sind, die in ihm pochen.
Der nackte Körper vor ihm regte sich seufzend. Morkan legte leise lachend eine Hand auf den Rücken und drückte ihn nieder.

Wie ausgestorben wirkten die weiten Flure des Palastes. Nur die vereinzelten Wachen sahen den Bibliothekar herablassend und lächelnd an. Er wirkte gedemütigt, aber seine Haltung war schon immer gezeichnet von seinem Alter und der hohen Schwerkraft, die Morkan bevorzugte. Er stand in seinem eigenen Schweiß, wenn er sich bewegte. Es konnte einen verrückt machen. Er hasste das. Diese verdammten Fleischbrocken gingen davon aus, das jeder so aussehen wollte wie sie. Es drückte ihn zu Boden, schmerzte wie irre und drehte ihm jedes Mal aufs Neue den Magen um.
Er war von Falten gezeichnet. Ein kleiner Buckel hatte das permanente Senken des Kopfes gefördert und nicht nur wegen seinem Schnabel glich er mittlerweile einem getretenen Vogel. Er verachtete diese freudlose Dekadenz, die ihn dazu zwang sich mit fetten, behaarten Männern einer hirnlosen Rasse abzugeben. Dieser kulturarme Haufen ohne Vergangenheit, der sich mit seinem Wissen schmückte.
Mutlos ließ er die Krallen auf dem Boden schleifen. So wurde sein trottender Gang von leisen Kratzgeräuschen begleitet.
Drehte er die Krallen regelmäßig, so wurden sie schärfer als Rasierklingen. Er würde sie zerfetzen, diesen verdammten Dreckstaat zerlegen. Er wusste alles über diese tumben Barbaren. Pure, rohe Gewalt hatte sie dorthin gebracht. Aber ihre verfickten Schädel brechen wie Eierschalen.

Goms war ein Poet des Kampfes. Ein Krieger, der alle alten Schulen in sich vereingte. Eine Hymne, auf das was Körper leisten konnten. Wo immer Morkan ihn berührte spürte er die gespannten Fasern, die Muskeln und das pure Fleisch, das sich ihm kraftvoll entgegenstreckte. Morkans Zähne vergruben sich zärtlich in seinen Hals, seinen Finger suchten Öffnungen, weiteten sie vorsichtig, während seine Zunge alles umkreiste, den eigenen Speichel auffing, neu verteilte, mit dem Salz vereinigte und seine Atem nahe an Goms Ohr die Luft einsog, die Lust ausstiess, bis sich alles zwischen den Lenden konzentrierte und nur noch purer, nasser, feuchter Körper war. Goms drückte ihn wieder und wieder zu Boden, füllte ihn aus und entzog sich ihm, so das Morkans Blick sich verschleierte, Tränen seinen Bart benetzte und er sich mit geschlossenen Augen umdrehte, Goms in sein breiten Arme nahm und einschlief.

“ Aber du wirst nichts tun, oder?“
„Wie? Ich werde nichts tun? Ich werde alles tun, was notwendig ist. Ich werde diesen Stall ausmisten. Ich werde das tun. Ich werde es machen. Ich. Ich mache es. “ Er nahm das Glas mit dem Schnabel auf, steckte die Zunge hinein und schlug den kopf mit einem Ruck in den Nacken. Er liess das Glas fallen. Hustete kurz. Sah dann den Burschen an.
„Du bist aber verfickt jung. Liebe Scheisse. gibt es hier keine Huren ?“
Das nächste Glas. Er nahm es. Testete mit der Zunge. Stürzte es runter. Liess es fallen.
„Sowieso egaI. Ich kriege auf diesem Drecksschiff keinen hoch. Das ist wie einem Geleeglas, nicht wahr, Bürschchen? Alles süss hier. Verfickt süss. Du klebst wie Zucker, Kleines. Aber diese Schwerkraft dreht mir den Hahn ab ,drückt mir die Lunge zu und macht mich zu einem Schrumpelgreis. Keine Huren, keine Liebe und dieser mörderische Druck, der mich kastriert. Ich werde hier krepieren wie eine Kröte in der Wüste. Ich hasse dieses Drecksschiff, diese Geschmacksverirrung die sie Palast nennen. Und vor allem hasse ich diesen biligen Hintern, den du an mich reibst. Was für eine elende , heruntergekommene Welt.“
Glas.Ritual. Scherben.
Er legte seine Krallen auf die Schulter des Jungen. Zog sie zusammen, griff zu und saugte gierig den Geruch ein „Riecht wie ein Küken. Eine Süßspeise. Etwas, das man auspacken möchte.“
Und sagte:
„Aber man wird verdammt schnell besoffen. Verfickte Schwerkraft. Ich könnte dir Geld geben, damit du dich ausziehst, Kind. Aber ich bin besoffen . Ich würde kotzen. Das macht keinen guten Eindruck. Nee,wirklich nicht. Du riechst wie ein beknackter Nachtisch. Das gibt es doch nicht. Als würde man es mit einem Pudding treiben.“ Der Bibliotkkar sah ernst in die braunen, sechs eckigen Pupillen des Jünglings. Ein Schwarm wilder Eindrücke machte ihn kurz atemlos, dann sagte er nur noch
“ Ist das eine verkackte Scheisse hier “ und verliess das Lokal.

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