Einleitung (Part 5)

Mein Vater drehte sich zur Seite. Erst nach links, dann rechts und wendete sich schließlich um. Ein Kellom stand unweit von ihm. Wie für seine Art typisch verharrte es aufrecht und regungslos. Nur die Augen vibrierten nervös hin und her. Große schwarze Pupillen, an deren Ränder in regelmäßigen Abständen, abhängig von seinen nervösen Blicken das verborgene Weiß seiner Augen auftauchte. Es wirkte nicht scheu, aber aufgrund der unruhigen Bewegungen hypernervös. Als würde es schrecklich neben sich stehen und auf eine Reaktion meines Vaters warten.

Kelloms in dieser Höhe, auf einer fast baumlosen Ebene, dieses Verhalten entsprach ihnen nicht…
„Nein, tut es nicht, aber was soll man machen? “
Die Stimme wartete kurz und fuhr dann fort.
„Du bist auch hier, und was ein Tischler hier will, dass dürfte den meisten auch nicht aufgehen.“
Das Kellom bewegte sich nicht, fiel quasi in Starre und seiner Augen fixierten meinen Vater eindringlich. Es hielt ihn fest, als wollte es ihn bannen. Er dagegen ging in die Kniee, stützte sich auf mit einer Hand auf den Boden, aber suchte mit einer anderen, die er unbeobachtet glaubte, nach einem Messer in seinen Taschen.
„Was soll das? Willst du mich schlachten und fressen. Ich habe dir gesagt, sie sind abgestürzt. Ist das dein Dank? Ist es das? Dein Dank?“
„Du? „Mein Vater hielt blitzartig alle Hände hoch, zeigte die Handinnenflächen und sah aus wie ein Käfer im Anflug.
Das Kellom betrachtete ihn eingehend. Es blies die Backen auf und liess die Luft pfeifend entweichen.
„Sie sind abgestürzt. Sind sie. Kurz nach dem du sie gesehen hast. Du hast sie gesehen. “
„Wieso bist du in meinen Kopf? “
„Ich bin nicht in deinem Kopf. Ich bin hier. “
„Du redest mit mir.“ Die Worte meines Vaters mussten wie ein verwirrter Monolog wirken. Er sprach mit trockener Stimme das Kellom an, aber das bewegte seine Lippen nicht. Doch es schien zu lächeln, und sein kleiner Körper entspannte sich.
„Nein, du bist nicht verrückt. Wir sind jedenfalls nicht der Meinung. Alle. Und das sind eine ganze Menge. Kann ich dir sagen. Mit einem Verrückten würden wir nicht sprechen. Das macht niemand. Keine Chance. Die Auswahl wäre größer. Zugegeben. Aber, nein, das ist nicht unser Ding. Machen wir nicht. Niemals. Würde schief gehen. Wir hatten es früher mal versucht. Aber es verbesserte die Situation nicht und war uns keine Hilfe. Ich bin übrigens ein Kellom. Schon klar, oder? Ich meine, du erwartest, dass ich mich vorstelle. Ihr nennt uns Kelloms. Aber, es ist einfacher. Wenn du erlaubst: Soy. Ist mein Name. Sohn der älteren Soys. Ja, es wird dich verwirren. das war mir klar. Das war mir klar. Es wird dich verwirren. Jaja. Wir heißen alle Soy. Alle. Die Älteren. Die Jüngeren. Wir fanden der Name passt gut zu uns. Seither taufen wir unsere Kinder Soy. Es ist ein schöner Name, nicht wahr? Ich mag ihn wirklich. Wir alle mögen ihn. Wir mögen den Wohlklang, die Einfachheit und das unbestimmte Geschlecht darin. Töchter, Söhne, Brüder und Schwestern. Ist auch einfach zu schreiben. Ich mag ihn. Nein, wir müssen uns nicht unterscheiden. Wieso auch? Meine Brüder sind wie ich. Meine Schwestern. Im Grunde sind wir alle gleich. Ich freue mich zum Beispiel, Soy zu treffen und er freut sich auch, und meine Schwester, auch Soy, gönnt uns das.
Aber jetzt. Bitte. Bitte. Du darfst jetzt Fragen stellen. Soy denkt, du hast bestimmt sehr viele. “
„Wieso, um Himmels willen, ….“
„… heißen wir alle Soy? Du dachtest das schon. Nein, wir sind nicht verschieden. Verwirrt dich das? Es verwirrt dich. Ich habe es gewusst. Ich habe es gewusst. Ich habe es gesagt. Gleich. Tut mir leid. Tut mir leid. Tut mir leid. Frage weiter. Frage bitte weiter. Aber bitte nicht immer dasselbe. Das strengt uns an. Und eigentlich, im Grunde genommen, brauchen wir deine Hilfe. Das ist der Grund. Das ist der Grund. Die Idee. Deswegen bin ich da. Deswegen bin ich da. Also jetzt. Naja, es hat noch ein bisschen Zeit, aber es kann nicht schaden, wenn wir uns ein bisschen ranhalten. Soy drängt. Soy drängelt eigentlich immer. Nein, nicht ich. Wir. Soy. Ich sehe das wird kompliziert. Wir denken nach. “ Die Stimme schwieg. Das Kellom versteinerte. Nicht mal die Nüstern bebten. Ausgestopfte Kelloms sahen genauso aus.

Mein Vater hob an, doch sofort hörte er wieder die Stimme. Er klappte den Mund zu und schwieg.

„Nein, du brauchst nichts sagen. Nicht notwendig, ich höre dich auch so. Kein Thema, du sprichst mit uns allen. Wenn du eine Stimme hörst, sei froh. Sei froh. Ich höre tausend Stimmen. Millionen. Ich höre alle Soys. Du hast ja keine Ahnung, wie viele es von uns gibt. Keinen Schimmer. Daher- können wir das lassen? Wie brauchen deine Hilfe. Unbedingt. Jetzt. Wir Kommen nicht rein“
Wo rein? Dachte mein Vater,
„In das Schiff. In das Schiff. Wir kommen nicht rein. Es brennt, es raucht, es dampft, es brennt wie tausend Bäume. Brennt und brennt und brennt. Du hast den Rauch gesehen? Das ist nicht normal. Dieser Rauch. Wir sind dort, aber weiter kommen wir nicht. Du hast 6 Arme, ….“
„Du liest meine Gedanken, verdammt“
„Ja, was denn sonst? Wie sollte das gehen ? Ich spreche nicht, ich habe keine Zunge. Sieh her'“
Soy riss sein Maul auf, verharrte so und wandt sein Kopf in alle Himmelsrichtungen und klappte es wieder zu. Keine Zunge.
„Keine Zunge, genau. Wie ich bereits gesagt habe. Keine Chance so schön laut wie du zu agieren. Oder hast du jemals davon gehört, dass ein Kellom einen Ton von sich gegeben hat? Nur einen Ton. Nur einen Ton. Nichts! Für euch sind wir stumm. Aber ihr quasselt… ich kann dir sagen. Reden wir nicht darüber. Kannst du helfen? Willst du helfen? Hast du Fragen? Immer noch? – Gut, pass auf, es ist gar nicht so schwer. Wir Soys hören uns alle. Wie gesagt. Aber die meisten schweigen. Oder verstärken, naja, den Chor. Es könnte einen verrückt machen. Dich würde es verrückt machen. Dein Kopf ist nicht dafür geeignet. Es tut mir leid. Das ist so. Schau dich an. Deine Augen platzen gleich. Deine Hände wollen irgendetwas machen. Und du hast wirklich viele Hände. Du könntest uns gut helfen. Willst du uns helfen? Du solltest uns helfen. “
Das Kellom fixierte meinen Vater von neuem, begann aber nun mit dem Schwanz zu klopfen und die Füße auf und ab zu bewegen. Es wurde unruhig. Der Klang der Stimme begann an Höhe zu gewinnen.
„Richtig, ich bin dass nicht gewohnt hier oben. Und ja, ich fühle mich nicht wohl. Und du solltest unbedingt lernen deine Fragen direkt an mich zu richten. Deine Gedanken sind ein Chaos. Und ich will nichts über Papenka wissen. Das alles geht mich nichts an. Es macht keinen Spaß dort ein zu dringen. Wirklich nicht. Und nein. Ich höre nicht auf. Ja, es war einfacher als du noch geredet hast. Aber ich habe keine Zeit. “

Mein Vater stand auf. Trat auf das Kellom zu und besah es sich von oben. Er hatte noch nie ein zahmes Kellom gesehen.
Das Kellom bleckte die Zähne.
„Ich bin kein zahmes Kellom. Mein Name ist Soy. Soy, gewöhne dich daran. Und, ja, genau, du hast recht. Lass uns aufbrechen. Es wird Zeit. “

Über Kelloms wusste man nie sehr viel. Sie waren von einer unüberschaubaren Zahl, wohlschmeckend und quasi nicht auszurotten. Sie hatten ein vorstehende Maul, wie es oft Raubtiere haben, die sich immer mal wieder durch Geďärme wühlen müssen. Ihr Fell wärmte gut in den Wintermonaten, aber für eine ausreichende Decke benötigte man mindestens vier Kelloms. Die Kellomjagd war aufwendig, und nur erfahrene Jäger brachten genug Beute heim um eine Ansiedlung bei Laune zu halten. Kellomfleisch enthielt wenig Fett, war außergewöhnlich zart und aufgrund der Vorliebe dieser Gesellen für frische Kräuter und saftige Blüten ausgesprochen schmackhaft. Daher beliebt und gerne gesehen auf ganz Bankea.
Kelloms gingen aufrecht, zogen jedoch eine gebückt Haltung vor. Selbst im widerlichsten Todeskampf gaben sie kein Laut von sich. Entgegen häufig geäußerten Vermutungen waren sie alles andere als mutig und bissen auch nicht die Zähne zusammen. Sie wären nie auf diesen Gedanken gekommen. Sie hatten eine unglaubliche Angst vor den Jägern, waren so scheu, dass sie vor ihrem eigenen Schatten erschraken, und starben an einem Herzschlag, wenn sie in Gefangenschaft gerieten. Das hatte so gar nichts mit einem Suizid zu tun. Sie waren friedliche, kleine Veganer. Einem anderen Plan zufolge hätten sie vielleicht die Spielkameraden unserer Kinder werden können. So jedoch wurden Kochbücher über ihre Zubereitung verfasst.

Ihr Gang war watschelnd bis tänzelnd, doch zeichnete sich nie durch Eleganz aus. Im Gegenteil es konnte etwas erheiterndes haben ihre Flucht zu beobachten, wenn sie ihr Hinterteil raustreckten und der Schwanz in einem geheimen Rhythmus nach beiden Seiten ausschlug.

Sie ließen sich nicht fangen, sie ließen sich nicht zähmen, sie kamen daher nie in den Genuss von Stall und Hof, sondern führten einfach nur ein geheimes Leben in allen Klimazonen Bankeas. Es gab keine bekannten Wanderungen, keine längeren Schlafperioden über Monate, aber auch keine Nester und das Geheimnis ihrer Fortpflanzung war noch ungeklärt. Noch niemand hatte ein Kellomjunges gesehen. Aber es stand auch noch niemand einem lebenden Kellom so lange gegenüber wie mein Vater. Und geredet hatte sowieso noch niemand mit ihnen. Novum über Novum.

Sie hatten das Dorf zeitraubend umgegangen, daher dunkelte es schon. Nur das Feuer selbst und die Sterne beleuchteten die Szenerie. Das schwache Glimmen reichte aus Berührungen und Annährungen aufzuhalten. Rauch und leichter Bodennebel ließen die Szenerie unwirklich und diffus erscheinen. Einige Kelloms waren kaum wahrzunehmen, schwebten scheinbar lautlos durch eine Traumkulisse und überhaupt war alles wesentlich geräuschloser als gewohnt.
Das schillernde Schiff lag schwarz verrußt zwischen einer Menge zerbrochenem Holz. Unzählige Blätter bedecken den Boden, als wenn bereits das Jahresende eingetreten wäre. Die Spur, die es durch den Wald gezogen hatte sah aus wie von einem Riesen, der ausgerutscht und der Länge nach hingeschlagen war.

Uralte Bäume waren zur Seite weg geknickt als wäre es ihre Bestimmung gewesen einer stärkeren Macht zu weichen. Das Schiff hatte eine Furche geschlagen, die von einer unbekannten Geschwindigkeit erzählte. Es glich dem Einschlag eines Meteors, der Wucht eines Tornados und der Wut eines großen Tieres, wie man es hier wirklich nicht kannte. Das Ausmass der Zerstörung liess meinen Vater staunen .
Er suchte den verusachten Schaden abzuschätzen. Eine volle Woche Schlagarbeit schien ihm nicht ausreichend. Selbst, wenn das ganze Dorf beteiligt gewesen wäre.

Soviele Bäume fällten sie, wenn das Dorf erweitert werden sollte, oder der Winter nahte. Das Schiff strahlte die Wärme eines Kochtopfs aus. Wer immer darin war müsste jetzt gar sein.

Soy, das Kellom, das neben meinen Vater stand, schüttelte den Kopf.
„Nein, das denken wir nicht. Nein, das wird nicht so gewesen sein. Nein, ganz und gar nicht. Schau, überlege mal. Das Schiff muss so gebaut sein, dass die Hitze nicht nach innen dringt.“ Soy kämpfte erkennbar mit Worten und wußte nicht, wie er es meinem Vater erklären sollte. Reibungshitze, Schutzschilde, Atmosphäre.
„Schau, siehe es so “ fuhr Soy fort. „So weit oben, sie kommen der Sonne viel näher. Sie müssen geschützt werden.“
„Du meinst sie leben noch?“
Das Kellom zuckte mit den Schultern. Es war für einen Moment so, als ob alle Kelloms mit den Schultern zuckten.
„Möglich. Das ist durchaus drin. Könnte also sein. Tatsächlich befürchten wir es. Das ist es was uns Sorge bereitet. Es ist also möglich . Ja. „

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