Einleitung (Part 9)

Herr Shinquasz, der Bibliothekar lag mit dem Rücken auf seiner Couch und malte in Gedanken boshafte Schmierereien an seine Decke. Er verschränkt schließlich die Arme, schloss die Augen und versuchte es der Ruhe schmackhaft zu machen, bei ihm einzukehren.

Doch vor seinem inneren Auge spielten sich widerwärtige Tragödien ab, die er dennoch, trotz seinem Schlafbedürfnis, geniessen wollte.

Er fuhr hinein in den Haufen der Barbaren und riss ihnen Gliedmaßen und Genitalien ab, er weidete sie aus und labte sich an ihrem Schmerz . Er hasste sie so sehr, das er aufgewühlt dalag und unter der Last der Schwerkraft, sowie der eigenen Erregung leise zu keuchen begann.

Es war ein Witz. Er lachte innerlich ein Lachen, dass ihn selbst in irritierte. Sie hatten ihm mit dieser unbotmäßigen Schwerkraft seiner Potenz beraubt. Aber der dadurch entstehende Hass begann ihn zu berauschen. Mit einer Wucht, die ihn gleichmaßen beängstigte wie befriedigte.

Seine Fantasien überzogen ihn wie warmes Wachs, hüllten ihn in schweißtreibende Hitze und liessen ihn nach Luft schnappen.

Er lag auf der Couch, weil er sich krank einsam und leer fühlte. Die künstlichen Nächte sollten ihm helfen seine innere Mitte, seine Ruhe und seinen Rhythmus zu finden. Sie sollten den Tageablauf strukturieren und einer Disziplin Vorschub leisten. Tatsächlich zerrte das Bewußtsein, dass es hier gar keine Nächte gab, an ihm, grub seine Augen in faltige Höhlen, färbte sein Schnabel erst milchig, dann in ein schmutziges Grau und zersauste seine Federn, als sei ein nasser Sturm durch sie gefahren.

Der Palast Morkans schwebte durch eine beängstigende Unendlichkeit, die eintöniger nicht sein konnte. Welten über Welten zogen vorbei, eine verbrauchter als die andere. Ein unendliches Murmelspiel mit porösen Kügelchen, die zu zerbrechen drohten.

Planeten voll Gedanken, Galaxien voll Ideen, verruchtes, verrohtes und verdorbenes Zeug, das er ernten musste. Sicherungen. Backups. Archive anlegen. Nummerieren. Katalogisieren.

Manchmal holten die Soldaten, die Horden Morkans, ihn, und er hatte dann das Gefühl sie brachten ihn in Metzgereien, Schlachthöfe. Aber nein, sie grinsten ihn dann an und hielten zwischen sich, blutüberströmt zwar, ein vernunftbegabtes Wesen, von dem er doch bitte noch eine Synchronisation der Erinnerung, des Wissens und der Fähigkeiten machen sollte. Wenn er so freundlich wäre ? Aber möglichst schnell. Bitte. Wenn schon.

Es war seine Aufgabe als Bibliothekar genau das zu tun. Das Wissen aller Wesen abzugreifen. Daß er einen Handel damit trieb, das war geduldet und bekannt. Daß es Bibliothekare gab, die eher Drogenhändler als Anhänger des edlen Berufstandes waren, darüber dachte er nicht mehr nach.

Es gab einen Markt für was auch immer.

Was er in diesen FolterkeIlern bekam, von denen es übrigens unzählige auf diesem Schiff gab, das war ein zerstörtes Erinnerungskonstrukt, das zerquetscht und überlagert war von all den Schmerzen und den Leiden der Opfer, die man ihm feist grinsend reichte.

Er synchronisierte das Leiden, die Schreie und Schmerzen, aber kaum etwas verwertbares. Es war blutiger Müll , der seine Archivierungskunst befleckte und ihn zu einem Massenmörder werden liess. Das Aufsammeln dieser Erfahrungen wurde zur Routine, seine Empathie entschwand in ein Nichts und seine Gedanken suchten nach Räuschen, die ihn in stillen Minuten einschüchterten.

Er lag auf der Couch, weil das genau der Platz war, auf den in seine EItern dereinst nachts legten, wenn er sich als Kind fiebrig im Bett gewälzt hatte. Sie nahmen ihn in ihre Mitte, liessen ihn zur späten Stunde an ihrem Abend teilhaben, achteten auf ihn, legten kühlende Lappen auf seine Stirn und liebkosten seine Wangen, bis das Fieber wich.

Darum lag er auf der Couch und starrte schlaflos an die Decke.

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Einleitung (Part 9)

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