Einleitung (Part 13)

„Wir sind keine Nomaden, Morkan, keine Bauern und keine Tölpel.“
Sie brannte. Ihr Gesicht brannte. Ihr feuerrotes Haar umrahmte sie wie züngelnde Flammen. Und sie warf es zurück wie einen Umhang, reckte ihr Kinn vor und sah ihn herausfordernd an. Sie stand vor allen, und wahrscheinlich auch für alle.

Das Gemurmel war der Teppich. Die Gundlage für ihre Entrüstung und breitete sich aus wie Wasser, das den Berg hinab rann. Dieses waren die Räte, zusammen der Rat und Morkan sah die Stufen hinab auf die Frauen und Männer, die sich dicht gedrängt im Saal aufhielten. Er deutete Zirmja, sie möge weiter reden .

Zirmja d’Onco, er hatte sie selbst in den Rat berufen. Sie hatte mit Gom trainiert. Seinen Ehrenkodex aufgesogen, seine Leidenschaft übernommen. Sie war eine verdammte Romantikerin.Tochter aus alten Adel, eine Linie bis zur Geburtsstunde von allem, aufgewachsen mit zu vielen Erzählungen und einem unstillbaren, infantilen Zorn.

Sie hob an und übertönte mit ihrer Stimme alle.
„Es mag sein, dass du, Morkan, satt bist. Es mag sein, dass du einer Altersruhesitz brauchst. Wie auch immer. Vielleicht willst du es ja ruhiger angehen lassen.“
„Vielleicht willst du mir ja die Gefolgschaft entsagen? Vielleicht willst du ja den Kopf verlieren, du freches Gör ?“  Morkan Verärgerung ließ ihn nach vorne schnellen.
Sie schrak zurück, umklammerte mit einer Hand ihr Schwert und festigte sofort wieder ihre Haltung. Ihre Sommersprossen schienen zu glühen, ihre Augen wurden zu Schlitze.
„Das will ich mitnichten. Kein Zweifel verrückt meine Position. Wie immer bin ich an der Seite Morkans, daran wird sich nichts ändern.“
Ihre Brust hob und senkte sich, ihre Tonlage wurde höher, doch die Worte kamen langsamer, deutlicher, betonter hervor. Sie sah Morkan direkt in die Augen, und er bemerkte die Brüche und Linien, aber auch die geplatzten, roten Adern . Sie war schon sehr zornig. Ihre Haltung verriet ihre Anstrengungen, und das sie sehr genau wußte, wer hinter ihr stand. Und wer nicht.
„Aber wir sind Piraten. Wir alle sind Piraten. Wir haben den ganzen Bereich erobert. Wir haben ein komplettes System. Wir haben die Häfen, den Binnenverkehr, wir erheben die Zölle. Schau hinaus. All diese Schiffe, königliche Fregatten, militärische Einsatzkräfte und das komplette Verkehrswesen von 10 weiteren Systemen muß an uns vorbei. Wir haben sie in der Hand! “
Morkan schwieg. Sein Blick glitt über die Umstehende. Kämpfer, ganze Generationen von Kämpfer hatten sich dort versammelt, zu wenig Intellekt, voll Einsatzfähig, aber keine Weitsicht, dachte Morkan. Die Schuhe mit Blut befleckt , doch nicht in der Lage nach der Schlacht den Sieg zu nutzen. Es war gefährlich auch nur einen einzelnen von ihnen  zu verlieren. Aber mehr wären sein Tod.

Zirmja war hübsch, jung, ungestüm. Sie hatte das zerbrechliche Selbstbewußtsein ihrer Familie. Sie war der Glücksfall für die schweigenden Hohlköpfe, die sich in der Masse verbargen.
Morkan sah sie alle an und senkte seine Stimme. Er wollte nicht aufgebracht erscheinen.

„Piraten? Ja? Ist es nicht wesentlich komplexer? Schaut euch an. Die meisten von euch sind Krieger. Viele von euch standen mit mir auf dem ersten Schiff. Schlugen die ersten Schlachten mit mir, erangen die ersten Siege. Die Beute teilten wir, wie es sich gehört. Andere schlossen sich uns an , Schiffe kamen hinzu, die Schlachten wurden größer und gewaltiger, die Siege spektakulär. Nahmen wir zu Beginn andere Schiffe ein, so sind es nun Planeten. Planeten. Ein ganzes System. Ein Knotenpunkt. Bewegten wir uns früher als siegreiche Flotte, als Armada durch die Systeme, gefürchtet wie eine Katastrophe die Königreiche auslöschen und Sterne verschlucken konnte, so sitzen wir heute wie eine fette Spinne im Netz und verteidigen das, was wir erobert haben. Piraten ! Ha! Entschuldigt, wenn ich lache. Die jüngste unter euch, ein Mädchen aus dem Haus d’Onco nennt uns also Piraten und keiner von euch will ihr etwas dazu sagen ? Wollt ihr ihr nicht den Mund verbieten? Sie zum Schweigen bringen?
Ich glaube gar, ihr stimmt ihr zu. Da war doch was. Da ist doch was.“
Morkans Pranken stützten sich auf die Thronlehnen. Er richtetete sich auf. Und fuhr fort.
„Die Wahrheit ist, wir werden hofiert, wir haben Gouverneure, Sklaven, betreiben Handel und lassen Königshäuser auf- und untergehen. Politik und Buchhaltung bestimmen unser Leben. Zoll und Tagebau. Replikatoren und Bibliothekare treiben sich im Palast herum.
Es wird Zeit, das wir überfallen werden. Ich hätte es schon längst getan. Dieses ist ein Schiff. Es treibt wie eine Station durch diese sterbenden Staubkörner, die keinem von uns eine Heimat sind.
Piraten? Ich sehe hier keine Piraten. Nur Buchhalter, Zöllner, Soldaten, Höflinge, Speichellecker und 25 neue Räte, die sich wie Fußangeln gebärden und für unverzichtbar halten.
Damit das klar ist, ihr Piraten, wir kapern nicht mehr, wir verteidigen nur noch und es ist nicht mal unsere Heimat. Das alles hier ist Stillstand. Keiner von euch kann mir erzählen, dass er sich das gewünscht hat.“
„Das alles aufgeben für diese Komposthaufen ?“ Er ahnte woher die Stimme kam, aber das Gesicht dazu blieb in der Menge verborgen.
„Was geben wir denn auf? Jede, dieser Welten wird zu unseren Lebzeiten sterben. Der Knochen ist abgenagt, die Frucht ausgepresst und wir haben dieser Welten alles abgerungen, was wir aus ihnen gewinnen konnten. Wir haben mehr als wir brauchen. Unsere Frachter sind angefüllt mit seltenen Erden, Salzen, Gewürzen, Edelmetalle und Treibstoffen jeder bekannten Art. Wer immer da draußen eine Karriere plant wird uns bald als Ziel und Opfer sehen.
Dieses ist ein Knotenpunkt. Und wir glauben einen Schatz zu verteidigen, aber ihr habt ja keine Ahnung, wie die Gouverneure und Verwalter dieser toten Planeten nach Soldaten und Waffen schreien.
Was ich mit der einen Hand einnehme, das schmeisse ich doch mit der anderen wieder raus. Außenposten, Verteidigungslinien, Frühaufklärer, Schutzschilder, es ist ein verdammter Unsinn mit dem wir uns hier beschäftigen. Überlassen wir diesen Friedhof sich selbst und ziehen von dannen. Suchen wir uns eine Heimat. Einen Hafen. “
„Und warum ausgerechnet diese grüne Hölle? Bankea? Wer hat jemals davon gehört? Soweit ich weiß haben wir einen Schwärmer verloren.“ Andere Stimme, andere Ecke und obwohl Morkan spähte, konnte er das Gesicht nicht entdecken.
„Bankea ist eine junge Welt. Fruchtbar, unbekannt, vielleicht besiedelt, aber noch nicht ausgebeutet. Sie liegt abgelegen von den bekannten Routen. Sie ist noch nicht erschlossen, eher mittelmäßig kartographiert, und nicht mal unser Bibliothekar konnte uns bisher etwas dazu sagen.“
„Das heißt Gefahren?“ Morkan wollte nicht mal wissen, von wem das kam.
„Das heißt Gefahren! Natürlich !“
„Das klingt sehr spontan und unüberlegt.“
„Klingt es. Ja, wenn man an Morkan zweifelt. Dann klingt es sicherlich so. Seit langer Zeit durchpflügen meine Schwärmer den kompletten Raum. Es war klar, wenn so etwas kommt, dann müßen wir zuschlagen. Ich weiß nicht wieviele Schiffe dort draußen meinen Schwärmern folgen. Alleine nur, weil es meine Schwärmer sind. Keine Ahnung wieviele Spuren wir jetzt gelegt haben. Wollen wir Bankea, dann müssen wir so schnell wie möglich reagieren.
Und was soll uns dort passieren? Wir waren auf Planeten, auf denen wir Riesen begegneten, gasförmige Wesen und Gestalten, deren Tentakel plötzlich überall waren. Es gab Luft, die uns dazu brachte unsere Seele blutig auszukotzen. Unsere Lungen waren perforiert, unsere Hände zum knallen gross und Egel saugten uns in öligen Schlammwüsten aus. Es war alles da, wir sind immer noch hier. Wir machen uns die Welten untertan. Wir weichen nicht, bevor wir das nicht erreicht haben. Ihr seid Morkans Horde und wir holen uns eine neue Heimat. Eine Basis, auf der wir leben. Einen Garten. Und nochmal: Wenn es dort giftige Pflanzen sind, dann roden wir den Kram. Tiere, die uns bedrohen, rotten wir aus. Eine junge Welt, dazu gemacht sich uns anzupassen.
Piraten? Hier hängen wir fest. Dort werden wir einen Hafen haben. Unseren Hafen!“
Zirmja schien abzuwägen. Sie sah sich um. Das vorsichtige Gemurmel verriet ihr nichts, aber es bedeutete auch keine Zustimmung.
Sie blickte zu Morkan auf.
„Was wird mit dem Knoten? Was wird mit denen, die nicht zustimmen?“
„Ich will dir etwas sagen, Mädchen. Dieser Knoten wird bedeutungslos werden, wenn die Außenposten fallen, weil ihnen das Wasser und die Luft ausgeht. Diese Planeten werden in Aschewolken ersticken. Was jetzt noch an Ozeanen vorhanden ist, das wird zur Kloake oder ganz verschwinden. Gouverneure werden fliehen und Sklaven aufstehen. Die Verteidigungslinien werden brechen und überrannt werden. Es werden neue Völker kommen, neue Piraten und neue Imperien enstehen. Für die jungen Völker ist mein Ruf Geschichte, maximal eine Herausforderung, aber es wird sie nicht abhalten die schwächste Stelle anzugreifen. Dieser Knoten wird uns unseren Reichtum, unser Leben und unseren Ruf kosten.
Wer hierbleiben will, soll hierbleiben. Er ist des Todes. Diese Gewißheit erlaubt es mir gnädig zu sein. Aber Morkans Tore werden sich nie wieder öffnen. Wer Morkan nicht treu sein will und den Knoten bewachen will, dessen Leben ist verwirkt, und nur die Tatsache, dass mir das Schicksal dieses Urteil vollziehen wird, hält mich davon ab, es selbst zu tun.
Habe ich dir damit deine Frage beartwortet, Mädchen?“
Die letzten Worte schrie er heraus um der Brandung entgegenzutreten, die auf ihn zuschwappte. Gemurmel, das sich erhob, anschwoll und lauter wurde, bis er abermals fast brüllte. „Wer bleiben will, der möge die Versammlung jetzt verlassen.“
Die Wachen öffneten die Türen, Ruhe trat ein bis zur vollkommenen Stille und niemand verliess den Raum.
Zirmja blickte sich erschrocken um, sah hoch zu Morkan, doch dieser lächelte nur, und widmete seine Aufmerksamkeit den Räten.
„Gut, dann sollten wir uns nun den logistischen Aufgaben widmen…“
Er setzte sich wieder.

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