Einleitung (Part 14)

„Oh, es ist so, wie ich es geahnte habe.“ Shinquasz holte tief Luft. Sein Atem rasselte an die Oberfläche, stieß heraus und er sah Zirmja von unten an. „Es ist doch so, wie ich es mir gedacht habe. Es ist ihm alles so verdammt egal. Er würde seine verdammte Mannschaft über die Klinge springen lassen. Ja,ja.“ Shinquasz nickte mit dem Kopf. „Ja, klar, das ist Piratenmanier. Nur das!“
Zirmja sass ihm gegenüber, und betrachtete ihn. Er hatte sie in sein Zimmer gezerrt. Dieser aufgeregte Bibliothekar. Er hatte geflucht und mit seinen Krallen an ihren Händen gezerrt, als würde die Welt zerbrechen. Sein Schnabel hat unermüdlich geplappert, bis sie nur noch das Schnalzen seiner dicken Zunge vernahm. Er hatte sie noch nie in seine Räumlichkeiten gebeten. Er war ein Bibliothekar, er wollte alles wissen. Und wie so oft bedrängte er sie von der Versammlung zu erzählen, aber dieses Mal schien ihm alles wichtiger als seine Vorsicht. Sein Zimmer stank wie ein gekochtes Nest, und die Unordnung deutete darauf hin, dass er nicht sehr viel Besuch empfing. Er bemerkte ihre Blicke, hielt kurz innen und sprudelte wieder los.
„Du musst verzeihen, dieser elende Stall ist es nicht gewohnt jemanden zu schmeicheln. Ich hatte nicht vor Einladungen auszugeben. Es ist nicht meine Art. Du verstehst, edles Fräulein?“
„Bitte nenne mich nicht so, Herr Shinquasz, mein Stand tut nichts zur Sache. Meine Familie ist Vergangenheit.“
„…Aber sie sieht es anders. Jaja. Doch lassen wir das. Das ist mir nicht wichtig, das tut nichts zur Sache. Was wichtig ist: Dieses verfickte Schiff wird sich auf die Reise machen? Die ganze Flotte? Wir lassen diesen Knoten verenden? Und alles was dahinter liegt, darf im Sturm untergehen?“
„Die Gouverneure haben die Chance ihre Stellungen aufzugeben. Morkan rechnet damit, dass sie sich uns anschliessen.“
„Nein, nein, nein.“ Shinquasz stand auf und eilte durch den Raum, seine Schultern hingen herab, und er keuchte. Sie war erstaunt, wie viel Mühe es ihm bereitete.
„Sie sollten sich setzen, Herr Shinquasz.“
„Es ist sowas von egal, ob ich mich setze, oder mir die Lunge aus dem Leib reiße. Es ist sowas von total egal. Ich könnte auf diesem Schiff verrecken und selbst der Gestank, den ich erzeugen würde, wäre weggefiltert, bevor es jemanden stört. Es ist egal. Aber was nicht egal ist, das ist , das auf jeder dieser Welten, auf jedem dieser Staubwelten, auf jedem dieser sterbenden Kothaufen, ein verdammter Bibliothekar sein Handwerk verrichtet. Weil Morkan es so wollte. Weil die Leidenden, die Sklaven, sein Rohmaterial, die die für ihn die Schätze abtragen, ja soviel Wissen haben. Und weißt du, was noch so perfide ist?“ Seine Stimme stoppte kurz. Er sah sie an. Seine Augen weiteten sich. Seine Kralle erhob sich vom Boden streckte sich aus, und deutet gen Himmel, während er seinen Blick nicht von Zirmja abwendete. „Was noch so perfide ist, so vollkommen durchgeknallt, so absolut irre: Er hasst uns. Er hasst die Bibliothekare, er hasst die Replikatoren. Er hasst es, dass er uns braucht. Er tut das schon die ganze Zeit. Er lässt es mich wissen.
Ich habe keinen Diener. Dieser Stall sei mir gegönnt, aber diese verfickte Schwerkraft wird nicht einmal in diesem Raum aufgehoben. Er lässt es mich jeden Tag spüren. Jeden verdammten Tag.
Auf jedem dieser Welten ist also ein Bibliothekar. Und was macht dieser arme Bibliothekar? Er saugt alles auf, er nimmt alles mit, er leistet seinem Gouverneur gute Dienste. Und ich? Was mache ich in dem Spiel? Ich weihe sie alle dem Tode. Ich bin der Tod aller Bibliothekare. Ich bin der Verräter meiner Kaste. Ich bin der Untergang meiner Zunft. Ich würde meine Seele verkaufen, wenn ich irgendetwas dagegen tun könnte.“
„Wieso..?“
Er schnappte nach Luft, stierte sie an, kam ihr näher, watschelte auf den Sessel zu, krallte sich in die Lehnen und sein Kopf reckte sich ihr entgegen. Sie spürte seinen Atem, wich zurück und schloss die Augen.
„Wieso?“ Schrie er. „Warum ich der Verräter bin? Der Abschaum? Der Massenmörder? Mal abgesehen, davon, dass diese zerstörten Erinnerungen all dieser Sklaven, dieser Leibeigenen und Verschleppten auf meinem Tisch landen?
Weil ich alles nehme. Alles landet bei mir.“ Er wurde leise. „Weil ich mein Volk versklave. Alles, was sie dort draußen finden.“ Seine Krallen fuhren wild durch die Luft, wie Windmühlenflügel kreisten sie im Raum, und sie bemerkten zum ersten mal, wie lang seine Arme waren.
„Alles was sie dort draußen finden, landet bei mir. Wird hierher synchronisiert. Und , glaube mir, das meiste ist Müll. Nicht mal eines Blickes wert. Es lässt dein Inneres zerstört zurück. Es macht jedes normale Hirn krank, so etwas auch nur in die Nähe eines klaren Verstandes zu lassen. Ich schlafe nachts nicht mehr, seit ich das alles gesehen habe. Schau dich an. Blicke an dir herab. Stoffe, von einer überirdischen Reinheit. Dein Oberkleid würde reichen, um mir ein Schiff zu kaufen. Ihr wisst das alles nicht, wie es in den Minen und den Stollen dieser Welten aussieht. Wie sie das Wasser vom Gestein lecken mit ihren Pergamentzungen, damit sie nicht austrocknen und vom Wind verblassen werden. Ihre Erinnerungen, ihre Hirne, ihre Seele und ihre Körper sind komplett zerstört. Und was noch übrig ist, dass ist angefüllt mit Zorn, Wut und purem, ingrimmigen Hass, der uns irgendwann fressen wird.
Morkan will das alles haben. Ich muss es sichten, sehen, filtern. Ich kämme es durch, versuche verwertbares zu finden, aber was von mir übrig bleibt, das ist ein Monster, dass seine eigene Rasse ausmerzt.“
Er sprang auf die Couch, liess die Füße baumeln. Sein Kopf hing herab, und so glich er mehr einer Marionette anstatt einem lebenden Wesen. Zirmja beobachtete ihn zweifelnd. Sie wäre gerne gegangen. Sie konnte nicht einordnen, was hier passierte, was er eigentlich von ihr wollte, und war dennoch neugierig, auf das was kommen würde.
„Und nun lassen wir sie alle zurück. Diese Planeten werden implodieren, der Knoten wird überrannt werden, das komplette System ist dem Tode geweiht. Sie haben hier nichts mehr. Ihre Ernten sind eingefahren, ihre Schätze verladen. Es ist ein Leichtes sie zurück zu lassen, aber draußen warten alle jene, denen wir die Zölle abgepresst haben. All jene, denen wir die Entwicklung vorenthalten haben, weil wir ihnen nicht das gaben, was sie dringend benötigten. All jene, die sich verbunden fühlten, mit denen die sie zurücklassen mussten. All jene, die schon aus religiösen Gründen eine solche Macht nicht genehmigen wollten. All jene, die wir mit einem einzigen verdammten Knoten von der Zukunft abschnitten. Sie suchen seit Monaten nach der schwächsten Stelle, um dieses ganze System in Besitz zu nehmen, oder komplett zu zerstören.“
Er hielt sich die Krallen vors Gesicht, und atmete tief durch.
„Tausende Bibliothekare werden sterben. Sie werden zurückbleiben. Manche werden in den Hungerrevolten gemordet werden, andere werden mit ihrem Brocken untergehen. Da alles, was sie je erwirtschaftet haben, in meinem Besitz ist, wird für niemanden mehr von Wert sein. Die komplette Gilde eines ganzes Systems, wird sterben, weil ich es nicht verhindern konnte.“
„Aber was hättest du dagegen tun sollen?“
„Ich hätte mich in ein verfluchtes Messer stürzen sollen. Scheisse!“

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Einleitung (Part 14)

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