Einleitung (Part 17)

(Liebe LeserInnen,

Part 1-16 gibt es zusammengefasst als PDF.  Mit einem rechten Mouseclick könnt ihr es hier downloaden: Ach, Bankea V.1.0 .

Es handelt sich um die erste Version, von „Ach,Bankea“, also noch fehlerbehaftet, tauglich für Änderungen und wird sicherlich demnächst durch ein neues PDF ersetzt. Es soll lediglich den Einstieg erleichtern, wenn das auf diesem Weg möglich ist.  Ohne kommerzielle Absicht darf es problemlos weitergegeben werden. Eine kommerzielle Verwertung jedoch bedarf in jedem Fall meiner Genehmigung.

Viel Spaß beim Lesen.

Jan Tälling )

 

„Woher willst du das eigentlich so genau wissen? Burkim?“

„Wir wissen das. Glaube mir. Ihr seid zu dritt. Wo ist euer dritter Mann? Ist er noch drin? Will er nicht rauskommen? Was hält ihn davon ab? Ihr habt uns offensichtlich in der Hand? Dein Partner traut uns noch immer nicht. Er kreist wie ein Insekt um uns.“

„Du sprichst in der Mehrzahl, als wäre dieses Tier dein Freund. Vielleicht sollten wir mit diesem Tier anfangen. Immerhin scheint es deine Leibspeise zu sein. Was ist hier los, Burkim? Erkläre mir das mal?“

„Ich denke, ihr solltet mit gar nichts anfangen.“

Johsz dachte nach, senkte seine Platte und kam auf meinen Vater zu. Wie er näher kam, beinahe auf gleicher Höhe war, konnte mein Vater die Blässe und die durchscheinenden Adern seiner Haut sehen. Er bemerkte auch das unreine Weiß der Augen, die leichte Feuchtigkeit die ihn überall überzog und er bekam eine Ahnung, von dem, was Johsz antrieb. Er trat einen Schritt zurück. Johsz folgte ihm nicht. Quas hatte aufgehört, sie zu umkreisen. Direkt hinter meinem Vater blieb er stehen. Burkim konnte nur vermuten, was sich hinter seinem Rücken abspielte. Das Kellom wagte nicht sich zu rühren. Schon wieder glich es eher einem ausgestopften Kellom, als jenem Soy, das so gesprächig geplaudert hatte.

Johsz Mundwinkel verrieten Unmut, seine Daumen harkten sich in seinem Gürtel fest, und erst jetzt sah Burkim das harte Schuhwerk, das beide trugen. Etwas, dass wie trockenes, steifes Leder aussah, und ihre Hosenbeine bis zum Knie umschloss. Joshz stellte seine Beine so, dass er wohl mehr Halt hatte, so als befürchte er einen Stoß. Und auch wenn es nur aus den Augenwinkeln zu bemerken war, so verbesserte es doch seine Position.

Die Sonnen kletterten langsam zu ihrem Zenit, während die Kühle einer unangenehmen Wärme wich. Die schützenden Blätter des Waldes zogen ihren Schatten zurück, daher erreichten sie die Strahlen in einer ungewohnten Heftigkeit, die von keiner Wolke durchbrochen wurde. Es war nicht mehr die Zeit für die Kelloms. Sie verhielten sich ruhig, zogen sich in den Hintergrund zurück. Nur geübte Augen, wie die Burkims konnten erkennen, das sie sich an den Rändern aufhielten, beobachteten, aber wohl kaum eingriffen. Das Schiff lag immer noch wie ein gestrandeter Fisch im Wald. Seine Spur war gezeichnet von verrottetem Laub und tiefen, matschigen Rinnen. Das frühe Tau war von der Außenhülle verdampft, hatte sie für einen kurzen Zeitraum in einen weißen Nebel eingehüllt, der nur noch am Waldrand bestand hatte. Dort wo die Lichtung ihr Ende und einen Übergang zur Dunkelheit fand. Er wäre mittlerweile schon lange wieder zurück in der Siedlung gewesen. Papenka würde sein Fehlen bemerken. Es wäre nicht wie sonst, wenn er durch die Nacht torkelte, und sein Schlafplatz im Moos fand. Sie wusste er, er hatte nach dem Schiff gesucht. Sie wusste, sein Mund würde überquellen, sie wusste, er würde ihr alles sagen wollen.

In dieser Position war Johsz einen Kopf größer als er. Das war genau jener Abstand, den er zum Boden hielt. Die Platten besassen eine unbekannte Wendigkeit, und ihr Führer mussten sich wohl in keiner Weise darüber Gedanken machen, ob sie herunterfielen. Quas hatte leichte und größere Schräglagen ohne Probleme gemeistert. Seine Schuhe schienen unverrückbar mit der Platte verbunden, auch wenn die lockere Änderung der Stellung von Johsz Beinen gerade das Gegenteil verriet.

Johsz atmete durch, und er tat es mit einer seltsamen Mischung aus Genuss und Ekel.

„Alles riecht hier nach Dung, Scheisse und Kompost. Hier fault organisches Material, und der Pfuhl in dem ihr lebt, ist ein Krankheitsherd ohne Ende. Gibt es irgendetwas, was ich übersehen habe, Burkim?“

„Euren dritten Mann!“

„Ist eine Frau. Habt ihr Frauen hier, oder fickt ihr diese Pelzträger?“

Burkim schwieg. Eine seiner Hände hielt den Griff seines Messers, aber Quas hatte es bisher übersehen. Sechs Hände. Das war er wohl nicht gewohnt. Das Leder, und die Felle der Kelloms, lagen in mehreren Schichten über seinen Körper. Es war ein leichtes, in einer Lage ein Messer einzubinden. Es war zwar nur ein Knochenmesser, doch meines Vaters Hand konnte dieses Waffe genug sein. Meines Vater Hände waren schon Waffe genug.

Quas hatte bisher geschwiegen, und Burkim fragte sich, wo der Grund dafür liegen konnte. Ob Johsz über ihm stand.

„Ihr seid nur Kopien.“

„Was?“

„Ihr seid nicht die Echten. Ihr denkt, ihr seid die Echten. Aber ihr seid nur Kopien.“

Das Kellom sah ihn erschrocken an. Wohl nicht in seinem Sinn.

Johsz kam näher an meinen Vater heran. Er senkte seinen Kopf herab, und für einen Moment sah es aus, als wollte sein Mund ihn berühren. Johsz öffnete seinen Mund, führte ihn an meines Vaters Wange entlang, streifte ihn mit seinem Atem und was mein Vater roch, das war süßlich und vergoren, ein Geruch wie er ihn nicht kannte, aber auch nicht so schien, als würde er zu einem lebenden Wesen gehören. Mein Vater dachte, er riecht den Tod.

„Du meinst, wir sind Replikanten?“

„Ich weiß nicht, was das ist.“

„Das was du sagst, Burkim. Kopien.“

„Dann seid ihr wohl Replikanten. Außerdem, würdet ihr zu meinem Volk gehören, so würden wir euch aussondern. Ihr seid krank, kommt nicht in Berührung mit mir. Sonst muss ich euch töten. Auch euer dritter Mann kann euch dann nicht retten.“

„Eine Frau..“

„Kann euch nicht retten.“

Eine Bewegung hinter Johsz zog Burkims Aufmerksamkeit auf sich. Wie aus einem Fluss tauchte ein Kopf aus dem Wrack auf, ein Frauenkörper, und dann eine junge Frau auf einer Platte, die langsam näher flog.

„Wenn er krank wäre, dann könnte ich ihn retten.“ Ihre Stimme hatte einen ruhigen Ton, ein wenig schläfrig, als wäre sie gerade erwacht, und alles noch der Bedeutungslosigkeit versunken.

„Nicht wenn er tot ist.“ wiederholte mein Vater langsam, mit Bedacht die Worte wählend und sie beobachtend.

Sie trug ähnliche Kleidung wie die beiden Männer, aber ihr langes Haar wirkte gepflegter, nicht wie das eines räudigen Tieres, dass man verweisen musste. Sie hatte schwarzes Haar, das ihr fliessend über die Schulter fiel, in der Sonne glänzte, als wäre es benetzt . Der kleinste Windhauch genügte, um es aufzufächern. Ihre Kleidung trug auch diesen muffige Geruch toter Tiere und vergorener Speisen, aber nicht in der abschreckenden Vehemenz, wie sie Quas und Johsz ausdünsteten.

Sie senkte ihre Platte zum Boden, und stieg herab. Kam auf Burkim zu und sah ihm in die Augen. Ihr Körper wirkte leichter, als würde er sich auf Wolken bewegen,und das, auf dem sie ging, kaum berühren. Sie war so groß wie Burkim. Das heißt, sie war kleiner als die Nördlichen, aber das sollte nichts heißen, denn die Nördlichen waren wirklich groß. Sie sah nicht aus, als ob sie Kinder hätte, noch Kinder gebären könnte. Sie sah überhaupt nicht aus, wie die Frauen, die er kannte. Ihr Lächeln war schief und spöttisch. Als habe sie etwas gesehen, was sie belustigt. Und doch sah sie ihm nur ins Gesicht.

„Burkim, selbst wenn er tot wäre, was nicht gleich tot ist. Könnte ich ihn retten. Glaube mir.“

„Dann vollbringt ihr wohl Wunder.“

„So muss das aussehen. Für euch. In diesem Wald.“

„Du sprichst meine Sprache, aber ich höre eure Familien nicht raus. Das heißt, ihr seid nicht von hier. Doch das sagtet ihr schon. Trotzdem sprecht ihr meine Sprache. Woher kommt ihr?“

„Wenn es so einfach wäre.“ Sie seufzte leicht. „Mein Name ist Koerma Do Adi.“ Sie schob mit dem Fuss einige Blätter beiseite, bis die Erde darunter sichtbar wurde.  „Was ich mache, das ist folgendes.“  Sie nahm einen Stock, ging in die Knie und malte einen Kreis. „Das ist die Welt, die irgendjemand mal Bankea genannt hat.“

„Mein Wald!“

„Nein, deine Welt. Eine Kugel.“ Das Kellom sah ihr ruhig zu. Senkte den Kopf und blickte auf die Zeichnung. Weitere Kreise kamen hinzu, es wurden mehr und mehr, und sie deutete an, das sie Kreise zeichnen könnte wie Luftblasen oder Sterne am Himmel. Sie hörte auf. „Jeder dieser Kugeln ist ein Lichtpunkt an deinem Himmel. Jeder dieser Kugeln ist so ähnlich wie Bankea. Deinem Wald. Aber keine dieser Kugeln gleicht dem anderen. Kugeln, die wie Bankea sind, auf der jemand wohnt oder niemand. Auf der Wälder sind, oder nur Steine. Meere oder Wüsten. Und überall wird eine andere Sprache gesprochen. Und überall muss ich hin.“ Sie machte eine Pause.

„Jede Sprache gleicht sich. Irgendwie, an irgendeiner Stelle gleichen sie sich alle. Man kann sie alle lernen. Es kommt nur darauf an, wie schnell. Wir lernen schnell. Es ist schon möglich, dass wir Kopien sind. Nicht jeder lernt so schnell. Und ich weiß nicht, woher du das weißt. Und ich weiß auch nicht, warum sich dieses Tier für meine Zeichnung interessiert. Aber ich würde gerne etwas darüber lernen. Und du weißt, ich lerne schnell. Eine Sprache zu lernen braucht normalerweise viel Zeit. Deswegen verrate ich dir das Geheimnis.“ Sie deutete hinter ihr Ohr.

„Es ist groß wie ein kleiner Stein, passt hinter das Ohr, und das Gegenstück bewegt meine Zunge. Ich spreche nicht deine Sprache, ich spreche meine Sprache, aber was hier rauskommt, das passt sich so schnell deinen Hörgewohnheiten an, dass du es als deine Sprache empfindest. Es ist ein Trick. Den wir können. Ihr noch nicht. Aber ihr werdet ihn bald können. Und ihr werdet ihn brauchen. Doch was ist mit ihm? Er hat keine Zunge.“ Sie deutete auf das Kellom.

„Wie redest du mit ihm? Wie verstehst du dieses Wesen?“

„Ich rede nicht mit Soy!“

„Doch das tust du. Denn, das, was ich hier nutze, um mit dir zu reden, formt aus dem was du fühlst, und dem was du sagst, etwas, dass deine Worte sein müssen, aber übermittelt mir auch, dass was du nicht sagst. Etwa, was du dabei empfindest, oder wie du dich dabei fühlst. Keine Sorge, ich kann nicht deine Gedanken lesen. Aber dort, wo wir hingehen, dort sehen Gesichter nicht so aus wie hier, und Sprache ist manchmal nur das Klacken zweier Steine. Um zu verstehen, was ein Lachen oder ein Weinen ist, brauchen wir den Übersetzer mehr als für alles andere. Und wenn du lügst, dann weiß ich das. So wie es auch Johsz und Quas wissen. Und du kannst uns nicht drohen. Du kannst uns auch nicht anlügen. Und im Grunde willst du uns gar nichts tun. Nur deswegen bin ich da. Also, wie spricht es mit dir? Soy? Das Kellom?.“

Mein Vater schwieg.

„Das ist nicht die Lösung, Burkim, denn wir wissen ja, dass du mit ihm redest. Ich will dir sagen, was die Lösung ist.“ Sie stand auf, und winkte Quas herbei. „Du kannst nichts über Replikanten oder Kopien wissen. Wenn du etwas darüber weißt, dann hat es dir jemand gesagt. Aber hier ist niemand, außer dieses Wesen, dass sich tausendfach vor uns verbirgt. Auch vor dir.

Was hier nicht stimmt ist, das ist die Analyse. Das woraus du dich zusammensetzt, das was du isst, das was du trägst, Burkim. Hier stimmt gar nichts. Du isst dieses Wesen. Du hast hunderte von ihnen geschlachtet und dir einverleibt. Du kleidest dich mit ihrem toten Fell, und diesem Tier scheint es nichts auszumachen. Die Liebe zu einem Massenmörder der eigenen Art ist ungewöhnlich, und fördert unser Interesse. Genau deswegen sind wir hier. Um solche Dinge zu erfahren und zu erforschen. Was ist es, was euch bindet? Warum solltest du dieses Tier respektvoll behandeln, und seine Artgenossen essen? Siehst du den Widerspruch, Burkim?

Du hast etwas erfahren, was nicht stimmig ist. Wir erfahren gerade etwas, was nicht stimmig ist. Und ich frage dich nochmal: Wie redest du mit diesem Tier?“

Mein Vater schwieg. Er sah sie an. In ihre Augen. Sie trafen sich und ihr spöttisches Grinsen zeigte ihm eine Linie auf, die er gerade übertrat, ohne es zu wollen. Sie las in ihm und er wußte nicht, wie sie das machte.

„Gut. Ich sage, dir was ich weiß, und was ich mir denke. Diese Tiere, dieses eine Tier, das dir nicht von der Seite weicht, dass so tut, als hättest du es dir gezogen, und als wäre es von dir abhängig, weiß mehr über das, was hier passiert, als du und ich. Und das faszinierende daran ist, dass es mehr weiß als ich.“ Und sie dreht sich zu dem Kellom, nahm zärtlich die Schnauze von Soy in die Hand und zog sie nach oben. „Ich will mit dir reden, Fellknäuel, wieso nennst du uns Kopien?“

„Weil ihr welche seid!“ fauchte das Kellom, ohne sich zu rühren, ohne seine Augen von ihr abzuwenden, ohne das Maul zu öffnen.

„Hey, hey, hey!“ rief sie und trat zurück, liess das Kellom los und blickte Burkim erschrocken an. „Das ist neu. Zugegeben, das hat mich überrascht.“

Mein Vater zuckte mit den Schultern. Schwieg aber weiterhin. Joshz Augen weiteten sich.

„Ihr seid Kopien. Und wir alle wissen das. Ihr seid nicht die echten. Euch wird niemand schützen, niemand abholen und niemand vermissen. Der Wald kann euch fressen, der Sturm euch überdecken und nur Burkim und wir werden wissen, das es euch jemals gab. Ihr könntet verschwunden sein, als ob sich alles auftut und euch verschluckt. Ihr wisst es nur noch nicht.“

„Du bist in meinem Kopf?“

„Nein. Wir. Wir sind in euren Köpfen. Und nichts da drin ist echt. Wir waren schon drin, als ihr hier abgestürzt seid. Wir waren schon drin, bevor ihr von unserer Existenz wusstet.“

„Du hast es gewußt, oder nicht?“ Zirmja stand vor dem mannshohen Fenster, vor dem Morkan  ebenfalls heute gestanden hatte.

Sie hatte gewusst, dass sie Gom hier antrifft. Wo sonst sollte er auch sein, außer in den Schlafgemächern von Morkan? Er zog sich langsam an, betrachtete sie und griff dann zu seinen Schuhen. Seine Schuhe waren bequem, leicht und weit von der Härte der Stiefel anderer Soldaten entfernt. Er fixierte sie mit zwei weißen Tüchern, die er durch eine Schlaufe zog und an sein Bein band.

„ Du solltest nicht hier sein, Zirmja. Morkan wird das nicht mögen.“

„Er hat mir heute im Rat gedroht, mir den Kopf abzuschlagen.“

„Er wird seine Gründe dafür gehabt haben. Du bist aufbrausend und unbeherrscht. Er ist es auch. Aber du triffst auf deinen Meister, wenn du versuchst ihn heraus zu fordern. Tue es nicht, Zirmja.“

„Hast du es gewusst, Gom?“

„Nein, er redet nicht mir mir über Politik“

„Du bist sein Spielzeug ?“

„Wahrscheinlich ist er eher mein Spielzeug, Zirmja, aber egal, er spricht mit mir nicht darüber. Glaube es mir. Ich habe keinen Einfluss darauf, was er macht, oder nicht macht. Ich kann seinen Körper beherrschen, aber sein Geist könnte mich trotzdem zerbrechen.“

„Er liebt dich.“

„Wahrscheinlich, aber auf jeden Fall liebe ich ihn.“

„Shinquasz wollte mich auf seine Seite ziehen.“

„Im Rat? Er ist ein Irrer, nimm dich vor ihm in acht. Er hat soviel Dreck gesehen, dass in ihm nur noch Müll ist. Er ist komplett verrückt.“

„Nicht im Rat. Sie lassen Shinquasz nicht zu diesen Versammlungen. Er würde nur Unruhe stiften, und er weiß sowieso zuviel. Er weiß eigentlich alles..“

Gom kam auf sie zu, schloss die Jacke über seine Brust, band die Ärmel ab und hielt einen geschlossenen Helm in seiner Hand. Sie blickte ihn an, berührte ihn mit den Fingerspitzen und ertastete die feine Schmiedearbeit, die das weiße Visier abdeckte.

„Der ist neu.“

„Ja“, nickte Gom leise, gab ihr einen Kuss und betrachtete mit ihr die vorbeiziehenden Frachter. „Das ist er. Sie haben ihn weiß oxidiert, weil ich das so wollte. Es gibt keinen Zweiten wie ihn.“

„Habe ich dich schon mal gefragt, warum nur weiß?“

„Hast du.“

„Bekam ich eine Antwort?“

„Nein.“

Schweigend blickten sie auf die tausend Fenster, auf fernen Silhouetten fremder Yachten, die Positionslichter der Satellitenbojen und die Flüchtlingsschiffe, von denen immer mehr kamen. Doch sie schienen nur in den künstlichen Ruhephasen aufzutauchen. Zirmja hatte noch nie soviele gesehen.

„Sie sehen aus wie Archen.“

„Es sind Archen. Und es kommen immer mehr.“

„Woher kommen sie?“

„Weißt du, eigentlich dachte ich, dass Morkan genau das mit seinen Schwärmern herauskriegen wollte. Niemand hatte jemals so viele Schwärmer losgeschickt. Und Koerma war bei allen mit an Bord.“

„Allein der Gedanke ist komplett verrückt.“

„Ja, vielleicht bist du ja auch mit an Bord.“ Gom lachte leise.

„Denke nicht mal daran.“

„Nicht wichtig. Ich vermute Koerma hatte ihr Einverständnis dazu gegeben, ich bin mir jedoch nicht sicher. Sollte ich jemals Kinder haben wollen, dann wäre sie meine erste Wahl. Es ist ein unglaublicher Frevel, sich vorzustellen, dass sie mit diesen zwei Idioten Johsz und Quas in unzähligen Ausfertigungen unterwegs ist. Einsame Planeten, schlechtes Essen, miese Luft. Was bleibt dir übrig, als alles auszuprobieren, was du mit deinem Körper machen kannst? Es krampft einem das Herz zusammen, sich so etwas nur vorzustellen.“

„Ich dachte, du liebst Morkan?“

„Und? Sie könnte eine der Mütter meiner Kinder sein.“

„Was bin ich für dich?“

„Meine Schwester, meine Schülerin, hm, ich weiß nicht…“ Seine Hand umfasste ihren Hals, strich ihm dann vorsichtig hinab, zeichnete einen Weg zu ihren Brüsten und hielt innen.

„Die Schwärmer interessierten sich jedoch nicht für die Flüchtlinge“ fuhr er fort. „Das war nicht Morkans Ziel, wie wir alle wissen. So ist uns unbekannt, was sich dort abspielt.“

„Sie müssen doch etwas berichten.“

„Es geschah schnell, es waren fremde Schiffe, sie brachen über die Welten wie Stürme, fraßen sich durch Berge, raubten nichts, verbrannten die Erde, zerstörten das Leben. Keine Beute, keine Gesichter, keine Drohungen, keine Ziele, nur pure Zerstörung.“ Er schloss den Mund. Seine Wangenknochen traten hervor, zuckten kurz, dann sprach er weiter. „Manche dieser Völker hatte noch niemals zuvor ein Raumschiff gesehen. Sie hielten es für etwas religiöses. Sie halten das alles für etwas religiöses. Sie halten Morkan für Gott. Wir haben Shinquasz nicht mal hinzugezogen. Die meisten dieser Welten waren bisher erschreckend primitiv. Es war so als wollte jemand eine komplette Entwicklung anhalten und entstehende Systeme ausrotten. Sie kommen nicht hierher. Ich glaube nicht, dass sie kommen. Es ist sehr unwahrscheinlich. Aber die sie schaffen einen Korridor des Schreckens um uns herum. Es gibt einen Plan. Und das ist irritierend. Es gibt wohl eine Skizze, nach der sehr vorgehen, denn wir erkennen eine Regel, eine Zeichnung, etwas, das es uns ermöglicht ihre Angriffe vorzusehen. Und das ist unheimlich.“

„Dann greifen wir sie an.“

„Nein, Zirmja, das tun wir nicht.“

„Warum nicht?“

„Weil wir verlieren würden.“

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