Einleitung (Part 20)

(Liebe LeserInnen, 

ich muss gestehen, dass ich nach jedem Hochladen eines PDFs oder eines Textes erschrecke und Fehler entdecke. Ich kann meine Beiträge x-mal durchlesen, und ich werde wieder und wieder Fehler entdecken. Die Lesbarkeit der bisherigen PDFs hatte ihr Manko in dem Fehlen einiger Absätze. Somit war ein Ortswechsel nicht sofort erkennbar. Eine Szene schloss an die andere bündig an. Keine optischen Begrenzungen, keine Erklärungen halfen beim Lesefluss und unterbrachen diesen. Hatte ich nicht daran gedacht, habe ich bisher nicht berücksichtigt. War mal richtig ärgerlich.

Zu Beginn einer Szene wird nun immer der Ort genannt, an dem sie stattfindet. Im PDF ist dieses schon durchgehend so. Die vergangenen Blogbeiträge werden nicht entsprechend geändert, die zukünftigen werden das berücksichtigen.

Part 17 war außerdem nicht vollständig. Irgendeine Synchronisation zwischen JotterPad X und Scrivener liess wohl die nötige Sorgfalt vermissen. Ich gehe davon aus, dass es an mir lag. Im PDF ist nun die vollständige Version.

Mein netter Provider ärgert mich heute etwas. Ich gehe nicht davon aus, dass es Absicht ist, aber tatsächlich ist mein Download mies und mein Upload quasi nicht vorhanden. Daher wird sich der Upload des PDFs etwas verzögern. – Update 18:00 :Ach, Bankea Version 1.02

Für all diejenigen, die es trotz allen Widrigkeiten geschafft haben, sich bis hierher durchzukämpfen, wenigstens mal Teil 20.

Jan Tälling)

Bankea.
„Wir sind also nicht echt ? Kopien ? Wo sind die Originale, Fellknäuel ?“
Koerma stand vor Soy, streichelte ihm über den Kopf und sah ihn sanft an.
„Dort wo ihr nicht seid!“ rief Soy aufgebracht aus und Burkim wünschte sich sofort nichts sehnlicher, als das er so etwas bitte lassen könnte. Die Schreie eines Kelloms in seinem Kopf waren von solch spitzer Intensität, dass er das Gefühl hatte, heiße Nadel brachen sich ihren Weg in sein Hirn. Er verzog das Gesicht unter Schmerzen.
„Nein,“ schimpfte Soy weiter ,, Hier läuft etwas falsch. Bitte streichelt uns nicht. Keiner von uns mag das. Keiner. Und denkt bitte nicht darüber nach, ob ihr mich mitnehmen könnt. Ihr habt nämlich keine Heimat, keine Zukunft und kein Leben. Ob ihr hier oder in einem Schiff verottet , dass macht für die, die euch geschickt haben, keinen Unterschied. Und denke nicht wieder daran, mich zu streicheln. Vergiss das. Einfach. Ich bin Soy. Ich bin wild. Ich rede mit dir, weil ich das will. Und , ja, Burkim, ich werde laut sein. Wir werden laut sein. Wir. Soy. Jetzt. Vielleicht in Zukunft. Für immer. Ach.“ Abrupt versank er wieder in Schweigen.
„Moment, du kannst das nicht wissen. Du weißt nicht, wo wir herkommen!“ Johsz kam näher, sprang von der Platte ab, ging vor Soy in die Kniee und stupste ihn in die fIauschige Brust.
„Du weißt nichts, oder? “
,,Mit jedem Moment mehr,“ entgegnete Soy entschlossen.
„Wer gab uns den Auftrag?“
„Morkan.“
„Wer ist Morkan?“
„Das weiß ich nicht, aber du fürchtest ihn . Mehr als du zugeben willst. Und du weißt, dass ich recht habe. Du bist nur eine Kopie. Du musst wissen, du tust gut daran, dich zu fürchten. Du. Ihr. Alle. Johsz. Quas. Und Koerma.
Es ist gut, dass ihr mich versteht. Aber glaubt nicht, dass ihr eine Chance habt. Nicht gegen uns, aber schon gar nicht gegen die Eurigen. Sprich es aus, was da denkst, Johsz . Tue es. Mache es. Jetzt. Johsz.“
Johsz senkte den Kopf und sah zu Boden. Seine Finger spielten mit den Kreisen, die Koerma gezeichnet hatte.
„Was?“ fragte Koerma.
Johsz schüttelte missmutig den Kopf. „Was weißt du über Replikantenforschung ? Das Sozialverhalten und die Probleme, die entstehen können? Vor allem und eigentlich ausschließlich im psychologischen Bereich? Die Belastungen, die das Bewusstsein aushalten muss, und vor allem die Untersuchungen hinsichtlich der erhöhten Suizidtendenzen bei Replikanten? “
Er sah sie für einen kurzen Moment an und fuhr fort:“ Man verblödet wirklich auf diesen Schwärmern, aber wir hätten darauf kommen müssen. Wir hätten vielleicht weniger rauchen sollen, oder ein Blick weit über den Hintern von Quas werfen können. Es hätte uns auffallen müssen. Wieso wir? Wieso hier draußen? Wir waren nie die Besten, aber die Käuflichsten und es macht Sinn, dass uns die Originale verkauft haben. Im Dienste der Wissenschaft.
Aber ein Schwärmer ist nichts als ein fliegendes Toilettenhaus. Nicht viel mehr als eine fette Drohne. Ich konnte dir ausgiebig Zeit widmen, Koerma. Deine Untiefen und meine Männlichkeit erforschen. Von Quas will ich gar nicht reden. Und so sehr euer Liebreiz meinem Geschmack entspricht, und so sehr ich nichts davon vergessen mag, und vieles vermissen werde – wir haben nicht eine einzige wissenschaftliche Aufgabe auf dem Schiff erledigt. Obwohl wir genau das sind. Wissenschaftler. Aber es gab nichts zu tun. Und genau wie dieser verdammte Schwärmer waren wir nur billiges Material.
Wir waren nie die Besten. Aber unsere Gene quasi akzentfrei, und unsere Gesundheit so omnipotent , das es sicherlich für die komplette Palastmannschaft die reine Freude war, wenn Quas sich an mir probierte, während ich dir den Himmel bescherte “
Koerma wandte sich ab und sah in den Wald.
“ Aber jetzt stelle dir Morkan vor, der dieses Bild sah. Auf allen Schirmen, allen Monitoren,von allen Replikaten. Von überallher.
Das wir hier etwas finden, war unwahrscheinlich. Doch Morkan selbst betreute diese Mission, als gäbe es nichts Wichtigeres für ihn. Aber wenn es nichts wichtigeres für ihn gab – warum dann dieser Drecksschwärmer ? Warum wir? Und warum liess er es zu, das wir uns durch das Stellungsbuch eines Hurenhauses durcharbeiteten ? Warum nicht ein großes, schnelles Forschungsschiff ? In dem die Luft sauber ist, und mich reinliche Labore von Quass Hinten ablenken konnten. Hätten können. Ach, verflucht. Wir sind Verbrauchsmaterial. Und wir sind gescheitert. Unser Verlust ist der Mission nicht abträglich, denn jetzt gehe ich davon aus, dass es dort draußen eine Unmenge Schwärmer gibt. Die Frage, die wir uns als nächstes stellen müssen, wird schwieriger zu beantworten sein. Und das macht mir auch Sorge. Warum sind wir hier?“
Johsz schwieg kurz, stand wieder auf, sah nacheinander Koerma und Quas an, und senkte dann wieder den Kopf.
„Euch ist klar, was das bedeutet? Deswegen sprach ich am Anfang davon, ob du vertraut bist mit der Replikantenforschung, Koerma. Psychologisch gesehen können wir damit nicht weiterleben. Wir werden das abstreiten, jetzt. Und vielleicht in Zukunft. Wir können uns vielleicht auf Plattheiten zurückziehen, aber der Mangel an Individualität ist eine Erkenntnis, die schon seit Jahren als der große Fehlschlag in dieser Wissenschaft diskutiert wird. Dieses ist der falsche Ort, um das im Einzelnen zu diskutieren, aber es gab gute Gründe für Morkan, warum die Strategie, die er nutzte, nur so funktionieren konnte.
Ich weiß nicht, wieso diese Felltatze das erkannt hat. Ist mir nicht ganz klar. Wir selbst kamen nicht darauf. Aber bei uns war es sicherlich Eitelkeit. Wie so oft. Wir waren zu stolz. Eine Mission für uns. Und wir hatten uns wohl zu gut abgelenkt. Aber nun, nun müssen wir uns eingestehen, dass wir unsere Handlungen nicht unter Kontrolle haben, dass das, was in unserem Namen passierte und passieren wird, nicht von uns ausgeführt wird. Wo immer unser Name ausgesprochen wird, werden wir nicht wissen, ob wir an einer Gedächtnislücke leiden, oder ob es einer von tausend Kopien im Irgendwo war. Ich glaube, es gibt nichts schlimmeres. Alles, was wir sind, ist darauf aufgebaut, dass wir einzigartig sind.
Es fällt einem wie Schuppen vor die Augen. Unser Bewusstsein klammert sich so verzweifelt an den Individualismus, dass wir nie mehr zurückkehren dürfen. Die Originale wären dagegen, Morkan wäre dagegen, jeder Replikant wäre dagegen. Wir waren geschaffen, um hier oder anderswo zu verglühen.“
„Das muss hart sein.“ Burkim sah ihn an. „Ich verstehe nicht mal die Hälfte von dem, was du da sagst. Aber so wie ich Soy verstanden habt, solltet ihr nicht auf Hilfe hoffen.“
Quas sah aus, als wäre er den Tränen nahe. Er hatte die Waffen eingesteckt, war von der Platte gesprungen und ging langsam zum Raumschiff zurück. Er stieg auf die Außenfläche, und beugte sich zur Öffnung hinab. Er schien etwas zu murmeln.Aber sie verstanden ihn nicht.
„Quas?“ rief Koerma.
„Wir sollten alles schnappen, was wir tragen können. Jedes wichtige Teil, unsere Aufzeichnungen und unseren Proviant, und hier verschwinden. So schnell wie möglich.“
„Du glaubst ihm?“
„Es ergibt Sinn, Koerma, „Es ergibt soviel Sinn. Und Johsz hat recht. Wir hätten schon soviel früher darauf kommen können. Es lag vor uns wie ein offenes Buch. Wir müssen das Schiff vernichten. Wir müssen es restlos zerstören. Das Beste wäre, es wäre niemals auffindbar, niemals feststellbar, ob wir noch drin saßen, oder fliehen konnten. Ob wir hier oder im All verglüht wären.“
„Ich gehe davon aus, dass die Koordinaten übermittelt sind.“ sagte Koerma ruhig.
„Ja,“Quas nickte mit dem Kopf.“Ja, genau davon gehe ich auch aus. Jetzt können wir nur hoffen, dass Morkan kein Interesse an einem Wald in den Randzonen hat. Waren wir verblendet.“
„Wir waren dumm..“flüsterte Johsz.
„Dumm ist kein Ausdruck dafür. Wir haben kein Leben. Wir hätten nie eines haben sollen.“
Burkim verschränkte zwei seiner Arme. „Ich wäre froh, ihr würdet wieder gehen.“
Koerma sah ihn belustigt an. „Glaube mir, edler Wilder, das würden wir gerne tun. Aber momentan gibt es für uns kaum Möglichkeiten, die Situation zu ändern.“
„Ihr werdet die Meinen erschrecken.“
„Das wirst du schon selber tun, wenn du mit diesem Fellknäuel als Kamerad ankommst. Keine Chance. Wir brauchen dich. Wir kennen dieses hübsche Biotop nicht. Wir brauchen deine Führung.“
„Ihr habt nur zwei Arme…“
„..aber andere Waffen. Bitte keine Vorurteile! Bring uns zu deinem Dorf.“
„Ich werde nicht in dein Dorf gehen, Burkim“ warf Soy ein.
„Nicht anders erwartet.“
„Wir werden euer Schiff verschwinden lassen, Quas. Ihr könnt es nicht verbrennen. Es darf keine weiteren Spuren geben, der Wald muss sich wieder schliessen und von seinen Verwundungen genesen. Sonst wäre es weithin sichtbar. Doch was der Wald in sich aufnimmt, das gibt er nicht wieder her. Wenn sich Soy darum kümmert, dann taucht es nie wieder auf. Das Problem sind die fremden Metalle und die Geräte, die ihr nicht abschalten konntet. Wir werden dafür Sorge tragen, dass der Wald sich auch das nimmt.“
Quas sah ihn von der Außenhülle erstaunt an. „Ihr?“
„Ich. Wir. Soy. Kelloms. Nimm dir was du tragen kannst. Nehmt euch alle, was ihr tragen könnt. Hilf ihnen, Burkim, und dann verschwindet. Zieht von dannen.“

Bankea. Papenkas Siedlung.

All diese Dinge berührten mein Leben nicht besonders. Ich und Karee, wir waren zu sehr mit uns selbst und dem Erkunden unserer kleinen Welt beschäftigt, um auch nur ansatzweise mit zu bekommen, was sich um uns tat. Geschweige den, was sich Galaxien von uns entfernt entwickelte. Papenka versorgte uns mit einem widerlichen Brei aus Kellomfleisch und durchsichtigen Wurzeln, wir tollten im Innenhof herum, und die Blätter tanzten wunderschön im Licht der blauen Sonne, wenn wir zur Ruhe kamen und hinauf sahen.
Es war so unglaublich unbeschwert, dass ich heute alles dafür aufgeben würde, genau dort wieder zu sein. Wir krabbelten, brabbelten, sabberten und spuckten wie es uns beliebte, wussten mit dem was gestern war und morgen kommen sollte nicht viel anzufangen, und der Moment konnte von uns so gigantisch sein, dass wir versuchten unsere Augen so weit aufzureissen wie es nur ging.
Mein Haarwuchs war damals spärlich und unterscheidet sich gar nicht so sehr von der Frisur, die ich heute trage. Allerdings war ich überall sonst, unterhalb meines Hauptes, komplett haarlos, sowie alle unsere Kinder. Wir waren stille Kinder, denn Lautstärke half uns nicht. Papenka hatte soviel Dinge zu tun, hätten wir geschrieen, getrampelt und versucht in bestimmten Zeiten auf uns aufmerksam zu machen, dann wären uns wahrscheinlich die Lungen geplatzt. Papenka widmete uns all ihre Aufmerksamkeit, doch zog sich immer mal wieder zurück, um die Rollen vor sich auszubreiten, die Bücher in dem Kellomleder aufzuschlagen, und alles auf einem Teppich um sich zu legen.
Sie sass dann mit einer dampfenden Tasse Tee in einem der Räume, die dem Hof angeschlossen waren, und wurde zu einer Skulptur, durch deren Haar die Sonne schien und in deren Umfeld, die Ruhe in Gefangenschaft geriet und verharrte. Papenka konnte ungestüm und laut sein. Ihr Lachen war viel zu oft so befreit, dass es weithin schallte. Ihr Starrsinn war die beste Kombination dazu. Und die Mischung machte es, die so manchen Mann einfach vertrieb. Aber wenn sie mit ihrem grünen Haar da saß, und einfach nur las, und dieses mit höchster Konzentration tat, dann war sie wahrscheinlich die schönste Frau, die die Nördlichen hervorgebracht hatten.
Da Papenka in jenen Tagen mein persönlicher Himmel, meine Ruhe und mein Schutz war, gab es in diesen jungen Jahren sowieso keine andere Frau, die ihr das Wasser reichen konnte, aber alles in allem konnte ich auch viele Jahre später meinen Vater verstehen, den es immer wieder zu ihr hinzog.
Als Vater mit den Neuankömmlingen in die Ansiedlung kam, lagen Karee und ich wahrscheinlich auf dem Rücken oder dem Bauch und spuckten uns oder alles, was zwischen uns war, einfach mal so an. Wir gluckerten sicherlich und rülpsten um die Wette und taten wahrscheinlich genau das, was uns einfiel. Das war nicht sonderlich viel. Oder wenn man es von einer anderen Seite betrachtete, wahrscheinlich schon sehr viel.
Wie alles, was in diesen Tagen passierte, und was ich euch heute erzählen kann, so war auch dieser Einzug in unsere Welt, eher etwas, dass ich später erzählt bekam. Was mir Bücher, Tagebücher berichteten, oder befreundete Bibliothekare zur Verfügung stellten. Ja, es gab nicht nur Shinquasz in jenen Tagen. Doch davon später mehr.
Papenka war nicht sehr zurückhaltend. Sie genoss den Respekt ihrer Nachbarn, der Nördlichen, der Südlichen, der Westlichen und so weiter, doch sie ging ihren eigenen Weg. Ihren Respekt musste man sich mit irgend etwas erarbeiten. Ich hatte es da einfacher, ich gehörte zu ihrer Familie, und dafür werde ich ihr ewig dankbar sein, aber ansonsten waren es ein schweres Unterfangen ihren Respekt zu erlangen. Ich fand, sie war eine einfache, herzensgute Frau, die einem ihre Seele wie ein Buch vorlegte, und Einblick gewährte, wo ich schon Schlösser anbringe. Doch dieses machte es ihr nicht unbedingt einfacher.
Mein Vater, Burkim, der Sohn Fenkarls, ein einfacher Tischler, wie es unzählige in ihrem Umfeld gab, hatte ihren Respekt, ihre Hochachtung. Auch wenn er das gerne bezweifelte und meinte, er musste gegen ihren Kopf und ihre Fähigkeiten ankämpfen. Auch wenn sie ihn spöttisch von oben herab ansah, und belustigt seine Größe zur Kenntnis nahm. Trotzdem war es für sie keine Frage, dass Wesen, die er mit in das Dorf brachte, sein Vertrauen genossen. Und folglich ihre Gastfreundschaft.
Es sind die elementaren Dinge, die uns zusammenhalten und uns die Befähigung geben, zu kommunizieren. Es sind die einfachen Handreichungen, die Bünde schaffen, und die Familie erweitern. Wesen mit zwei Armen entsprachen nicht unserem Gefühl von Schönheit. Ihr Gestank schreckte uns eher ab, und auch wenn es nicht die Fähigkeiten von Soy waren, die zum Einsatz kamen, so beunruhigte auch Papenka etwas an der Art wie sie kamen, sprachen und sie begrüßten.
„Sie haben etwas von unruhigen Welpen“ sagte sie zu Burkim, als er vom gemeinsamen Mahl aufstand und an ihr vorbei und die Küche treten wollte. Sie trug einen Überwurf, nichts festes, nichts edles, aber auch nichts raues. Schlicht, um die Gäste nicht zu erschrecken, bescheiden, um ihnen zu zeigen, dass ihnen Ehrerbietung entgegen gebracht wurde.
„Wie meinst du das?“ fragte Burkim.
„ Sie sind geschwätzig, unerfahren, aber zu alt, um sich so zu benehmen. Sie gleichen unseren Kindern, und scheinen doch gebildet. Vielleicht ist das ihre Art.“
Burkim ging an ihr vorbei und dachte nach. Es gab eine vorzügliche Mahlzeit aus Kellomfleisch. Also der denkbar ungünstigste Zeitpunkt, um sie mit Soy zu konfrontieren. Das passte in diesem Augenblick nicht wirklich zusammen und ergab auch keinen Sinn. Trotzdem hätte er ihr gerne gesagt, wen sie hier vor sich hat. Und warum sie diese Wesen vor sich hat. Er schätzte Papenkas Klugheit, egal welche Flüche er dieser Eigenschaft schon gewidmet hatte. Er mochte ihre Belesenheit, und er liebte die Tatsache, dass sie vor nichts und niemanden Angst hatte. Die Kombination machte sie faszinierend, anziehend und unbeschreiblich begehrenswert.
Sie saßen alle gemeinsam im Hof, und über ihnen tanzten die Schmetterlinge, dem Blätterdach entgegen. Die Replikanten wirkten erschöpft, sahen misstrauisch auf die Speisen, aber griffen gerne zu. Burkim brachte einen neuen Krug Wasser. Und versuchte dabei abzuschätzen, ob sie wussten was sie da assen. Wohl kaum.
Sie hatten ihre Platten nicht mehr benutzt, seit sie sich von der Absturzstelle fortbewegt hatten. Wie einen Fächer schoben sie die Platten in sich zusammen und verstauten sie in ihren Taschen.
„Kleine Wunder, was?“ hatte Johsz gelacht. Aber ein Großteil der anfänglichen Sicherheit, mit der sie sich begegnet waren, war nun gewichen. Und alle wirkten erschöpft.
Burkim nickte nur, und beobachtete noch, wie Soy im Gehölz verschwand.
Sie kamen schneller zur Ansiedlung zurück, als er für den Weg zur Absturzstelle gebraucht hatte, aber das mochte an Soy gelegen haben, und die Replikanten waren erstaunlich gut zu Fuß. Ihre beiden Arme waren augenscheinlich wirklich eine Behinderung, aber sie konnten es geschickt ausgleichen, und hielten mit ihm mit.
Für meinen Vater, wie für mein Volk überhaupt, waren lange Fußmärsche noch etwas vollkommen normales. Die Zahl der Wege waren stark begrenzt, und so hieb man sich mit dem Knochenmesser Pfade durch den Wald, die sich praktisch hinter einem wieder schlossen. Eine Verlässlichkeit darauf, dass man jemals wieder denselben Weg gehen konnte, gab es nicht.
Wie man sich damals orientierte, weiß ich nicht mehr. Ich konnte es. Es war eine Sicherheit, aber ich habe diese Sicherheit mit dem Verschwinden des Waldes verloren. So was kommt nicht wieder.
Koerma schien am aufmerksamsten. Vielleicht auch am wissenschaftlichsten zu arbeiten. Sie eilte ihm hinterher, stellte ihm Fragen, bohrte, hielt ihm Blätter vor das Gesicht und machte ihn auf die eine oder andere Veränderung des Wuchses aufmerksam.
Wenn er jetzt darüber nachdachte, dann war es tatsächlich so, als ob etwas sehr Junges neben ihm herlief.
Je näher sie dem Dorf kamen, umso stiller wurde Burkim. Er dachte darüber nach, wie er sie präsentieren sollte. Sie sahen nicht vertrauenserweckend aus. Ihr Geruch war nicht nur fremd, er war abstoßend. Sie sprachen ihre Sprache, aber ihre Kleidung entsprach nicht den Gepflogenheiten, und die Abwesenheit der vier Arme war nicht zu verschleiern. Trotz dieses offensichtlichen Missbildung wirkten sie gefährlich. Und verstossen. Er wusste nicht, ob verstossen, das richtige Wort war. Aber sie wirkten heimatlos. Als gäbe es kein Volk, kein Dorf, keine Familie, die sich in den letzten Mondwechsel um sie gekümmert hatte.
Joshz und Quas sprachen nicht viel. Sie schienen in Gedanken versunken. Und ob es gute waren, das hätte nur Soy beurteilen können, der spurlos verschwunden war. Quas war der Schweigsamere, aber sicherlich handlungsbereitere. Burkim hatte für sich beschlossen, ihn im Auge zu behalten. Er hatte wirklich nicht viel von ihren Problemen verstanden. Das Meiste davon interessierte ihn auch nicht. War es doch gerade mal dazu geeignet verwirrender Ballast zu sein. Aber der Verlust von allem, ahnte Burkim, konnte nicht spurlos an ihnen vorüber gehen. Und es war fraglich, ob es sie zu etwas Besserem machte.
Koerma blickte auf, als er das Wasser abstellte, und wollte etwas sagen, doch er winkte ab. Es war Papenka, die erstaunlich lange die Spielregeln der Gastfreundschaft einhielt und einfach nur dabei saß und ihnen beim Essen zusah. Es war ihr anzusehen, dass es sie nach einer Erklärung dürstetet. Ihr Augen verfolgten aufmerksam alles, und Burkim ahnte, wie viel sie schon kombinierte, und wo noch Fragen auftauchten. Er hatte ihr von dem Schiff erzählt, folglich konnte die Ankunft irgendwelcher Fremden nur damit in Zusammenhang stehen.
Burkim lehnte sich zurück, lächelte und wußte bereits, dass sie bei Soy landen würden, bevor der Abend vorbei sein würde. Er liess das kalte Wasser die Kehle runter rinnen und hoffte genug Abstand zum Essen zu finden, um ihr von der Intelligenz der Kelloms zu erzählen.

Das Schiff der Mission
„Gut, also, ich muss sie jetzt trotzdem sehen.“
„Du wirst sie nicht mal verstehen, Herr Shinquasz,“ entgegnete Obenko mit rollenden Augen.
„Siehst du das hinter meinem Ohr.?“
„Das nennt man Ohr? Ja, ich sehe es. Alles klar, ich verstehe. Es ist nicht meine Aufgabe einen Technologietransfer zu machen.“
„Einen was?“
Obenko stand auf und wollte den Raum verlassen.
Shinquasz kickte blitzschnell den Eimer beiseite und eilte ihm hinterher.
„Was soll das heißen, verdammt?“ rief er Obenko im Rennen hinterher.
„Das soll heissen, dass diese Wesen noch nichts wissen von deinem Ding hinter dem Ohr. Sie kennen auch keine Bibliothekare.“
„Gut!“
„Nein, nicht gut. Es ist meine Aufgabe ihre Entwicklung nicht zu gefährden. Nicht sie voranzutreiben.“
„Sie sind auf einem Schiff, Obenko! Ich glaube nicht, dass das zu ihren normalen, verfickten Lebensumständen gehört. Was sind sie für dich? Wilde Tiere, die einem besonderen Schutz bedürfen? Es sind intelligente Wesen! Ich sage es noch mal: Ihr habt eingegriffen, ihr habt ihr Leben verändert, jetzt übernehmt, verdammt noch mal, Verantwortung. Ihr macht euch mitschuldig, Obenko.“
„Ich hätte nie gedacht, dass mir einer von euch Bibliothekaren mal etwas von Verantwortung erzählt. Konnte mir nicht vorstellen, dass euch das Wort wirklich etwas sagt. Muss sich komisch anfühlen, wenn es aus deinem Schnabel kommt.“
Shinquasz blieb stehen und brüllte heiser: „Verdammte Scheisse, was soll dieses Gerenne? Warum arbeitest du Morkan in die Arme? Warum seid ihr in der Lage in irgendwelchen brennenden Trümmern rum zu stapfen und diese Seelen zu retten, und warum behindert ihr mich dann, wenn ich helfen will?“
Auch Obenko blieb stehen, und sein massiger Körper beugte sich zu Shinquasz hinunter. Wieder schüttelte er verärgert den Kopf, und weißer Schaum zerteilte sich im Raum. Fast war es, als ob die Tropfen in der niedrigen Schwerelosigkeit schweben würden.
„Kein Bibliothekar will oder wollte uns jemals helfen. Was ihr macht, dass hat mit Hilfe nichts zu tun. Würdet ihr helfen wollen, dann würdest du dort draußen mit uns in den Trümmern suchen. Aber du, du fetter Vogel, sitzt inmitten eines Knotens, an dem man uns das letzte Hemd auszieht und du willst meine Hilfe. Nicht ich deine. Vergiss das nicht. Und ich weiß nicht, was du vorhast, weswegen du mir hinter rennst, an meinen Rockzipfeln hängst und jammerst. Keine Ahnung. Es scheint mir nichts gutes zu sein. Wirklich nicht. Aber ich könnte mir etwas vorstellen. Und das ist deine einzige Möglichkeit, also benimm dich, du Krähe,und schaffe Vertrauen.“
„Was…?“
„Ich verstehe es selber noch nicht ganz. Ich habe hier einige Musiker.“
„Musiker?“
„Durch die Wiederholung meiner Worte kommen sie leichter in dein Hirn? Gut! Musiker! Sie waren auf einer Konzertreise, als ihr Planet zerstört wurde. Ich meine, wir fanden sie nicht auf ihrem Planeten.“
„Moment, ich dachte, die können nicht ins All? Ich dachte, das sind alles primitive Völker? Welche, die noch mit dem Stein in die Wand ritzen?“
„Das ist das Gute, das ihr nichts wisst von den Randzonen. Das ist deren Glück. Daran werde ich nichts ändern. Glaubt einfach weiter daran, und betrachtet die Jungs bitte als Ausnahme.“
„Musiker!“
„Du sagst es, Bibliothekar. Und zwar recht begabte. Allerdings nicht meine Richtung. Sie hatten einen Mond besiedelt, der unablässig um ihre Murmel kreiselte. Und noch einige andere Brocken in ihrer Nähe. Nichts spektakuläres. Enormer Aufwand mit hohen Verlusten. Wirtschaftlich der totale Quatsch, aber das Volk jubelte und auf dem Planeten war echt was los wegen einer Landung auf einem giftigen Stein. Das ging wohl schon einige Zeit so. So verbreiteten sie sich ein bisschen, und das sah recht hoffnungsvoll aus. Und sie selbst fanden auch, dass sie es wirklich weit gebracht hatten. Sie wollten das, logisch, normalisieren. Also schickten sie Musiker und ähnliche Kulturschaffenden in die kleinen Kolonien, die sich gebildet hatten. Sie fanden das sehr fortschrittlich. Ich übrigens auch.“
„Das heißt, sie reisten schon?“
„Was man so reisen nennt, wenn man mit einem Schiff fliegt, das hinten total wegbrennt, nur damit man auf einen Mond kommt. Fliegt ein Haufen Schrott in der Gegend rum. Wirklich ärgerlich.“
Obenko hielt kurz innen und dachte nach.
„Das Volk hat es wirklich böse erwischt. Quasi sind nur noch diese Musiker bei uns. Ich weiß nicht, ob sich noch mehr da draußen finden. Ich kenne nur die Fünf. Wir hatten nicht die Zeit uns mit ihnen wirklich zu befassen, aber ich gehe davon aus, dass sie neue Ziele suchen, oder wenigstens bereit sind, was neues kennen zu lernen. So ein Bibliothekar wie du, das wäre nicht das schlechteste.“
„Nur fünf von einer Rasse? Können sie sich noch fortpflanzen?“
„Alles dran. Sie werden noch ihre Freuden haben. Aber es sind scheinbar nur Männchen. Keine Ahnung, ob das ein Problem ist.“
„Führe mich zu ihnen.“
„Ungern.“
„Mache es einfach!“

 

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Einleitung (Part 20)

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