Einleitung (Part 29)

(Liebe LeserInnen,

die Fäden fächern momentan erstaunlich auf, und auch wenn ich das alles einfach so herunter jazzen wollte, ohne mich groß darum zu kümmern, wie der große Plot denn eigentlich aussehen soll, so merke ich jetzt schon, dass ich Mühe haben werden alle Fäden in der Hand zu halten. Das wird dann unweigerlich wahrscheinlich zu einem Konzept führen, dass ich mir notieren müssen, sonst zerfasern sich die Stränge, ich verliere sie, beachte sie nicht und wer weiß, wer dann noch mitlesen will?

Darum und damit ihr etwas in der Hand habt, was euch aktuell noch beim Verständnis hilft: Die Teile 1-29 als Download im PDF-Format: Ach, Bankea. Version 1.08 (116 Seiten)

Ich wünsche euch einen sonnigen Feiertag, und ein schönes Wochenende.

Jan Tälling)

Morkans Palast. Aussichtsplattform.

Mit der Beendigung der Ruhephase huschten die dienstbaren Geister wieder an den Tischen vorbei, sammelten die Essensreste ein und wischten den Boden. Zirmja liess ihren Kopf über die Sessellehne hängen. Ihr rotes Haar floss über das weiche Material und flatterte leicht im künstlichen Wind. Sie sah auf die Glaskuppel und betrachtete das All über sich. Alle diese Schiffe, von denen sie umkreist wurden. Die ersten Dampfer befanden sich bereits wieder dabei. Die Flüchtlingsschiffe dagegen waren fast komplett verschwunden.
Die Aussichsplattform befand sich im obersten Stockwerk. Hier gab es nur eine glasklare Kuppel, die alles offenbarte und den Eindruck vermittelte, man befände sich unter einem gigantischen Nachthimmel, der alle Geheimnisse zeigen wollte. In der Ferne sah man Yachten und Blitze zwischen den Planeten hin und her huschen, im Vordergrund wälzten sich Frachter wie große Wale vorbei. Hunderte von Beiboote schlängelten sich dazwischen durch die Anziehungskräfte, die von den Schiffen abgestrahlt wurden. Eine unbestimmte, aber gigantische Anzahl Drohnen erleuchteten alles, und sie wirkten in ihrem Chaos wie Fischschwärme, die durch einen leuchtenden Ozean rasten. Ihre Unbeständigkeit glich der von Schmetterlingen, ihre Formationen hatten sie von reisenden Vögeln. Sie sausten zur Kuppel herab, umflirrten sie und verloren sich dann wieder irgendwo zwischen den Frachtern.
ZIrmja konnte ihnen lange zusehen. Sie war müde, kurz davor einzuschlafen. Und hatte mehr Feinde, als man sich das vorstellen konnte. Ihr Hand umklammerte immer noch den Schwertgriff, als Morkan auf sie herabsah.
Sie blinzelte. Aufspringen war nicht die Option. Morkan betrachtete mürrisch ihr Gesicht, sah ihre roten Wangen, den weißen Hals und setzte sich in den Sessel ihr gegenüber.
Sie richtete sich auf.
Seine Präsenz vertrieb die dienstbaren Geister. Die Mägde standen an der Essensausgabe und bildeten eine ängstliche Gruppe. Sonst war es noch ruhig, nur weit entfernt sass eine Familie beim Frühstück, doch die Halle strahlte noch eine angenehme Ruhe aus. Es war nicht der Bereich, in dem Morkan vermutet wurde. Selbst die Räte mieden diesen Ort. Morkans Körper wirkte angespannt, seine Oberarme schienen zu platzen, als er sich auf die Armlehnen stützte.
„Erzähle mir, was du weißt, Zirmja.“ Er sprach sehr zurückhaltend, als hätte er die Bremse angezogen. Als müsste er einen Sturm mit seinem eigenen Körper vermeiden. Als wäre er der Sturm.
Sie öffnete den Mund, zog die Luft an, benetzte ihre Lippen, und tastete ihn mit den Augen ab.
„Was ist mein Leben wert, Morkan?“
„Es hat den Wert, den ich ihm beimesse. Versuche ihn zu erhöhen. Versuche es richtig zu machen.“
Sie hielt immer noch ihren Schwertknauf umfasst. Im Zweifelsfall konnte sie wahrscheinlich den Griff nicht mehr lösen. Während sie die Augen senkte, seine Beine und Füße betrachtete, ihren Halt suchte, bemerkte sie, wie ungleich schwächer sie wohl war, wie viel kleiner, wie groß dieser Mann war, welche Wucht in jedem seiner Gliedmaßen steckte. Sie erschrak mehr vor sich selbst, als sie leicht, fast unmerkbar zuckte. Es gab nichts zu erzählen.
„Ich weiß nichts, Morkan.“
„Das mag so sein, dennoch verlassen sich die, die sich von innen abkehren auf deine Worte. Deswegen muss ich wissen, was du weißt.“
„Ich habe mich nicht abgekehrt!“
„Gom liebt dich.“
„Er ist mein Lehrer. Und er ist dein.“
„Trotzdem liebt er dich. Wie eine Tochter. Oder mehr. Ich weiß es nicht.“ Morkan lehnte sich zurück und sah zur Kuppel hinaus. „Du warst in meinem Schlafzimmer, Zirmja. Ich werde dich töten, wenn du gegen mich bist. Du bist so nahe an mir dran, so nahe an meinem Geliebten, dass ich es nicht erlauben kann, wenn du gegen mich bist. Ich werde dich töten, und dich über der Kuppel treiben lassen, so dass es jeder sieht. Wenn du mich verraten willst, dann wirst du die Erste sein, die ich opfern werde. Und nach dir Gom. Und ich werde es tun. Verstehst du?“
Bestürzt merkte sie, wie sich ihr Hals zuschnürrte und das Frösteln über ihre Haut tanzte. Ihr Herz krampfte und ihre Brust hob sich angstvoll. Ich bin eine Kriegern, flüsterte eine Stimme. Schwirrte in ihrem Kopf herum. Ich bin von Adel. Ich bin hier, weil ich das Recht habe, hier zu sein. Ich bin stark, ich bin schnell. Ich bin die einzige Schülerin, die Gom jemals hatte. Ich bin der Krieg, denn du nicht anzetteln solltest. Ich bin Zirmja.
Sie spürte ihre Hand an ihrer eigenen Wange, die entlangfuhr, als sich das Erstaunen löste und sie zur Seite blickte, über leere Tischen, Tassen, aus dem Raum hinaus, ins All, zu den Dampfern, zu den Touristenschiffen, in denen sie jetzt tanzten, aneinander geschmiegt, oder mit einem Kapitän dinierten, oder Dinge taten, die nun das wichtigstes für sie waren, die einfach so geschahen und den Himmel in Kajüten brachten, und das All zu dem einzigen Ort, an dem sie jetzt sein wollten. Sie jedoch wollte hier weg.
Sie drohte zu ersticken als sie sagte „Ich bin eine Piratin.“
„Das sollst du auch sein. Deswegen bist du da. Eine D’Onco. Noch niemals kam jemand von deinem Stamm…“
„..meiner Familie“
„Deiner Familie mir so nahe. Betrachte es als Ehre.“
„Ich tat es freiwillig.“
„Und? Bereust du es? Hast du einen Fehler gemacht? Einen einzigen Fehler?“
„Es nicht früher getan zu haben.“
Er blinzelte, beugte sich vor, griff ihr Kinn, nahm es fest in seine Hand, drückte ihren Mund zusammen und zog ihren Kopf zu sich her.
„Zirmja d’Onco, was weißt du?“
Sie schüttelte ihn ab. Ihr roten Haare bauschten sich für einen Moment wütend und bedrohlich auf und ihre Augen blitzten.
„Fliehst du, Morkan?“
„Du bist mutig, aber es gereicht dir nicht. Dieses hier, Zirmja.“ Er deutete auf das alles, die Tische, die ersten Gäste, die achtungsvoll und fern von ihnen blieben. „Dieses hier ist noch das Herz des Sturms. Es schlägt ruhig und regelmäßig, doch alles was passieren wird, das passiert schon. Es kommt näher, es wird stärker, es findet seine Wurzeln und seine Zukunft hier, neben mir, in deinem Herzen vielleicht, oder in den Köpfen derer, die sich hier alles genommen haben, was ihnen nicht gehört. Sondern mir. Mir allein. Was wir machen, das machen wir schon ewig. Weil wir Piraten sind. Was hier passiert, das machen wir noch nicht lange. Das frisst uns auf, das bringt größere Mächte auf den Plan.“
„Die Flüchtlinge…“
„Sind nur ein verdammtes Symptom. Und sie verstehen nichts. Sie fliehen aus der einen Richtung in die Arme ihrer Peiniger.“
„Fliehst du, Morkan?“
„Nein, Zirmja, ich halte zusammen, was mir gehört. Ich beschütze die, die auf meiner Seite sind. Ich nehme die mit, die an meiner Seite waren, die mit mir hierher kamen, denen ich blind vertraue. Ich sehe, was passiert. Und was passiert wird hier nicht aufzuhalten sein. Die Knoten werden fallen, denn es gibt keine Strategie, wie man sie halten kann. Sie werden überall fallen. Wer immer den Knoten halten will, der soll ihn halten. Wer hier bleiben will, der soll hier bleiben will. Wenn du hierbleiben willst, dann bleibe hier. Aber wenn du mehr willst, wenn du meine Macht willst, wenn du mich stürzen willst, wenn du Koalitionen suchst, wenn du die, die an meiner Seite gekämpft haben, übergehen willst, dann wirst du nichts davon erleben.“
„Morkan, ich habe meine Familie verlassen…“
„Und nun? Suchst du deinen Weg?“
„Ich suche meinen Weg an deiner Seite.“
„Dann tue das. Tue nur das. Bleib an meiner Seite. Halte dich fern, von denen, die sich gerade vergiften mit der Hoffnung ein Leben am Butterfass zu führen. Du geniesst meinen Schutz, denn Gom liebt dich. Vergiss das nicht, Zirmja d’Onco.“
„Ich bin an deiner Seite, Morkan!“
„So ist es gut.“

Bankea. Absturzstelle.

Als die Kelloms mit ihrer Arbeit begannen, kündigte sich der Abend schon an. Die beiden Sonnen entfernten sich immer weiter voneinander, und tauchten die Welt bereits in ein dunkelblaues Licht. Bankea wartete auf die Monde. Und die Kelloms huschten emsig durch das Unterholz. Sie alle waren miteinander verbunden, ihre Stimme schwirrten in ihren Köpfen, als befänden sie sich in einem Versammlungsraum, trotzdem herrschte um sie herum die Stille eines zur Ruhe gekommenen Tages.
Ihre Menge wuchs. Sie kamen aus allen Richtungen, strebten auf die Absturzstelle zu, immer bedacht darauf keine Spuren zu hinterlassen, aber dennoch ihren Anteil mitzubringen.
Im Gegensatz zu den sechsarmigen Bewohnern Bankeas, dem Volk meines Vaters, ahnten die Kelloms sehr wohl, was sich hinter dem gestrandeten Raumschiff verbarg. Die Rätsel, die nun auf Bankea Fuss fassten, waren in dem Gedächtnis der Kelloms verankert, und ruhten aus den Tiefen einer Galaxie, die sie nur mit ihrem Geist bereisten. Die Kelloms wussten nicht wie die Dinge mit ihnen geschahen, aber sie griffen auf etwas zurück, dass sie hüten wollten wie einen Schatz. Es war ihrer Schatz, und es war nichts mehr als das Wissen aller Soys seit Anbeginn ihrer Existenz. Ein Wissen, das sich ständig zwischen ihnen bewegte, immer wieder neue Gefäße suchte, und immer wieder neu verankert wurde. Die Kelloms waren sich nicht bewusst darüber, dass all das, was hier passierte, seinen Ursprung auf anderen Welten hatte, aber sie ahnten es bereits seit einiger Zeit.
Denn in ihrem Gedächtnis, das sich ihr Volk teilte, das so geschwätzig im Hintergrund ihrer Hirne lagerte, und etwas präsentierte, was viel größer war als sie, gab es Landschaften, die sie auf Bankea nicht antrafen, Völker, die hier nicht lebten, und Dinge, über die noch niemand der Bewohner gesprochen hatten. Egal, welcher Soy es war, doch irgendeiner stand immer dar, und versuchte zu ergründen, wo all diese Dinge herkamen, die sie über ihre Verbindung übertragen. Ab und zu riss alles ab, und sie rannten eiligst, mit ungeschickten, trampeligen Schritten durch den Dschungel, denn dann wurden sie wieder gejagt, und getötet. Und dann mussten sie die Fäden wieder neu flechten, sich selbst neu suchen, voneinander träumen, über Kontinente das Netz spannen, bis sie wieder alle miteinander verbunden waren, und die Kombinationen aus dem Jetzt entschlüsseln konnten.
Sie fragten nicht nach richtig oder falsch, sie reagierten auf das was passierte. Dieses Raumschiff kam ihnen bekannt vor. Ihr Gedächtnis hatte es schon mal gesehen, obwohl sie nie Bankea verlassen hatte, obwohl noch nie etwas vergleichbares jemals zuvor auf Bankea passiert ist.
„Soy!“ Das Kellom erstarrte.
„Soy, bist du es? Rede mit ihm. Soy, was meint ihr.Soy, sollen wir kommen. Wir kommen doch schon.“
„Kommt alle!“
„Was müssen wir tun?“
„Alles begraben, verstecken, bewalden. Die Spuren müssen weg. Die Spuren müssen komplett verschwinden.“
„Ist es nicht schon zu spät? Ist es nicht schon vorbei? Ist es nicht das, was wir wissen?“
„Es ist das, was wir wissen.“
Soys Ärger kroch durch das Netz, setzte sich fort, liess alle Kelloms kurz erzittern, wie ein kleiner Kälteschock oder Stromschlag, der sich in Windeseile verbreitete. Was nun drohte, das konnten sie ja nur erahnen, aber wenn sie gruben, wo sie in ihren Köpfen etwas vermuteten, dann sahen sie mehr Raumschiffe, eine Flotte, eine Armada, einen Himmel, der darunter verdunkelte. Dann sahen sie Männer, wie die Körner am Strand, so vielfältig und bis an die Zähne bewaffnet, die den Wald durchkämmten, als hätten sie es schon tausend Mal getan, dann sahen sie Schiffe verankert, die Städte wachsen und sie ahnten, was mit Bankea passiere würde.
„Lass es uns begraben. Wir müssen es verstecken.“
Es waren Bilder, die sie wie ein Sturm überfielen, in ihnen kreisten und Spuren aus der Zukunft und er Vergangenheit mitbrachten. Es war beängstigend, den was sie sahen, änderte alles.
„Begraben, bewachsen, schliessen. Die Wunde muss schliessen. Der Wald muss es fressen. Bringt Samen, bringt Samen. Kackt es zu.“ In ihrer Atemlosigkeit wurden ihre Stimmen zu eins. Ihr Entschluss zu einem Funken, der durch ihre Seelen raste und sie rannten aus allen Himmelsrichtungen zur Absturzstelle, trugen in sich Blumen, Bäume und wilde Gräser. Sie kamen wie eine Welle, sie waren alle dabei. Und sie trugen in sich, was zu ihrem Leben gehörte. Sie waren dabei ein Grab zu schaffen, das nichts mehr hergeben sollte. Kein Signal, kein Leben, keine Orientierung, keine Erinnerung. Die Kelloms durcheilten den Wald, so schnell sie ihre kleinen Füsse tragen konnten. Die Boden vibrierte unter ihren Schritten, die kleinen Bäume zitterten unter ihren Schritten, und die Insekten schwirrten aufgeregte über ihnen. Ganze Wolken aus Bienen, Hummeln, Schmetterlingen standen über dem Wald, warfen ihre Silhouetten in das Licht der Monde, und tauchten wellenförmig auf und ab. Es surrte, es summte, es klang wie der Motor von etwas größerem, etwas, das größer war, als alles, was Bankea bisher erlebt hatte. Die Nacht nahm all das in ihre schützende Hand, barg es vor meinem Volk, doch Burkim stöhnte laut in seinem Schlaf, eine Hände griffen ins Leere, und Papenka küsste seine Nasenspitze. „Schhhhhh.“

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Einleitung (Part 29)

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