Einleitung (Part 30)

(Liebe LeserInnen,

zum Abschluss des Tages noch ein Update, mit einer kurzen Einleitung in die nächsten Szenen auf Bankea.  Alle Teile, wie immer, im neuesten PDF auch downloadbar (1-30): Ach, Bankea! Version 1.09.

Ein paar Zahlen für alle die sich für die Statistik interessieren: 41.007 Wörter  bzw. 259.045 Zeichen auf 122 Seiten bisher. Eine Zahl, von der ich persönlich nicht dachte, dass sie so schnell zu erreichen ist. Und, verflixt, ein Ende der Einleitung ist noch nicht abzusehen. Der Punkt, an dem die eigentliche Geschichte beginnen soll, ist noch nicht erreicht. Den, im Grunde beginnt die Geschichte, die ich erzählen werde, erst sehr, sehr viel später.

Ich wünsche euch weiterhin viel Spaß und freue mich, dass ihr noch dabei bleibt.

Jan Tälling)

Das Schiff der Mission

Das Scharren, Kratzen und so etwas wie ein undefinierbares Schmatzen vor Jeelbees Tür wurde lauter, als sich der Sitz an ihm festgesaugt hatte, und der Unterdruck ihm behilflich wurde. Es kratzte und knarrte und wirkte gar als ob alle Käfer, die es jemals auf dem Schiff gegeben hatte, gerade ihre Vollversammlung abhalten wollten. Die Tür wirkte wie unter Druck, die Laute der Menge deuteten auf Handgreiflichkeiten und äußerste Erregbarkeit hin. Jeelbee verharrte in angstvoller Spannung, verkrampfte sich und merkte, das alles länger gehen würde, als er sich das vorgestellt hatte. Sein Magen rumorte ungehörig, der Schweiss stand ihm wieder auf der Stirn und er wischte sich verzweifelt seine Hände an der Oberbekleidung ab. Die Tür wackelte ein wenig, knarrte, wie sie nicht knarren sollte, und da draußen passierten Dinge, die dort auch nicht passieren sollten.

Jeelbees Unwohlsein wuchs. Was immer dort draußen passierte, es klang, als ob sich die Käfer bereits stapelten. Er fuhr sich durchs nasse Haar, schüttelte die verbrannten Anteile daraus ab und murmelte ein Gebet an einen vergessenen Gott, der sich so was wohl auch nicht vorgestellt hatte. Die Käfer wurden währenddessen lauter, als seien sie nun zu einer Art Beschlussfassung gelangt, die es ihnen erlaubte, ihre Stimmen im Chor zu erheben. Sie  knarzten nicht mehr in einer Weise, die auf Kommunikation deutete, sondern sie verhielten sich ausgesprochen aufgeregt, wild und hysterisch. Ihr Knarzen brummte bereits. Und das was da brummte, das klang bedrohlich und groß. Jeelbee wollte gerade beschliessen, nie wieder, und das meinte er ernst, wirklich nie wieder, die Toilette zu verlassen, da splitterte etwas, das nicht splittern sollte, und die Tür brach auf, wie sie ebenfalls nie aufbrechen sollte. Jeelbee sah sich einer gigantischen, übereinander getürmten Schar Käfer gegenüber, deren Facettenaugen in scheinbar wilder Gier rotierten.

Jeelbee hieb mit der Faust verzweifelt auf einen Knopf, der ihn von der saugenden Schüssel befreien sollte, aber nichts geschah. Die Käfer versammelten sich in der Zwischenzeit gemächlich und bedrohlich um ihn, liessen ihm keine Flur, keine Gasse wie ehedem, knurzbelten und fiepten, pfiffen in hohen Tönen, rollten mit dem Schultern, und taten etwas mit ihren Kiefern, das aussah, als würden sie ihre Zähne blecken, aber es waren wohl nur so eine Art Beißwerkzeuge. Sie hatten wohl keinen wirklichen Anführer, aber eine gemeinsame Stimmung, die sie immer weiter vorwärts trieb, bis sie seine Füße und dann seine Beine berührten, an denen seine geöffnete Hose hing.

Jeelbee hämmerte auf den Schalter, schlug ihn, fluchte, raffte mit der anderen Hand seine Hose und schrie undeutliche Worte, die keinen Sinn ergaben. Doch die Käfer kamen näher.

Sie knurzbelten, scharrten, knackten und machten eine unanständige, schmatzige Geräuschkulisse, die sich anhörte, wie eine atmender Schrotthaufen. Jeelbee begann nach ihnen zu treten. Schien sie nicht sonderlich zu beeindruckend. Überhaupt agierten sie so homogen als Masse, dass er sie einzeln gar nicht wahrnahm, sondern sich einer Anbahnung eines größeren Etwas ausgesetzt sah, dass er nicht verstand. Was es ihm aber entschieden einfacher machte, nach allen Seiten zu treten, egal ob es komische Knackgeräusche machte, oder eine dickflüssige Sosse freigab, die unter den gebrochenen Chitin-Panzern hervortrat.

„Lass mich in Ruhe!“ schrie er wieder und wieder. Er kam frei von der Toilette, aber der Verwerter hatte noch nicht die Chance, die ihm übergebenen Dinge abzusaugen, und so stieg nicht nur eine Duftwolke ungewohnten Ausmasses mit seiner Loslösung nach oben, sondern die Toilette gab auch den Blick frei auf seine Hinterlassenschaften. Sofort fixierten ihn die Käfer fester, einiger und gewissenhafter, und alles Rotieren und Stampfen und Schmatzen wich einer konzertierten Aktion, die sie wie eine Welle nach vorne drückte, an Brust und Bauch von Jeelbee lagerte und ihn überstieg. Er schrie weiter, panisch, entsetzt, schlug um sich, knallte hier und da einen Käfer gegen die Toilettenwand, merkte aber auch, dass all das wohl eher an ihm vorbei gehen sollte. Er trampelte, strampelte, trat wieder in die Panzer, zog seinen Fuß besudelt mit der Sosse aus den Käfern raus, packte sie und warf sie gegen die Wände und riss sie sich gleichzeitig von Hemd und Hose.

Es wuselte um ihn wie in einem Treibsand, und statt eines Bodens sah er nun nur noch Käferkörper, die an ihm vorbeidrängten, den Toilettenrand suchten, sich in die Schüssel stürzten, und diese immer weiter anfüllten. Jeelbees Entsetzen liess ihn noch einmal zurückgehen, noch einmal auf den Schalter schlagen, und dieses Mal, öffnete sich wieder der Sauger, der die Abmessungen seines Gastes suchte, nichts fand, dafür aber eine Füllung erkannte, die er mit einem wilden Geräusch des Abzugs dem Verwerter entgegen jagte.

Obszöne Geräusche der krachenden Panzer, ein entsetzliches Fippen und das Erstarren der restlichen Käfer, die um den Toilettenrand herumstanden, begleiteten die Fahrt in den Verwerter, deren Ausmaß sich Jeelbee nur vorstellen konnte. Innerhalb von einem Bruchteil eines unheimlichen Momentes, war die Schüssel wieder sauber, abgezogen, vorbereitet für den nächsten Gast und die Käfer liessen mit gesenkten Köpfen von allem ab, was sie gerade vorgehabt hatten, trotteten beiseite, bildeten eine Gasse und liessen Jeelbee vorbei, der wie frisch geduscht im eigenen Schweiss vor ihnen stand und seinen Fuss besah, bedeckt mit einer Flüssigkeit, die wohl das weiße Blut der Käfer war.

Morkans Palast. Truppenquartiere.

Paulbaul war, seit ihn Morkans Horden von seinen Eltern als Zollpfand abgetrotzt hatten, Pilot. Er hatte ein Händchen für Flugboote, und konnte im Blindflug durch Minenfelder,  oder Drohnen im Vorbeiflug aufsammeln. Er war nicht der Beste, aber einer der Besten. Er war gerne im All, verzichtete dafür gerne auf ein Sozialleben, und betrachtete Wesen, die es nicht schafften ein vernünftiges Raumschiff zu lenken, als ziemlich unwert überhaupt etwas zu lenken.

Shinquasz war für ihn das beste Beispiel für das Totalversagen der Evolution. Diesem etwas entgegen zu setzen war Paulbauls Aufgabe. Er hatte den alten Vogel zu dem Totenschiff geflogen, damit er mit der Ansammlung der dortigen Opfer seinen Hokuspokus machen konnte. Aber er war auch heilfroh, als der durchgeknallte Spinner ihn wieder zum Rückflug aufforderte. Der Bibliothekar sah nicht nur ungepflegt und vernachlässigt aus, er roch auch wie misshandelte Komposthaufen, auf denen sich Zeug fand, das nun wirklich nicht darauf gehörte. Er war froh als er ihn wieder aus dem Boot raus hatte und schrubbte Sitze und Amaturen danach erstmal ordentlich. Er befürchtete den Gestank sonst überhaupt nicht mehr heraus zu bekommen.

Paulbaul mochte keine ungepflegten Dinge. Keine Bibliothekare, die räudiger aussahen als jedes verwahrloste Haustier, und keine Schiffe, die im Grunde schon aufgegeben waren, aber nun für seltsame Missionen verwendet wurden. Die Beauftragung dieses Schiff zu besuchen war ihm zuwider, aber es gab nicht viele Möglichkeiten einen Befehl zu verweigern, so hatte er Shinquasz dahin geflogen. Sie hatten fünf Schiffe gefragt, ob sie zu einer Aufnahme bereit wären, aber jedes dieser Schiffe verweigerte Shinquasz den Zutritt. Nur dieser schmierige Arzt mit dem größten Maul in diesem Knoten erlaubte dem Bibliothekar sein Schiff zu betreten und die Flüchtlinge zu befragen.

Das Flüchtlingsschiff sah innen ungleich schlimmer aus, als es von außen schon wirkte. Jegliche Innenverkleidung war untersucht und auf jeder Armlänge mit einem Loch versehen, durch das Kabel oder Füllmaterialien hingen. Alle Metalloberflächen kämpften gegen eine farbenfrohe Korrosion und in den meisten Gängen tropfte etwas von der Decke, das sich ebenso mannigfaltiger Farben bediente. Die Schreie, Geräusche und Laute, die ihn auf seinem Gang in das Innere des Schiffes hinter Shinquasz begleiteten, waren der Soundtrack einer Hölle, die er noch nicht einmal aus seinen Alpträumen kannte. Paulbaul spuckte immer wieder mal verächtlich auf den Boden, und hielt sich ein Tuch vor die Nase. Er fluchte leise, doch der Bibliothekar, der sich sichtlich wohl fühlte, verbat ihm das Wort.

Paulbaul beschloss im Gehen schon eine offizielle Beschwerde gegen solche Einsätze vorzulegen. Er hatte nicht die Ausbildung zum Piloten gemacht, um im Unrat und den Überbleibseln untergegangen Planeten herumzulaufen. Er kam sich dreckig wie selten vor, und hätte dem verdammten Vogel am liebsten ins Rückgrat getreten. War ja nicht auszuhalten.

Mittlerweile lag Paulbaul in seiner Kajüte auf seinem Rücken, und sein Gesicht fühlte sich an, als ob kleine Insekten unter seiner Haut Feuerchen entfachten. Seine Hände wurden dick wie Luftballons, und was er sah, das verzog sich vor seinem Gesicht, als ob die ganze Kajüte aus Gummi bestand. Er hielt die Hände vor seinen Augen, betrachtete die klumpigen Finger, die zu zerplatzen drohten und nur die Fingernägel hatten noch etwas von der Originalgröße, aber wirkten nun klein, unbedeutend und verloren. Vorsichtig fuhr er sich mit einer Hand über die Stirn und auf beiden Seiten offenbarten sich ihm eigentümliche Erfahrungen. Die Haut seiner Stirn nahm das volle Volumen seiner Finger als sehr fremdartig zur Kenntnis, während sie sich gleichzeitig löste und in weichen Fetzen vor seine Augen fiel.

„Was…“wollte er sagen, aber er spürte, wie sein Zunge ein ähnliches Ausmaß wie seine Hände annahm und mit ihrer Größe den Mund zu öffnen begann, jedoch gleichzeitig die Sauerstoffzufuhr begrenzte. Er brachte kein weiteres Wort mehr hervor, tastete sich an den Bettrand, aber der Gummiraum veränderte beständig seine Größe, seine Dimension und weiche Hautfetzen lösten sich um ihn herum, fielen auf sein Kissen und wahrscheinlich auf den Boden. Er wußte es nicht. Hieb mit der Hand um sich, schlug auf Schalter, deren Bedeutung ihm unbekannt waren, die er nicht mehr sah und sank zurück, als er, wie durch Watte einen Alarm vernahm, der irgendwas bedeuten musste. Er hoffte ihn selbst ausgelöst zu haben.

Bankea. Papenkas Dorf.

Papenka sah auf Koerma herab, berührte sie sanft am Arm und strich darüber. Koerma wirkte wie ein Spielzeug, ein zerbrechliches, handgefertigtes Püppchen, weniger wie ein lebendiges Wesen. Die beiden Armen bedeuteten soviel Verletzlichkeit, dass Papenka immer wieder ein Gefühl des Mitleides übermannte. Sie strich durch das Haar der jungen Ärztin und betrachtete es, wie man ein Handwerkskunst betrachtete. Obwohl sie diese Mißgestaltung nicht als wirklich schön empfand, berührte es Papenkas Herz jemand so hilfloses schlafen zu sehen. Es erinnerte sie an junge Tiere und sie dachte, sie müsste sie in den Arm nehmen. Wenn das stimmte, was Burkim erzählt hatte, dann hatten diese Wesen einen Verlust erlitten, wie er größer nicht sein konnte, und alles was sie kannten, wie sie lebten fußte, auf einer Lüge. Es war ungeheuerlich. Papenka konnte diesen gewaltigen Betrug noch nicht fassen, aber sie vermutete, dass es nicht nur ihr so ging. Die Dimension, die dieses bedeutete, war zu diesem Zeitpunkt noch niemanden klar.

Koerma schlug die Augen auf, und sah Papenka erschrocken an.

„Gut,“ sagte sie langsam und vorsichtig „ich muss mich an all das erstmal gewöhnen. Papenka?“

„Ja.“ Papenka nickte und strich ihr über den Kopf. „Du hattest fest geschlafen, aber die Nacht ist vorbei und vielleicht sollten wir noch einmal dahin zurück, wo ihr hergekommen seid.“

Koerma schloss abermals die Augen. Und fragte dann: „Sind Quas und Johsz schon wach?“

Papenka schüttelte sanft den Kopf. „Nein, keiner von Beiden. Sie sind gestern nacht gemeinsam eingeschlafen und wir liessen sie einfach dort, wo sie waren. Als ich vorhin vorbeiging, schliefen sie immer noch. Wir können sie wecken, wenn du willst?“

„Nein, ist schon gut, lasst sie schlafen. Es wird das Beste sein. Wir werden unsere Kräfte sammeln müssen. Wer weiß, wie es weitergeht.“

Sie versuchte zu lächeln.

Papenka stand auf und ging zurück in die Küche. Karee tollte hinter ihr her, machte große Augen zu Koerma, sabberte ein bisschen vor sich hin, aber das hatte nicht wirklich etwas zu bedeuten. Karee hatte die Gabe, jeden so anzusehen, als sei dieser gerade auf den Planeten gefallen. Das war seine eigene Art und nach einer Weile nicht mehr verwunderlich.

Der Morgen auf Bankea strahlte immer seine eigene verwunschene Schönheit aus, wenn der Nebel sich senkte,und die ersten blauen Strahlen die Räume fluteten. Manchmal hing noch ein Hauch der Watte in der Luft, arbeitete sich über den Hof durch die Räume und wurde von uns Kinder zerteilt. Papenka bereitete einen Tee aus Blütenblätter vor, während mein Vater plötzlich hinter sie trat, sie überall mit seinen Händen berührte, das Kleid sanft hochschob, die Brüste bedeckte und ihr durchs Haar fuhr. Sie lachte, wandte sich um, wehrte ihn ab und empfing seinen Kuss mit einer stürmischen Begeisterung, die auch wieder mit Karrees Staunen belegt wurde.

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