Einleitung (Part 33)

(Liebe LeserInnen,

die Seuche breitet sich aus in Morkans Palast und die ersten Opfer werden nun gesichtet. Gleichzeitig bereitet Vomgir seine Intrige gegen Morkan vor, während dieser seine Getreuen zu einem Umzug nach Bankea zu überreden versucht. Auf Bankea selbst finden die Replikanten Johsz, Koerma und Quas Zuflucht bei den Einheimischen Burkim und Papenka, und überlegen sich noch immer, was das alles zu bedeuten hat. Shinquasz hat seine eigene Erklärung dafür. Alles bisherige findet sich im downloadbaren PDF Ach, Bankea! Version 1.12 .

Auf 131 Seiten werden die bisherigen Zusammenhänge in einem Strang und Ablauf dargestellt. Teil 1-33.

Wer also wissen will, was bisher geschah, der sollte zugreifen.

Viel Spaß damit und ein schönes Wochenende.

Jan Tälling)

Morkans Palast. Truppenquartiere.

Sein Gang war geradezu beschwingt als Tenx Pi in den Flur der Quartiere trat. Er trug die Feiertagsuniform der Offiziere,  und genoss die Unruhe am Ende einer Ruhephase augenscheinlich. Seine Weste offenbarte großzügig seinen Rang und Stand, und zeigte damit auch, dass er just zu jenen gehörte, die erst später in Morkans Dienste traten. Als der Knoten schon erobert war, die Grundvoraussetzungen für ein erfolgreiches System geschaffen waren und das Imperium bereits im Aufbau war. Er gehörte zu jener gut ausgebildeten Klasse Offiziere, zu der auch Zirmja gehört hätte, wenn sie denn diesen Weg eingeschlagen hätte. Tenx war dagegen kein Pirat und wäre wahrscheinlich auch beleidigt gewesen, wenn ihn jemand so genannt hätte. Sein Stolz auf seine Herkunft und Ausbildung war viel zu groß, als das er es geduldet hätte mit dem Raubrittertum Morkans in Verbindung gebracht zu werden. Als er in die Dienste Morkans trat ging es vor allem darum den Knoten effektiv zu bewachen, die Zollfunktionen aufrecht zu erhalten und das System selbst zu stabilisieren. Er sah große Chancen in dem aufstrebenden Reich. Vor allem für sich und seine junge Karriere, die er möglichst schnell und effektiv voran bringen wollte.

In erster Linie war Tenx das Ergebnis seiner eigenen Berechnung. Ein junger Mann, der sehr schnell, mit einem erstaunlich effektivem Realismus seine Möglichkeiten in der Galaxie abschätzen konnte. Angesichts der Entwicklungen, die sich ganz offensichtlich um den Knoten herum ergaben, viel es ihm leicht, sich den Siegern anzuschliessen.

Doch Tenx merkte sehr schnell, dass es Morkans Horde an mehr als nur Disziplin fehlte. Er avancierte geschwind und geschickt zum gern gesehenen Gast in den Offiziersklubs und fiel bald den richtigen Leuten auf. Inmitten der Barbaren glänzte er mit Wissen und Kultur, beherrschte das Spiel der Vernetzung wesentlich besser als jeder andere und gelangte schon bald in die höheren Schichten. Morkans Palast entwickelte sich für ihn zum Spielball.  Er folgte einem Plan, den nur er kannte, der aber schon bald versprach aufzugehen. Kurz, es fühlte sich alles an, wie sein Tag, seine Zeit, sein Leben. Und alles schien gut. Geradezu perfekt. Grandios mochte er sagen. In dieser Stimmung, die ihn trug wie eine Wolke, trat er nun in den Flur.

Die Flure von Morkans Palast glichen Gassen und Straßen. Wie in dem sozialen Gefüge einer Stadt, so erfüllten auch sie mannigfaltige Aufgaben. Zum einen fungierten sie als Treffpunkte für alle Schichten, aber auch Händler und Gaukler fanden in den Fluren der Truppenquartiere ihr Auskommen und Lohn. Es gab Sitzecken, Wasserspender und selbst Tische mit eingelassenen Spielfeldern waren an verschiedenen Stellen zu sehen. Das Treiben konnte sowohl inspirierend wie auch ansteckend, ja, mitreißend und gefährlich sein. Für Tenx, die Taschen voller Geld und auf dem steilen Weg zu Ruhm und Ehre, waren es Orte voll Lust und Anarchie. Er empfand eine beständige Chance zur Verführung, bei der er sich selbstverständlich als das unterwerfungsbereite Opfer sah, das dann bereit war alles zu tun. Tenx war, auch aus dem Blickwinkel der verschiedensten Völker und Rassen, ein schöner junger Mann. Man mochte unterschiedlicher Meinung sein, doch es war schwer sich dem zu entziehen.

Morkans Palast war ein Hort großer, haariger Männer, deren Stimmen laut im unteren Frequenzbereich angesiedelt waren. Sie pflegten einen sowohl ungehobelten, wie unorthodoxen Lebensstil, der in diesem Schiff jedoch fast uniforme Qualitäten hatte. Ihre Gesichter waren vom Kampf und Giften gezeichnet. Gifte, die sie oftmals nur zu sich nahmen um den Kampf zu überstehen. Gifte, die sie in einen mordenden Rausch versetzten. Die ihnen den Schaum vor den Mund trieben und ihnen halfen, sich jedem Schwert, jedem Strahl, jedem Feind entgegen zu werfen. Gifte, die sie Schmerzen und Furcht vergessen liessen. Die sie wie Maschinen vorwärts streben lies. Egal, wer sich ihnen wann entgegen stellte. Egal wie fremd und furchtbar der Fein sein konnte. Diese Gifte waren die Grundlagen der Piraterie. Mit ihnen wurde der Knoten eingenommen, wurden die Leichen der Gegner ins All geschleudert, auf dass sie jedem entgegnet rieben, der sich auch nur überlegt, Morkans Reich in Frage zu stellen. Damit waren sie alle erfolgreich. Damit waren sie noch lebend.  Doch es waren jene Gifte, die aus Jungen alte Männer machten. Die ihre Haut gerbten, und tiefe Furchen reinrissen. Die ihre Augen färbten, bis jeder Glanz verschwunden war, aber das Blut den Blick rot färbte.

Wie auch immer, diese breiten, haarigen Männer, mit ihren Tattoos und Erzählungen von Planken voll Gedärme und Blut,  waren die Denkmäler ihrer eigenen Legenden. Piraten wie aus dem Bilderbuch. Raubeinig, tödlich, drollig in ihrer Naivität. Und beeindruckend in ihrer bedingungslosen Gefolgschaft für Morkan.

Tenx schien schien so gar nichts mit ihnen gemein zu haben. Sein Gesicht wirkte rein und klar wie ein Bergsee. Sein Antlitz glich der perfekten Arbeit eines Bildhauers, der der Schönheit huldigen wollte. Die Wangenknochen wirkten asketisch ausgeprägt und verliehen dem jugendlichen Gesicht eine Ernsthaftigkeit, die ihm jede Seriosität zugestand. Wenn sie denn vonnöten war.

Tenx verlor natürlich kein Wort über die chirurgischen Meisterleistung, die man an ihm bewundern konnte. Ebenso wie einen großen Teil seiner Phantasien gab es für ihn Dinge über die er bewusst den Mantel des Schweigens legte.

Morkans Palast war ein liberaler Ort. Feiern, die hier stattfanden mochten woanders schon als Orgien durchgehen.

Tenx wußte das zu schätzen, aber die Grundlage einer jeden Orgie ist ja eine tiefere Moral, die einen solchen lustvollen Verstoss erst zu schätzen lässt, und schließlich überhaupt nötig macht.

Tatsächlich befand sich Tenx Pi also auf dem Heimweg von dem Fußboden des örtlichen, geschätzten Bordells, in dessen Nähe, wie wir bereits wissen, Vomgir, das Mitglied des Rates sein Domizil hatte. Die angestellten Damen und Herren des Bordells betrachteten den schönen Tenx als einer zahlungskräftigen Dauergast, der zwar ob seiner Besuche des Etablissements mit sich selbst haderte, aber dennoch in verlässlicher Regelmäßigkeit kam. Seine Obsessionen erschienen ihnen obskur und nützlich zugleich. Daher war er ihnen noch eine der liebsten Gäste, und sie behandelten ihn mit einer zuvorkommenden Hochachtung, die er sichtlich genoss. So wie er eigentlich alles genoss, was ihm in diesem Haus widerfuhr.

Verliess er es wieder, dann war ein göttlicher Friede in ihm, eine Ruhe und eine Zufriedenheit, die ihn durch den Rest der Tage und der Zeit trug. Er füllte sich gereinigt, gewaschen, von allen Sünden befreit und beseelt. Es war als würde seiner Seele Flügel wachsen, wenn er die Fußsohlen der Dirnen küsste, die Männer wusch und nackt und bloss die Pissoirs schrubbte .

Sie nahmen ihm alle Verantwortung. Bei ihnen war er nackt und ausgeliefert. Tenxs Körper gehörte ihnen, seine Seele war ihrs. Es war ein Abkommen, dass ihm erlaubte sich schutz-und hilflos zu fühlen. Wie Wachs in ihren Händen, wie Kind und folgsam. Es dürstete ihn danach, das sie ihn nahmen, benutzten, sich vergingen und ihn dazu brachten, die heißesten Tränen zu weinen. Groß, schwer, salzig und voll Inbrunst. Er heulte, er schluchzte er warf sich an ihre schweren Brüste, verbarg sich unter ihre Röcke und kämpfte um ihre Liebe und die reinste, mögliche Erfüllung. Alles nur ein Spiel. Gemacht in einem Rahmen, mit der Sicherheit eines Vertrages, einer Bezahlung, einer Wiederholung und der Tatsache, dass er viel mehr Macht hatte, als sie sich vorstellen konnten.

Es war als würde ihm jedes Mal das Herz massiert. Als würden sie ihn auf eine Reise in sein Innerstes mitnehmen, zu einem Planeten so unbekannt und schön, das er zerplatzen wollte. Er ging durch einen erfrischenden Regen, der alles abwusch und ihn leicht machte. Seine Schritte beflügelte, ihm das nahm, dass ihm Nachts den Schlaf raubte. Die Angst. Die Gewissheit, dass er alleine sein wird, dort wo er hinwollte.

Danach, so auch jetzt, war die Welt mit sich im Reinen. Alles schien gleissend, gut und golden und mit sich im Lot. Die Ruhephase war vorbei. Arbeiter strömten durch die Flure, Soldaten standen mit dampfenden Tassen vor ihren Türen, und die Alten umringten die Spieltisceh bereits. Händler boten ihre Waren feil, Lebensmittel wurden vor die Türen gestellt, und einzelne Barbaren suchten wankend den Heimweg.

Dieses war der Moment in dem der durchdringende Alarm das geschäftige Treiben und aller Gedanken, denen Tenx nach hing, brutal unterbrach. Köpfe fuhren hoch, Händler rafften ihre Waren zusammen und hastige Schritte eilten den Flur hinunter.

Sie folgten einem Protokoll, das schon lange aufgeschrieben, die uniformierten unter den Anwesenden zur Handlung verpflichteten. Protokolle, die im Chaos, die Ordnung zeigen sollte, das Gewissen Morkans, die Regeln, die keiner verletzten durfte. Als Offizier war verpflichtet mitzuwirken eine Ordnung wieder her zu stellen, wenn etwas außergewöhnliches passierte.

Alle Türen waren mit entsprechenden Signalen ausgestattet, die im Alarmfall ein auffallendes, pulsierendes Leuchten zeigten. Es war eher Zufall, dass Tenx der nächste an Paulbauls Tür war und das Signal daher als erstes wahrnahm. Tenx schritt zur Tür, vergewisserte sich nochmals des Alarms, sah sich um, und bemerkte wie sich der Flur leerte, andere in ihre Räume traten, die Händler verschwanden, und die Alten die Spieltische zurückliessen. Das Schrillen des wieder kehrenden Alarms rang mit jedermanns Nerven. Auch Tenx kniff die Augen zu, spürte wie alles wieder auf ihn zurückfiel, straffte sich und klopfte vehement mit der Faust gegen die Tür.  Die Sirene heulte währenddessen unablässig, und Tenx vernahm hinter sich die herbei eilenden Stiefel. Das Protokoll, die Wachhabenden. Die Momente der Ordnung. Er wußte sie hinter sich.

„Machen Sie auf! Sie haben einen Alarm ausgelöst, können wir Ihnen helfen.“

Keine Reaktion auf der anderen Seite. Allerdings musste Tenx zugeben, dass es bei diesem Lärm auch kaum möglich war eine Reaktion, welche auch immer , aus zu machen.

„Lassen sie uns durch.“

„Ich bin Tenx Pi, ich bin bevollmächtigt diese Operation zu leiten, bitte bleiben sie hinter mir.“

Die Stimme hinter ihm hatte einen seltsamen Unterton.

„Ich weiß, wer sie sind, Tenx Pi. Wollen sie das nicht lieber uns überlassen?“

„Öffnen Sie die Tür.“

„Wie sie wünschen, Offizier Tenx!“

Tenx trat zurück, der Soldat nahm eine Plakette, fuhr damit am Türrand entlang, der Signalgeber leuchtete kurz blau auf, verstummte, und die Tür öffnete sich mit einem leisen Rauschen, als würde sie sich auflösen, ihre Stabilität sich verflüchtigen, und der Blick in den Raum wurde frei.

Mit einem Schritt war Tenx im Raum. Er sah sich um. Die karge Behausung eines Piloten. Nichts persönliches, alles akkurat und ohne optischem Reiz angeordnet. Sehr ordentlich, sehr subtil, relativ geschmacklos. Nichts, was ins Auge fiel, nichts was ihm in Erinnerung bleiben würde. Wie eine Räumlichkeit, die jederzeit aufgegeben werden konnte. Tenx kannte diese Räume. Piloten lebten wahrscheinlich in der Kanzel der Boote auf. Er hatte keine Ahnung davon. Er hatte mit keinem Piloten an Bord bisher mehr als fünf Worte gewechselt. Der Mangel an Begeisterung für jedes andere Thema, als die Chance mit den Kisten im Weltall herumzufliegen, war ihm zuwenig. Sein Blick schweifte zum Bett, erschrocken wandte er sich zum Soldaten neben ihm, der seine Waffe mit zwei Händen erhoben hatte.

Tenx zog sein Schwert, deutete auf das Bett und näherte sich im vorsichtig. Der Soldat versuchte ihn abzuhalten, hielt die Waffe tiefer, und zog mit einer Hand an Tenx.

Dieser schüttelte ihn ab und hob mit der Spitze seines Schwertes die Decke. Der Mann auf dem Bett lag mit dem Gesicht nach unten, und unter seinem Gesicht breitete sich eine Lache aus, in der Fetzen lagen. Die Arme hatte er weit von sich gestreckt, an ihren Enden waren monströse Hände, die überdimensional und wie aufgeblasen wirkten. Dasselbe war mit den Füßen, die ein gigantisches Ausmaß bekommen hatten, knochenlos schienen und zu platzen drohten.

„Wir brauchen ein medizinisches Team.“ flüsterte Tenx und legte die Decke mit der Schwerspitze wieder über den Körper.

Der Soldat gab Zeichen nach hinten und kam wieder näher.

„Hat er noch ein Gesicht?“

Tenx beugte sich vor. „Schwer zu erkennen, aber es scheint aufgelöst.“

„Geplatzt?“

„Nein, sonst wäre es wohl überall im Raum verteilt, oder?“

„Lebt er noch?“

„Schwer zu sagen. Das Blut ist noch nicht geronnen, sein Herz scheint noch zu pumpen, irgendwas passiert noch mit seinen Füssen, und seine Hände zucken. Ich würde sagen, er lebt noch.“

„Mit dem Gesicht?“

„Haben sie das verdammte medizinische Team gerufen?“

„Ja, natürlich, verflucht, was glauben sie, was ich hier mache?“

„Keine Ahnung, ich bin noch nicht dahinter gestiegen. Gehen wir raus?“

„Wollen sie ihm nicht helfen?“

„Wollen Sie?“

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