Einleitung (Part 36)

(Liebe LeserInnen,

nachdem sich eine vermeintliche Seuche bereits zwei Opfer in Morkans Palast geholt hat, war es wieder an der Zeit sich Jeelbee und Dr.Obenko zuzuwenden. Jeelbee, weil er gerade den Käfern entkommen konnte, Dr.Obenko, weil er immer noch mit sich haderte, wie er Shinquasz Besuch auf seinem Schiff überhaupt zulassen konnte. 

In den Innenansichten kommt dann auch raus, woher die Käfer kommen, was Flugquallen sind, und einiges mehr.

Wer alles in einem Rutsch lesen möchte, die Zeit hat und mir auch ein paar Zeilen dazu schreiben will, der kann sich das aktuelle PDF mit allen Teilen von 1-36 aus dem Blog downloaden: Ach, Bankea! Version 1.15 (144 Seiten für einen regnerischen Herbsttag).

Ich hoffe, ihr habt viel Spaß damit, bleibt mir erhalten, und findet die Geschichte ein bisschen spannend.

Jan Tälling)

Das Schiff der Mission

Jeelbee sah aus, als hätte ihn ein viel zu großes Monster gefressen und wieder unverdaut ausgespuckt. Sein Kopf wirkte immer noch wie verbrannt. Sein Haar hatte keine silberne Farbe mehr, und kräuselte sich in kleinen, klumpigen Locken, und dazwischen waren die Spuren von Shinquasz Krallen. So tief und unansehnlich, als würden sie niemals wieder verschwinden und ihn auf alle Zeiten im wahrsten Sinne des Wortes brandmarken.
Dr.Obenko sah ihn traurig an. Wenn man die Mimik, die seine Schnauze zu liess, traurig nennen konnte. Eigentlich wirkte Dr.Obenko immer ein bisschen traurig. Mittlerweile mehr denn je, da er die Vorgänge sehr bedauerte. Er hatte immer noch das Gefühl, er hätte die fünf Silberlinge einer Gefahr ausgesetzt, die zum Einen nicht notwendig gewesen wäre und zum Anderen von seiner Seite abschätzbar hätten sein sollen. Das machte sein Leben nicht einfacher, und seine Stellung gegenüber Jeelbee, der verwirrt in seinem Büro sass, nicht besser. Jeelbees Füße waren mit einer weißlichen Flüssigkeit bedeckt, die langsam aber sicher anfing zu stinken. In ihr hingen Teile, die fest wie Eierschalen wirkten und gemessen an der Aufgeregtheit, die Jeelbees Gesicht ausdrückte, schien er aus einem Kampf zu kommen. Oder einer ähnlichen, unangenehmen Situation, die Dr.Obenko gar nicht gefiel.
Dr. Obenko leitete das Schiff der Mission seit geschätzten Ewigkeiten. Er fuhr dorthin, wo die Planeten zusammenbrachen, die Aufzeichnungen noch nicht griffen, und die Völker seiner Hilfe bedurften. Noch nie zuvor war jedoch seine Arche so gefüllt wie dieses mal. Und noch nie trafen so viele verschiedne Rassen aufeinander. Er hielt das für eine machbare Aufgabe. Er war zuversichtlich. Mittlerweile nannte er das Illusionen, und seine Haltung wurde gedrungen und genervt. Er schlief schlecht, wenn er überhaupt schlief. Er war sich sicher, nach dieser verdammten Reise war er für alle Ewigkeiten drogenabhängig. Er hatte das Gefühl, als ob er Pillen schluckte um wach zu bleiben und welche um einzuschlafen. Und das Zeug, das er mittlerweile träumte, war bitterböser Kram, den er nicht über sich wissen wollte. Er spürte in den Ruhephasen, wie Dämonen in ihm hochkletterten, die ihm einen grässlichen Hass gegenüber jeden einzelnen Flüchtling einimpften. Es war im peinlich daran überhaupt zu denken, doch nach außen hin beherrschte er weiterhin seine Rolle. Sein Rücken war breit, seine Augen dunkel, seine Mimik gleichbleibend distanziert, brummig und feucht. Er selbst spürte jedoch einen metallischen Geschmack in seinem Mund, als ob ihm jemand ein Messer in die Kehle schieben wollte oder eine Münze auf die Zunge legte. Beides verband er eher mit dem Tod als mit dem Leben.
Seine Arbeit hatte seit unzähligen Zeitphasen nichts mehr, aber auch gar nichts mehr mit der eines Arztes zu tun. Zwar kamen sie alle in seine Sprechstunden, und schienen ihn für irgendeine Koryphäe irgendeines Gebietes zu halten, aber im Grunde plauderte jeder über die eigene verdammte Intoleranz und sein Verständnis gegenüber seinen Nachbarn, beziehungsweise dass es so ein Verständnis zwischen den Rassen gar nicht gab.
In seiner unbegrenzten Naivität, die so langsam dann doch ihre Grenzen erreichte, dachte er mal, wenn alle im selben Boot sitzen, dann hatte das was zu bedeuten, und war nicht nur symbolischer Natur. Weit gefehlt. Wenn alle in einem Boot sassen, dann suchten sie sich Opfer, dann machten sie untereinander Vergleiche und kamen zum Schluss, wer als erstes über die Klippe springen sollte.
Er hatte Jeelbee nicht richtig zugehört, und wäre beinahe vom Stuhl gekippt, aber dann sah er Jeelbee wieder an und fasste sich, und versuchte zu lauschen. Diese Geschichte über Käfer in der Toilette war ja durchaus glaubhaft. Er kannte den Käferplanet. Den gab es nicht mehr. Vollkommen weggeputzt. War nie auf einer Karte verzeichnet, wird sich auch nie wieder auf einer Karte finden. Es war sowieso eine stinkige, vergammelte Kugel, aber die Burschen hielten sich trotzdem für eine Hochkultur. Sie waren eben davon abgekommen, sich gegenseitig zu opfern und hatten beschlossen, diese grobschlächtige quallenartige Rasse, bei der man das Hirn vergessen hatte, nicht mehr weiter auszurotten. Man musste sich das so vorstellen, und Dr. Obenko hatte immer noch eine ziemlich klare Beschreibung davon: Der Himmel war bedeckt von Flugquallen, die sich von Winzlebewesen ernährten. Irgendwas, das irrsinnig klein war, und im Grunde mechanisch, sich aber aus organischem Material zusammensetzte. Es war mehr als kompliziert, aber ein in sich wunderbar geschlossenes System. Die Quallen flogen am Himmel, verhielten sich wie andernorts Wolken, liessen die Sonnenstrahlen durch, frassen kleine organische Roboter (oder so etwas ähnliches), was man mit bloßem Augen nicht sah, aber ein Schwarmverhalten aufwies, dass es den Quallen einfach mache. Und was sie dann verwerteten, liessen die Quallen auf die Erde, also den Planeten als eine Art organische Hinterlassenschaft fallen. Dort freuten sich die Käfer über das herabfallende Material und bestritten ihren kompletten Bedarf an Nahrung und Baumaterial damit. Wie die kleinen Roboter, also die Nahrung der Flugquallen, entstanden, konnte jedoch nie so recht geklärt werden. Faszinierend, nicht nachvollziehbar, eigenartig, und trotzdem ein geschlossenes System.
Man hätte wahrscheinlich nicht daran rühren sollen. Die Quallen gingen mit dem Planeten unter. Bedauerlich. Etwas vergleichbares war nicht bekannt. Dr. Obenko fand sie weitaus faszinierender als die Käfer, die sich relativ einfach retten liessen. Die kleinen Roboter existierten nur noch in Berichten, denn sie waren so was von rätselhaft, dass man sie dann als Legende abtat. Aber es musste sie gegeben haben. Schließlich und endlich ernährten sich die Flugquallen davon. Lange Rede.
Gerettet wurden also nur die Käfer, und zwar zu einem Zeitpunkt, als der ganze Planet bereits von den verrücktesten Erdbeben erschüttert wurde. Die ganze Kugel löste sich in Wohlgefallen auf und riss, so schien es, alles in einen Mahlstrom in ein schwarzes Loch. Vermutlich konnte man in irrsinnigen Entfernungen noch genetische Fingerabdrücke der Quallen finden, oder etwas, das auf diese winzig kleinen, organischen Roboter schliessen liess. Aber so ein schwarzes Loch war eine unheimliche Sache, wenn es wild vor sich hinfrass und grundsätzlich galt die Regel: Was einmal in so einem Ding landete, das war weg.
Dagegen sprachen einige physikalische Regeln, auf die ich mich aber jetzt nicht weiter einlasse, denn es verhielt sich ja so. Alles weg. Käferplanet mit all seinen Tempel und Straßen aus Quallendreck, alles weg. Quallen, mit all ihrer Lust als Lieferant für Baumaterial und Nahrung: Alles weg, und die Legende von den Robotern. Nicht beweisbar – weg.
Übrig blieb eine Situation, die nicht zu meistern war. Und von Dr. Obenko nicht mal richtig verdrängt werden konnte. Er war sich sicher, er hatte nur eine Handvoll der Käfer retten können, und über ihr Sexualverhalten wußte er schon mal gar nichts, aber es war absolut irre, wie schnell und akribisch sie sich vermehrten und ihren Unterschlupf genau dort suchten, wo sie Quallendreck – oder gleichwertiges – vermuteten.
Jeelbee hatte also recht, und das war das Schlimme. Im Grunde hätte er ihn gerne aus dem Büro geworfen. Zum Einen wegen der Schande, die Jeelbee für ihn repräsentierte. Zum Anderen wegen der Tatsache, dass er nichts dagegen unternehmen konnte, beziehungsweise dass es ja scheinbar in der Gegend der Aborte zu Massakern und Mord und Totschlag kam.
Dieses Schiff war ein Seelenverkäufer, ein Totenschiff, es war die letzte Hoffnung der Flüchtlinge, aber es war weder Dr. Obenko, noch irgendeinem anderen klar, wohin die Reise den tatsächlich gehen konnte. Sie waren nicht das einzige Schiff dieser Art. Tatsächlich war man mit einer Armada, einer wahren Flotte unterwegs, die Seite an Seite den Knoten verlassen wollte, um neue Reservate zu entdecken, in denen Käfer, und kleinköpfige Musiker in Ruhe und Frieden zu einander finden konnten.
Innerhalb des Knotens, im Herrschaftsbereich dieses barbarischen Piraten, wollte Dr.Obenko nicht um Asyl bitten. Es gab genug Nachrichten auf den Planeten, die sich innerhalb der Schutzzone des Knotens befanden, über Sklavenhaltung, Ressourcenausbeutung und Hungeraufstände. Vom Regen in die Traufe war nun wirklich keine Option, die sich Dr.Obenko gefallen lassen wollte. Nein, sie mussten raus aus dem Knoten, raus aus diesem System, und ihr Glück dort suchen, wo weder sie noch ein anderer gewesen war.
Dr. Obenko hatte von der Replikanten-Initiative gehört, die Morkan gestartet hatte. Jene unheimliche Streuung der Schwärmer mit ihrer, bis in die Unendlichkeit kopierten Besatzung. Er kannte das Ergebnis nicht, er kannte noch nicht mal den Sinn und Zweck der Suche, auch wenn er ahnte, das es hinter allem einen größeren Zusammenhang gab, aber es machte ihm – gelinde und zurückhaltend gesagt – nicht wenig Angst, dass jemand wie Morkan sich anschickte, die Gebiete, die weit außerhalb seines Reiches lagen einzunehmen oder eben in sein Reich einzugliedern. Morkan hatte sich aufgemacht, jene Bereiche, die selbst für Bibliothekare und Kartographen unerreichbar schienen, zu erfassen. Das gefiel Dr. Obenko gar nicht. Verringerte es doch die Chance, dieser Herrschaft zu entgehen.
Was er nicht wußte, dass war natürlich, dass die begehrlichen Planeten sowohl für ihn, wie auch für Morkan ungefähr gleich aussahen. Jung, kaum besiedelt, gesunde Flora und Fauna, am besten mit einer unverbrauchten Luft und Klimazone, die noch nichts wußte von der industriellen Besiedlung und dem ganzen Mist, der so typischerweise darauf folgt.
„Was können sie gegen die Käfer unternehmen?“
Dr. Obenko schüttelte den Kopf. „ Was sollte ich dagegen unternehmen?“
„Schmeissen sie sie von Bord, das ist Ungeziefer. Diese verdammten Viecher wollten mich fressen!“
Ah, wie er diese Unterhaltungen hasste. Wie er es widerlich fand, wenn der Nichtsnutz eines Vertreters von der einen Rasse vor ihm saß, und sich bemühte eine andere Rasse, die er nicht verstand , schlecht zu machen. Das war sein Alltag, dafür hatte er dereinst studiert, um diesen Faschismus des kleinen Mannes immer wieder Gehör zu schenken.
„Mein lieber Jeelbee, wie sie wissen, gehört es nicht zu den Gepflogenheiten der Mission, Flüchtlinge über Bord zu werfen. Wir werden so etwas keinesfalls tun.“
„Ich rede nicht von Flüchtlingen. Ich rede von Ungeziefer!“ Jeelbees malträtierter Kopf schien zu platzen. Er plusterte sich auf, seine Backen blähten sich und die verbliebenen Haaren standen wie gefährliche Stacheln von seinem Kopf. Und das bei so einem kleinen Kopf.
Dr. Obenko sabberte ein bisschen, und tat das auch, weil er wusste, dass er damit immer mal wieder jemanden vertreiben konnte. Aber Jeelbee bemerkte es nicht einmal und fuhr einfach fort.
„Sie wollten mich fressen!“
„Das glaube ich nicht, Jeelbee, wirklich nicht. Alle Flüchtlinge wurden beim Betreten des Schiffes auf eine pazifistische Grundhaltung eingeschworen. Daran hat sich mit Sicherheit nichts geändert. Nein, mein Bester, das geht mal gar nicht. Diese Unterstellungen sind grundsätzlich haltlos. Zwar gibt es hier immer mal wieder Handgreiflichkeiten, manchmal auch mit einer verwirrenden Vehemenz, aber gefressen wird hier nicht, selbst wenn die eine Rasse naturgegeben auf dem Speiseplan der anderen steht.
Sie müssen wissen, das ist ein Flüchtlingsschiff. Was wir hier machen, das dient langfristig der Erhaltung der Rassen. Ich muss jedoch zugeben, dass ich mir in ihrem Fall einige Sorgen mache. Immerhin scheinen sie der veralteten Heterosexualität anzuhängen, und ausschließlich männlich zu sein. Eventuell könnte man ihrer kleinen Gemeinschaft chirurgisch weiterhelfen, aber diese Entscheidung fällen selbstverständlich nur sie alleine. Aber bedenken sie, es geht langfristig um das Überleben ihres Volkes. Sie tragen einen genetischen Code, der mit ihnen aussterben könnte.
Eine andere Möglichkeit wäre sie arbeiten mit Replikatoren zusammen. Ist aber irre teuer. Und Replikanten werden immer depressiv und neigen zum Suizid.“
„Immer?“
„Naja, in 90% aller Fälle. Und mal ganz ehrlich, was würde es ihnen bringen, wenn sich die Silberlinge vervielfältigen würden? Bedenken sie, talentierte Burschen wie sie, in einer x-fachen Ausfertigung, aber ohne weibliche Fans, und ich glaube, darum ging es ihnen, oder?“
„Und deswegen soll ich zur Frau werden?“
„Sie oder einer ihrer Mitmusiker. Und glauben sie mir, so wie ich ihre Kameraden kenne, und einschätze, wäre es eine explosive, sexuelle Erfahrung. Zum Vergleich: Jetzt und in absehbarer Zeit, wahrscheinlich nie mehr, hätten sie Sex .Da ihnen ihre Orientierung und ihre biologischen Grenzen das verbieten, und dann, bei einer optionalen Umwandlung in eine Frau gäbe es dermaßen viel Sex mit einem moralisch einwandfreien Hintergrund, das sie bis zum Ende ihrer Tag so richtigen, saftigen Spass hätten. Wie gesagt, es geht um den Erhalt ihrer Rasse. Da darf man auch mal Spaß haben.“
„Und die Käfer?“
„Was ist mit den Käfern?“
„Was machen sie gegen die Käferplage?“
„Ist das jetzt so was wie Neid? Wir haben keine Käferplage, wir haben nur eine gemischtgeschlechtliche, sexuell aktive Rasse hier an Bord, die alles tut , um nicht so zu enden wie sie. Was sollte ich nun machen?“
Jeelbee sah ihn verwirrt an. „Sie wollten mich fressen. Eine Menge von ihnen landete dabei im Verwerter!“
„Das ist nicht schlimm, der Verwerter nimmt nichts lebendiges an.“
„Das sagt mir jeder, aber das kann nicht sein. Tatsache ist, der Verwerter hat eine ganze Menge Käfer gefressen…“
„Der Verwerter ist eine komplizierte Maschine, die keiner von uns so richtig versteht, aber trotzdem ist er kein Wesen, das fressen kann. Das wird also nicht passieren. Sie sollten vorsichtig sein, bevor sie so einer Maschine, egal wie kompliziert sie ist, so etwas wie eine Seele zugestehen. Ich weiß, dass ist alles sehr neu für sie und entspricht nicht ihrer Evolutionsstufe, aber machen sie sich damit vertraut: Maschinen sind keine Wunder, keine Tiere, und sie fressen auch nicht.“
„Was ich sagen will: Es sind eine ganze Menge lebendiger Käfer im Verwerter gelandet, als sie sich über meine Scheiße hermachten.“
„Jeelbee, von den pazifistischen Grundsätzen hergeleitet, denen wir, der Verwerter, und alle anderen Maschinen unterliegen, ist dieses nicht möglich, denn es würde ja bedeuten, das wir getötete Kameraden, haha, essen. Flüchtlinge, hilfsbedürftige Wesen in Nahrung verwandeln. Das wäre umethisch und abstrus. Erzählen sie so etwas nicht rum, Jeelbee. Das könnte ganz falsch aufgefasst werden, und macht mir dann doch Angst. Sie verstehen?“

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Einleitung (Part 36)

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