Einleitung (Part 45)

(Liebe LeserInnen,

Schreiben ist etwas einsames. Der Autor sitzt in seiner Stube, an seinem PC, konzentriert sich und komponiert etwas vor sich hin. Entwirft Skizzen, verlässt sich manchmal auf sein Handwerk, aber verzweifelt auch an selbstgestellten Aufgaben.

Nun hatte ich bisher einfach mal so vor mich hingeschrieben, mit ein bisschen Ahnung, wo ich hin will, wie ich meine Figuren führen möchte, aber ohne das konkrete Wissen, wie ich das dann tatsächlich im Einzelnen mache. Schließlich agierten meine Figuren wild durcheinander, in ihrer eigenen Zeit, die ich verzweifelt versucht einigermassen im Geschehen parallel laufen zu lassen. Ich sah mich schon mit einem Tool wie Microsoft Project arbeiten, aber spürte auch, dass ich mit der ganz konkreten Planungsverweigerung nicht mehr weiter kam. Also entwarf ich für die nächsten paar Teile wenigstens mal ein bisschen Handlung, die mir weiterhelfen konnte. Grobe Skizzen, Notizen, die mir als Hinweis dienen sollte, wie ich weiter verfahren könnte, um den Handlungsfluss einigermassen ordentlich kontrollieren zu können.

Das half beim Schreiben nun ungemein, weil ich mich nur noch darum kümmern musste, das umzusetzen, was ich mir ausgedacht hatte und als wichtigen Punkt fixiert hatte. Ich musste also nur noch Details beim Schreiben ausbrüten. 

Ich kann es jedem empfehlen sich so ein Konzept aufzubauen. Ich selbst muss aber zugeben, ich kann das erst ab einem bestimmten Punkt in einer Geschichte, an der ich mich in meine Figuren verliebt habe und sie ein Eigenleben entwickeln. An einem bestimmten Punkt führe ich meine Figuren nur noch und sie machen irgendwie was sie wollen. Verrückt zu erklären, aber ich habe manchmal auch das Gefühl, dass ich bestimmte Teile einer Erzählung gar nicht selbst geschrieben habe, wenn ich sie Tage später lese. Manchmal ist so ein Buch ein ziemliches Wunder, vor dem ich selbst total baff dastehe.

Was ich jedoch hier eigentlich erzählen wollte, das war: Bedingt durch die Notizen sah ich mich jetzt gezwungen und gebunden meinem eigenen Plan zu folgen. Und vor dem heutigen Teil hatte ich ein klein wenig Angst. Ich war entschlossen die fünf Silberlinge, die nun nur noch vier Silberlinge waren, zu lieben. Aber gleichzeitig bekam ich keinen wirklichen Draht zu ihnen. Ich sah in ihnen unglaubliches Potential, aber sie wirkten sich so ähnlich, dass sie mir auch ein bißchen auf dem Nerv gingen und ich mir tatsächlich überlegte, sie einfach ihrem Schicksal zu überlassen und gut ist. Daher konnte ich mir nicht vorstellen, die heutige Szene, die nur an ihnen hing, irgendwie zu meistern. Ich fand sie zu charakterlos. Zu ängstlich. Zu unsicher, und zu sehr von Dr.Obenko abhängig. Die Szene machte mir soviel Sorge, dass ich mich erstmal hinlegen musste, schlafen musste, zwei Puddings essen, eine Folge „Gotham“ ansehen und unheimlich viel Abstand aufbauen musste. 

Aber, jetzt liebe ich sie. Fulbee, Tschilbee,Mulbee und Bengbee, die vier verbliebenen Silberlinge, mit den dämlichsten Namen, die ich jemals geschrieben habe, möchte ich gerade jetzt nicht mehr missen. Und ich bin verdammt froh, dass sie das machen, was ich ihnen aufgetragen habe. Keine Ahnung, ob ich euch jetzt eine Bande Antihelden untergejubelt habe, die euch unsympathisch sind, aber ich kann mir gerade ein paar Konstellationen vorstellen, in denen sie zu ihrer eigentlichen Bestimmung auflaufen. Seid gespannt.

Und noch was: Die Lehre, die ich daraus ziehe ist, schreiben, schreiben, schreiben. Notfalls einfach weiterschreiben.

Für die Leute, die das alles zusammenhängend lesen wollen: 188 Seiten als PDF mit allen Teilen von 1 bis 45 gibt es hier: 

Ach, Bankea! Version 1.24

 

Ich wünsche euch einen schönen Abend!

Jan Tälling)

 

Das Schiff der Mission

Fulbee, Tschilbee, Mulbee und Bengbee standen um ihren Tisch herum. Sie sahen müde und abgekämpft aus. Der Glanz ihrer Haare wirkte abgestumpft. Ihre Mienen versteinert.
Sie hatten eine Gedenkminute eingelegt. Aber wollten kurz danach ausgiebig diskutieren. Alles auf diesen einen Tisch legen. Jetzt. Heute. Vielleicht dass letzte Mal. Bengbee sagte nie viel. Er war allgemein sie zurückhaltend und passte sich nur zu gerne an.

Fulbee wurde nun, nach Jeelbees Tod geradezu zu einem Wasserfall. Er konnte nun plötzlich unermüdlich plappern. Tschilbee und Mulbee war es nun fast schon unangenehm. Aber sie einigten sich auf Trauerarbeit, und sprachen dann nicht mehr darüber. War besser so. Dachten sie und beließen es dabei.
Fulbee legte natürlich gleich los. War klar. Hatte jeder von ihnen mit gerechnet. War jeder richtig froh darüber.

„Wir sind die Letzten. “ sagte er mit einer ruhigen, aber gebrochenen Stimme, die nach einem schlechten Leben klang und sehr viel Frustration. Aber vielleicht auch nur nach Trauer. Wer wusste das schon?
Er wurde dramatisch.  „Wir sind die Letzten und daran wird sich nichts ändern. Nicht  mehr in diesem Leben, und ein Weiteres, Anderes, ist uns verwehrt. In diesem Zustand möchte ich keine weitere Wachphase in diesem Gefängnis vergeuden. Das hat keine Zukunft, und ihr seht was dabei passiert.“

Jeder ahnte wie seine Botschaft aussehen konnte.  Fulbees Sinn für Dramatik könnte nicht darüber hinweg täuschen, dass er vielleicht irgendwo recht hatte. Sie sahen das ja schon ein. Sie gaben ihm ja recht. Irgendwie. Jetzt. Im Angesicht der genannten Tatsachen.

Bengbee, der zurückhaltende Bengbee, zog die Stirn kraus und meine dann einfach nur. „Wie ist dein Vorschlag, Fulbee?“
„Wir müssen hier weg. Wir können es als beenden, oder wie müssen weg. Weit weg. Weg von diesem Schiff. Das Schiff ist unser Grab. Schaut euch Jeelbee an! Er hat niemanden etwas getan. Ein harmlose Leben. Wie es harmloser nicht sein könnte. Niemals hat Jeelbee etwas Böses getan, und dann?  Sie saugen ihm das Hirn aus, verbrennen ihm den Kopf und nun ist er tot. Er hatte kein Gesicht mehr. Wie sollten wir uns hier auch nur einen Tag sicher fühlen?  Nur einen Tag?  Lasst uns gehen. Lasst uns hier verschwinden. Soweit wie möglich weg.“
„Wie sollten wir das bewerkstelligen? “
„Wir brauchen ein Boot. Dieses Schiff hat drei Landungsboote….“
„Wir wissen nicht mal wie wir die Dinger bewegen sollen. Wir saßen noch nie in so einem Boot. Wir haben noch keins gesteuert. Wir verstehen die Technik nicht. Keines der Zeichen. Das geht doch sofort schief!“

„Geht es das? Wir sassen doch sehr wohl schon einmal in einem solchen Boot.“
Mulbee war die unbequeme Mischung aus Angst und Vernunft. „ Ja, wir sassen in genau so einem Boot, als wir hier ankamen, und wir waren schockiert, ob der Technik und der Möglichkeiten, die ein solches Boot hatten. Wir rieben uns die Augen, wie gerade erwachte Kinder. Von solchen Dingen hatten wir doch bisher nur in Romanen gehört. Das All waren unsere Monde. Ihre Besiedlung die größte Errungenschaft. Unsere Tournee dorthin der reinste Wahnwitz. Unglaublich, was wir leisten konnten, aber es macht doch keinen Sinn, jetzt über zu schnappen, und zu behaupten, wir wären allen diesen Wesen ebenbürtig und in der Lage zu verstehen, was sie hier geschaffen haben.“

„Ja, aber was ist die Alternative, die Option und der Plan, der uns davon abhalten sollte?“ hielt ihm Fulbee entgegen. „Was könnte uns passieren, vor was sollten wir uns fürchten, und warum stehen wir hier nun um diesen Tisch herum? Es gibt nichts mehr, was wir zu fürchten haben. Absolut gar nichts mehr. Unsere Furcht ist nicht mehr unser Ratgeber, sondern nur noch unser Hinderungsgrund. In der Evolution sind wir nun an der Stufe, an der wir die Furcht ablegen. Weil sie nicht mehr in der Lage ist, uns vor irgendetwas zu schützen. Denn wir haben alles verloren. Alles ist vorbei, alles ist vergangen.
Wenn wir sterben, dann vollenden wir nur das, für das wir bestimmt sind. Wir sind schon tot. Was, also, sollte uns von irgendwas abhalten? Sollte uns nun davon abhalten, uns das Boot zu schnappen und nach Alternativen zu suchen? Was könnte hier sein, das besser ist, als das was wir finden? Und, verflixt, was gibt es Besseres?“

Fulbees Augen weiteten sich, wurden groß, begegneten denen seiner Mitstreiter, als er mit der Hand durch die Luft fuhr. „Vielleicht gibt es da draußen etwas, das auf uns wartet. Wer weiß. Wer weiß. Vielleicht ist es aber auch nicht so. Vielleicht gibt es nirgendwo mehr etwas, dass auf uns wartete. Vielleicht hänge ich dem falschen Gedanken nach, dem falschen Traum, einer dummen Idee, und was weiß ich. Aber eines sollte mir und dir klar sein, Mulbee. Hier ist nichts mehr, dass auf uns wartet. Jetzt und in keinem Augenblick. Niemals mehr!“
Bengbee sammelte sich, hieb mit der kleinen Faust auf den Tisch. „Dann gehen wir jetzt!“
„Dann gehen wir jetzt.“ bekräftigte Tschilbee.
„Dann gehen wir jetzt!“ wiederholte Mulbee, und Fulbee nickte nur. Entschlossen, das Kinn vorgerückt, die silbrigen Haare nach hinten gestrichen, wirkte er wie eine Figur aus einem anderen Film. Er drehte sich um, lauschte an der Tür, winkte alle herbei, und sie versammelten sich um, um die Tür langsam, sehr vorsichtig zu öffnen. So verliessen sie den Raum, so huschten sie den Gang hinunter, hintereinander. Wartend, abschätzend, und um sich spähend.

Das mannigfaltige Stimmengewirr, die unbekannten Laute, und all das Kratzen, Schnäuzen, Husten und Röcheln, das sie umgab, liess sie enger zusammenstehen. Sie spürten jedes Geräusch in ihrem Herzen, jede Anomalie in ihren Knochen, jeden Moment hier draußen im Gang in ihren Sinnen, den Nerven und in ihren vibrierenden Stimmen.

„Hier ist nichts, wovor wir uns fürchten müssen!“ sagte Fulbee mit einer merklich gespielten Sicherheit. Er hätte sie gerne vermittelt, doch glaubte selbst nicht wirklich daran. Aber unterliess nichts um dieses kleine Mantra immer und immer wieder zu wiederholen, als sei es jene Formel, die vor allem stand.
„Doch, die Käfer!“ antwortete Mulbee trotzig.
„Die Käfer haben Jeelbee nicht umgebracht!“ fiel Tschilbee ein.
„Was denn dann?“ zischte es von Bengbee.

„Hört auf, bitte hört auf. Wir wissen nicht, was Jeelbee umgebracht hat. Die Käfer waren es wohl nicht, eher eine Art Krankheit, wahrscheinlich eine Seuche. Er hatte dicke Hände und dicke Füße. Man hat so etwas bei einer allergischen Reaktion.“
„Verliert, aber dabei nicht sein Gesicht!“ Mulbee konnte wirklich zornig klingen. Und seine Stimme war die Lauteste im Gang. Wenn man genau hinhörte, dann gab es so etwas wie ein Echo. Und seine Worte verfingen sich darin, wanderten vor und zurück, hallten etwas nach und klangen dann doch gar nicht so falsch. Man verliert kein Gesicht durch eine Allergie. Was gab es dagegen zu sagen?
„Deswegen sprach Dr.Obenko von einer Seuche!“
„Der ist ein Idiot, keine Arzt!“
„Nun…“
„Nun, wäre er ein Arzt, dann hätte er nicht diesen kranken Vogel an Bord gelassen, mit dem alles begann. Er hat Jeelbees Gehirn geröstet und danach war nichts mehr so, wie es war….“
„Verflixt, wir müssen damit aufhören. Seid leise.“

Sie verharrten hintereinander, sahen zurück, sahen vor und tippelten weiter. An den Rohren vorbei. Unter den Rohren durch. An den Rohren entlang. Über Rohre hinweg. Durch Rohre durch. Das ganze, verdammte Schiff war ein unendliches, wildes Labyrinth aus Rohren. Und Zeichen. Kryptische Zeichen. Manchmal überklebt mit anderen kryptischen Zeichen. In den grellsten Farben deuteten sie nach vorne. Nach hinten. Nach rechts und nach links. Sie standen an einer feuchten Kreuzung, deren Licht flackerte, sich widerspiegelte in Pfützen, und in der sich für jede Richtung, angerostete Zeichen fanden, die nicht zu interpretieren waren.

„Verdammt!“ fluchte Fulbee, in dessen Kleidern sich soviel Feuchtigkeit sammelte, dass sie nun an ihn klebten. Und jedes Stückchen Stoff an ihm hatte sein Gewicht einfach mal so verdoppelt.
„Wir müssen nach links.“ warf Mulbee ein.
„Wieso denn links?“
„Es ist ein Schiff. Es hat ein Ende. Es ist schmal und lang, damit es vorwärts kommt, in die Häfen passt und den Knoten passieren kann. Wir sind irgendwo in der Mitte, müssen an die Seite und kommen dann an die Außenhaut, von dort wird es leichter die Schleusen für die Boote zu finden.“
„Das ist logisch?“
„Das ist logisch, und die einzige Möglichkeit weiter zu kommen.“
Am Ende eines Ganges, des Rechten,um es genau zu sagen, marschierte zaghaft ein Käfer vorbei und warf ihnen einen komischen Blick zu. Es ging ihnen wie den meisten Wesen, sie konnten das einfach nicht deuten.
Und hielten sich links.

Als sie eingelassene Türen fanden, die sich einfach so öffnen liessen und ein Treppenhaus freigaben, legte sich ein siegessicheres Lächeln auf die Lippen von Mulbee.
„Was soll das Gegrinse?“
„Na, ist doch logisch: Das sind Fluchttüren, in Fluchttreppenhäuser, damit man fliehen kann, wenn alles ausfällt. Also Fahrstühle und so. „
„Und?“
„Ja, und die führen dann wohl direkt zu den Booten.“
„Warum sollte das so sein?“
„Weil es darum gehen wird, das Schiff zu evakuieren. Und das wiederum, geht wohl nur mit Booten, oder? Also führen die Fluchttüren zu den Booten.“
„Hm!“
„Hm? Das ist doch logisch!“

Sie hasteten die Treppen runter, rutschten beinahe aus, auf dieser seltsamen Mischung aus organischen Ablagerungen, die sie sich natürlich nicht erklären konnten, dem Moos, das sie sich erklären konnten und dem Schimmel, der sich an der Feuchtigkeit freute und üppig wucherte.
Manchmal nahmen sie mehrere Stufen auf einmal, aber dann spielte ihnen hin und wieder die verminderte Schwerkraft einen Streich und sie nahmen drei Stufen, vier oder stiessen sich nach oben ab und verloren den Halt, taumelten aufeinander, griffen sich gegenseitig in die verschwitzten, nassen Klamotten und fielen einfach. Weich und in irgendeinen Dreck. Die Treppen sahen aus wie der Unterschlupf jener Flora und Fauna, die sich vergessen vorkam und eine Nische suchte. Sie machte sie glauben, dass Seuchen hier nichts ungewöhnliches sein konnten und sie geradewegs durch die Brutstätten flüchteten.

Doch, vielleicht gerade weil, Mulbee so unheimlich logisch und bestechend argumentierte, kamen sie in einer Halle an, in der viel Gerümpel herumstand, aber auch so etwas wie zwei Boote. Sie sahen niemanden, außer ein paar Käfer, die auf Säcken und Kisten saßen und sie nicht beachteten. Scheinbar argumentierten sie gerade miteinander. Stritten sich dann heftig. Stiessen sich ab und zischten nasse Laute aus, bis sie sich wieder beruhigten, ihre Plätze einnahmen und weiter diskutierten. Keiner von ihnen achtete auf die vier Musiker. Sie wirkte allerdings genauso deplatziert wie die vier Silberlinge. Und schienen sich ihre Plätze erobert zu haben, um dort zu bleiben.

Das, was man Boote nennen konnte, wenn man schon mal ein Boot gesehen hatte, stand inmitten der Halle, und war ein irgendwie spitz zulaufendes Ding aus zusammengenieteten Metalplatten mit eingelassenen runden Fenstern. Kuriose Gefährte einer Ära, die ihre beste Zeit hinter sich hatte. Das wussten unsere Musiker normalerweise nicht, da ihre Kenntnisse der Raumfahrt, der gehobenen Raumfahrt sowieso, gerade mal rudimentär waren, aber was sie da sahen, dass hatte soviel antike Patina, dass man es ohne Wissen über die Funktion zum nächsten Archäologen gebracht hätte. Eine Wertschätzung hätte vielleicht über die beiden Dinger etwas ausgesagt.

„Das ist Selbstmord!“ murmelte Mulbee.
„Blablabla!“ entgegnet Fulbee und ging zielstrebig auf eines dieser Geräte zu. Er raffte die Fetzen seiner Kleidung zusammen, inspizierte die Oberfläche des Bootes, strich mit der Hand drüber und schien trotz allem sehr zufrieden.
„Das war es. Das wird gehen!“
Sie traten hinter ihm. Machten es ihm gleich, und warteten auf die beruhigende, siegessichere Wirkung. Aber sie trat nicht ein. Nichts passierte. Im Gegenteil. Dem Einen oder Anderen begegnete der Rost in rötlicher Färbung auf seiner Hand, wenn er diese hob.
„Wir werden das verdammte Ding nicht fliegen können.“ Über Mulbees Stimme will ich nichts mehr sagen, denn ein jeder kann sich vorstellen, dass dieses nervige Gewimmer nicht hilfreich in dieser Situation war.

Die Käfer hatten sich ihnen zugewandt, beobachteten sie aufmerksam und waren erstaunlich still. Für Käfer. Sie hielten innen, stemmten die Ärmchen in die Hüften und einer sprang sogar von einem Sack und kam auf sie zu. Er kam langsam, wie ein Fahrkartenkontrolleur, oder ein Zollbeamter, oder ein Polizist oder ein Soldat in einem besetzten Gebiet. Er wirkte ein bisschen dicklich und um die Chitinhüften zu rund. Aber er kam trotzdem in relativ kurzer Zeit sehr nahe, und bewegte sich über die weite Fläche der Halle zielstrebig auf sie zu. Es war ja sonst niemand da.
„Was will der den?“ fragte Bengbee.
„Ich mag keine Käfer!“ Fulbee löste sich von der Verkleidung des Gerätes und ging dem Käfer entgegen.
Mulbee änderte seine Position, seine Haltung und öffnete etwas an dem Boot, was ihn verwundert ausriefen liess. „Ich habe die Tür gefunden!“
„Nicht jetzt. Erst der verdammte Käfer!“ Fulbee ging breitbeinig auf den Käfer zu, als wollte er ihn duellieren, aber Bengbee fragte sich, mit was er das eigentlich tun wollte. Der Käfer begann zu schlendern. Wahrscheinlich hätte er gepfiffen, wenn er es gekonnt hätte. Daher kam es nur zu einem faltigen Gegrunze, das tief aus dem Inneren seines Panzers nach oben gekrochen kam.
Schwer zu sagen, ob es ein höhnisches Lachen oder eine Drohung war. Aber kaum hatte Fulbee das gehört, holte er, der nun direkt vor dem Käfer gestanden wäre, mit dem Fuß aus, fixierte den Käfer und traf ihn irgendwie oberhalb der Schenkel in einem weicheren Teil, hob ihn damit hoch und schleuderte ihn, immer noch mit diesem einen Tritt, quer durch die Halle zu seinen Kameraden.
„Dreckskäfer, Killerkäfer, Mistvieh“ schrie er den Käfer zornerfüllt an und wollt weiter gehen. Genau dort hin, wo die anderen Käfer gerade aufsprangen, wie eine Bande verschreckte Diebe, die sich einer Schlacht stellen wollten. Sie hoben ein stürmisches Geraschel an, rieben sich jeweils ihre unzähligen Fäuste und machten sich auf dem Weg Fulbee entgegen zu eilen.
„Kommt nur, kommt nur, ihr Mistkäfer! Ich bin bereit!“
„Fulbee!“ Bengbee rannte ihm hinterher, packte ihn und wollte ihn abhalten, aber Fulbee ging in die Schräge, strampelte nach hinten und zog Bengbee mit sich.
„Verdammt, Fulbee, lass das, komm mit.“
Nun rannte auch Tschilbee hinter ihnen her, packte mit einem geschickten Griff Fulbee am Hals, zog ihn mit sich und gemeinsam schleppten sie ihn eilig zu dem Boot.
„Mach kein Scheiss, Fulbee, wir haben die Tür gefunden. Komm mit. Komm mit. Mache keinen Scheiss.“
„Diese verdammten Käfer! Diese Drecksbrut! Sie haben Jeelbee umgebracht!“
„Das wissen wir nicht!“
„Sie wollten seine Leiche fressen!“
Gemeinsam mit Mulbee zogen sie ihn durch die gefundene Tür in das Boot, die verdammten Käfer waren schon ziemlich nahe, rannten nicht, aber wirkten entschlossen, und solidarisch und überhaupt sehr gut organisiert. Ihr weggekickter Kamerad allerdings lag zwischen zwei Tonnen mit komischen Aufschriften und knurbelte vor sich hin.

Sie schmissen Fulbee auf den Boden, Bengbee warf sich auf ihn drauf, und Mulbee feuerte die Tür zu. Was nicht so gut gelang, weil sie irgendwie verzogen war, aber nach zwei Versuchen hielt sie und schien auch schön dicht. Aber die braune Färbung des Kunstoffs, der sie abschliessen sollte, war nicht Vertrauenserweckend. Wirklich nicht.

Tschilbee ging direkt in die Pilotenkanzel und hieb auf alles rum, was nach Knopf, Schalter oder bedienbare Oberfläche aussah.
„Ist das die richtige Vorgehensweise?“
„Es gibt keine richtige Vorgehensweise. Also auch keine falsche. Und irgendwas passiert immer, irgendwann.“
„Wir könnten mit Schleudersitze rausfliegen. Oder mit offenem Deck ins All fliegen, oder uns einfach selbst zerstören.“
„Wir könnten auch von blöden Käfern gefressen werden.“

Urplötzlich gab es Geräusche. Nenne wir es mal so. Geräusche. Schnarrenden. Klickende. Verstärkende. Brummende, tickende und kreiselnde. Das Boot hob sich, fiel herab, hob sich, fiel herab, hob sich. Hopste. Hopste. Hopste. Fiel herab.
„Was soll die Scheisse?“ fluchte Fulbee von hinten.
„Flieg du das Ding doch!“
„Wie kommen wir überhaupt aus der Halle raus?“
„Wie kommen wir überhaupt aus der Halle raus?“ äffte ihn Tschilbee ihm nach, hieb auf einen dicken, roten Punkt, der wie ein überreife Frucht aussah, und Lichtblitze durchzuckten die Umgebung. Es knallte barbarisch, und dann sah er wie die Käfer von einem Staubsauger aus der Halle gezogen wurden. Aber nicht nur die Käfer, auch die Säcke, die Kisten, die zwei Tonnen, der angeschlagene Käfer, das andere Boot, sie selbst und viele mehr, was irgendwie so rumlag, segelte in einer wirren Kombination durch ein geschmolzenes Loch, hinter dem sich viel Schwarzes und viel Leuchtendes zeigte.
„Scheisse!“ sagte Tschilbee, als sie aus der Flughalle gezogen wurden.
„Scheisse!“ sagte Mulbee, als er sich verzweifelt irgendwo festhielt.
„Scheisse!“hörte man Bengbee fluchen, der in einem Teil des Bootes landete, der nach Kombüse klang.
Und gar nichts hörte man von Fulbee, der nur staunend das Treiben im Inneren des Knotens betrachtete.

„Wow!“

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Einleitung (Part 45)

2 Gedanken zu “Einleitung (Part 45)

  1. … Du sprichst uns aus der Seele! Die verlorenen Handlungsstränge kennen wir und die Zeitsprünge machen uns auch zu schaffen. Wir haben uns nun damit arrangiert, alle Personen kurz und knapp in einer Liste mit ihren Charakteren aufzuschreiben. Ebenso verfahren wir mit der weiteren Planung der Geschichte. Passende PC-Programme sind zwar ganz toll, frustrieren aber schnell, wenn man sich mit deren Komplexität auch noch befassen soll.
    Viele Grüße und viel Erfolg!

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    1. Hallo und danke für deinen Kommentar. Stimmt, die Programme sind alles andere als intuitiv. Allein meine Versuche den guten Scrivener zu beherrschen sind mittlerweile 10 verworfen Projekte, die mir zwar als Zettelkasten dienen, aber mir auch zeigten, wie sehr sich meine natürliche, anerzogen Arbeitsweise von diesem Programm unterschied. Mittlerweile möchte ich nicht mehr ohne Scrivener, aber es war ein langer Weg 🙂

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