Einleitung (Part 46)

(Liebe LeserInnen,

heute mit wenigen Worten, nur ein kurzer Verweis auf das downloadbare PDF (196 Seiten)

AchBankeaVersion125

Morgen möglicherweise wieder mehr. Eventuell. Unter Umständen.

Viel Spaß.

Jan Tälling)

 

Morkans Palast

Das Med-Team liess Benkal vorbei, schaute ihm nach, beobachtete ihn, verfolgte seinen Gang, aber liess ihn gewähren. Sie lungerten im Vorraum herum, als würden sie auf etwas warten. Ein wenig lauernd, ein wenig gelangweilt, ein wenig auf der Suche nach Abwechslung. Ihre Schutzanzüge hingen an der Wand, aber ihre Uniform hatten sie anbehalten. Einer der Schutzanzüge lag im Abfalleimer, sorgfältig verpackt in einer durchsichtigen Kunstoffhülle. Benkal hatte einen kurzen Blick darauf geworfen, dann in die Runde geblickt, aber nur ein Achselzucken bekommen. Er hatte nichts anderes erwartet. Die Konkurrenz des Med-Teams zur Palastwache war legendär. Die gegenseitige Abneigung der Stoff für viele Geschichten, und das sich daran etwas ändern sollte – in diesem oder dem nächsten Leben – dass glaubte so wirklich keiner mehr. Der Schutzanzug war blutverschmiert, und genau an den betroffenen Stellen zerschnitten.

„Ihr glaubt nicht, dass man so etwas verbrennen müsste?“

„Nein, der Kunstoff reicht. Kommt sowieso alles in den Verwerter. Dort wird das schon geregelt.“

Sie sassen auf der Bank, auf den Stühlen, hatten die Beine von sich gestreckt, die Getränke in der Hand und starrten auf all die Monitore, die sie überall auftauchen liessen. Aussenansichten des Schiffs, Gänge, Türen, Treppenhäuser. Einige blätterten fast unberührt immer weiter.

„Ihr sucht jemanden?“ Benkal sah einen nach dem anderen an, doch erntete nur Kopfschütteln.

„Nein, nicht wirklich! Routine!“

„Nun, gut. Der Leiter – da?“ Er deutete auf ein dunkles Labor.

„Ja.“

„Ich gehe rein, in Ordnung?“

Sie zuckten wieder mit den Schultern, fast gleichzeitig, als wäre es abgesprochen, eingeübt und choreografiert. Sie waren erstaunlich, aber er war froh die Jungs nicht in der Palastwache zu haben.

Er trat ein. Das Labor war zum größten Teil dunkel. Nur aus dem Vorraum fiel das Licht hinein, und in der zweiten Reihe der Tische sah er einen kleinen Monitor, vor dem der Gesuchte stand und hinein starrte. Er wischte mit den Fingern über das Bild, tippte tiefer rein, holte es her und zog den Monitor nach oben, schob den Kopf in den Nacken und betrachtete das Bild an der Labordecke.

„Benkal!“ rief er erstaunt auf, als er ihm gewahr wurde. Der Angesprochene nickte lächelnd mit dem Kopf, hob die Hand und sagte leise „Hallo!“

„Du warst schon einmal da vor einigen Stunden. Ist etwas passiert?“

Ihre Blicke wanderten hin und her, verfingen sich ineinander und Benkal wurde dem müden Ausdruck in dem Gesicht des Mannes gewahr. Die dunklen Schatten, die der Monitor warf, zeichneten dicke Kerben unter die Augen und liessen die Haut, alt, faltig und grobporig erscheinen. Er war wohl bisher noch nicht aus dem Labor hinausgekommen, aber das war eher der Normalfall, und auch wenn die klimatischen Bedingungen in Morkans Palast angepasst und ausgeklügelt waren, so war die Atmosphäre in den Laboren immer noch ein bisschen anders. Und Pilthoe, der Leiter des Labors, stand gebeugt und mit feuchten Spuren in den Augenwinkeln Benkal gegenüber. Es war schwer auszumachen, ob er sich freute oder ärgerte. Seine Miene war ein Wechselspiel, das nicht anhalten wollte und alles bot, was sich Benkal nur vorstellen konnte.

„Ich vermute, ich weiß woher die Seuche kommt. Obwohl es keine ist.“

Pilthoe zuckte nur mit den Mundwinkeln. Er wirkte nicht übermäßig interessiert, schon gar nicht gläubig und im Grunde genommen war jeder Zweifel spürbar, der gerade durch das Labor schwebte.

„Interessiert mich natürlich. Aber wir beide wissen ja auch, dass es keine Seuche ist, oder?“

„Keine Ahnung, was ihr vom Med-Team vorhabt, und wohin das alles führt. Aber wieso ihr das vehement als Seuche definiert, dass muss seine eigenen Gründe haben. Gesetzt den Fall, es ist ein Angriff, dann seid ihr das Thema los. Das ist euch bewusst, oder?“

„Ist es, aber bei uns ist das Thema besser aufgehoben. Ich denke, wir haben hier die bessere Ausrüstung.“

„Lassen wir das. Du weißt, wo es herkommt?“

„Die kleine Scheisse-Roboter, dieses verdammte Androidenpack aus Kot und Ballast? Nicht direkt. Und ich weiss auch nicht, ob es wirklich wichtig ist. Aber du willst es mir erzählen, also schiesse los. Keine Hemmungen. Du bist hier unter Freunden. Und hören tut es sowieso niemand“ Pilthoe grinste. Seine Zähne wirkten wie die blaue Rahmung eines schwarzen Loches. Alles in dem Licht des Monitors, der etwas Braunes zeigte, das sich rhythmisch bewegte.

Benkal deutete darauf.“Ist es das?“

„Ja, und der kleine Mistkerl will fliehen, aber steckt zwischen zwei Platten und hat damit schlechte Karten. So kann es gehen. Die Mechanik ist gut zu erkennen, aber tiefer komme ich gerade nicht.“

„Wo hast du ihn her?“

„Dem zweiten Toten, dem Mann aus der Flughalle.“

„Ein Pilot, ein Mann aus der Flughalle, es ist schon klar, dass das von außen kam?

„Schwieriges Gespräch gerade, nicht wahr?“

„Es war der Vogel, dieser elende Bibliothekar. Er war draußen. Auf irgendeinem dieser Schiffe. Ich habe keine Ahnung, auf welchem, aber er war draußen. Und mit ihm ein Pilot. Und der Mann aus der Flughalle war nur das erste Opfer, aber sie haben uns getroffen, wie mit einer Kanonenkugel. Auch wenn es nicht nach einem Plan aussieht, dann ist es trotzdem einer. Glaube mir das!“

„Shinquasz?“

„Ja, der. Genau der. Hat jetzt nur noch eine Kralle. Weiß Morkan Bescheid?“

„Das ist mein Problem. Ich blicke momentan nicht durch. Ich muss Morkan informieren, weil ich zwei Flüchtige habe, von denen ich nicht weiß, ob sie bluffen oder gerade den kompletten Palast infizieren. Ich weiß noch nicht mal, warum sie das tun sollten. Mir alles ein Rätsel. Deswegen bin ich hier. Machen diese kleinen Kerle eigentlich irre?“

„Wer ist flüchtig?“

„Zirmja D’Onco und Tenx Pi. Ich wusste noch nicht mal, dass es da eine Verbindung gibt. Sie eine Tochter aus gutem Haus und im Rat. Und er ein karrieregeiler Soldat, der sich hochschläft oder es irgendwie anders schafft? Erkläre mir da mal die Verbindung. Das ist doch verrückt.“

„Zirmja ist eine Schülerin Goms.“

„Ja, und Goms pennt mit Morkan. Und jetzt sage mir mal, was ich machen soll? Ich gehe jetzt zu Morkan und sage, hey, die Schülerin deines Geliebten ist ein Seuchenherd und wahrscheinlich müssen wir sie einen Kopf kürzer machen?“

„Gibt es ein Protokoll?“

„Was will ich mit einem Protokoll? Ich habe drei Zimmer weiter einen meiner Männer, den wir gerade komplett durchleuchten. Wenn ich Pech habe, dann vermehren sich gerade die diese Mistdinger in seinem Körper und fressen seine Visage. Und dann kann ich mein komplettes Team auf Verseuchungen untersuchen. Ich wage es nicht, ernsthaft, ich wage es nicht. Es kotzt mich nur noch an. Ich wollte das schön sauber erledigen. Zwei Leichen, dumme Sache. Aber es ist ja bei genauer Betrachtung keine richtige Seuche, sondern nur so kleine fiese Teilchen, die sich bestimmter Wesen bemächtigen. Ich weiß nicht, wie sie wählen, vorgehen oder was das soll, aber es funktioniert. Und nun habe ich zwei prominente Bürger des Hauses Morkans, die ich überall jagen und zur Strecke bringen muss. Mein Leben könnte nicht besser verlaufen. Wenn ich Pech habe, dann sehen wir uns vor der nächsten Ruhephase in deinem Folterkeller.“

„Du musst Morkan davon erzählen.“

„Muss ich? Es ist keine Seuche!“

„Du hast lange genug gesagt, es ist eine Seuche. Mache die Abkehr davon, sage es ist mein Fall, weil es ein Angriff ist und ich spiesse deinen Mann da drinnen auf und entsorge ihn über den Verwerter. Ich habe weder die Zeit, noch die Lust einen Herd zu suchen. Ich säubere.“

„Scheisse, ich gehe zu Morkan.“

„Tue das, aber überlege gut. Ich suche Zirmja, und Tenx.“

„Halte dich raus, es ist nicht dein Ding. Das Med-Team ist dran.“

„Wir werden sehen. Sie ist ein Mitglied des Rates. Wenn das mal kein Fall für die Palastwache ist.“

Benkal grüßte im Vorraum, grinste und eilte durch die Tür. Schon drei Schritte weiter klappte er den Kragen seiner Jacke hoch, schnippte mit den Fingern, und bellte vor sich hin: „Benkal. An die Wachhabenden, die sich gerade irgendwo die Zeit vertreiben. Macht euch auf den Weg. Scannt vorher alle Bänder nach Zirmja D’Onco und Tenx Pi. Ich will wissen wo sie sind, wo sie hingehen, was sie machen, was sie vorhaben, was sie vorhaben könnten, was sie sich erträumen und wohin sich flüchten könnten. Ich will alles. Nur kein Zugriff. Kein Zugriff. Außer das Med-Team taucht irgendwo auf, wo wir es nicht haben wollen. Zugriff auf jeden Fall vor dem Med-Team. Ich will nicht, dass sie dem Med-Team in die Hände fallen. Ich will eine Bestätigung für alles. Ich will konsequent Nachrichten. Ich will nicht, dass das irgendjemand für seine Karriere nutzt. Ich will davon nichts außerhalb der Wache hören. Nichts. Ich will alles so, wie ich es jetzt gesagt habe. Und hört es euch nun noch mal an. Macht das!“

Morkans Palast. Morkans Räume.

Als Pilthoe eintrat, rann Morkan der rote Wein durch die Brusthaare, und Goms stützte unweit von ihm seinen Kopf über eine Tasse Tee. Der Unterschied konnte deutlicher nicht sein. Morkans nackter Oberkörper, zurückgelehnt in einem Sessel, bedeckt von einem Rinnsal aus Schweiss und Wein, und Goms, der an einem Tisch über einer Tasse sinnierte, gekleidet in weiße Tücher, schlank wie ein Bogen, scheinbar ohne Makel, aber stark konzentriert auf die grüne Flüssigkeit starrend, die vor ihm dampfte.

In seiner Rechten hielt Morkan noch das Weinglas. Zwischen zwei Fingern, wie man vielleicht eine Seifenblase hält, wenn man befürchtet, sie könnte platzen. Es konnte nicht das erste Glas sein, denn zu seinen Füßen fanden sich schon Scherben und Stiele und rote Lachen, die davon zeugten.

Pilthoe deutete eine Verbeugung an, erst zu Morkan, dann zu Goms, der desinteressiert die Hand hob und weiterhin in die Tasse starrte. Nur Morkan selbst erwiderte mit einem Nicken die Beugung. Seine Augen wirkten leicht berauscht, und der Geruch den er ausströmte, deutete mehr auf Goms als auf den Wein. Er fuhr sich reibend, und eher instinktiv mit der linken Hand durch die Brusthaare, schaute irritiert auf die Nässe, aber lachte dann Pilthoe wieder an.

„Alter Quacksalber, was führt dich aus den Laboren zu mir? Zu langweilig? Brauchst du neue Männer? Ich habe keine mehr für dich, das weißt du, oder?“

Pilthoe schüttelte den Kopf. „Das ist mir bekannt, aber darum geht es auch gar nicht. Es ist etwas anderes.“

Morkan zog die Augenbrauen hoch. „Dir ist klar, dass mir die Scherze im Hals steckenbleiben, wenn mein medizinischer Leiter meint ernst sein zu müssen, oder?“

„Morkan, ich weiß. Das ist mir klar. Es gibt aber wirklich Probleme. Wir haben etwas Übertragbares an Bord.“

Morkan schüttelte den Kopf, sah ihn wieder an und wartete auf ein weiteres Wort. Pilthoe sagte jedoch nichts.

„Pillendreher, von was redest du? Fällt meinen Leuten der Schwanz ab oder was? Sage etwas.“

„Wir haben zwei Tote, vielleicht eine Seuche, und ein flüchtiges Ratsmitglied. Sowie einen Offizier.“

„Von wem redest du?“

„Es gab Kontakt zu einem der Flüchtlingsschiffe. Wir wissen nicht, zu welchem. Wir wissen nicht von wem. Wir ahnen etwas, aber bevor ich es nicht beweisen kann, rede ich nicht darüber. Ihr müsst mir das verzeihen, Morkan..“

„..muss ich nicht.“

„Doch, ich bitte darum. Ich wäre mir meiner Sache gerne sicher, denn sonst können wir das nicht eindämmen und es geht immer weiter. Ein Pilot und der Leiter der Flughalle sind tot. Sie wurden von etwas getötet, das sich wie ein Virus verbreitet. Allein, wir wissen noch nicht, ob es ein Virus ist.“

„Wozu hast du deine Labore? Du hast darauf bestanden, du wolltest meine besten Männer. Ich habe dir alle gegeben, du hast alles bekommen. Du hast mehr Macht als jeder andere hier. Verdammt, du elender Knochenbrecher, mir ist alles bekannt was du machst, und es ist mir unheimlich. Ich überlege die ganze Zeit, ob ich dich nicht einen Kopf kürzer mache…“

„Das ahne ich. Damit rechne ich. Aber jetzt ist es eine Gefahr, und wir wissen nicht, wie wo das Ziel ist… „

„Es gibt kein Ziel bei einer Seuche…“

„Doch, wenn sie intelligent agiert. Wenn sie sich so verbreitet, wie wir es nicht wissen. Dann gibt es ein Ziel.“

„Und das heißt dann, für mich?“

„Zirmja D’Onco und Tenx Pi verbreiten die Seuche. Vermutlich, denken wir.“

„Moment!“ Goms sprang auf. „Was redest du da, du Laborratte!“

Morkan hob die Hand: „Goms!“

„Nein, was redet der da? Ist der noch bei Sinnen? Was für eine Seuche soll Zirmja verbreiten? Da stimmt doch was nicht. Und es klingt, als ob sie sich bewusst sei, eine Seuche zu verbreiten. Du bist verrückt geworden in der Dunkelheit deiner Labore.“

Pilthoe hob die Hände, er stand vor ihnen, als wollte er aufgeben und er sah, wie sich auf Morkans Oberkörper und an seinem Hals rote Flecken bildeten. Er dachte an seinen Kopf und an den Verlust, den er bedeuten konnte und warf wieder ein:

„Wir gehen davon aus, dass sie nur bedingt mit der Seuche in Berührung kamen. Wir wollten sie verhören, aber sie flohen.“

„Das Med-Team verhört doch niemanden, das weiß Zirmja auch. Ihr seid elende Schlächter…“

Morkan stöhnte:“Goms, bitte!“

Dieser eilte jedoch zu Morkan und fuhr ihn an. „Nicht ohne Grund hast du die Veteranen aus tausend Schlachten in das Med-Team gesteckt. Nur die ganz harten Jungs, hieß es. Die Typen, die schon auf tausend Planeten durch Blut gewatet sind. Die verhören nicht, die wissen ja gar nicht, wie das geht. Zirmja wird ihnen in jedem Nahkampf überlegen sein, aber diese Pack verwendet ausschließlich Distanzwaffen. Verhören, Morkan? Das ist der Hohn. Ich suche sie!“

Er drehte sich um, stieß Pilthoe zur Seite und stürmte durch die Tür. Irgendjemand schrie, irgendjemand fiel, dann war Ruhe.

Pilthoe schaute Morkan erschrocken an.

Morkan jedoch blinzelte nur, und deutete ihm an näher zu kommen. Pilthoe trat vor. Roch den Wein, den Atem, sah in Morkans Augen und hörte leise seine Stimme, und bemerkte, wie sich sein Mund langsam zu seinem Ohr hob.

„Pilthoe, mein Täubchen, finde sie , beide und beseitige sie. Lasse es niemand wissen. Mache es, was immer hier passiert, bringe es zu Ende. Ich liebe Zirmja, wie meine Tochter, aber ihr Name fiel zu oft, und nichts passt zusammen.“

„Tenx?“

„Ist eine Hure, vergesse ihn.“

Morkans Palast. Aufenthaltsraum.

Taschena war eine schöne, junge, feingliedrige Frau. Eines Tages hatten ihre Eltern viel zuviel arrangiert,und sie wußte gar nicht wie ihr geschah, denn sie fand sie viel zu jung, aber alle sprachen davon, dass sie nun verheiratet war.

Es geschah so schnell wie der Mond die Erde küssen konnte. Und Regenbögen erschienen und vergingen. Es war überhaupt nicht schön, es war einfach nur ein Vertrag, eine schmerzhafte Nacht und ein Flug ins Nirgendwo. In einen Palast, den sie nicht kannte, zu einem Herrscher, der nicht der ihre war. Und in eine Welt, die sich um einen Knoten drehte.

Sie wischte, sie putzte, sie machte alles, was man ihr sagte, und sie hoffte auf irgendwas, das sie nicht vergessen wollte. Ihr Mann blieb ihr so fremd, dass ich seinen Namen nicht erwähnen will. Er kam, er ging, er schlief mit ihr, doch sie zeugten keine Kinder.

Er arbeitete bei den Booten, entlud sie, belud sie,  zählte die Waren, die Waffen, die Leute, schrieb alles auf, merkte sich auch was, und kam damit bestens voran. Sie waren beide nicht reich, keiner von ihnen strebte das an. Ein gutes Auskommen, etwas Ruhe, ein paar Vergnügungen, mal etwas trinken, was einen die Nacht erleichterte, mal etwas essen, was einen an die Heimat erinnerte. Sie waren beide nicht anspruchsvoll. Sie wollten beide nur irgendwie leben, und sie selbst hatte Wünsche gehabt, die sie irgendwie erst vor sich hertrug, dann ihm sagte, und schließlich in sich vergrub.

Sie saß gerne im Aufenthaltsraum. Jenem, aus dessen Fenster sie den Verkehr um den Knoten sehen konnte. Und es war, als wenn sie fliegende Städte sah, wenn die großen Passagierschiffe, die Frachter und Vergnügungsdampfer an ihr vorbeifuhren. Wenn sie die tausend Fenster hell erleuchtet sah. Die Wesen dahinter erblickte. Begleitet von den Schmetterlings-Drohnen, die zwischen ihnen schwebten, sich erhoben, sich herabstürzten, an ihnen vorbei flimmerten, in tausend Farben, in gleich vielen Gestalten, von unglaublicher Zahl, leuchtend wie ein eigenes kleines Firmament.

Sie las die Namen der Schiffe, wenn sie sie entziffern konnte. Und formte die Buchstaben, wenn sie ihr fremd waren, an das Glas der Scheibe. Hauchte ihren Atem daran, und versuchte alles abzumalen, was sie erkennen mochte, in groben, klaren Strukturen.

Sie hörte nicht, wer hinter sie trat, wer vorbei ging, wer im Aufenthaltsraum las, wer sprach und wer einfach nur kurz hineinschaute. Sie war ein regelmäßiger Gast, wenn es ihre Zeit zuließ, stellte ihre Putzsachen schon in der Tür ab und ging zum Fenster, setzte sich auf den Stuhl und sass da. Immer wieder. Viel zu lange, viel zu schön, und mit einem Lächeln, das niemanden galt außer ihr selbst.

Sie sah es zuerst an ihren Fingern, als sie das schreiben wollte, was sich vor ihren Augen abspielte. Als sie die gelben, grünen und blauen Buchstaben des Luxusschiffes formen wollte, und ihre Finger durch die kühle Kondenskälte gleiten sollten, da wirkten sie wie kleine, lustige Luftballons, die sich spannten und dehnten, und schon der Ausruf des Erstaunens erstickte in ihrer Kehle, als die Zunge dicker wurde, die Haut zu brennen begann, und sie keine Luft mehr bekam.

Taschena starb viel zu ruhig, so dass es niemanden auffiel, wie sie vom Stuhl plumpste und gekrümmt vor dem Fenster da lag, als würde sie schlafen, ganz friedlich. Wäre da nicht die rote Lache gewesen, die sich um sie bildete.

Bankea. Im Wald.

Es war ihnen nicht möglich auf Bäume zu klettern. Ein Kellom war geradezu verwachsen mit dem Boden. Unheimlich war ihnen, dass es auch Vögel gab, und sehr, sehr viele Wesen, die viel, viel kleiner waren als sie und trotzdem fliegen konnten. Trotzdem wussten sie von allen Dingen, die auf Bankea in diesem Moment geschahen. Sie teilten ihre Gedanken, ihre Augen und ihre Empfindungen. Aber auch ihr Wissen und ihre Vergangenheit. Sie konnten so tief in die Vergangenheit blicken, dass sie schwere Zeiten brauchten, um daraus wieder zurück zu finden.

Sie wussten, dass Papenka, Burkim und die drei Reisenden,  unterwegs zu ihnen waren. Sie wussten auch von uns. Obwohl ich bis zu diesem Zeitpunkt noch nie einem lebenden Kellom begegnet war. Alles, was ich über sie sagen konnte, war, dass sie sehr gut schmeckten und man auf ihren Fellen gut schlafen konnte. Ich war also zufrieden mit ihnen. Und hätte nie gedacht, dass sie mich schon die ganze Zeit beobachteten.

Die Kelloms hetzten trotz ihrer trampeligen Laufkünste geradezu durch den Wald. Sie liefen aufeinander zu, rissen sich mit, und rannten in alle Himmelsrichtungen, außer in die, in der unser Dorf war. Sie wollten weg. Sie wollten weit weg von uns. Natürlich kannten sie Papenka. Die mütterliche Papenka, die weichste und angenehmste Mutter die ich jemals hatte, die den Kelloms die Köpfe einschlug, als wären es Nüsse.

Sie flohen. Die Kelloms flohen so schnell sie konnten. Sie taten es leise, sie rannten im Wasser, um keine Spuren in das Moos zu drücken, keine Halme zu brechen und nichts zurück zu lassen, was irgendwie von ihrer Existenz zeugte.

Sie bemühten sich den Ursprung des Schiffes zu finden, aber das Einzige, was sie wirklich fanden, war eine kollektive Sorge ihre Verborgenheit würde nun verloren gehen. Im Angesicht einer bevorstehenden Eroberung, an die sie glaubten. Mehr als an alles andere. Sie mussten weg. Verzeihe, Soy, vergiss es , Soy, ein andermal, Soy, und jetzt weg. Soy. Sie entschuldigten sich gegenseitig, für ihre Unachtsamkeit, ihre Geschwätzigkeit, ihre Ziellosigkeit, und ihre Ahnungslosigkeit. Mit jedem Schritt glaubten sie sich der Lösung näher. Dem was kommen würde. Und als zum erstmal, das Wort Morkan ein Gesicht bekam, wussten sie auch schon, das Welten gefallen waren, und Kelloms auf den Flüchtlingsschiffen waren.

Alles geriet durcheinander. Alles war anders. Sie flohen. Auf Kellomart.

Soy wusste, wie man allen anderen Bewohnern Bankeas entwischen konnte. Auch wenn sie sechs Arme hatten, auch wenn sie Papenka hiessen, auch wenn sie Kopien waren, aber vor allem wenn sie Kopien waren.

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Einleitung (Part 46)

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