Improgeschichte: Der Erste

In unserer Straße wuchsen drei Bäume. Zwei davon waren Ginkgo-Bäume. Nicht sehr groß, da gerade frisch gepflanzt. Es waren die Achtziger. Ginkgo-Bäume hatten den Ruf mit unserer Umgebung klarzukommen.

Mit Schadstoffen überhaupt.

Der dritte Baum war eine alte Kastanie, die sowieso alles überlebte. Ein historischer Schattenspender. Unter dem wir uns sammelten. Der Johnny, der Karl und ich.

Johnnys Eltern waren jünger als meine Eltern. Und vielleicht hieß Johnny deswegen Johnny. Allein das war schon ein Grund ihn maßlos zu beneiden.

Uns stand der Sinn nach mehr, aber wir schlugen nur die Zeit tot.

Auf Johnnys Jacke stand „The Future is dead!!!“ in weißen, selbstgemalten Buchstaben. Und ich trug einen Button mit einem Fadenkreuz, auf dem zu lesen war „Schieß doch, Bulle!“. So waren wir. Karl hatte ein Halstuch mit Bob Marley darauf und verschiedene Cannabis-Buttons, die lautstark die Legalisierung forderten.

Die Sex Pistole mochte ich nicht. Zu sperrig. Adam Ant fand ich cool. Aber ich wagte es nicht von ihm zu schwärmen. Schon bei meiner Begeisterung für „Fade to grey“ tippte jeder darauf, dass ich in Steve Strange verliebt war.

Johnny hörte die Ramones. Was irgendwie auch nicht Punk war, aber ungleich cooler.

Der erste Schwachkopf, dem wir begegneten, und den wir heute immer noch als Schwachkopf bezeichnen würden, war ein kleines, hageres Bürschchen, das wie ein fehlgesteuerter Punk aussah. Er saß uns in der Happy Hour gegenüber. Die Happy Hour waren zwei Bier zum Preis von einem. in einem sehr linken Tanzschuppen, der Tag für Tag dasselbe spielte. Über Jahre. Unglaubliches Heimatgefühl.

Zu seiner rechten saß ein lallender Rotschopf mit Sicherheitsnadeln in der Backe und einem Grinsen im Gesicht, das von Glück und Dingen erzählte, die wir erst noch erreichen wollten.

Das Bürschchen hatte keinen Namen, und wenn dann hätte ich ihn vergessen. Dunkle, raspelkurze Haare, und eine Unschuld im Auge, wie man sie nur in dem Alter haben konnte. Wir tranken Bier, redeten was wir immer sprachen, irgendwas über Bullenschweine, Musik und Drogen. Es drehte sich irgendwie immer darum.

Der rothaarige lallte, grinste und wollte mehr Bier.

Das Bürschchen, unser raspelkurzes, wollte NeoNazis  haben. Jetzt. Hier. Dann wäre mal was los.

Wir stocken. Wir sahen ihn.

Was?

„Ja, dann wäre hier was los!“

„Die können so Punks wie dich überhaupt nicht ausstehen! Was soll der Scheiss?“

„Ich bin kein Punk! Der ist Punk!“ und er deutete auf den Rothaarigen, der beinahe schon auf dem Boden lag. Aber grinste.

Und er fuhr fort: „Ich bin Skinhead!“

„Und was ist der Unterschied? Du siehst aus wie ein Punk!“

„Punks sind links! Ich bin rechts!“

„Du bist doch der Erste, den sie ins KZ stecken.“

„Quatsch, ich habe Freunde bei den Neo-Nazis!“

„Nicht dein Ernst?“

„Na klar!“

„Was ist denn der Unterschied zu ihm hier?“ Ich deutete unter den Tisch.

„Skins nehmen keine Drogen!“

Beim Wort Drogen krabbelte sein Freund wieder in Augenhöhe und lachte belustigt.

Johnny schüttelte den Kopf. Wir nahmen den nicht ernst. Wir hätten ihn wegpusten können, so ein Hänfling war das. Wir dachten das wäre nur einer, und außerdem hing er mit dem Babypunk rum, der jeden Abend in der Bierlache lag. Das nahmen wir wirklich nicht ernst.

Wir waren noch oft unter dem Baum, auch in der Happy Hour, und hätten nie gedacht, dass damals irgendwas anfing.

Advertisements
Improgeschichte: Der Erste