Metall!

Ich hörte nichts mehr. Keinen Laut. Der Staub legte sich, die Späne segelte gleich Federn herab, nur die Stille, die mich umgab, war beständig und gleichbleibend. Sie war dumpf, wie Watte, die mich umfing. Als ob ich in einem Kokon stak.

Dichtes, unsichtbares Material, dass alle Töne in der Ferne verschwinden liess und einen Schleier darüber legte.

Karl tauchte unvermittelt in meinem Sichtfeld auf. Ich erschrank. Sein Mund bewegte sich. Er sprach mit mir. Sein kurzgeschorener Schädel glänzte und versperrte mir die Sicht. Für einen Moment sah ich nur noch seine Augen. Dann seine Nase. Und schließlich seinen Mund, der sich unablässig öffnete und schloss. Er redete wie aufgezogen.

Ich verstand kein Wort. Ich versuchte auf meine Ohren zu deuten. Aber er begriff nicht. Sprach immer weiter. Ich schloss die Augen. Ich wollte ihn nicht anstarren. Wollte nicht die ganze Zeit auf den Mund schauen. Ich konnte das sowieso nicht lesen.

Ich machte sie dann wieder auf. Seine Hand legte sich auf meine Brust, auf meine Stirn und kurz auf meinen Kopf. Ein zärtliches Streicheln, dann richtete er sich auf und trat zu Sonya, die sich gerade den Staub von der Hose klopfte. Sie war gebeugt. Ich konnte nicht erkenne, ob sie redete. Ihre Haare hingen herab und verdeckten ihr Gesicht. Fast widerwillig schien er ihr zu lauschen. Ich blickte mich um. Eine Küche gab es praktisch nicht mehr. Tatsächlich gab es das Haus fast nicht mehr. Die Wand zum Garten, also jener Teil, durch den wir eingetreten sind, fehlte komplett. Über mir, so ganz ohne Dach, war alles bis zum Himmel frei.

Paulana strich unermüdlich die Holzreste aus seinem Fell, kämpfte sich mit den langen Fingern durch die Kopfhaare, liess sie durch gleiten und schüttelte sich immer wieder. Er registrierte mich kurz, was nichts oder alles bedeuten konnte, oder einfach nur zeigte, dass er ziemlich verwirrt war. Ich hätte die Hand nach ihm austrecken können, aber mein Körper war bleischwer am Boden gefesselt. Ich musste für einen kurzen Moment überlegen, wie man aufsteht, wann man aufsteht, und wie ich mich am Besten aufrichten konnte. Wenn ich es noch konnte.

Aus meiner Position sah ich keine Trooper. Nicht im Sitzen. Nicht einen. Ich sah Blut. Oder ich glaubte, dass es Blut war. Ich stütze mich also auf etwas, das wie ein Stuhlbein aussah, es brach und was dann kam, kannte ich in nüchternem Zustand gar nicht. Diese eine Moment, in dem man selbst versucht, seine Umgebung zu justieren, eine Ebene zu finden und die Erdanziehung eine Macht ist, die einem den Magen umdreht. Dieser eine Moment, der einem den Boden weghauen will und das so tonlos, dass man nicht mal seine eigenen Flüche hören kann. Ich schluckte alles wieder runter.

Karl brüllte Sonya an. Es sah so aus. Er stand vor ihr wie eine aufgezogene Feder, die auf einen Impuls wartete. Sie drückte ihren Rücken durch, die Brust raus und funkelte ihn an. Er machte eine Bewegung, die die komplette Küche miteinschloss und wirbelte imaginäre Peitschen über den Kopf. Er hatte recht. Auch tonlos hatte er recht. Du kannst diese verdammten Dinger nicht einsetzen, wenn es Menschen um dich gibt, die dir etwas bedeuten. Es hatte funktioniert, aber ich hatte vor diesen Dingern diesselbe Scheißangst wie vor allem anderen, was mir hier um die Ohren geflogen war.

Es gibt einen metallischen Geschmack, der alles enthält, was mich an Panik übermannen kann. Er taucht auf, wenn der Magen blutet, alles schwarz wird, was in der Toilette landet, und der Algenschnaps meine Gedärme in die Mangel nimmt. Er taucht immer dann auf, wenn ich mich älter und toter fühle als alle, die um mich herum sind. Wenn mein Kopf keinen klaren Gedanken mehr fassen kann, und die Schwerkraft eine Fessel ist, gegen die ich nicht zu kämpfen gewillt bin. Hat man diesen Geschmack einmal im Mund gehabt, dann wird man ihn nicht mehr los. Dann zittert man, wenn man nur daran denkt. Ich schluckte. Ich versuchte alles runter zu schlucken.

Karl sah sie entgeistert an. Er wollte etwas mit seinen Händen machen. Er ballte nur seine Fäuste, biss die Zähne zusammen und stapfte in den Garten. Sie liess die Griffe sinken. Hatte sie immer noch in ihren Händen gehabt.

Stehend sah es nicht besser aus. Aber ich erblickte den Körper, der auf dem Boden lag. Die Ursache für Schreie und Blut. Ein Trooper. Gottseidank kein junger Bursche. Ein vernarbter Zeitgenosse. Meine Generation. Jemand, der schon Träume haben musste, die so aussahen, wie all das hier.

Keine Schusswunden. Er starb nicht durch mich. Eher durch Schock oder Blutverlust. Die Peitschen hatten ihn genau unterhalb der Kniee erwischt. Seine Füße sah ich nicht. Das Unglaubliche ist, dass wir nichts als Flüssigkeit sind. Und diese läuft aus, und dann ist alles vorbei. Fragile Behälter, die nicht geschaffen sind für den Mist, den wir uns antun.

Paulana stützte mich plötzlich. Ich krallte mich in sein Fell, roch es, und dachte an Ziegen, während er mich durch das Chaos, vorbei an Sonya führte. Sie schien zu flüstern. Ich zuckte mit den Achseln, liess mich von Paulana raus bringen.

Metall!

Homerun!

„Was ist hier passiert?“ Ihre Schulter wehrte sich gegen meine Hand. Also zog ich sie zurück.

Statt ihrer wandte sich mir John zu. Und sprach langsam und leise, als formte er die Wörter neu. Betonte sie wie ein Geheimnis, das er mit mir teilen wollte „Matthäus, Kapitel 16, Vers 23..“

„Werden sie uns finden?“
„Sie suchen euch, nicht mich. Von mir wissen sie nicht mal, dass ich existiere.“

Sonyas Stimme besass immer noch den vertrauten rauen Ton. Der keine Diskussion zulassen wollte. Die stärkste Waffe, die sie in Nova Orleans hatte. Trocken erschreckt mich das. Im Suff gab es keine Autoritäten mehr.

So warteten wir. Niemand sprach noch ein Wort. Niemand rühte sich. Ich ballte die Fäuste, lockerte sie. Spürte wie die Hitze anstieg. Die Wärme sich sammelte. Von einem zum anderen ging. Ich spüre es, wenn Menschen an mir vorbeigehen. Hier standen wir. Um eine Lampe herum. Die Nähe verband uns, und erfüllte den Raum mit unserer Energie. Ich dachte, es würde nicht lange dauern, dann würde jeder das Ansteigen der Temperatur bemerken. Die Luft würde knapper werden. Ich dachte, ich kenne das. Das Jucken, die Tropfen, die Hitze, die sich über den Nacken ausbreitet. Kein Hauch, der Kühlung bringt. Nur Wärme, die immer stärker wird. Das Problem kleiner Räume. Wir mussten hier raus. Bald.

Das Licht flackerte wie eine Kerze im Sturm. Wir hörten keine Geräusche. Das war nicht das Zeichen, auf das wir warteten. Sonya deutete nach oben. Sie wollte die Treppe hoch. Dabei sah sie nicht nach hinten. Ich konnte den Kopf schütteln. Soviel ich wollte. Vergeblich. Sie ging langsam die Stufen hoch. Die beiden Peitschengriffe in der Hand. Bereit die Laser jederzeit zu aktivieren.

Also zückte ich die Waffe. Theoretisch sah es folgendermaßen aus. Die Küche bestand aus der üblichen Zeile. Spüle, Kühlschrank, und einige Fächer mit Töpfen und Pfannen. Zwischen der Zeile und dem Küchentisch ,fast in der Mitte des Raumes, befand sich die Luke. Leicht zugänglich, wenn man sie sah. Meine Hoffnung war ein Chaos, das sich über uns befand. Meine Befürchtung war eine Luke, die hervorstach wie ein Verkehrszeichen. Beides war möglich. Vielleicht hatte Sonya recht, und wir mussten raus. Ich blieb hinter ihr.

Ich bin kein Teamplayer. Ich bin der, der die Zeichen missversteht. Bringe mich ins zweite Glied, und du bringst dich um. Ich hielt die Waffe verkrampft zwischen uns, immer auf die Luke gerichtet. Sonya duckte sich, kam höher, hob die Luke jedoch nicht an. Sie setzte sich auf eine der obersten Stufen, steckte eine Peitsche ein und bedeutete mir zu warten. Nicht zu schiessen. Nicht. Ich nickte, denn jetzt sah sie mich an. Eher mit Sorge. Wenn ich das richtig deutete.

Mit der freien Hand schob sie die Luke hoch. Sie tat es langsam, vorsichtig, Millimeter für Millimeter. Mit der anderen Hand hob sie den Peitschengriff flach gegen den sich öffnenden Boden. Ich ging davon aus, dass sie mit zwei Händen weitermachen, oder den Griff zur Abstützung nutzen wollte. Doch sie führte ihn in den Spalt, der bereits offen war. Sie drückte den Knopf. Wir hörten ein hochtöniges Sirren, und sahen, wie sie blitzschnell die Peitsche quer durch den Spalt zog. Fast eine dreiviertel Drehung. Wir sahen, ein kreisendes Licht, dass die Hälfte der Küche abdecken musste.

Aber wir hörten auch einen Schrei. Ein Scheppern. Etwas, das wie das Zusammenbrechen eines Tisches klang. Und als sie nochmal mit der Peitsche den Weg zurück fuhr, gleichzeitig die Luke aufstieß, die zweite Peitsche heraus riß und sie mit kreisenden Bewegungen über den Kopf schwang, erhoben sich weitere Schreie, als sei die Hölle explodiert.

Sie gab den Ausgang frei. Ich sprang hinterher, schmiß mich auf den Boden und schoss auf die Richtung, aus der die Schreie kamen. Ich schoß blind, einfach drauf und nach Gehör. Und hoffte auf mein Glück. Ich wollte nicht zwischen diese verdammten Peitschen geraten, die wie wildgewordene Leuchtschlangen über meinen Kopf sausten.

Ich sah überhaupt nichts. Der Raum war nicht mehr vorhanden, Späne wirbelten durch die Luft, Rauch quoll aus allen Ecken. Ich sah Blut, aber konnte nicht erkennen, woher es kam. Hörte Schritte, Schreie, Kommandos, Funksprüche, und das verrückte Sirren der Peitschen über mir. Sonya stand wie des Teufels Tochter in der Mitte eines Hurrikans, hatte ihre Mütze verloren, und tanzte zu einem Klang, den ich nicht vernahm. Sie wippte nach vorne, schlug auf etwas, ging in die Knie, wirbelte die Peitschen wie Fliegenfischerangeln von sich und in ihren Bewegungen verwandelte sich all das, was noch vom Mobiliar übrig war, zu einem Haufen Schrott.

Ich wagte nicht aufzustehen, und zog mit der freien Hand ein Teil der Tischplatte zu mir. Dieses war mein schlimmster Alptraum. Der Moment, in dem man über sich schwebt, und sich verabschiedet.

Ich wagte auch nicht mehr zu Sonya zu schauen. Ihr Anblick war erschreckend, verbissen und von einer überirdischen Energie getrieben. Die Schreie in der Ferne wollten nicht verstummen, und das was an mir vorbeisausten, dass könnten Schüsse gewesen sein oder die Peitschen. Ich hatte keine Ahnung. Ich hielt nur drauf. Der Rauch wurde dichter, brennender und plötzlich flog etwas neben mich, das ich nicht beachten wollte. Es flog ja alles Mögliche durch die Gegend.

„Schmeiß es zurück“ brüllte Sonya mich an.

Und ehe ich was sagen konnte, schnappte sich Paulana die Granate und wirbelte sie wie einen Baseball auf einen imaginären Fänger.

Homerun!

Wir warfen uns zu Boden. Und alles fegte über uns hinweg.

Homerun!

Tritt hinter mich, Jan!

Inhaltsverzeichnis

„Warum der Schuss? Verdammt, warum haben sie geschossen? Haben sie dich gesehen?“ Ich flüsterte. Und fühlte mich selbst nicht wohl dabei. Ich hatte das Gefühl, der Sturm brach genau jetzt los. Jetzt, in diesem Moment. Sie mussten uns gesehen haben. Das musste der Grund sein.

Wir hatten die Luke geschlossen, sahen hinauf und wieder uns an. Paulana sagte nichts. Er biss auf seine Lippen, sah nach oben, beobachtete die Luke und schwieg.

Eine Art Notbeleuchtung erhellte den Keller in einem warmen, gelben, aber sehr zurückhaltendem Licht. Eine dumpfer Schatten hatte sich über uns gesenkt, der die Wände wie Nikotin färbte und unsere Gesicher faltig und seltsam erscheinen liess. Wie die ersten Siedler hatten wir uns um das Licht versammelt und wagten nicht den Kreis zu verlassen. Tasächlich sahen wir alle nur gespannt auf die Luke. Und versuchten heraus zu bekommen, was über uns geschah.

John hatte nicht geschrieen. Wir harrten also aus. Zählten, warteten und lauschten.Wenn sie uns gesehen hatten, dann würden sie uns in dieser verdammten Wanne finden. Dachte ich. Eine einfache Falle. Die übelste, in die wir reingeraten konnten. Plastikwände. Plastikboden. Und alles so hart, dass es keinen Ausweg gab. Ich war überzeugt, es war ein Fehler. Keine Chance. Wir lauschten. Es war nur ein Schuss. Genug um eine komplette Küche in Sekunden zu pulverisieren. Ich wollte mir gar nicht vorstellen, wie es über uns aussah. Aber Sonya legte den Finger auf ihre Lippen und formte ein „Psst!“

Ich vemutete, alles was sich in ihrer Küche befand war nun zu Streichhölzern gewandelt, in Scherben über den Boden geflutet und zu Staub zerfallen. Nichts besseres konnte uns geschehen. Wenn es eine Chance gab, dann war es die, dass dieser Sauerstall alles verdeckte. Sonya formte Wolken in die Luft, die auf dem Boden zerfielen. Ich nickte und vermied jeden Laut.

Wir lauschten.

Nicht einmal die Papageien gaben einen Ton von sich. Sonst verlässliche Boten jeglichen Unheils. Es war einfach nur ruhig. Zweitausend Fragen für Sonya, dreitausend für John. Vor dem stand gerade Karl und drohte ihm – ohne mit einem Muskel zu zucken – eine einfachen Faustschlag an. Johns Pupillen irrlichtertenden hin und her, doch ergaben sich der Situation. Es war viel zu ruhig. Der Wald hatte sich versteckt.

Sonyas Arme senkten sich. Ihre Hände glitten durch die Luf an ihrem Körper hinab. Kamen in der Höhe des Gürtels zur Ruhe. Bewegten sich auf die silbernen, metallischen Hüllen an den Seiten zu. Griffen sie und zogen sie heraus. Zwei Röhren, mit jeweils einem Knopf, auf den sie je einen Finger legte, aber nicht drückte. Sie hielt die Röhren, die knapp aus ihren Fäusten ragten kurz vor sich, dann senkte sie sie und wirkte entspannt. Ihre Muskeln schienen zu erschlaffen und ihr Kopf fiel auf ihre Brust, als wollte sie einschlafen. Im Stehen.

Würde ich sagen, dieses geschah in Sekunden, dann würde ich dem nicht gerecht. Tatsächlich flossen die Bewegung wie in einer strengen Lehre fast augenblicklich ab, beschäftigten mich für einen Moment und verwunderten mich wesentlich länger. Sonya wartete. Sie spannte sich an, wurde wacher, und wartete immer noch.

Ich deutete auf die Röhren in ihren Händen. „Was ist das?“ Ich hatte so etwas noch nie gesehen. Ihre Haltung war nicht zu deuten, aber dennoch schien alles tausendmal geübt. Ich dachte tatsächlich an Nunchakus, aber sie führte sie nicht zusammen,und eine Verbindung war nicht zu sehen.
„Peitschen!“ entgegnete sie ohne eine sichtbare Bewegung ihrer Lippen. „Laser!“

Ich hatte doch davon gehört.

„Tritt hinter mich, Jan!“

Tritt hinter mich, Jan!

Unten!

Inhaltsverzeichnis

Der Keller war eine clevere Idee. Ich konnte mich nicht sonderlich für Architektur begeistern. Es gibt Themen, bei denen ich genetisch gesehen, so schlecht bin, dass sich das Aufstehen für mich nicht lohnen würde. Ich liebe Gemälde, hasse Mathematik. Ich schreibe im besoffenen Zustand besser, als so mancher nüchtern. Ich singe den Blues, wie ein vergessenes Kind aus dem Baumwollfeld, das gerade Vater und Mutter verloren hat. Aber erzähle mir etwas von der Physik, versuche mich für Chemie zu begeistern oder bringe mich in Berührung mit irgendetwas, dass mit Handel, Wirtschaft und Geldverkehr zu tun hat. Es interessiert mich einen Dreck und ich verstehe es nicht.

Architektur ist die Kunst Häuser zu bauen, die ich mir nicht leisten kann. Ich lebe und lebte in Häusern, die Verrückte zusammengeklopft haben, als sie dem Wahn verfielen, sie könnten so etwas. Ich bin beeindruckt von Gärten und Parks. Ich möchte vor großen Glasscheiben sitzen und auf den gleichmäßigen Kies starren. Allein, ich kann mir das nicht leisten. Ich bewundere sowas. Die Reinheit, die Kühle, den edlen Verzicht durch große Räumlichkeiten.

Architektur war für mich etwas, das in tollen Magazinen stattfand, die ich bei Ärzten oder auf fremden Toiletten las. Der Keller unter Sonyas Haus war das Maximum an Architektur, das ich gerade bewundern konnte. Alle Häuser der Gemeinde standen quasi auf Stelzen. Der Abstand zwischen Boden und Haus reichte um darunter zu kriechen. Bestimmt versammelten sich wilde Tiere unter den Häusern.

Wir schmissen John fast die Treppe runter. Er krachte an die Plastikwand, und blieb dort für einen viel zu langen Moment regungslos legen. Um ihn bildete sich eine Lache. Und ich wollte nicht über den Ursprung der Flüssigkeit nachdenken.

Karl hatte Unrecht. Natürlich konnte man Keller in dieser Gegend anlegen. Es sprach nichts dagegen, auch wenn es uns nicht sofort einfiel. Und es war total einfach. Wir konnten immerhin unsere Stationen auf dem Meeresgrund betreiben. warum sollten wir also keine Keller im Sumpfgebiet einrichten? Sonya lachte, und das leuchtete sogar mir ein. Der Witz daran war nur, dass das Ding nichts anderes als eine große Plastikschale im Erdboden war. Tupperware für Menschen. Entsprechend zu verstecken, damit es nötigenfalls auch als Schutzbunker dienen konnte. Warum Karl nicht darauf gekommen war – keine Ahnung.

Er hatte sein Messer auf den Tisch gelegt. Und seine Arme verschränkt. Sonya lehnte am Küchenschrank, hielt ein Glas Limonade in der Hand und Paulana starrte aus dem Fenster. Hielt uns auf dem Laufenden, über das, was er im Garten sah. Das war nicht viel. Eigentlich gar nichts. Die Trooper liessen sich Zeit. Die wir uns dann nahmen.

Ich stand in einem Nebel aus Gerüchen, die mir selbst fremd waren, aber wiegte mich in dem kuriosen Gefühl der Normalität. Sonya strahlte alles aus, nach dem ich mich in diesem Moment sehnte. Es gibt Augenblicke, in denen man seinen Gegenüber mit einer Macht liebt, die zu Dummheiten zwingt.
Sonya war genau das Pensum unbestimmter Sicherheit, nach dem ich mich nun sehnte.

„John Grizzly? Warum er?“ fragte sie.

„Ich weiß es nicht.“ Und ich merkte, dass es wie immer die einfachen Fragen waren, auf die ich keine Antwort kannte „Es ist eine lange Geschichte voller Lügen, und ich habe keine Ahnung, warum du hier bist. Und wem ich trauen kann.“

„Jan.“ Sie sah an mir vorbei. „Ich bin hier, weil Nova Orleans untergehen wird. Und weil ich verliebt war.“ Die Kunstpause machte mir mehr zu schaffen als ihr. „Nicht in dich, Jan.“

„Trooper!“ Paulana duckte sich blitzschnell hinter dem Vorgang.

Nur Karl liess sich viel zu langsam vom Stuhl gleiten, während Sonya in die Knie ging „Nicht hier, oder?“

Ich befand mich auf Karls Höhe. „Keller?“

Paulana deutete uns zu warten: „Langsam, sie sind vorne im Haus.“

Der Griff zum Messer geschah automatisch. Karl duckte sich, sprang durch die offene Luke in den Keller. Ich folgte ihm. Sonya schloss sich langsam an. Paulana war schon hinter uns zu sehen.

Ein Blitz raste über uns hinweg, schlug in irgend etwas ein. Küchenschrank ? Geschirr splittert. Metall flog durch die Gegend. Paulana sprang an uns vorbei. Es war wie ein Blitzlicht. Und alle Gesichter waren für einen viel zu kurzen Moment erhellt, zeigten starke Konturen, erschraken im Schwarz und weiß.
Er schmiss die Luke hinter sich zu.
„Verdammt!“

Der Geruch des Feuers begleitete uns, als wir die Plastiktreppe hinabstiegen. John war aufgewacht, riss Augen und Mund gleichzeitig auf.

Er wollte schreien.

Ich zog die Waffe, richte sie auf die Luke, war aber auch bereit John endlich zum Schweigen zu bringen.

Wenn nötig.

Unten!

Kinder, ihr solltet nicht hier draußen spielen.

Die Bourbon Street lebt von ihrem Ruf. Von der Gewissheit, dass sie verschlagen, verdorben und verrucht ist, wie ihr Vorbild, das wir natürlich immer ehren wollen. Die Bourbon Street unterteilt sich in Bereiche, in denen sie glänzt, in denen sie vergeht und in denen wir verglühen. Am Ende der Straße, dort wo die Touristenshops rarer gesäet sind, und die Jungs sich auf dem warmen Asphalt sammeln, um das Bier in der Hand fest zu halten, wie die Zügel einst, finden sich die Namen der Häuser, deren Klang von der Höhe der Credits bestimmt wird, die einem den EInlass gewähren.

Am Ende der Straße stinkt es nach Urin und exotischen Früchten gleichermaßen. Morgens räumen die Abfallsammler die Reste der Nacht weg, und die Mädchen schliessen die Rolläden, um den Tag zu verschlafen und ihre Blässe nicht zu gefährden. Es erklingt ein leichter Blues in jedermans Ohr, wenn man schwankend und trunken den Weg nach Hause sucht. Und jeder von uns spricht mit einer Hochachtung und Sehnsucht von den Nächten.

Sonya war einst ein fester Bestandteil der Bourbon Street. Unter ihr arbeiteten die Frauen mit einem anziehendem Stolz. Und das Gemisch aus bezahlter Liebe, den dunklen Clubs, und dem folgenden Absturz funktionierte erstaunlich gut. Sonya war resolut, präsent und so auffallend mit ihrer roten Mähne, das sie quasi das lebende Symbol der Bourbon-Street in seiner schlimmsten Ausprägung war. Man kam nicht umhin sie zu lieben, zu begehren und sie zu achten, doch sie hielt scheinbar alle auf Distanz, als verfolge sie ein zölibateres Leben im Sündenpfuhl der Stadt.

Nicht, dass ich es nicht besser wußte. Aber sie verschwand. Eines Tages.

Und stand nun vor uns. Schlichter gekleidet, schöner in der Ausstrahlung. Kein Deut älter, eher sichtlich verjüngt. Scheinbar. Ihre roten Haare hatte sie unter einem ledernen Hut zusammengebunden. So eine Schirmmütze, wie sie einst Zeitungsjungen trugen. Ihre Beine steckten in einer hellen, abgewetzten Jeans, an der ein eigenartiger Gürtel mit Hosenträger befestigt war, und dieser wiederum hielt zwei silbrig glänzende Gegenstände, jeweils einen an der Seite ihrer Hüfte. Ihre Bluse war so weiss und strahlend wie ihre Stiefel bis zum Schaftende mit dem frischem Dreck besprüht waren. Sie wirkte entschieden jünger als Fünfzig. Ihren Mund, der immer ein bisschen zu groß und zu laut sein konnte, umspielte ein Lächeln, das ich nicht gleich zu deuten wußte.

Sie erkannte mich. Ganz offensichtlich.

„Kinder, ihr solltet nicht hier draußen spielen!“

Ich wusste nicht, was ich sagen sollte. John Grizzly lag mir zu Füssen, Paulana versuchte ihn wieder aufzurichten und Karl wirkte wie ein Clown mit einem Messer.

„Sonya? Was zum Teufel machst du hier?“

Sie deutet auf den John Grizzly. „Ihr solltet keinen Dreck hereintragen. Ansonsten kommt. Auch das Äffchen.“ Paulana wollte etwas sagen, sie hob einen Finger an die Lippen. „Pssst, bleib ruhig.“

Ich zog John an der Kutte hoch, riss ihn in eine stehende Position und wollte ihr etwas erklären. Paulana hielt ihn wie einen umstürzenden Baum. Er drückte ihn geradezu in eine schräge Position. John verhielt sich wie Sack Fleischabfälle. Er drohte jede Sekunde zur Seite zu klitschen.

„Hey, Sonya, das ist ein Priester von der Nachbargemeinde.“
„Ich weiß, wer das ist. Und er scheint nicht euer Freund zu sein. Das ist gut. Aber er ist genau so ein Arschloch, wie die Typen, auf die du normalerweise stehst. Ich traue dir nicht, Jan Tälling. Bringe diesen Kerl in mein Haus und wir werden Probleme habe. Ich würde ihm lieber im Garten den Rest geben, aber die Trooper könnten alles mitbekommen. Also bring ihn rein. Knebel ihn, fessle ihn und schmeisse ihn in den Keller.“
„Keller?“
„Jepp, kommt rein. Keller!“ Sie lachte leise ein kehliges, fröhliches Lachen. „Ihr habt ja keine Ahnung.“

Ich habe sie immer geliebt. Ich habe sie immer geliebt. Im Vorbeigehen zwinkerte ich, näherte mich ihrem Gesicht und wollte sie küssen, aber sie wehrte sich.
„Du stinkst, Jan Tälling und schwitzt wie ein Schwein. Bringe das in Ordnung, Junge!“

Aber sie lachte.

Kinder, ihr solltet nicht hier draußen spielen.

Verwildert!

(Remixed by ohneeinander/alte Version: Estragon und Thymian)

Wir nahmen den Hinterausgang. Allein Karl wollte zurückbleiben, und noch einige Dinge in Ordnung bringen. Er hatte die Sorge, dass unsere kurze Anwesenheit mehr Spuren hinterlassen hat, als wir einschätzen konnten. Vielleicht war das die Trooperschule.

Ich trug einen Rucksack, den ich in der Kommode fand. Darin tummelten sich genau jene Lebensmittel, deren Genuss nicht so ratsam war. Aber sie verbrauchten wenig Platz, und vertrugen sich gut mit der Themoskanne voll Tee, den Tabletten zur Wasserreinigung und den getrockneten Pilzen, sowie den Dauerwürsten.

Wir betraten einen verwilderten Garten, der von robusten Kräutern überwuchert war. Eine Art Borretsch kämpfte sich über die Beete, aber ansonsten wirkte alles wie ein grünbrauner Matsch, der mit viel zu großem Werkzeug bearbeitet wurde. Im geschossenen Salat sammelten sich riesengroße Schnecken, und überall wuchsen Löwenzahn und Grasbüschel in trauter Einigkeit und Vehemenz. Der Duft von Moder und altem Wasser schlug uns warm aus einem offenen Gewächshaus entgegen. Wer hier im Dschungel Gewächshäuser anbaut, der konnte nicht ganz bei Trost sein. Aber ich vermutete, sie machten das wegen den Tieren, die sich wahrscheinlich an den Kultivierungsversuchen gütlich taten.

Das alles sah nach großer Müher und harter Arbeit aus, aber hatte auch die verkommene Aura des Todes schon angenommen. Somit platzte der Lack von dem Gartenzaun, die Scharniere des Tores zum Nachbargarten rosteten still vor sich hin, und weigerten sich erst, unseren Versuchen sie zu öffnen, nachzugeben.

Die Wolken wichen mehr und mehr der Sonne, und die Wasserpfützen erlagen der Verdunstung. Wir bemühten uns auf die Flächen zu treten, auf denen sich die meisten Blätter befanden. Im puren Matsch versanken wir sofort. Aber das war noch gar nicht so sehr das Problem. Die Spuren, die wir dort hinterliessen, waren die einzigen menschlichen, die sich jetzt noch fanden und sie würden die Trooper wohl ohne Probleme zu uns leiten.

Ich liess Paulana, der sich mit mir zusammen bemühte John vorwärts zu ziehen, nicht aus den Augen. Ich konnte nicht einschätzen, ob John es uns absichtlich schwer machte, oder ob es ihm wirklich so schlecht ging. Ich rammte ihm die Waffe fest in den Bauch, versuchte diesen Druck nicht ab zu mildern und zog ihn mit der anderen Hand durch den Garten. Es war eine unmögliche Haltung, und für mich so ziemlich das Absurdeste, was man in dieser Sauna machen konnte, aber Paulana stützte die andere Seite von John, und tat dieses mit einer solchen Geschicklichkeit und Kraft, das ich versuchte mir nichts anmerken zu lassen. Trotzdem klebten mir die Klamotten am Leib und ich überlegte mir, ob ich diesen modrigen Geruch erzeuge, oder ob er wirklich nur von der Umgebung kam.

Natürlich konnte Paulana eine Ratte sein. Ich wollte mir nichts vormachen, er war wahrscheinlich der schmierigste kleine Minitaxi-Pilot, den ich bisher kannte. Er war genau der Richtige. Aber für Geld machen die Jungs alles. Die Tatsache, das er das Ding kontinuierlich per Hand steuerte, war nicht vertrauenserweckend. Wer das macht, der versucht die Spuren kleinzuhalten. Keine Signale, keine automatisierten Positionanfragen, keine Routen, die den vorgschriebenen entsprechen. Das geht nur per Hand.

Wir traten in den nächsten Garten. Er sah nicht anders aus. Im Grunde glichen sich die beiden Fleckchen, als hätte derselbe Gärtner hier die mißlungenen Versuche unternommen irdische Gartenkunst wie ein Klischee auf zu bauen. Alles war hier spiegelbildlich. Die Gärten stießen aneinander, waren nur durch den weißen Zaun getrennt und wir gingen geradewegs auf die Hintertür des Nachbarhauses zu. Ein Pekanussbaum warf seinen Schatten auf uns.
Was im Grunde erstaunlich war, weil es bedeutete, dass die Gemeinde ihn entweder im Ganzen importiert hatte, oder er hier gewachsen war. Dann aber war diese Gemeinde älter als alle Gemeinden, die ich bisher kannte. Oder aber, das war nicht der Anfang der Geschichte. Oder die Gemeinde war schlicht und einfach zu reich. Was auch wieder eine Geschichte wäre, die ich gerne kennen würde.

Wäre Zeit gewesen, dann hätte ich John gerne genau dafür alle Finger abgeschossen. Er hatte nichts erzählt, was uns auch nur ein Stückchen weiter brachte. Und nichts stimmte, und alles war durch irgendeine Lüge verdorben.

Karl war uns mittlerweile immer zwei Schritte voraus. Ohne John konnte er an uns vorbei und die Vorhut bilden. Er hätte John schultern können, aber so öffnete er mit dem einem großen Küchermesser in der Hand Garten- und Küchentüren. Unsere Bewaffnung wurde immer besser.

Paulana trug ein kleines Beil in seinem Hosenbund. Ich weiß nicht, wo er es gefunden hatte. Es liess ihn aber gefährlich und verwegen aussehen. Ich war nicht überzeugt, von der Wirksamkeit einer solchen Waffe. Sollte er eine Ratte sein, dann wäre ich schneller. Soviel war klar. Egal, wie beschissen ich schiesse, sein Pelz wäre durchlöchert.

Karl riss die Küchentür des Nachbarhauses auf, sprang zurück, und hielt das Messer weit vor sich. Es sah vorbildlich aus. Es passte lediglich nicht zu einem Haus dieser Sorte. Die Küchentüre quietschte, und man könnte meinen, sie wollte wieder zurück. Aber irgendetwas unsichtbares, was auch nur eine plumpe Feder sein konnte, hielt sie in einer schwankenden Position.

Karl. Karl rühte sich erst nicht. Dann. Er wich zurück.

Ich blieb stehen. Eigentlich hatte ich nur auf Paulana geachtet. Und natürlich auf John, der gerade auf den Boden spuckte. Aus den Augenwinkel sah ich es. Ich sah alles aus den Augenwinkeln. Nur nichts vor Karl.

Die Küchentür stand immer noch zitternd offen. Das Messer in Karls Hand bekam ein Eigenleben. Es zog sie hoch, die Hand. Es senkte sie. Und es wirkte nur noch unschlüssig. Als sei es nicht dafür gemacht. Was immer sich ihm bot.

Ich wartete, und sah nichts. Der Winkel war der ungünstigste, denn ich mir vorstellen konnte.

Paulana liess John plötzlich fallen. Er löste sich somit auch von mir, kippte um, fiel zu Boden, stiess Flüche und Aahs aus, griff nach meinem Bein, so dass ich ihn wegstossen musste, aber gleichzeitig nicht die Waffe fallen lassen wollte.

So sah ich zu ihm runter und hörte deswegen Karl nur verwundert sagen:
„Madame?“

Verwildert!

Das ist ihr Revier!

Inhaltsverzeichnis

„Nein!“

Karl schüttelte den Kopf. „Nein, das werden wir nicht machen. Wir werden das Dorf nicht abbrennen. Nicht bevor wir nicht wissen, was hier los war.“
Ich stand auf. Ging ein paar Schritte, stoppte und drehte mich um. Die Blicke ruhten immer noch auf mir. Besonders Paulana schien besorgt. John hatte den Kopf gesenkt. Nur Karl wich der Konfrontation nicht aus. Er wirkte zwar entschlossen, aber hatte dennoch einen Ausdruck, der mir zeigt, dass ihm durchaus bewusst war, wie schwer mir das alles fiel.
„Jan, es geht mir wie dir. Ich verstehe die Zusammenhänge noch nicht. Das hier war nicht nur die Bruderschaft des neuen Pfades. Sie war wahrscheinlich ein Teil davon, aber das Bild ist noch nicht komplett. Und all meine Vermutungen hinsichtlich der Trooper müssen nicht der Wahrheit entsprechen.“
„Trooper!“ Stieß Paulana hervor. Er hatte den Platz gewechselt, aber ich achtete nicht auf ihn.
„Ja, Trooper.“ bestätigte Karl. „Aber es kann auch ganz anders gewesen sein.“
„Nein, nein, Trooper!“ zischte Paulana, und senkte seine Stimme merklich. „Hier, draußen. Auf dem Weg!“

Er war zum Fenster gegangen, spähte durch die Blätter, und bedeutete uns per Fingerzeig leise zu sein.
„Sie haben uns nicht gesehen.“

„Warum sollten sie uns nicht sehen? Was habe ich gegen Trooper?“ stieß John aus.
„Denke nicht daran, John, du würdest es nicht überleben.“ Die Waffe lag wieder in meiner Hand, drückte ihm die Mündung gegen die Stirn. „Also ganz ruhig.“
„Ah, schon wieder? Ihr habt nicht die Eier dazu!“
„John!“

Karl stellte sich neben Paulana.
„Sie gehen zum Minitaxi. Ist der Notruf an?“
„Welcher Notruf?“

„Verdammt, Paulana, der Notruf. Das Ding, dass sich bei Schäden einschaltet. Ist es an?“
„Nein, natürlich nicht.“
„Du kriegst doch gar keine Zulassung ohne Notruf. Was soll das?“
„Mann, ich bin meine Zulassung aber auch in Nullkommanix wieder los, wenn sie mich orten können oder meine Flugrouten kennen. Das Ding ist aus. Ich kann es jederzeit einschalten, aber es ist aus.“
„Warum sind hier Trooper?“
„Was weiß denn ich? Weil sie nie weg waren? Dass solltest du doch wissen.“

John rührte sich plötzlich, brachte sich in eine neue Position.
„Ich drücke ab, John!“
„Verflucht…“

Während Paulana unverändert hinaus sah, duckte sich Karl, kam in dieser Haltung langsam zu mir, setzte sich neben John.
„Kannst du laufen?“
„Einen Scheiss kann ich …“
„Drücke ab, Jan, er ist nur Ballast!“
„Ok. Ok. Wir versuchen es. Verdammter Nazi. Ich werde dir in deinen kahlen Schädel pissen, wenn das hier vorbei ist.“
„Du sollstest dich gut mit uns stellen, John, wenn du das Ende von all dem noch erleben willst.“

Wir vermieden jedes weitere Wort für einen Moment. Lauschten, hörten nichts von außen und auch Paulana schien die Ruhe selbst. Karl runzelte seine Stirn, richtete sich nur an mich, und versuchte mit seinen Händen seine Worte zu unterstreichen.
„SIe sind auf dem Weg zum Minitaxi. Das Teil wurde vom Sturm umgeworfen. Der Eingang ist damit versperrt. Man kann es wieder aufrichten, aber das könnte länger dauern, wenn sie keine ExosAnzüge nutzen. Das machen Trooper hier selten. Das weißt du, es ist zu heiß. Der Sturm ist auf unserer Seite. Keine Spuren von uns auf dem Weg, oder sonstwo. Da draußen sieht es aus, als wäre ein großer Rechen über alles gefahren. Aber es sind Trooper. Und sie sind zu sechst. Sie werden sich also aufteilen und alle Häuser durchkämen. Das heißt, es ist eine Frage der Zeit.
Sie sind gut bewaffnet. Soweit ich das erkennen konnte, zwei Frauen und vier Männer. Unterm Strich haben wir keine Chance. Wir dürfen ihnen nicht begegnen. Das ist nicht Nova Orleans. Das hier ist ihr Revier. Sie dürfen hier alles machen. Und ich weiß noch nicht, warum sie da sind.“
Er holte kurz Luft, überlegte, sprach langsam und betont weiter.
„Es kann sein, das seine verdammte Gemeinde sie auf uns gehetzt hat. Das wäre übel. Es kann sein, dass das Minitaxi doch einen Notruf hat. Das wäre okay, aber dann dürfen sie ihn“ – er deutete auf John – „nicht finden. Denn das wiederum wäre übel. Es ist auch möglich, dass sie nie verschwunden sind. Warum auch immer, und wir sind dummerweise einfach nur in ihrem Dorf gelandet, ohne es zu wissen. Und dann, ist es nur übel.“
„Es dampft also?“
„Es stinkt!“
Seine Stimme änderte die Frequenz, war nur noch an mich gerichtet. Wurde leiser, flüsterte fast unhörbar, so daß ich seinen Mund beobachten mußte. „Vielleicht spielt auch jemand falsch.“

Dieses gigantische Fragezeichen. Es war wohl in meinen Augen.
Und so kam es ohne ein Laut über seine Lippen.
„Paulana.“

John lächelte uns an.

Das ist ihr Revier!