Zettelkasten: Algen

Der Kingo, der Ponk und ich. Wenn die beiden Sonnen im Gleichtakt untergingen, dann trafen wir uns. Draußen an der Küste. Dort, an jener Stelle, an der uns das blaue Licht lange genug erhalten blieb.

Ponk war der Kleinste. Wenn er trank, dann war er der Größte. Das tat er immer im Sonnenuntergang. Trinken und Träumen. Er legte sich auf den Rücken, sah in den Himmel, beobachtete die fernen Sterne, die langsam wie erglimmende Partylichter ihre Netze spannten. Er trank als gäbe es morgen nichts mehr. Und vielleicht hatte er recht.

Es war ein übles Algengebräu, das die Fischer uns verkauften. Sie waren zahnlose, alte Männer. In solchen Nächten saßen sie wie wir am Strand, schärften ihre Speere und erzählten von den großen Seeungeheuern, die es früher mal gab. Bevor die Kolonisten gekommen waren, bevor ihre Hütten so klein wurden, und ihr eigenes Fell so durchlöchert. Es gab kaum noch genug Fische, und die Algen fraßen unsere Hirne und Leben auf.

Wäre irgendetwas geschehen, was uns Hoffnung gegeben hätte, dann wäre der Ponk Fischer geworden. Kingo hätte nur zum Händler getaugt, und ich hätte mein Glück irgendwo gesucht. Aber wir saßen fest, senkten die Füße ins Meer und stießen die Flaschen an.

Die ersten Raumschiffe, damals, das waren riesige schwarze Kästen, null Aerodynamik, keine Fenster und alle Positionslichter waren abgeschaltet. Sie schwebten wie gigantische Klötzchen über dem Meer und saugten die Fische auf, als wäre es ihre Bestimmung. Es war faszinierender Anblick. Die Fische flogen einfach in die Höhe, verliessen das Meer, stiegen in die Wolken und wurden von den Kästen geschluckt.

Die Fischer, die sich eben noch gelaust hatten, standen mit offenen Mündern an den Stränden, hielten sich an ihren Speeren und staunten nicht schlecht. Wir alle waren sehr irritiert.

Wir waren wahrscheinlich noch sehr dumm. Das mit dem Fliegen bekamen wir gerade in Griff, und das wir nicht die Einzigen im All sein konnten, das war uns auch irgendwie klar, aber das war nicht wirklich wichtig. Das Meer war voll, die Berge hoch, die Landstriche fruchtbar. Wir hatten alles, und Gemächlichkeit war ein Teil unserer Religion. Wir konnten uns soviel vorstellen, dass es uns kaum überrascht, doch diese Kästen widersprachen allem, was uns vertraut war.

Seitdem wurde der Ponk alt, ohne das er was dafür konnte. Ich glaube, die Algen waren giftig. Er bekam gelbe Augen, lallte meistens und torkelte mehr als das er ging. Kingo war schon immer verrückt. Er zog sich aus, obwohl man sich nicht überall auszieht. Ich selbst sah immer schlechter, ich bekam vieles nicht mehr mit. So richtig unglücklich konnte ich darüber nicht sein. Meine Augen verengten die Welt zu komischen Löchern, in denen sich das Leben abspielte. Die Ränder wurden diffus, und ich mußte mich konzentrieren, wenn ich etwas genau ansah.

Die Sonnen beeilten sich nicht, unterzugehen. Sie waren gnadenlos, ihre Strahlen spiegelten sich in den Containern der Kolonisten. Zerfaserten sich in der Spiegelungen und tanzten auf den grünen Wellen.

Unsere Klamotten stanken nach Algen. Die Fischer lachten darüber nur. Wir stanken wie sie. Wir hatten ihre Sympathie.

 

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