Zettelkasten: Festivals

Nach drei Festivals trat soetwas wie Gewohnheit ein. Auch ein Art Rhythmus, der uns half damit umzugehen. Die Aufgaben waren mittlerweile grob verteilt, und uns war wichtig, wenigstens eine Mütze Schlaf zwischen den Auftritten zu nutzen.

Wir waren noch zu unbekannt, um wirklich auf den ganz großen Veranstaltungen zu spielen. Unsere Aufgabe war so ein Hebung der Truppenmoral. Es ging um die Außenposten, die nur über die Sprünge durch die schwarzen Löcher erreicht wurden. Egal wie automatisch das mittlerweile ablief: Die Sprünge waren immer noch übel. Wir waren durch verschiedene Sichtheitsdoktrine und der neuesten Technik von gezwungenen Wachphasen befreit und mußten nicht unbedingt einen Piloten im Cockpit haben. Trotzdem wollte keiner von uns so recht dem Schiff trauen. Diese Begriffe wie Asteroidengürtel und schwebendem Weltraumschrott wurde man nicht los. Die Lotsen dateten die Computer zwar regelmäßig ab und Flugbahnen waren meist ziemlich statisch, aber wenn es dumm kam, dann wurden wir bei einem Sprung so zerbröselt, dass nicht mehr mal mikroskopische Teilchen zu finden sein würden.

Ich war der Lyrikmeister. Meine Flows waren der Mittelpunkt, um den Cechau seine Beats herumflocht. Damit war ich natürlich auch das Gesicht, dass man mit den Auftritten verband. Cechau hatte es da einfacher. Für ihn gab es einen Ersatz, der ihn wie einen Schatten verfolgte, und einen der billigen Droiden, die wir uns gerade mal so leisten konnte. Ich war der Meinung, dass alles, was er auf der Bühne machte, sowieso Fake war. Das bißchen Improvisation, dass dabei zum tragen kam, hätte eine Hauskatze unter Drogen machen können.

Cechau sah das anders, und lümmelte sich zufrieden auf der Couch herum. Wir hatten bergeweise Filme mitgenommen, Sexspielzeug und dunkles, bitteres Bier aus kleinen Brauereien. Wer dem All eine Faszination abgewinnen konnte, der war noch oft genug da. Es gibt auch Menschen, die unablässig in ein Aquarium starren können. Ähnlich war es mit dem All. Planeten, Sterne, Kometen. In der Aufzählung klingt das wie reine Poesie, doch es waren nur beängstigende Steinhaufen.

Für meine Generation gehörten diese Reisen schon zum normalen Leben. Ich kenne die Literatur, die uns über Jahre weismachen wollte, dass es da draußen soetwas wie fremdes Leben gibt. Alle Welt reiste nun seit Jahrzehnten da draußen rum, eine ganze Industrie lebte von dem unglaublichen Kuddelmuddel, das sich aus dieser Tatsache ergab. Aber Leben? Ich meine Aliens? Bis jetzt gab es das nicht. Wir hatten Truppen an den äußersten Rand verlegt, die mögliche Gefahren abwehren sollten. Aber es tat sich nichts, außer das die Jungs dort schwule Ambitionen bekamen, weil sie sich unendlich langweilten.

Deswegen diese Festivals. Wir kamen dann auf die Bühne, rannten dort hin und her, schrieen uns die Seele mit plakativer Lyrik aus dem Leib und die Beats von Cechau brachte die Leiber unten im Stadion zum Zucken. Die Jungs rissen sich die Kleider vom Leib, zeigten ihre trainierten Körper und ich wurde neidisch. Das ging mir immer so. Verflucht, sahen die gut aus.

Ich hatte keine Ahnung, warum es diese Geschlechtergrenzen gab. Eine Zeitlang waren die Truppen gemischt, und es enstanden schnell Siedlungen. Ohne groß darüber zu sprechen, stationierten sie nun gleichgeschlechtliche Einheiten an den äußersten Rand.

Verstanden habe ich das nicht. Heute? Jetzt? Wer scherrte sich noch darum, ob dein Bettgefährte männlich oder weiblich bist? Vielleicht weil das nicht unweigerlich zu Kindern führte.

Früher gingen wir davon aus, dass sich auf den Planeten wilde Vegetationen finden, abartige Tiere und eine Fauna, die uns fürchten macht. Außer ein paar ziemlich lasche Viren, die unsere Ankunft nicht überlebt, waren die Bodenschätze wohl das Einzige was uns derzeit noch immer weiter ins All trieb.

Wir bauten immer neue Schiffe, aus immer neuem Metal, und trieben sie mit grandiosen Treibstoffen an. Das war das wilde an diesem Zeitalter: Schiffe, Metal, Treibstoff. Die Reisen kosteten fast gar nichts mehr, so irre war das. Deswegen dürften auch so kleine Nichtskönner wie wir auf Festivals dort draußen spielen. Cechau freute sich wie irre. Seine Stücke wurden hypnotischer, meine Worte blödsinniger, und die halbnackten Burschen zeigten uns was sie mit uns am liebsten machen würden. Ich leckte mir die Lippen und rollte begierig mit den Augen.
So war das damals.
Rap that to the beat.

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