Zettelkasten: CharlesX

Der Streit entbrannte, als die Bands bereits ihre Instrumente wieder einpackten. Die Merchandise-Stände leuchten den Platz noch aus, aber auch dort wurden die Waren schon eingerollt und die Kasse langsam geschlossen. CharlesX betrachtete sich als Ureinwohner, obwohl das eigentlich nicht stimmt. Aber er trug sein Haar so lange und filzig, dass es als Fell durchgehen konnte. Und man sah ihn nie ohne einer dieser Flaschen in seiner Hand. Die Flüssigkeit, die aus den vergorenen Algen gewonnen wurde, schwappte dick und grün darin herum. In der Hand von CharlesX wirkte so eine Flasche wie eine Waffe.

CharlesX und Linda verkauften eine Menge Kram, der als Eingeborenenkunst durchgehen wollte. Dabei waren es nur bunte Zeichnung von bunten Landschaften und Pflanzen, wie man sie überall finden konnten. Die Menschen mochten so etwas. In Wohnungen, in denen alles aus den neuen Kunststoffen gebaut war, wirkten solche Kunstwerke ungehörig natürlich. Das war schon pure Rebellion. Und nichts verkaufte sich besser als pure Rebellion.

Linda sah sich selbst als Elfe, und man konnte dafür Verständnis entwickeln. Sie war eine Frau, die etwas mädchenhaftes nie verlor, und um ihre Naivität und Unschuld zu kämpfen schien. In der Partnerschaft mit CharlesX schien sie ihn wie ein Schutzengel zu umschwirren, der wahrscheinlich durch Nichtbeachtung gestorben wäre. Aber CharlesX liebte Linda über alles.

Die Festivalwiese war ein platt getretener Acker. Die Musik war seit Tagen über ihn hinweggebrandet. Doch jetzt war Schluss. Die angedockten Schiffe erhoben sich nun frei und schwer gen Himmel, und ihre bunten, leuchtenden Kondensstreifen wirkten wie ein letzter, verwobener Gruß, bevor sie ins All verschwanden.

CharlesX liebte diesen Anblick. Er hasste alles Militärische, aber er konnte sich dieser Himmelsschmiererei nicht entziehen. Es war kein Wunder, dass er den beiden Troopern, die an seinen Stand kamen mißtrauisch begegnete.

Trooper darf man nicht falsch einschätzen. Die beiden Jungs, die nun vor CharlesX standen, hatten nicht die besten Chancen. Bevor sie Trooper wurden fielen sie nicht sonderlich auf. Sie spülten die Recyclinggläser in der Joghurtfabrik und lebten die meiste Zeit am verschmutzten Strand. Sie hatten versucht ihre Körper zu verkaufen, aber es gab zuwenige Käufer. Seit es San Francisco nicht mehr gab, und die Fabriken die Gegend plattwalzten, breitet sich der Slum der Tagelöhner bis runter nach Mexiko aus. Irgendwo dort lebten die meisten Trooper. Bevor sie Trooper wurden.

CharlesX konnte seine Augen zu gefährlichen Schlitzen formen. Als wären sie eine Aufforderung zur Provokation. Als wären sie nur für all jene gemacht, die ihm in Zukunft dumm kommen könnten. Der dunkle, grüner Schimmer, der alles Weiße seiner Augen überdeckte, tat sein übriges. Der Algenschnaps veränderte viel zuviel am menschlichen Körper. CharlesX sah sie an wie ein grünes Wassermonster, zottlig, und alles andere als freundlich gesinnt. Dabei sahen sich die Trooper nur die Auslagen an. In voller Uniform. Mit allen Taschen, leuchtenden Funksensoren, glühenden GPS-Sendern und piepsenden Kommunikatoren. So wie Trooper zu diesen Zeiten eben rumliefen.

„Du hast ein Problem, Händler?“
CharlesX schüttelte den Kopf, wandt sich ab, aber der Trooper hielt seinen Arm fest.
„Erzähle mir von deinem Problem.“ Es war ein junger, blasser Bursche. Zu jung für diese Uniform, dachte CharlesX.
„Nichts, sorry,“ murmelte er leise und schüttelte dabei seinen zottigen Kopf mißmutig.
„Ich weiß was du denkst“ fuhr der Trooper fort. „ Ich kann es mir vorstellen. Du denkst, wo wir sind, da ist Krieg. Wir sind die Imperialisten. Du bist aber auch hier, Händler:“
„Ich habe einen Job.“ murmelte CharlesX leise.
„Du lebst von uns. Wir haben auch einen Job. Wir verdienen Geld und geben es dir.“
„Ihr seid Soldaten, Trooper!“ CharlesX hob langsam den Kopf, sah dem jungen Burschen in die Augen und flüsterte langsam die nächsten Worte. „Richtig. Ich bin ein Händler. Ich treibe Handel. Ich treibe ihn mit allen. Mit dir. Mit den Fischern. Mit allen. Mir ist egal, ob meine Kunden ein Fell oder eine Uniform tragen. Ich lebe nur von dem was ihr mir abkauft. Das ist ein ehrliches Geschäft. Ich muss mich nicht schämen. Alles ist gut. Wollt ihr was kaufen?“
„Vielleicht, Händler. Aber erkläre uns doch zuvor, was ein ehrliches, und was unehrliches Geschäft ist. Wir sind hier, weil wir den Dreck wegmachen, bevor ihr kommt. Für dich ist das ein Festival und morgen bist du auf einem anderen Dreckklumpen und tust genau das selbe. Wir bleiben hier, machen diese Land bewohnbar und räumen für Typen wie dich auf.“
„Nicht für mich…“
„Doch,“ nickte der junge Trooper. „ Genau für dich. Für solche, die meinen, die Dinge passieren, ohne das sie jemand bewegt. Für solche, die hinterherlaufen, wie die Ratten und versuchen den Rahm abzuschöpfen…“
„Hier gibt es keinen Rahm!“
„…nur ehrlich verdientes Geld, Händler. Wir werden bezahlt, und wir bezahlen dich. Was gefällt dir daran nicht?“
„Es ist alles in Ordnung…“
„Scheint mir nicht.“
CharlesX fixierte ihn lange, hieb dann mit der Flasche auf den Tisch und brüllte sie an.
„Verdammte Arschlöcher, was wollt ihr von mir? Ihr wollt wohl kaum etwas kaufen. Ihr kommt auf all diese Planeten, plündert die Ressourcen, metzelt die Tiere nieder, haltet euch für die Größten und wollt mir erzählen, das sei nur ein Job? Ihr seid doch nicht ganz bei Trost.“
Der junge Bursche trat zurück, zog die Waffe hinter seinem Rücken hervor und entsicherte sie langsam. Er richtete sie auf CharlesX.
„Händler, du siehst das falsch. Ich habe eine Aufgabe. Ich habe einen Job. Ich räume auf, ich töte, wenn es sein muss. Wenn das Leben der meinen bedroht ist, dann töte ich. Wenn sich jemand gegen uns stellt, dann töte ich. Wo stehst du, Mann?“
CharlesX schnaufte laut. Er schüttelte wieder und wieder den Kopf. Linda starrte ihn nur noch entsetzt an.
„Höre gut zu, Trooper. Egal was du dir jetzt einredest. Die Deinen sind nicht hier. Und müssen hier auch nicht verteidigt werden. Ich trage keine Waffen. Meine Frau ebenfalls nicht. Wir sind hier um Frieden zu erleben und Handel zu treiben. Du hilfst mir nicht, aber ich stehe auch nicht auf deiner Seite. Aber von mir geht keine Bedrohung aus. Was zum Teufel willst du, ein Blutbad? „
CharlesX spuckte auf den Boden. „Du könntest was trinken, wenn du die Waffe beiseite legst, aber so trinke ich nicht mit dir, Bursche.“

Die Händler der anderen Stände hielten innen, schauten zu CharlesX hinüber und beobachteten die Trooper. Sie sandten leise Nachrichten an Linda, die auf das Kassendisplay blickte. Immer schneller kamen die Worte. Sie hörten alle zu.

Die beiden Trooper sahen sich um. Der blasse Junge, nahm seinen Helm ab, fuhr sich durch die Haare und grinste.
„Trinken? Das Zeug?“ Er deutete auf die Flasche in CharlesX Hand.
„Ja, das Zeug!“
„Sieht böse aus.“
„Ist böse.“
„Reich rüber.“

„Nee, du kriegst eine eigene Flasche.“

CharlesX langte unter die Theke, holte eine Flasche hervor und warf sie dem Trooper zu. Wildes Label, aber eben jenes, das auch CharlesX trank.

Gutes Zeug, um den Tag zu beenden.

Advertisements
Zettelkasten: CharlesX

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s