Zettelkasten: Rap That

Der verdammte Algenschnaps. Das Zeug lässt einen durch die Wohnung taumeln wie eine quergeschnippte Münze. Der Kaffee-Vollautomat ist hin, und die Bohnen knacken unter meinen Füßen. Erinnert mich an die Bekämpfung der Blaukäferpest in den Nullerjahren. Das knackte genauso. Spaziergänge über blaue Wege. Knack-Knack.

Ich presse die Augen zu und schaue nach draußen. Es regnet ständig in Nova Orleans. Das ist so üblich hier. Im Türrahmen hängt der schreckliche Aquaanzug. Das Ding stinkt wie 3 Tage schlechter Sex. Zieht man es an, dann wird man darin genauso feucht. als wenn man darauf verzichtet hätte. Aber es ist Pflicht. Der Planet ist sauer, der Regen ist sauer, ich bin sauer. Und mein Kopf fühlt sich an wie eine Cajuntrommel.

Nova Orleans ist der einzige Ort dieser Welt, an dem es noch frei verkäuflicher Algenschnaps, Tabak und Rapmusik gibt. Überall sonst haben die Religionen die Hand im Spiel und die Bürgermeister gestellt.

Der Algenschnaps ist schon ein teuflisches Zeug. Es gibt hier ca. 100 Brennereien, die sich allein durch die Labels und die Farbe der Flüssigkeit unterscheiden. Da gibt es ganz überraschende Varianten, denn im Grunde ist es ganz normaler durchsichtiger Schnaps, aber manche dieser Burschen mischen die vertrocknete Algenpampe in pulverisierter Form wieder rein. Und ich schwöre, das führt zu Halluzinationen. Aber was mir wirklich Angst macht, dass ist das nächtliche Sodbrennen und die grüne Verfärbung aller Weißflächen in meinen Augen.

Und der Tabak ist eigentlich kein Tabak. Aromatisierte Algenblätter. Der Unterschied spielt sich in den inneren Hirnwindungen ab, in denen erträglicher wird und die Träume bunter. In den Seitengassen gibt es Rauchclubs, in denen dich junge Mädchen auf Massageliegen betten, deinen Bauch und deine Brust mit Ölen einreiben, den Kopf drehen, wenn du kotzen musst und darüber wachen, dass dir niemand die Karten klaut. Sowas gibt es nur in Nova Orleans. Je länger man da liegt, um so mehr glaubt man daran, dass man diese Mädchen auf der Stelle heiraten muß. Doch gerade wenn es am schönsten ist, dann schieben sie deinen Kopf über den Rand der Liege, heben dich an deinen Wangen und du reiherst in den Eimer.

Ich stöhne leicht. Ich habe Gewicht verloren, und spüre meine unteren Rippen. Ich kann mit der Hand darunter langen. Das konnte ich schon seit Jahren nicht mehr. Ich war eine dicker, blasser Junge, der auf dem letzten Schiff anheuerte, das sich nach New Louisiana auf den Weg machte. Um mich herum nur Cajuns, die den Flug verschliefen und undeutlich sprachen. Sie sahen aus, als hätten sie jahrelang mit Alligatoren geknutscht und auf Zypressen geschlafen.

Sie rochen auch so.

Ich hatte zu nichts Talent. Mit Werkzeugen tat ich mir was an, mit Waffen den Menschen um mich. Ich spuckte die an, die mir helfen wollte, und verfluchte alle, die meinem Herzen zu nahe kamen. Meine Worte waren Schwerter, meine Tage nur Kampf und meine Augen leuchteten so grün wie Jade hinterm Sonnenstrahl.

Sie schickten mich auf die Bühne, um den Scheiß wegzurappen, denn die anderen gemixt hatten. Ich rotzte die Bourbon-Street rauf und runter, jammte in jedem Club, fraß jeden Kram, den man mir danach gab und legte mich mit jedem Arschloch an, das mir in die Quere kam. Je fürchterlicher ich mich fühlte, umso mehr wurde ich zum puren Diamanten. Ich glitzerte und schlitzte mit Worten, schneller als man mich wahrnehmen.

Und, hey, ich bin eine verdammte Legende, egal wie der Saftladen hier aussieht. Ich verstreue mein Müsli wie ein alter Mann, vergesse die Katze und trockne alle Pflanzen. Aber was soll es, ich rauche sie auch.

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