Die Gemeinde der letzten Distanz

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Die Gemeinde der letzten Distanz unterscheidet sich nicht sonderlich von all dem was diese Orte ausmachen. Die Häuser und Straßen wirken gepflegt, die Menschen geschäftig, der Landeplatz abgeleckt und die Wiese, auf der wir zur Kirche schritten, gemäht und frisch wie ein reiner Morgen.

Paulana hatte sich entschlossen nicht auszusteigen. Er würde die Zeit lieber in seinem Taxi verbringen. Bei der Hitze, die über die Landebahn kroch, ist sowas eine Leistung. Er lachte nur, und zog ein helles Bier aus einer Kühlbox unter seinem Sitz hervor. Keine Ahnung, wie er das Zeug schmuggelte, aber es gab wohl mehr Wege, als nur den, den wir kannten. Ich nahm mir vor, später noch mit ihm darüber zu sprechen.

Wir mißachteten den angelegten Pfad und stapften den Hügel zur Kirche hoch. Kirchen legt man gerne ein Stückchen höher. Die Priester verteidigen sowas mit dem angeschlossenen Friedhof, den verbuddelten Toten und der Tatsache, dass jede Flut sie aus ihren Gräbern tragen konnte. Je höher die Gräber liegen, umso eher die Chance, dass sie dort bleiben, wo sie hingehören. Warum die Kirche genauso hoch liegen musste, war mir daher immer noch nicht klar.

Die Kirche der Gemeinde der letzten Distanz ist eine der typischen Kirchen, die man hier nach einem historischen Vorbild baut. Weißgestrichenes Holz, dessen Farbe man jedes Jahr erneuern musste, weil die Feuchtigkeit den Lack so schnell wegfrisst, wie man ihn drauf pinselt. Angeschlossen daran der doppelt so hohe Glockenturm, das Pfarrhaus mit einer kleinen Veranda und dem obligatorischen Kirchengarten. Alles in Weiß, nur die Pflanzen strahlten in blumigen Farben und frischen Grüntönen. Keine dunklen Farben, keine dunklen Blumen, keine Tiere, keine Hunde, nur ein paar Katzen, die in einer Ecke spielten. So jung, dass man sie Nova Orleans einfach in den Fluss schmeissen würde.

Aufwärts gehen war ich nicht gewohnt, und meine Stiefel zogen mich in die Erde rein, als würde ich durch einen Stumpf marschieren. Die Luft war so feucht, dass daran bequem Fische schimmen konnten. Der Schweiß troff mir von der Stirn als wäre ich im Fieberwahn. Das ist hier weitaus schlimmer als in Nova Orleans, wo man auch schon im Stehen ertrinken konnte. Fragt mich nicht was los ist, wenn sich zwei Körper aneinander reiben. So kam das salzige Wasser in die Ozeane.
Karl sah genauso erbärmlich aus wie ich. Auch wenn er täglich in der Boxhalle einen Sandsack zu Klump schlug.

„ Eine weiße Gemeinde“,flüsterte ich und senkte meinen Blick ins Gras.
„Wer ist hier der Nazi?“ knurrte er.

Auf dem Weg hierher hatten wir einige Läden gesehen. Männer, die sich die Hände rieben, und mit ihren Schürzen davor standen. Das alles sah aus wie ein Gemälde oder ein alter Film. Mädchen in Kleidchen, so sauber wie ihre Seele und Jungs in kurzen Hosen, denen beinahe die Augen rausfielen, als sie uns erblickten. Mütter, die sie einfach in die Häuser schickten, und alte Menschen, die sowieso alles hassten, was sie nicht kennen wollten. Wahrscheinlich die erste Genration Fanatiker, die für den Aufbau dieser kleinen Stadt verantwortlich waren.

Zugegeben, die Luft ist erstaunlich sauber. Zum Schneiden zwar, aber sauber. Ich setzte mich auf die Stufen der Kirche als hätte ich ein Kreuzleiden. Und fuhr mir mit einer trockenen Stelle meines Hemdes über das Gesicht. Karl zog lautstark die Luft ein und setzte sich neben mich.

„Warum sind wir hier?“
„Ich bin ein Idiot, Karl, lass mich nur kurz trocken werden, dann fackeln wir die Scheißstadt ab.“
„Nicht dein Ernst?“
„Nein,“ meine Stimme klang wie etwas, das nicht zu mir gehörte. „Nein, nicht mein Ernst. Ich will erst von John wissen, was hier los ist.“

„Ihr braucht einen Eistee, Jungs!“
John Grizzly. Hinter uns. Falsche Position. Ich beobachtete wie die Tropfen auf die weißen Stufen fielen. Alles musste ruhig bleiben. Keine Bewegung, Karl, dachte ich.

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