In der Kirche

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Was dann geschah, ging erstaunlich schnell. John hatte plötzlich eine Waffe in der Hand, und ich nicht mal die Zeit zu erkennen was es für ein Ding war, und woher es auf einmal kam. Er richtete sie auf mich, während ich ihn anblinzelte und schwören wollte, dass ich noch niemals so etwas verrücktes wie einen bewaffneten Priester gesehen habe.

Irgendwas splitterte neben mir, und ich blickte schnell rüber, wie Karl nur kurz seine blutverschmierte Hand ansah, und die Scherben mit einer einzigen Bewegung John entgegen warf. Wie eine funkelde Fontäne aus Blut und Glas flogen den Splitter auf ihn zu. John war wohl genauso verwundert wie ich, und verharrte einen Moment zu lange. Ich hörte ihn aufschreien, aber sah nicht mehr hin, sondern schmiss mich hinter die Bank, schnappte mir wie ein kleines Kind Gebetsbücher und schleuderte sie ihm entgegen. Oder einfach nur in die Richtung, in der ich ihn vermutete.

Das war grotesk, Karl schmiss die nächste Bank einfach um und rannte auf den Altar zu. Wenn ich auch nicht alles sehen konnte, aber das konnte ich hören. Karl stieß Laute aus, die ich nur von durchgenknallten Bären kannte. Der Zustand, in dem ihn wohl niemand mehr stoppen konnte. Er brüllte in der Kirche, als wollte er alles Lebendige aus Johns Eingeweiden reissen.

Als ich wieder hinsah, klatschte er ihm – auf dem Altar in der Hocke sitzend – immer wieder seine blutende Hand ins Gesicht. Immer wieder. Links. Rechts. Mit der anderen Hand hielt er ihm am Kragen fest, schob ihn weg, zog ihn her, wie es auch immer gerade in den Rhythmus passte. Die Waffe, ein kleines Energiebündel für die Damenhandtasche, lag neben einem Kerzenständer. Einige Meter vom Altar entfernt. Johns Gesicht sah aus, als habe man ihn in einen Trog Schweineblut gestopft. Sein Bart glitzerte rot. Seine Lippen waren wohl aufgesprungen. Und seine Hände umklammerten alles, was er von Karl fassen konnte.

„Verdammter Nazi.“ stöhnte John.
„Halts Maul, John!“ zischte ihn Karl leise an. Beinahe wurde er von seinem eigenen, beständigem Klatschen übertönt.

Adrenalin ist ein verfluchter Stoff. Es rauschte in meinen Ohren, als ob ein Zug durchbraust. Meine Augen hatten Mühe mit der Helligkeit klarzukommen und mein Kopf hinkte dem Ganzen beträchtlich hinterher. Als ob ein Erdbeben mich durcheinander geschüttelt hätte, fühlten sich meine Kniee wie Gummi an. Ich hätte kotzen können, und suchte das Glas. Es war natürlich umgfallen, und die Lache breitete sich im Kampf gegen ihre Verdunstung unter mir aus.

Mein Herz schlug wie verrückt in meiner Brust und versuchte sich den klatschenden Schlägen von Karl anzupassen.
„Hör auf“ flüstere ich heiser. Meine Worte klangen so zerbrochen, wie ich mich in der Mitte fühlte. Doch ich mußte lauter werden. Karl hörte mich nicht. Keine Ahnung, was in seinem Kopf los war.
„Hör auf, Karl!“
„Ich zerquetsche ihm seine verdammte Visage auf dem Scheiß-Altar..“knurrte er. Liess aber ab.
„Ist gut.“ sagte ich, und sank auf die Bank zurück.
Jetzt sah es genauso aus, wie John sich das wohl vorgestellt hatte. Der Unterschied lag wohl im Detail.
Ich hatte wirklich Mühe zu Atem zu kommen. Ich war für so einen MIst nicht gemacht. Und ohne Karl wäre ich für gar nichts mehr zu gebrauchen gewesen. Unglaublich. Ich hatte fünf Gesangsbücher gegen ihn geschleudert. Ich will gar nicht erzählen, wie lächerlich das jetzt aussah.

Ich hätte keine Chance gegen diesen Spinner gehabt.
„Wieso hast du eine Waffe in der Kirche, John?“
„Es war doch nur eine Frage der Zeit.“
„Es ist das Haus deines Gottes, du bescheuerter Priester.“
„Als ob du wüßtest, von was du da redest. Du bist ein Säufer, Jan, du streust dein Unglück über alle die dir begegnen. Wer sich mit dir einlässt, der tut gut daran überall eine Waffe dabei zu haben.“
Ich schüttelte den Kopf.
„Nein, nein, so einfach ist es nicht, John, du lügst dir und deinen Gemeindemitgliedern etwas vor. Du bist das Unglück.“ Ich spuckte aus. „Ich habe einen Priester gefickt, das ist unglaublich.“
„Und das ist dein Problem?“
„Nein,“ schrie ich ihn an,“Das ist noch nicht mein Problem. Mein Problem ist, das Typen wie du mir auf die Pelle rücken und diese verlogene Scheisse mir mein Leben kaputt machen soll. Soll ich dir was sagen, John? Du hast mir die Burschen geschickt, damit du deinen Schwanz unter Kontrolle kriegst. Das ist es, was ich glaube. Du beschissenes Stück Fleisch kommst mit deiner Versuchung nicht klar, das ist dein Problem. So Typen wie du, die leben nicht nur schizophren, die handeln auch so. Wenn es mich nicht gibt, und das Poncho nicht, und ihr alles unter Kontrolle habt, dann gibt es keine Verführung, dann ist der Geist stark und siegt über das Fleisch. Du hast sie doch nicht mehr alle! Und du wolltest mich umbringen? Jesus, ist das armselig.“

Ich schritt zum Kerzenständer, schnappte mir die kleine Kanone und richtet sie auf John.
„Karl, halte ihn fest, ich blase ihm sein tumbes Hirn raus!“

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