John Grizzly

Inhaltsverzeichnis

Die Gesangbücher lagen wohl geordnet, in einer Reihe, staubfrei und sauber auf den Bänken. Immer in einem halben Meter Abstand. Ich schob eines beiseite, und setzte mich in die erste Reihe.

Mit aller Bescheidenheit, die den wahren Gläubigen gebührt, hat man hier auf alles verzichtet, was das Herz und den Geist in Versuchung führen könnte. Ebenso weiß und hell wie die Außenfassade, hatten sie die Innenräume der Kirche gestaltet. Ein einziges, schmuckloses Kreuz hing an zwei schweren Ketten schwebend über dem Altar. Verankert in der Decke, wirkten sie massiv und bedrohlich. Gedacht wohl als Erinnerung an die Leiden, Quälereien und alles was noch so kommen konnte.

Karl setzte sich wortlos auf die andere Seite des Ganges, ebenfalls in die erste Reihe, das Glas fest in den gespannten Händen. Die Muskeln traten hervor als wollte er es mit bloßen Händen zerbrechen. Er biss die Zähne zusammen und starrte John an. Er schien nur auf ein Zeichen zu warten.

Ich stellte meinen Eistee auf den Boden und sah, wie sich um das Glas in Sekundenschnell Wasser ansammelte. Die Hitze hatte auch die Kirche im Griff. Ich wischte meine Hände an meinen Hosen ab.

John beobachtete mich wie man in einen Affenkäfig blickt, wenn dort gerade etwas ungehöriges passiert.
„Hyperhidrose deutet auf ein Problem hin, Jan. Bist du auf Entzug?“
„Was?“
„Du schwitzt wie ein Tier, Mann!“
„Es ist verdammt heiß hier.“
„Nicht so.“

Karl knurrte leise. Ich schüttelte unmerklich den Kopf. Nicht jetzt, Karl. Nicht jetzt.

John trat hinter den Altar, griff unter die Tisch, holte ein Tuch und breitete es auf der Oberfläche aus. Er strich sanft darüber.
„Hast du eine Waffe dabei, Jan?“
Ich deutete auf Karl.
Er verstand, nickte leicht. Und ich konnte ihn mehr und mehr in dieser Rolle vorstellen. Seine Augen, die ich nur mit einem gierigen Glanz kannte, wirkten ruhig und gütig. Seine Körper war verhüllt in etwas, das wie eine karge Soutane aussah. Seine Bewegungen waren raumfüllend, gemächlich, wie es Eigentümer in ihren Territorien manchmal an sich haben. Ich glaubte sogar ein Lächeln in seinen Mundwinkeln zu sehen.

„Du bist ein Priester, John!“
Er zeigte seine Zähne. Der Mann hat Zähne wie sie nur Fleischfresser haben können, die ihrer Beute den Nacken brechen. Es gibt Bissspuren an mir, von denen ich dachte, ich will sie nie wieder loswerden.

„Warum hast du so getan, als wärst du ein Trooper?“
Er hielt innen, fixierte mich, presste die Mundwinkel aufeinander und fuhr mich leise zischend an.
„Ich habe niemals, niemals, keine einziges Mal gesagt, ich wäre ein Trooper, Jan. Du bist ein alter Säufer, und kapierst nicht, das du in einem großen Spiel für Erwachsene lebst. Du bist in meinem Haus, du benimmst dich, kapiert?“ Er deutete auf das Kreuz. „Du bist nicht in Nova Orleans. Das hier, alles, wird niemals mich zerstören, egal was du willst. Ich habe dich hereingelassen, und jeder weiß, schau dich nur an, dass du die wandelnde Sünde bist. Du bist tot, bevor diese Kreatur sich regen kann.“ Er deutete auf Karl.

„Was ist das hier, John?“
„Heimat?“ Er stützte sich auf den Altar, sah durch den Raum, als überblicke er die Gläubigen seiner Gemeinde, kaute an seiner Unterlippe. Bedächtig fuhr er fort.
„Du kommst hier nicht raus, Jan. Jetzt nicht mehr. Du hättest nicht kommen müssen. Du bist hier. Du siehst aus wie der letzter Penner, bringst diese Bestie mit, bedrohst mich, richtest hier einen Saustall an, und hattest nie eine Chance es zu überleben. Scheiße, Jan!“
„Scheiße, John!“

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