Darüber waren nur noch Wolken…

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Karl hielt Johns Arm am Handgelenk. So hoch wie er konnte. Darüber waren nur noch Wolken. Und die Spitzen einiger Bäume. Darunter hing ein sichtlich erschöpfter John in seiner besudelten Priesterkutte.

Ich zog also durch. Das sollte schnell gehen. Ich riss den Arm rum, fand keine Zeit zum fixieren, wußte während ich wichtigsten Hebel drückte, dass sich die Zahl meiner Fehler vervielfältigte, und die Karte zu schlecht war, um sie tatsächlich auszuspielen. Ich schoss.

Mehr hatte ich bisher nur im Hafen von Nova Orleans verschossen. Als ich auf einem improvisierten Schießstand die Schnapsflaschen in Serie verfehlte. Eine Hand um den Griff einer Waffe zu schliessen heißt nicht, dass man damit treffen muss. Man kann es.

Ich nicht.

Wenn es schnell gehen soll, dann konnte ich seit einiger Zeit gar nichts mehr.

Ich brüllte, als ich schoss. Und wußte nicht warum.
Und wußte nicht was.

Alles andere war in Watte verpackt. Und ich hörte nicht viel. Weder das Zischen, noch das gellende Geschrei von John. Er schrie auf, er wimmerte, er fluchte, er spuckte, er schrie eigentlich nur noch.
Johns Fingerkuppe war in einem blauen Energiestrahl verglüht. Mit einem ähnlichen Gestank wie verbrannte Alligatoren. Das war nicht das, was ich wollte. Aber es war nur sein Ringfinger. Als Priester. Ich ging davon aus, dass er das verkraften konnte. Doch ich sah schon wieder in die Augen von Paul Markovich.

Ich hatte Glück.

Paul Markovich war einen Schritt zurück getreten. Die Anderen mit ihm. Begleitete von Johns gottlosen Flüchen und ihrem eigenen Raunen.

Ich blieb bei seinen Augen. Ich wollte sie festhalten. Ich achtete nicht auf die anderen Männer und Frauen, die irgendwie alle an seinen Fäden hingen.

Schon in meiner Schulzeit schlug ich mich immer mit dem Stärksten. Meine Nase wurde gebrochen, mehrmals. Ich spuckte Blut, öfters. Meine Augen waren in allen Farben geschwollen. Keine Ahnung wie oft. Schlage den Stärksten, und du hast Ruhe.

Ich wußte gar nichts über diese Gemeinde. Aber es schien zu funktionieren.

„Wie geht es weiter, Paul Markovich? Lasst ihr uns durch?“

„Ihr werdet nicht weit kommen. Ihr habt eine Frau angeschossen, und ich weiß nicht, was ihr mit unserem Priester vorhabt. „

Angeschossen!

Ich wischte mir die Haare von der Stirn, atmete auf, spürte eine unheimliche Ruhe und fuhr schweigend mit der Waffe über die Umstehenden. Langsam. Der Puls sank. Ich sah die Frauen an. Ungeschminkte, stolze Frauen. Die Männer. Und erst da fiel mir auf, dass sie sich getrennt gruppiert hatten. In so einer Situation schien mir das seltsam.

Ich trat einen Schritt vor.

Sie wichen zurück.

Einen weiteren Schritt. Immer wieder liess ich die Waffe wandern. Das klingt einfach. Aber einen ausgestreckten Arm dauerhaft und ohne Unterlass auf Menschen zu richten, die man wie eine Herde vertreiben will, ist anstrengend. Entnervend. Gleichbleibend bis schmerzhaft.

„Wir bringen euren Priester nach Nova Orleans. Er wird sich dort verantworten müssen!“
„Verantworten?“
„Ja, verantworten!“
„Vor einem Gericht in Nova Orleans? Es gibt..“
„So ähnlich. Wir hinken hinterher, die Union macht es uns nicht leicht. Ihr wisst das. Aber in Notfällen, Mord, Kinder..“
„Was?“
„Er kommt nach Nova Orleans!“
„Kinder? Wieso Kinder?“
„Nein, wir reden nicht darüber, bis er verurteilt ist, ok, Paul Markovich? So will es das Gesetz!“ Ich kam so nahe an ihn ran, das ich ihn beinahe berühte. Dieses Klischee von einem Bauernburschen. Baumwollkleidung. Das war eine verdammte Zeitreise. Aus der Welt der Kunstfaser zu den Pionieren.
„Ihr geht in eure Häuser, Paul Markovich! Jetzt!“

John schrie immer noch. Ich verstand ihn nicht, aber sie hörten ihn. Sie sahen ihn an. Dann verstand ich ihn.
„..verdammt, lasst sie nicht mit mir gehen. Ihr müsst sie stoppen. Sie werde mich umbringen. Sie werden mich umbringen.“
Karl hieb ihm gegen die Schläfe. Mit einem Schlag. Wo lernt man sowas?
Und plötzlich war Ruhe.
Ich dachte nur: Wir werden ihn tragen müssen. Mist.

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