Zum Kotzen!

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Ich hielt innen. Karl stoppte und wartete.
„Nein, erst John.“
Wir rissen an den Gurten, hoben seinen Oberkörper hoch, überprüften die Fesslung seiner Hände und lehnten ihn an die Wand. Er riss die Augen auf, sah uns erschrocken an, flackerte für einen Moment…,aber nur für einen Moment. Dann sank der Kopf wieder auf die Brust.
„Muss ich mir Sorgen machen?
„Du wolltest ihm das Gehirn rausblasen, Jan!“
„Ok, lassen wir ihn hier.“

Ich zog mich an einem Sitz hoch, unterdrückte einen Würgereiz und sprang aus dem Minitaxi. Karl war natürlich zeitgleich hinter mir. Natürlich.

Paulana stand vor einem Haus, und winkte uns. Es war eines dieser typischen, weißen Häuser, ausgestattet mit einer Veranda, Blumenampeln und einer Schaukel für die Bewohner. Fast ein Klischee. Wenn man eines gesehen hat, dann kannte man sie alle. Öffnete man die Tür, dann stand man in der Regel im Wohnzimmer, von dem alle anderen Zimmer abgingen. Nach hinten hinaus lag dann die Küche. Diese war, wenn man sie betrat, meistens mit einer eigenen Außentür ausgestattet. Die wiederum zu einem Garten oder etwas ähnlichem führte. Ich hatte das Gefühl, das ehemalige Amerikaner ständig meinten, sie müssten an jedem eroberten Ort ein besseres Amerika aufbauen. Eines, das sie nie erlebt hatten, von dem aber jeder sagte, es wäre die beste Zeit gewesen. Und aus irgendeinem Grund hatten die hiesigen Bewohner diesen Traum komplett verlassen.

Paulana sprang auf und ab.
„Er ist doch ein kleiner Affe!“ brummte Karl.

Als wir näher kamen, sahen wir die Schaukel auf der Veranda. Mit Spitzendeckchen.
„Scheisse!“ entfuhr es mir.
Paulana nickte: „Ja, ja, genau, so könnte man das nennen. Innen sind noch zwei. Als wenn nichts wäre.“
Jemand hatte die Schädel einfach neben dran gestellt. Die Skelette saßen auf der Schaukel. Kopflos und wie in einem zeitlosen Moment gefangen. Kein Lüftchen bewegte sie. Es war schwül und heiß wie immer. Alles stand still und nur einige tobsüchtige Papageien waren zu hören. Hinter uns, oder um uns. Egal.

Die Kleidung war zerfressen. Die Knochen waren fast blank. Aber ich hätte es nicht erstaunlich gefunden, wenn sich ihre Hände noch gehalten hätten. Offensichtlich waren es eine Mann und eine Frau. Beide wohl blitzartig geköpft. Neben ihren Füßen lagen ihre Schädel, sehr weiß, sehr hell, aber es sah nicht so sehr nach Verwesung aus, als eher nach fleißiger Insektenarbeit.

Karl stieg die Stufen hinauf. Er ging in die Kniee, als wollte er an ihnen schnüffeln. Ich sah in seinen rasierten Nacken. Und war fast bereit ihm alles zu glauben. Auch, dass die Welt ihm gerade einen Film vorspielte, und ihm alles erklärte.

Ich dagegen wollte einfach nur wieder weg.

„Das waren Trooper!“
„Wie kommst du auf Trooper? Woran sieht man sowas?“
„Sieht man an dem Schnitt. Ist klar, oder?
„Nein, ist es nicht. Ich habe keinen Schimmer davon. Das ist ein abgeschlagener Kopf. Und da ein zweiter. Das sind die ersten, die ich in meinem Leben sehe. Ich weiß nicht, was du siehst.“
Er blickte mich zweifelnd an. Fuhr mit dem Finger über die Halswirbel des Skelettes und schwieg.

„Keine Schmauchspuren. Hochkonzentrierte Waffe, starke Bündelung, nicht erhältlich. Unionswaffe, ursprünglich Werkzeug im Bergbau. Erst als das Ding handlich wurde, wurde es zur Waffe. Ist noch nicht lange her.“
„Das hier?“
„Ja, das auch, alles.“

„Das Dorf ist schon ewig verlassen!“mischte sich Paulana ein.
„Nein, ist es nicht. Der Wald hätte sich viel mehr zurückgeholt. Die Leichen sind nicht verwest, sie wurden gefressen. „

Paulana sah ihn entgeistert an. „Das ist doch Quatsch! Diese Gemeinde gilt als verlassen. Ich war hier schon einmal.“
„Wann?“
„Ein Jahr vielleicht..“
„Wie sahen die Wege aus?“
„Hey, was soll das? Ich bringe Leute hierher, ich achte nicht auf Wege. Sie waren überwuchert.“
„Wen hast du hierher gebracht?“
„Jäger?“
„Ist das eine Frage? Wen hast du hierher gebracht?“
„Was weiß ich? Schmuggler, Jäger. Ich frage nicht viel..“
„Du hast Trooper hierher gebracht!“
„Trooper nutzen keine Minitaxis. Ich fahre keine Trooper.“
„Wieviele?“
„Ich glaube es waren 6.“

Ich verstand gar nichts. Karl erhob sich, öffnete die Tür und trat ins Haus. Genau wie ich es vorausgesagt hätte. Ein niedriger Tisch in jenem Raum, in den er trat. Eine Couch davor, zwei Sessel anbei. Ein offener Kamin. Auf dem Tisch ein Brettspiel. Und auf der Couch saßen zwei Skelette. Sie waren nicht ganz so sauber abgenagt, aber dafür standen die Köpfe auch vor ihnen. Direkt neben dem Scrabbelbrett. Und es stank, als wäre die Hölle explodiert.

Ich erbrach mich auf der Veranda und setzte mich rücklings auf die Stufen. Ich hatte genug. Verdammt. Und weil die Welt ein schöner, runder Ort ist, fing John in der Karre an zu brüllen.

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