Blut, Schweiss und Tränen

Inhaltsverzeichnis

Auf dem Weg zu John versuchte ich meinen Kopf frei zu schütteln. Ich sah zum Himmel, wischte mir den Schweiß wieder und wieder von der Stirn, trocknete die Hände an den Hosenbeinen ab und konzentrierte mich auf das was hier passieren sollte.

Mein ursprünglicher Plan war John hier aus zu setzen. Und diesen Plan fasste ich in einer meiner klareren Minuten. Von denen gab es jetzt nicht mehr allzuviele. Ich dachte, das ist nicht zu weit. Er hatte die Statur und den Körperbau eines Troopers. Er hätte in diesem Dorf eine Zeitlang bleiben können, und wäre dann – irgendwie – wieder zurück seiner Gemeinde gekommen. Das schien mir einigermaßen human, und moralisch vertretbar. Vorher jedoch wollte ich alles aus ihm herausbekommen, was er mir über die Zusammenhänge sagen konnte. Er deutete mir zuviel an. Ich bin schlecht darin, zwischen den Zeilen zu lesen. Ich wollte das geklärt haben.

In diesem Moment, als ich das stinkende Minitaxi bestieg und auf John herunter sah, gab es keinen Plan mehr, den ich irgendwie verfolgen konnte. Es stank entsetzlich. Als ob immer mehr Kabel vor sich hinschmorrten. Aber vielleicht täuschte das auch. Das Taxi hatte sich aufgeheizt. Ich liess mich John gegenüber auf einen Sitz fallen und spürte wie mich das Polster garkochen wollte. John war schweißnass. Das Blut war an den unmöglichsten Stellen geronnen und vermittelte den schlimmsten Eindruck. Und das Brüllen schien ihm Schmerzen zu bereiten.

Er sah mich an, als wäre er weggetreten, aber er sprach leise. Er spuckte und versuchte es noch mal. Ich bewegte mich nicht. Er schwieg. Die Papageien schrieen stattdessen. So laut, dass es mir unangenehm auffiel. Papageien sind große Kommunikatoren. Wahre Plappermäulchen.
John sprach wieder.
Ich verstand ihn nicht.
Ich wollte nicht näher an ihn ran, aber beugte mich langsam vor.
„…was stinkt hier so?“
„Ist das deine einzige Sorge?“
„Verdammt, Jan, lass mich gehen.“
Ich schüttelte den Kopf.
„Weißt du was die Papageien sagen?“
Ich schüttelte wieder den Kopf.
„Es kommt ein Sturm auf.“
„Scheissegal, das ist ein Minitaxi!“
„Es wird nicht hoch kommen.“

„Jan, willst du mich hier verrecken lassen?“
Ich blieb beim Kopf schütteln.
Er sah zur Decke.
„Was soll das? Verdammt, erkläre es mir.“

Ich rutschte vom Sitz hinab, besah mir seine Beine, zog die Fesselungen ab, riss das Tape zur Seite und blickte auf seine Knöchel. Wir hatten die Fesseln zu eng gezogen.
„Kannst du gehen?“
„Keine Ahnung, woher soll ich das wissen!“ Er spuckte wieder aus.
„Raus hier! Raus, John!“
„Ich komme hier nicht hoch. Wie soll das gehen?“
Also packte ich ihn am Kragen, riss ihn hoch, stützte ihn gegen die Kabinenwand, liess ihn spucken und fluchen und hielt ihn auf Abstand, so weit es ging.
Seine Füße waren frei, aber das schien nichts zu nützen. Er knickte ein, schrie auf und verzerrte das Gesicht.“Was habt ihr getan? Himmel, was habt ihr getan?“ Seine gefesselten Hände suchten krampfhaft Halt an der Wand, griffen, nach allem, was irgendwie tauglich wirkte, aber seine Füsse schienen dennoch einzuknicken. Ich hielt ihn fest. Sein Körper fiel ihn meine Arme, stieß mich nach hinten, ich stolperte und versuchte breitbeinig mich dagegen anzustemmen.
Alles an ihm war nass, ich spürte seinen Bart an meinem Hals. Und hatte Angst er würde zu beissen. Aber ich vernahm nur seine leise Stimme.
„Ich kann nicht mehr gehen, Jan, verdammt.“
„Reiss dich zusammen.“

Er fiel zu Boden, und ich zog ihn wie einen Kartoffelsack aus dem Minitaxi. Seine Füsse schlugen auf, aber ich hielt seinen Kopf mit der Soutane hoch. Ich keuchte, und schmeckte etwas übles in meinem Mund, das die Zunge am Gaumen wie einen fauligen Klumpen kleben liess. Ich tropfte auf John und riss ihn an seinem Priestergewand über den Weg. Seine Schuhe zogen Furchen in die feuchte Erde. Meine Füsse stolperten über die Wurzeln. Fliegen kreisten lüstern um uns, setzen sich auf John und er liess es gewähren. Ich machte komische Bewegungen, hatte ja keine Hand frei.

Ich konnten keinen einzigen Papagei sehen, aber ihr wildes Gekreische schwoll an. Sie waren irgendwo in den Bäumen um uns. Es mussten hunderte sein. Vielleicht sogar tausend. Wer schon mal tausend Papageien gehört hat, der weiß von was ich rede, und wer es noch nie gehört hat, der hat keine Ahnung. Das waren eindeutige Warnungen.

Ich hatte die Hälfte des Weges zurück gelegt. Ich hätte ihn am liebsten fallengelassen. Er wimmerte vor sich hin. Meinte, wir hätten ihm seine Beine genommen, verfluchte uns, weinte, schrie mich an, spuckte und bettelte. Mir war als zöge ich ein Bündel Fleisch in die Vorratskammer. Ich begann ihn für seinen Zustand zu hassen. Mein Schweiss brannte in meinen Augen und ich konnte ihn nicht wegwischen.

Die Baumwipfel wogten im Wind. Wie ein leises Rauschen. Just in dem Moment, als der Himmel die Sonne einzuschwärzen begann, sah ich auf.
„Beeile dich..“hörte ich John.
Er hatte recht: Ein Sturm kam auf.

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