Der Regen, der kommt.

Inhaltsverzeichnis

„Ist er tot? Der Priester?“
„Scheisse, nein, natürlich nicht.“ Ich stiess Paulana beiseite und zerrte John auf die Veranda. Er stöhnte. Ich atmete mit offenem Mund. Ich dampfte und kochte und war kurz davor zu explodieren. Karl trat aus der Tür.
„Und jetzt?“ Er hielt eine Flasche in der Hand, hob sie zum Mund und trank.
„Es kommt ein Sturm auf.“
„Stimmt.“ Er schluckte. Und sah zum Himmel. „Willst du ihn hier liegen lassen?“
Er deutete auf John, der mit einem zuckenden Brustkorb vor uns lag. Seine Atmung konnte man getrost als chaotisch bezeichnen. Der Speichel floss ihm rot aus dem Mund, und mit all dem Dreck, durch den ich ihn gezogen habe, wirkte sein Zustand nicht besser.

Paulana setzte sich neben ihn und bewegte Johns Kinn von links nach rechts.
„Der Mann stirbt.“ bekräftigte er mal wieder.
„Lassen wir nicht zu.“
Karl sah uns fragend an und zuckte mit den Schultern: „Nein?“

„Wo hast du das Getränk her?“
„Vorratskammer! Lauwarm, das Zeug, aber wie alles da drin, noch in einem guten Zustand. Paulana suchte Werkzeug. Fanden wir nicht, dafür eine Vorratskammer.“
„Auch nicht schlecht. Was will Paulana mit Werkzeug?“
„Seine Kiste ist hin. Oder so gut wie.“
„Und er hat kein Werkzeug? Das ist doch lächerlich.“
„Schaue ihn dir an, den kleinen Affen. „

Gemeinsam hievten wir John innen auf das Sofa. Karl löste Johns Handfesseln und drückte ihm die Flasche in die unverwundete Hand. Wir verteilten uns auf die Sessel, links und rechts von der Couch. Paulana schnappte sich einen Stuhl aus der Küche, drehte ihn um und setzte sich so, das er sich auf die Rücklehne stützen konnte.

Die Skelette hatten wir auf die Veranda gelegt, das Scrabbelspiel in den Müll geschmissen. Die Köpfe lagen auch auf der Veranda. Ungefähr so, wie man früher Kürbisse dort hingestellt hatte.

Über eine Durchreiche konnten wir in die Küche schauen. Auf dem Küchentisch lagen die Lebensmittel, die Paulana und Karl gefunden hatten. Im Grunde alles, was man irgendwie haltbar machen konnte. Konserven, Getränketüten, Kunstoff- und Glasflaschen. Komisches Zeug, dass in beschrifteten Einmachgläsern lagerte und gepökeltes Fleisch, eingelegte Fische und Unmengen an Mehl und Nährstoffen, die man mit der zehnfachen Menge an Wasser in etwas Essbares verwandeln konnte. Den Quatsch, der einem empfohlen wird, wenn man auf längere Reisen geht.

Ich lehnte mich zurück. Und während der Sessel meine Wärme speicherte und wieder abgab, spürte ich eine Schwere, die mir in diesem Moment bedrohlich erschien. Ich war müde. Zu früh für einen solchen Tag. Zu früh in diesem Moment.
„Gibt es hier Kaffee?“
„Nein.“ Paulana verschränkte die Arme auf die Stuhllehne und legte den Kopf darauf.
„Wir müssen ihm wieder die Hände fesseln?“
„Und dann, ihr Arschlöcher? Was glaubt ihr, was ich sonst mache? Euch die Schädel einschlagen? Ja, verdammt, das würde ich gerne tun“ John klang wie rasselnder Anker, der seinen Grund suchte. „Aber ich werde hier verrecken, mit oder ohne Fesseln. Ich kann meine Beine nicht mehr bewegen. Ich habe das Gefühl, ich habe geschwollene Zementsäcke, die gleich platzen. Ich kann keinen Schritt mehr gehen. Verdammte Idioten, ihr seid zu blöde für alles. Was habt ihr eigentlich vor? „

Ich schwieg. Es wurde dunkler, die Schaukel mit den Vorbesitzern knarrte auf der Veranda, Regen klatschte fett und dick an die Scheibe. Karl zog eine kleine Stablampe aus eine seiner Taschen und stellte sie wie eine Kerze angeschaltet auf den Tisch. Weißes, kaltes Licht strömte zur Decke und verhärtete die Gesichter. Ich war mir sicher, Karl konnte nichts überraschen.

Mir fielen beinahe die Augen zu. Ich suchte eine Lösung, eine einfache Lösung. Ich hätte ihn töten sollen, als ich noch ganz wirr im Kopf war. Und danach einfach zurück nach Nova Orleans. Nun kam der Sturm herauf, wir hingen mit einem Priester, der uns entweder stirbt oder uns töten möchte in einem Haus rum, das Skeletten gehört, die von Trooper geköpft wurden. Und tranken deren Vorräte weg.

Paulanas Fell glitzerte wie das eines wütenden Tieres im Licht der Lampe. Er beobachtete mich mit aufgerissenen, dunklen Augen.
Dann streckte er mir langsam den Arm entgegen.
„Gib mir die Waffe, ich erschiesse ihn. Du schaffst das sowieso nicht.“

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Der Regen, der kommt.

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