Gemeinde der Zuflucht!

Inhaltsverzeichnis

Karl war aus dem Schlafzimmer gekommen. Er schloss den Gürtel und hielt das T-Shirt in der Hand. Sein Körper glänzte. Mit einer Hand fuhr er sich über den Kopf, wischte sie an der Hose ab und sah nach draußen.

Es war nicht gut. Einige Bäume hatte es zerlegt. Die Veranda war leergefegt, bis auf die Schaukel, die vor sich hinschwang. Blätter klebten an den Scheiben, und der Weg war bedeckt mit Gegenständen, die nachts durch die Luft gewirbelt waren. Man konnte nicht weit sehen, ein schwacher Nebel lag noch über der Siedlung. Alles hatte sich in ein Gemisch aus Matsch und Blätter verwandelt. Es wirkte immer noch wie unter Wasser. Die Sonne verdampfte, was sie fand, und die Luft war drauf und dran eine dicke Masse zu werden.

Ich stand barfuss an der Tür, hatte mir ein Hemd, das ich in der Kommode fand, übergeworfen, aber es nicht geschlossen. Ich wollte es nicht schon durchschwitzen bevor der Tag richtig begann. Mein Mund war das Grab eines unbekannten Wesens und enthielt dessen Pelz und Gestank. Ich hätte eine Wasserlache ausgeleckt.

Paulana war gerade dabei John aufzurichten und seine Fesseln zun lösen. Er durchschnitt das Tape, wickelte die Leine ab, und tastete an den Beinen des Priesters entlang.

„Spürst du was? Geht es?“
Johns entsetzter Blick verfolgte Paulana. „Du wolltest mich töten!“
„Habe ich nicht. Nochmal: Geht es?“
„Wieso sollte es gehen, du Irrer? Meine Beine fühlen sich an, als feiern Ameisen eine Hochzeit.“
„Das ist gut, oder?“
„Keine Ahnung. Ich spüre was, das ist gut.“ John liess sich nach hinten fallen.

Paulana reichte ihm und mir eine Tasse mit einer dampfenden Flüssigkeit.
„Tee. Ich weiß nicht, was für einer. Keine Ahnung. Kein Zucker, kein Honig, kein Süßstoff. Kein Strom, aber frisches Wasser, wahrscheinlich von dem Regen und ein Gaskocher. Trink es. Du wirst es brauchen.“

John wirkte noch immer wie mit Dreck paniert. Er hob die verkrustete Hand, spreizte den verletzten Finger ab und griff zu.

Ich nahm meine Tasse, blies und blies, bis das braune Zeug trinkbar wurde. Der Geschmack von Süßholz, Ingwer und etwas herb-frischem machte die Brühe ganz angenehm. Ich war überrascht, spülte meinen Mund aus und schluckte es runter. Sonst hätte ich mich nicht getraut, überhaupt etwas zu sagen. So setzte ich mich John gegenüber.
„Du hast es überlebt.“ Ich lächelte ihn an. „ Zeit also, mal einiges zu klären. Daher würde ich sagen. Fange du an. Erzähle uns einfach alles.“

Er nahm vorsichtig einen Schluck, kaute beinahe darauf und brachte sich sofort wieder in die Position, die seine Beine entlasteten. Mit Gehen dürfte es in nächster Zeit nichts sein. Er verzog das Gesicht. Und schwieg. Erstmal.

Ich schaute mir seine Augen an. Geplatzte Äderchen liessen sie gefährlich wirken. Doch die Nässe, die sich in seinen Lidern sammelte, berührte mich seltsam. John war für mich immer ein Trooper gewesen. In meiner blöden Fantasie leitete er Männer an. Und alles was ich in meinen Tagträumen bisher sah, das war sein verdammter Oberkörper. Und die Schenkel, zwischen denen ich mich mal verloren hatte. Der Mann, der mir nun gegenübersaß, war tausend Jahre älter als ich. Zerbrochen. Er begann mir leid zu tun. Alles nur eine verdammte Lüge.

Die ich immer noch nicht verstand.

Er atmete in den Tee, erzeugte leichte Wellen, und ich vermutete, dass das seine aktuelle Art war für Abkühlung zu sorgen.

„Was willst du wissen, Jan?“
„Was ist das für ein Ort? Wie heisst diese Gemeinde hier? Warum sind sie alle tot?“
„Kann ich dir nicht sagen. Ich habe keine Ahnung, warum die alle tot sind. Frag den Piloten, der die Trooper hierhergebracht hat, oder frage den Trooper. Warum frägst du nicht den Trooper?
Das ist die Zuflucht, Jan. Du verstehst? Hier kommen sie alle her. Sie nannten sich selber so: Gemeinde der Zuflucht. Und sie verstanden sich so. Als die letzte Zuflucht. Wir hatten nichts mit ihnen zu tun. Unsere Ziele sind anders. Das deckt sich nicht. Sie waren im Strategieausschuss der Gemeinden, aber damit hatte es sich auch erledigt.“
„Strategieausschuss?“
„Infrastruktur. Wir arbeiten an einer gemeinsamen Infrastruktur. Du kennst die Shuttle? Solche Dinge eben, zwingen uns dazu die Gemeinden zu vernetzen. Sonst gibt es keine Chance. Aber sie verfolgten andere Ziele.“
„Welche Ziele?“
„Das ist nicht so einfach zu erklären. Weißt du was die Hölle ist, Jan?“
Darauf erwartete er doch keine Antwort.
Sein Schweigen betonte nur seine folgenden Worte.
„Die Hölle ist das, wo wir alle landen. Wir Sünder. Du und ich. Und der Typ, der dich die ganze Zeit anlügt. Hast du dich schon mal gefragt, warum Karl nicht merkte, dass ich kein Priester bin? Denke darüber nach.“
Er holte Luft, rasselte zu lange, trank wieder mal einen Schluck und sprach dann weiter.
„Wir, meine Gemeinde, weiß was die Hölle ist. Ich weiß was die Hölle ist. Und nicht alle deinen Sünden werden dir vergeben. Für manche mußt du in die Hölle. Ein gütiger Gott, der dir alles verzeiht, wird es nicht schaffen, Menschen nach seinem Ebenbild auf dieser Erde wandeln zu lassen. Das ist dir klar, Jan, oder?“
„Gehen wir genau davon aus, dann kommst du selber in die Hölle, John.“
„Richtig, Jan, das ist mein Problem. Wäre ich ein Mitglied dieser unseligen Gemeinde hier gewesen, dann würde ich das anders sehen.“
„Wie meinst du das?“
„Nennen wir es theologische Probleme.“ Er grinste uns an und sah von einem zum Anderen. „Die Gemeinde der Zuflucht ging davon aus, dass dir alle Sünden vergeben werden können. Alle. Wer hierher kam, der war bereits in der Hölle gewesen. Hier war er, der bekehrte Bodensatz von Nova Orleans. Hier war der Wirkungskreis der Bruderschaft!“

Ich konnte nichts dafür, es war vielleicht nur ein kleines Zucken, aber es versetzt mich in eine Panik, die ich mir selbst nicht eingestehen wollte. Ich spürte etwas, das mich darauf achten liess, wie alle um mich herum reagierten. Und keiner außer mir, reagierte.
„Die Bruderschaft?“
„Jan, du weißt genau was ich meine. Tue nicht so verwundert. Die Bruderschaft des neuen Pfades!“

Ja, ich wußte was er meinte. Auch wenn es schon einige Monate zurücklag.

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