Verwildert!

(Remixed by ohneeinander/alte Version: Estragon und Thymian)

Wir nahmen den Hinterausgang. Allein Karl wollte zurückbleiben, und noch einige Dinge in Ordnung bringen. Er hatte die Sorge, dass unsere kurze Anwesenheit mehr Spuren hinterlassen hat, als wir einschätzen konnten. Vielleicht war das die Trooperschule.

Ich trug einen Rucksack, den ich in der Kommode fand. Darin tummelten sich genau jene Lebensmittel, deren Genuss nicht so ratsam war. Aber sie verbrauchten wenig Platz, und vertrugen sich gut mit der Themoskanne voll Tee, den Tabletten zur Wasserreinigung und den getrockneten Pilzen, sowie den Dauerwürsten.

Wir betraten einen verwilderten Garten, der von robusten Kräutern überwuchert war. Eine Art Borretsch kämpfte sich über die Beete, aber ansonsten wirkte alles wie ein grünbrauner Matsch, der mit viel zu großem Werkzeug bearbeitet wurde. Im geschossenen Salat sammelten sich riesengroße Schnecken, und überall wuchsen Löwenzahn und Grasbüschel in trauter Einigkeit und Vehemenz. Der Duft von Moder und altem Wasser schlug uns warm aus einem offenen Gewächshaus entgegen. Wer hier im Dschungel Gewächshäuser anbaut, der konnte nicht ganz bei Trost sein. Aber ich vermutete, sie machten das wegen den Tieren, die sich wahrscheinlich an den Kultivierungsversuchen gütlich taten.

Das alles sah nach großer Müher und harter Arbeit aus, aber hatte auch die verkommene Aura des Todes schon angenommen. Somit platzte der Lack von dem Gartenzaun, die Scharniere des Tores zum Nachbargarten rosteten still vor sich hin, und weigerten sich erst, unseren Versuchen sie zu öffnen, nachzugeben.

Die Wolken wichen mehr und mehr der Sonne, und die Wasserpfützen erlagen der Verdunstung. Wir bemühten uns auf die Flächen zu treten, auf denen sich die meisten Blätter befanden. Im puren Matsch versanken wir sofort. Aber das war noch gar nicht so sehr das Problem. Die Spuren, die wir dort hinterliessen, waren die einzigen menschlichen, die sich jetzt noch fanden und sie würden die Trooper wohl ohne Probleme zu uns leiten.

Ich liess Paulana, der sich mit mir zusammen bemühte John vorwärts zu ziehen, nicht aus den Augen. Ich konnte nicht einschätzen, ob John es uns absichtlich schwer machte, oder ob es ihm wirklich so schlecht ging. Ich rammte ihm die Waffe fest in den Bauch, versuchte diesen Druck nicht ab zu mildern und zog ihn mit der anderen Hand durch den Garten. Es war eine unmögliche Haltung, und für mich so ziemlich das Absurdeste, was man in dieser Sauna machen konnte, aber Paulana stützte die andere Seite von John, und tat dieses mit einer solchen Geschicklichkeit und Kraft, das ich versuchte mir nichts anmerken zu lassen. Trotzdem klebten mir die Klamotten am Leib und ich überlegte mir, ob ich diesen modrigen Geruch erzeuge, oder ob er wirklich nur von der Umgebung kam.

Natürlich konnte Paulana eine Ratte sein. Ich wollte mir nichts vormachen, er war wahrscheinlich der schmierigste kleine Minitaxi-Pilot, den ich bisher kannte. Er war genau der Richtige. Aber für Geld machen die Jungs alles. Die Tatsache, das er das Ding kontinuierlich per Hand steuerte, war nicht vertrauenserweckend. Wer das macht, der versucht die Spuren kleinzuhalten. Keine Signale, keine automatisierten Positionanfragen, keine Routen, die den vorgschriebenen entsprechen. Das geht nur per Hand.

Wir traten in den nächsten Garten. Er sah nicht anders aus. Im Grunde glichen sich die beiden Fleckchen, als hätte derselbe Gärtner hier die mißlungenen Versuche unternommen irdische Gartenkunst wie ein Klischee auf zu bauen. Alles war hier spiegelbildlich. Die Gärten stießen aneinander, waren nur durch den weißen Zaun getrennt und wir gingen geradewegs auf die Hintertür des Nachbarhauses zu. Ein Pekanussbaum warf seinen Schatten auf uns.
Was im Grunde erstaunlich war, weil es bedeutete, dass die Gemeinde ihn entweder im Ganzen importiert hatte, oder er hier gewachsen war. Dann aber war diese Gemeinde älter als alle Gemeinden, die ich bisher kannte. Oder aber, das war nicht der Anfang der Geschichte. Oder die Gemeinde war schlicht und einfach zu reich. Was auch wieder eine Geschichte wäre, die ich gerne kennen würde.

Wäre Zeit gewesen, dann hätte ich John gerne genau dafür alle Finger abgeschossen. Er hatte nichts erzählt, was uns auch nur ein Stückchen weiter brachte. Und nichts stimmte, und alles war durch irgendeine Lüge verdorben.

Karl war uns mittlerweile immer zwei Schritte voraus. Ohne John konnte er an uns vorbei und die Vorhut bilden. Er hätte John schultern können, aber so öffnete er mit dem einem großen Küchermesser in der Hand Garten- und Küchentüren. Unsere Bewaffnung wurde immer besser.

Paulana trug ein kleines Beil in seinem Hosenbund. Ich weiß nicht, wo er es gefunden hatte. Es liess ihn aber gefährlich und verwegen aussehen. Ich war nicht überzeugt, von der Wirksamkeit einer solchen Waffe. Sollte er eine Ratte sein, dann wäre ich schneller. Soviel war klar. Egal, wie beschissen ich schiesse, sein Pelz wäre durchlöchert.

Karl riss die Küchentür des Nachbarhauses auf, sprang zurück, und hielt das Messer weit vor sich. Es sah vorbildlich aus. Es passte lediglich nicht zu einem Haus dieser Sorte. Die Küchentüre quietschte, und man könnte meinen, sie wollte wieder zurück. Aber irgendetwas unsichtbares, was auch nur eine plumpe Feder sein konnte, hielt sie in einer schwankenden Position.

Karl. Karl rühte sich erst nicht. Dann. Er wich zurück.

Ich blieb stehen. Eigentlich hatte ich nur auf Paulana geachtet. Und natürlich auf John, der gerade auf den Boden spuckte. Aus den Augenwinkel sah ich es. Ich sah alles aus den Augenwinkeln. Nur nichts vor Karl.

Die Küchentür stand immer noch zitternd offen. Das Messer in Karls Hand bekam ein Eigenleben. Es zog sie hoch, die Hand. Es senkte sie. Und es wirkte nur noch unschlüssig. Als sei es nicht dafür gemacht. Was immer sich ihm bot.

Ich wartete, und sah nichts. Der Winkel war der ungünstigste, denn ich mir vorstellen konnte.

Paulana liess John plötzlich fallen. Er löste sich somit auch von mir, kippte um, fiel zu Boden, stiess Flüche und Aahs aus, griff nach meinem Bein, so dass ich ihn wegstossen musste, aber gleichzeitig nicht die Waffe fallen lassen wollte.

So sah ich zu ihm runter und hörte deswegen Karl nur verwundert sagen:
„Madame?“

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Verwildert!

6 Gedanken zu “Verwildert!

  1. „Vom Hinterausgang kamen wir direkt in den Garten, der noch davon zeugte, dass hier einst versucht wurde, so etwas wie Obst und Gemüse anzubauen. Einige robuste Kräuter, wie Thymian und Estragon hatten wohl alles überlebt.“

    Wir betraten einen verwilderten Garten., der von robusten Kräutern überwuchert war.

    Trau dich zu streichen.

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      1. Machen wir ein Experiment: Ich habe es abgeändert, entsprechend deinem Vorschlag. Ich kann ihn nachvollziehen, aber ich überlegte, wie ich Änderungen sichtbar mache und darüber musste ich erstmal nachdenken. Ok, ich lasse die alten Versionen im Hintergrund verschwinden und verlinke sie. Ist das okay, wenn ich deinen Namen oben erwähne? Immerhin hattest du ja jetzt einen kreativen Anteil daran 🙂

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      2. Eine Zusammenarbeit mit dir würde ich nicht ablehnen, dafür schreibst du zu gut 😉 ich würde noch ein paar Bandwurmsätze ändern und einige Details, die für den Verlauf der Geschichte unnötig sind, streichen. In manchen Texten verwendest du ziemlich viel wörtliche Rede. Das geht auch anders. Probiere die wörtliche Rede zu reduzieren und durch das erzählen zu ersetzen.
        So. Jetzt bist du bestimmt wütend auf mich, weil ich mich in deine Arbeit einmische 😜

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      3. Ich bin niemals wütend, wenn sich jemand einmischt. 🙂 Manchmal kämpfe ich natürlich innerlich für die Worte, aber andererseits lechze ich nach Resonanz und Reaktion. Insofern bin ich eher dankbar.

        Nur um es zu erklären, nicht um es zu verteidigen: Schreibe ich ohne Publikum, um zum Beispiel eine Situation zu packen, dann verwende ich keine wörtliche Rede. Manchmal – nicht immer (das wäre zuviel Arbeit) – beschreibe ich ein dieselbe Situation mehrmals, aus verschiedenen Blickwinkeln, und mit komplett differenten Einstiegsmomenten, und dann spielt die wörtliche Rede eher eine untergeordnete Rolle.

        Daher fand ich das jetzt interessant und musst schmunzeln.

        Bandwurmsätze liebe ich. Zugegeben. Aber ich wenn ich sie mir vorlesen, dann zerhacke ich sie bei jedem neuen Vorlesen zu kleineren Wurmteilchen. Mittlerweile versuche ich sie nur noch zu nutzen, um das Tempo zu verringern. Aber manchmal geht es halt mit mir durch 🙂

        Aber nochmal: Ein jeder darf, und soll mich kritisieren. Ich brauche manchmal ein bisschen um darauf zu reagieren. Das ist dem Tagesablauf geschuldet und möglicherweise meinem Stolz, aber sei es drum, ich werde reagieren. 🙂

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