Kinder, ihr solltet nicht hier draußen spielen.

Die Bourbon Street lebt von ihrem Ruf. Von der Gewissheit, dass sie verschlagen, verdorben und verrucht ist, wie ihr Vorbild, das wir natürlich immer ehren wollen. Die Bourbon Street unterteilt sich in Bereiche, in denen sie glänzt, in denen sie vergeht und in denen wir verglühen. Am Ende der Straße, dort wo die Touristenshops rarer gesäet sind, und die Jungs sich auf dem warmen Asphalt sammeln, um das Bier in der Hand fest zu halten, wie die Zügel einst, finden sich die Namen der Häuser, deren Klang von der Höhe der Credits bestimmt wird, die einem den EInlass gewähren.

Am Ende der Straße stinkt es nach Urin und exotischen Früchten gleichermaßen. Morgens räumen die Abfallsammler die Reste der Nacht weg, und die Mädchen schliessen die Rolläden, um den Tag zu verschlafen und ihre Blässe nicht zu gefährden. Es erklingt ein leichter Blues in jedermans Ohr, wenn man schwankend und trunken den Weg nach Hause sucht. Und jeder von uns spricht mit einer Hochachtung und Sehnsucht von den Nächten.

Sonya war einst ein fester Bestandteil der Bourbon Street. Unter ihr arbeiteten die Frauen mit einem anziehendem Stolz. Und das Gemisch aus bezahlter Liebe, den dunklen Clubs, und dem folgenden Absturz funktionierte erstaunlich gut. Sonya war resolut, präsent und so auffallend mit ihrer roten Mähne, das sie quasi das lebende Symbol der Bourbon-Street in seiner schlimmsten Ausprägung war. Man kam nicht umhin sie zu lieben, zu begehren und sie zu achten, doch sie hielt scheinbar alle auf Distanz, als verfolge sie ein zölibateres Leben im Sündenpfuhl der Stadt.

Nicht, dass ich es nicht besser wußte. Aber sie verschwand. Eines Tages.

Und stand nun vor uns. Schlichter gekleidet, schöner in der Ausstrahlung. Kein Deut älter, eher sichtlich verjüngt. Scheinbar. Ihre roten Haare hatte sie unter einem ledernen Hut zusammengebunden. So eine Schirmmütze, wie sie einst Zeitungsjungen trugen. Ihre Beine steckten in einer hellen, abgewetzten Jeans, an der ein eigenartiger Gürtel mit Hosenträger befestigt war, und dieser wiederum hielt zwei silbrig glänzende Gegenstände, jeweils einen an der Seite ihrer Hüfte. Ihre Bluse war so weiss und strahlend wie ihre Stiefel bis zum Schaftende mit dem frischem Dreck besprüht waren. Sie wirkte entschieden jünger als Fünfzig. Ihren Mund, der immer ein bisschen zu groß und zu laut sein konnte, umspielte ein Lächeln, das ich nicht gleich zu deuten wußte.

Sie erkannte mich. Ganz offensichtlich.

„Kinder, ihr solltet nicht hier draußen spielen!“

Ich wusste nicht, was ich sagen sollte. John Grizzly lag mir zu Füssen, Paulana versuchte ihn wieder aufzurichten und Karl wirkte wie ein Clown mit einem Messer.

„Sonya? Was zum Teufel machst du hier?“

Sie deutet auf den John Grizzly. „Ihr solltet keinen Dreck hereintragen. Ansonsten kommt. Auch das Äffchen.“ Paulana wollte etwas sagen, sie hob einen Finger an die Lippen. „Pssst, bleib ruhig.“

Ich zog John an der Kutte hoch, riss ihn in eine stehende Position und wollte ihr etwas erklären. Paulana hielt ihn wie einen umstürzenden Baum. Er drückte ihn geradezu in eine schräge Position. John verhielt sich wie Sack Fleischabfälle. Er drohte jede Sekunde zur Seite zu klitschen.

„Hey, Sonya, das ist ein Priester von der Nachbargemeinde.“
„Ich weiß, wer das ist. Und er scheint nicht euer Freund zu sein. Das ist gut. Aber er ist genau so ein Arschloch, wie die Typen, auf die du normalerweise stehst. Ich traue dir nicht, Jan Tälling. Bringe diesen Kerl in mein Haus und wir werden Probleme habe. Ich würde ihm lieber im Garten den Rest geben, aber die Trooper könnten alles mitbekommen. Also bring ihn rein. Knebel ihn, fessle ihn und schmeisse ihn in den Keller.“
„Keller?“
„Jepp, kommt rein. Keller!“ Sie lachte leise ein kehliges, fröhliches Lachen. „Ihr habt ja keine Ahnung.“

Ich habe sie immer geliebt. Ich habe sie immer geliebt. Im Vorbeigehen zwinkerte ich, näherte mich ihrem Gesicht und wollte sie küssen, aber sie wehrte sich.
„Du stinkst, Jan Tälling und schwitzt wie ein Schwein. Bringe das in Ordnung, Junge!“

Aber sie lachte.

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