Homerun!

„Was ist hier passiert?“ Ihre Schulter wehrte sich gegen meine Hand. Also zog ich sie zurück.

Statt ihrer wandte sich mir John zu. Und sprach langsam und leise, als formte er die Wörter neu. Betonte sie wie ein Geheimnis, das er mit mir teilen wollte „Matthäus, Kapitel 16, Vers 23..“

„Werden sie uns finden?“
„Sie suchen euch, nicht mich. Von mir wissen sie nicht mal, dass ich existiere.“

Sonyas Stimme besass immer noch den vertrauten rauen Ton. Der keine Diskussion zulassen wollte. Die stärkste Waffe, die sie in Nova Orleans hatte. Trocken erschreckt mich das. Im Suff gab es keine Autoritäten mehr.

So warteten wir. Niemand sprach noch ein Wort. Niemand rühte sich. Ich ballte die Fäuste, lockerte sie. Spürte wie die Hitze anstieg. Die Wärme sich sammelte. Von einem zum anderen ging. Ich spüre es, wenn Menschen an mir vorbeigehen. Hier standen wir. Um eine Lampe herum. Die Nähe verband uns, und erfüllte den Raum mit unserer Energie. Ich dachte, es würde nicht lange dauern, dann würde jeder das Ansteigen der Temperatur bemerken. Die Luft würde knapper werden. Ich dachte, ich kenne das. Das Jucken, die Tropfen, die Hitze, die sich über den Nacken ausbreitet. Kein Hauch, der Kühlung bringt. Nur Wärme, die immer stärker wird. Das Problem kleiner Räume. Wir mussten hier raus. Bald.

Das Licht flackerte wie eine Kerze im Sturm. Wir hörten keine Geräusche. Das war nicht das Zeichen, auf das wir warteten. Sonya deutete nach oben. Sie wollte die Treppe hoch. Dabei sah sie nicht nach hinten. Ich konnte den Kopf schütteln. Soviel ich wollte. Vergeblich. Sie ging langsam die Stufen hoch. Die beiden Peitschengriffe in der Hand. Bereit die Laser jederzeit zu aktivieren.

Also zückte ich die Waffe. Theoretisch sah es folgendermaßen aus. Die Küche bestand aus der üblichen Zeile. Spüle, Kühlschrank, und einige Fächer mit Töpfen und Pfannen. Zwischen der Zeile und dem Küchentisch ,fast in der Mitte des Raumes, befand sich die Luke. Leicht zugänglich, wenn man sie sah. Meine Hoffnung war ein Chaos, das sich über uns befand. Meine Befürchtung war eine Luke, die hervorstach wie ein Verkehrszeichen. Beides war möglich. Vielleicht hatte Sonya recht, und wir mussten raus. Ich blieb hinter ihr.

Ich bin kein Teamplayer. Ich bin der, der die Zeichen missversteht. Bringe mich ins zweite Glied, und du bringst dich um. Ich hielt die Waffe verkrampft zwischen uns, immer auf die Luke gerichtet. Sonya duckte sich, kam höher, hob die Luke jedoch nicht an. Sie setzte sich auf eine der obersten Stufen, steckte eine Peitsche ein und bedeutete mir zu warten. Nicht zu schiessen. Nicht. Ich nickte, denn jetzt sah sie mich an. Eher mit Sorge. Wenn ich das richtig deutete.

Mit der freien Hand schob sie die Luke hoch. Sie tat es langsam, vorsichtig, Millimeter für Millimeter. Mit der anderen Hand hob sie den Peitschengriff flach gegen den sich öffnenden Boden. Ich ging davon aus, dass sie mit zwei Händen weitermachen, oder den Griff zur Abstützung nutzen wollte. Doch sie führte ihn in den Spalt, der bereits offen war. Sie drückte den Knopf. Wir hörten ein hochtöniges Sirren, und sahen, wie sie blitzschnell die Peitsche quer durch den Spalt zog. Fast eine dreiviertel Drehung. Wir sahen, ein kreisendes Licht, dass die Hälfte der Küche abdecken musste.

Aber wir hörten auch einen Schrei. Ein Scheppern. Etwas, das wie das Zusammenbrechen eines Tisches klang. Und als sie nochmal mit der Peitsche den Weg zurück fuhr, gleichzeitig die Luke aufstieß, die zweite Peitsche heraus riß und sie mit kreisenden Bewegungen über den Kopf schwang, erhoben sich weitere Schreie, als sei die Hölle explodiert.

Sie gab den Ausgang frei. Ich sprang hinterher, schmiß mich auf den Boden und schoss auf die Richtung, aus der die Schreie kamen. Ich schoß blind, einfach drauf und nach Gehör. Und hoffte auf mein Glück. Ich wollte nicht zwischen diese verdammten Peitschen geraten, die wie wildgewordene Leuchtschlangen über meinen Kopf sausten.

Ich sah überhaupt nichts. Der Raum war nicht mehr vorhanden, Späne wirbelten durch die Luft, Rauch quoll aus allen Ecken. Ich sah Blut, aber konnte nicht erkennen, woher es kam. Hörte Schritte, Schreie, Kommandos, Funksprüche, und das verrückte Sirren der Peitschen über mir. Sonya stand wie des Teufels Tochter in der Mitte eines Hurrikans, hatte ihre Mütze verloren, und tanzte zu einem Klang, den ich nicht vernahm. Sie wippte nach vorne, schlug auf etwas, ging in die Knie, wirbelte die Peitschen wie Fliegenfischerangeln von sich und in ihren Bewegungen verwandelte sich all das, was noch vom Mobiliar übrig war, zu einem Haufen Schrott.

Ich wagte nicht aufzustehen, und zog mit der freien Hand ein Teil der Tischplatte zu mir. Dieses war mein schlimmster Alptraum. Der Moment, in dem man über sich schwebt, und sich verabschiedet.

Ich wagte auch nicht mehr zu Sonya zu schauen. Ihr Anblick war erschreckend, verbissen und von einer überirdischen Energie getrieben. Die Schreie in der Ferne wollten nicht verstummen, und das was an mir vorbeisausten, dass könnten Schüsse gewesen sein oder die Peitschen. Ich hatte keine Ahnung. Ich hielt nur drauf. Der Rauch wurde dichter, brennender und plötzlich flog etwas neben mich, das ich nicht beachten wollte. Es flog ja alles Mögliche durch die Gegend.

„Schmeiß es zurück“ brüllte Sonya mich an.

Und ehe ich was sagen konnte, schnappte sich Paulana die Granate und wirbelte sie wie einen Baseball auf einen imaginären Fänger.

Homerun!

Wir warfen uns zu Boden. Und alles fegte über uns hinweg.

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Homerun!

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