Metall!

Ich hörte nichts mehr. Keinen Laut. Der Staub legte sich, die Späne segelte gleich Federn herab, nur die Stille, die mich umgab, war beständig und gleichbleibend. Sie war dumpf, wie Watte, die mich umfing. Als ob ich in einem Kokon stak.

Dichtes, unsichtbares Material, dass alle Töne in der Ferne verschwinden liess und einen Schleier darüber legte.

Karl tauchte unvermittelt in meinem Sichtfeld auf. Ich erschrank. Sein Mund bewegte sich. Er sprach mit mir. Sein kurzgeschorener Schädel glänzte und versperrte mir die Sicht. Für einen Moment sah ich nur noch seine Augen. Dann seine Nase. Und schließlich seinen Mund, der sich unablässig öffnete und schloss. Er redete wie aufgezogen.

Ich verstand kein Wort. Ich versuchte auf meine Ohren zu deuten. Aber er begriff nicht. Sprach immer weiter. Ich schloss die Augen. Ich wollte ihn nicht anstarren. Wollte nicht die ganze Zeit auf den Mund schauen. Ich konnte das sowieso nicht lesen.

Ich machte sie dann wieder auf. Seine Hand legte sich auf meine Brust, auf meine Stirn und kurz auf meinen Kopf. Ein zärtliches Streicheln, dann richtete er sich auf und trat zu Sonya, die sich gerade den Staub von der Hose klopfte. Sie war gebeugt. Ich konnte nicht erkenne, ob sie redete. Ihre Haare hingen herab und verdeckten ihr Gesicht. Fast widerwillig schien er ihr zu lauschen. Ich blickte mich um. Eine Küche gab es praktisch nicht mehr. Tatsächlich gab es das Haus fast nicht mehr. Die Wand zum Garten, also jener Teil, durch den wir eingetreten sind, fehlte komplett. Über mir, so ganz ohne Dach, war alles bis zum Himmel frei.

Paulana strich unermüdlich die Holzreste aus seinem Fell, kämpfte sich mit den langen Fingern durch die Kopfhaare, liess sie durch gleiten und schüttelte sich immer wieder. Er registrierte mich kurz, was nichts oder alles bedeuten konnte, oder einfach nur zeigte, dass er ziemlich verwirrt war. Ich hätte die Hand nach ihm austrecken können, aber mein Körper war bleischwer am Boden gefesselt. Ich musste für einen kurzen Moment überlegen, wie man aufsteht, wann man aufsteht, und wie ich mich am Besten aufrichten konnte. Wenn ich es noch konnte.

Aus meiner Position sah ich keine Trooper. Nicht im Sitzen. Nicht einen. Ich sah Blut. Oder ich glaubte, dass es Blut war. Ich stütze mich also auf etwas, das wie ein Stuhlbein aussah, es brach und was dann kam, kannte ich in nüchternem Zustand gar nicht. Diese eine Moment, in dem man selbst versucht, seine Umgebung zu justieren, eine Ebene zu finden und die Erdanziehung eine Macht ist, die einem den Magen umdreht. Dieser eine Moment, der einem den Boden weghauen will und das so tonlos, dass man nicht mal seine eigenen Flüche hören kann. Ich schluckte alles wieder runter.

Karl brüllte Sonya an. Es sah so aus. Er stand vor ihr wie eine aufgezogene Feder, die auf einen Impuls wartete. Sie drückte ihren Rücken durch, die Brust raus und funkelte ihn an. Er machte eine Bewegung, die die komplette Küche miteinschloss und wirbelte imaginäre Peitschen über den Kopf. Er hatte recht. Auch tonlos hatte er recht. Du kannst diese verdammten Dinger nicht einsetzen, wenn es Menschen um dich gibt, die dir etwas bedeuten. Es hatte funktioniert, aber ich hatte vor diesen Dingern diesselbe Scheißangst wie vor allem anderen, was mir hier um die Ohren geflogen war.

Es gibt einen metallischen Geschmack, der alles enthält, was mich an Panik übermannen kann. Er taucht auf, wenn der Magen blutet, alles schwarz wird, was in der Toilette landet, und der Algenschnaps meine Gedärme in die Mangel nimmt. Er taucht immer dann auf, wenn ich mich älter und toter fühle als alle, die um mich herum sind. Wenn mein Kopf keinen klaren Gedanken mehr fassen kann, und die Schwerkraft eine Fessel ist, gegen die ich nicht zu kämpfen gewillt bin. Hat man diesen Geschmack einmal im Mund gehabt, dann wird man ihn nicht mehr los. Dann zittert man, wenn man nur daran denkt. Ich schluckte. Ich versuchte alles runter zu schlucken.

Karl sah sie entgeistert an. Er wollte etwas mit seinen Händen machen. Er ballte nur seine Fäuste, biss die Zähne zusammen und stapfte in den Garten. Sie liess die Griffe sinken. Hatte sie immer noch in ihren Händen gehabt.

Stehend sah es nicht besser aus. Aber ich erblickte den Körper, der auf dem Boden lag. Die Ursache für Schreie und Blut. Ein Trooper. Gottseidank kein junger Bursche. Ein vernarbter Zeitgenosse. Meine Generation. Jemand, der schon Träume haben musste, die so aussahen, wie all das hier.

Keine Schusswunden. Er starb nicht durch mich. Eher durch Schock oder Blutverlust. Die Peitschen hatten ihn genau unterhalb der Kniee erwischt. Seine Füße sah ich nicht. Das Unglaubliche ist, dass wir nichts als Flüssigkeit sind. Und diese läuft aus, und dann ist alles vorbei. Fragile Behälter, die nicht geschaffen sind für den Mist, den wir uns antun.

Paulana stützte mich plötzlich. Ich krallte mich in sein Fell, roch es, und dachte an Ziegen, während er mich durch das Chaos, vorbei an Sonya führte. Sie schien zu flüstern. Ich zuckte mit den Achseln, liess mich von Paulana raus bringen.

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